| Wenn ein Reiter sein Pferd sieben
Jahre lang im Stall stehen läßt, dann
stimmt etwas nicht. Lahmt der Gaul? Sind noch andere Rösser
in der Box? Hat der Besitzer keine Zeit? Im Fall von William
Jefferson Clinton ist der Fall komplexer. Aufzucht und
Hege sind nicht das Problem, schließlich hat sein
Mustang Räder statt Beine und ein "Fell"
zum Abnehmen. Doch einer uneingeschränkten Nutzung
steht die historische Tatsache entgegen, daß sich
Fahrten in offenen Automobilen bei amerikanischen Präsidenten
nicht bewährt haben. Überhaupt gilt das Führen
eines privaten Kraftfahrzeugs bei hohen Politikern als
verpönt. Mr. Clinton hat deshalb seinen blaugrünen
1967 Mustang Cabrio einem Museum geliehen.
Der amtierende Mann im Oval Office teilt seine automobile
Leidenschaft mit Persönlichkeiten wie Jay Leno,
Cher, dem unlängst verstorbenen Frank Sinatra und
weiteren sieben Millionen Amerikanern, die im Laufe
seiner 35 jährigen Geschichte mit einem Mustang
vom Hof eines Ford-Händler "ritten".
Doors Sänger Jim Morrison terrorisierte die Straßen
in einem Shelby GT500 und Steve Mc Queen ließ
in "Bullitt" keine Zweifel daran, daß
ein Mustang einem Cougar jederzeit die Hacken zeigen
kann. Kurz – mit dem Auftritt des "Pony Cars"
Mitte der 60er Jahre beginnt ein Stück Automobilgeschichte.
Der Mustang-Kult wurde geboren.
Wenn der Mustang heute ein Mythos auf vier Rädern
ist, dann ist Lee Iaccoca eine Ikone auf zwei Beinen.
Der spätere Chrysler Boss war damals Entwicklungschef
bei Ford. Mit der nicht ganz leichten Aufgabe, Millionen
von fahrtüchtigen Baby Boomern ein richtungsweisendes
Auto zu präsentieren. Die "Muscle Car"
Ära war bereits eingeläutet, Designer hielten
sich (noch) nicht mit Fragen nach Sicherheit und Sparsamkeit
auf – Performance war Trumpf. Und Styling. Bei
beiden bewies Iaccoca und seine Mannschaft ein Händchen.
Der Mustang war leicht, klein, günstig, sportlich
und traf den automobilen Zeitgeist mitten ins Herz.
Anders läßt sich die Euphorie nicht erklären,
als Ford am 17. April 1964 dem breiten Publikum sein
neues Zugpferd vorstellte. Über die Ford Händler
fiel eine Horde potentieller Mustang Jockeys und Amazonen
her.
In Los Angeles zeigte sich ein vorbeifahrender Truckfahrer
so beeindruckt, daß er seinen 17 Tonner direkt
in den Showroom der Ford Niederlassung beschleunigte.
In Garland, Texas buhlten 15 "Reiter" in spé
im Auktionsverfahren um das neue Vehikel. Der Gewinner
ließ es sich nicht nehmen, im Auto zu übernachten.
Aus Angst, man würde ihm die neuen "Wheels"
wieder wegnehmen, bevor der Scheck bei der Bank gut
geschrieben ist. In Chicago mußte ein Mustang
Verkäufer die Polizei um die Auflösung eines
Belagerungszustandes vor seiner Filiale ersuchen. Und
am Ende des Tages zählte man in der Ford-Zentrale
in Dearborn, Michigan 22.000 Bestellungen – nicht
schlecht für ein Auto, daß im ersten Jahr
mit gerade mal 100.000 Einheiten kalkuliert war (die
gingen übrigens nach vier Monaten weg).
Wieviel Pferd bekam man fürs Geld? Die ersten
Mustangs trugen das etwas mißverständlichen
Brandzeichen 64 1/2. (technisch gesehen gehörten
die ersten Modelle zu den frühen 65ern, die Modelle
ab August 1964 zu den späten 65ern). Ford brachte
anfangs drei Exemplare mit zwei Motortypen an den Start.
Im Cabrio, im Coupe oder im Fastback befand sich entweder
die gemäßigte V6 1.7l Maschine mit 101 PS
oder der bulligere V8 2.6l Antrieb mit 164 PS. Das ganze
für bescheidene $2368. Ohne Extras! Kurz darauf
installierten die Ford Ingenieure dem Mustang noch ein
paar zusätzliche Fohlen unter die Haube: zwei V8
Aggregate mit 210 und 269 Pferdchen.
Trotzdem war der gemeine Mustangfahrer für die
damaligen amerikanischen Verhältnisse allenfalls
moderat motorisiert. Damit er bei zufälligen Begegnungen,
beispielsweise mit einer Corvette, nicht in den Blöcken
hängenblieb, griff Iaccoca zu einer individuellen
Lösung. Die saß in Los Angeles und hieß
Carroll Shelby. Shelby ist in etwa das, was Oettinger
für VW und Irmsher für Opel sind. Ein Fahrzeugveredler.
Shelby hatte schon mit der Cobra der Corvette das Fürchten
gelernt. Und ließ nun beim Mustang richtig die
Sau ... pardon den Hengst raus. Unter seiner Regie entstand
im Modelljahr 65/66 der GT350 – nichts für
Warmduscher! Auf dem Papier verließ das getunte
Pferd die Shelby Werke in San Jose, California mit 271
Stärken. Geschickte Vergasermodifikation im Dialog
mit einem ausgeklügelten Auspuffsystem sorgten
jedoch für einen inoffiziellen Output von 306 PS.
Bei nur 6000 Umdrehungen. Und extrem kurzen "Beinen",
Shelby spendierte seinem Mustang ein für damalige
Verhältnisse sensationelles Stoßdämpfersystem.
Außerdem wurde rigoros abgespeckt. Die hintere
Sitzbank verschwand zu Gunsten einer Fiberglassplatte.
Ebenfalls aus Fiberglas – die Motorhaube. Selbst
das Radio fiel dem Shelbyschen Purismus zum Opfer. Aus
sportlicher Sicht hat sich die Kur in jedem Fall gelohnt,
das R-Modell (Racecar) ließ die Corvette im Rennjahr
1966 stehen wie einen Ackergaul. Selbst Autovermieter
Hertz wollte seinen Kunden die hochgezüchtete Mustangversion
nicht vorenthalten und orderte 1000 Einheiten –
allerdings erst nachdem Ford die hintere Sitzbank wieder
montierte.
Anders als heute, wo sich Autobauer wie BMW den Luxus
leisten, ihr Flagschiff über Jahre hinweg nur marginal
zu verändern, war der Produktlebenszyklus eines
Kfzs in den 60er und 70er Jahren von kurzer Dauer. Besonders
in Amerika. Mindestens alle zwei Jahre mußten
"The Big Three" mit neuen Modellen antreten
– der Mustang erfuhr sein erstes radikales Redesign
1967. Er bekam ein längeres Chassis, ein üppigeres
Interieur, stärkeren Antrieb und ... jede Menge
Konkurrenz. Die "Pony Car" Welle schwappte
über Detroit hinweg. Die firmeneigene Mercury-Divison
entwickelte den Cougar. Aus dem Hause General Motors
traten mit dem Pontiac Firebird und dem Chevrolet Camaro
gleich zwei Pferde an. Chrysler konterte mit dem Plymouth
Barracuda. Sogar das Minigestüt American Motors
züchtete mit dem Javelin einen Rivalen heran.
Bei den Verkaufszahlen hatte der Mustang weiterhin
die Nase vorn, bei der Performance hingegen wurde es
eng. Unter der Haube eines Firebirds oder Camaros tummelten
sich bis zu 400 PS, da ging dem Mustang beim Quartermile
Race des öfteren die Puste aus. Zu diesem Zeitpunkt
bestand die Fangemeinde aus weit mehr als einer Million
Mustang Käufer, waren mehr als 400 Mustang-Clubs
gegründet – keine Frage, daß die Ford
Verantwortlichen auch motormäßig aufrüsten
mußten. Cobra Jet lautete die neue 335 PS starke
4.2 l Aggregatlösung. 13.4 lautete die Sekundenzahl
in der die Viertelmeile heruntergaloppiert wurde –
da konnten die anderen Pferde zunächst einmal einpacken.
Diese und andere Attribute blieben auch den Filmschaffenden
nicht verborgen, in Goldfinger durfte eine der vielen
Bond Gespielinnen im weißen Mustang vorfahren,
Agent Doppelnull hingegen mußte weiterhin mit
dem Automobil ihrer Majestät vorliebnehmen.
Was brachten die nächsten Jahre? Den Wandel vom
ungestümen Rennpferd zum wahren Vollblut. Der Mustang
wurde nochmals größer, länger und breiter,
die Innenausstattung mußte sich auch vor teuren
Importen aus Italien nicht verstecken und unter der
Haube lauerten immer potentere Kraftwerke. Bis auf 375
PS brachten es die Mach 1 und Boss Editionen. Doch mit
dem Einsetzen der Ölkrise zeichnete sich das Ende
der Mustang Stampede ab – nach und nach bissen
die schweren Hengste ins Gras. Als erstes der ultimativ
getunte Boss 428 CJ Drag Pack – berühmt und
berüchtigt für seine Renn- und Trinkeigenschaften.
6 Miles per Gallon lauteten die günstigeren Verbrauchsprognosen,
d.h. um 100 Kilometer abzureiten, nuckelte der durstige
Mustang sportliche 40 Liter aus dem Tank.
Der Mustang ist tot – es lebe der Mustang. 1973
ging eine Ära zu Ende. Downsizing war das Gebot
der Stunde, der Hengst wurde wieder kleiner. Die Cabrioproduktion
wurde eingestellt und für eingefleischte Fans des
ursprünglichen Mustangs begannen spätestens
hier schlimme Zeiten Doch das Ross zeigte sich zäher
als erwartet und zählt auch heute noch zu den populärsten
Fahrzeugen im Land – insgesamt knappe 7 Millionen
mal verkaufte sich der Wagen mit dem Pferdeemblem im
Kühlergrill.
Was aber macht nun gerade den Original Mustang und
seine ersten Fohlen zum wahren Klassiker? Hollywood,
das seine Stars immer mal wieder gerne in ein Pony Car
setzt? In "Bull Durham" becircte Kevin Costner
mit seinem 67 Cabrio Susan Sarandon. Die wiederum war
im gleichen Auto an der Seite von Geena Davis in "Thelma
und Louise" unterwegs. Die amerikanische Öffentlichkeit,
die den Mustang per Abstimmung zu einem Briefmarkenmotiv
erkor, das offiziell die 60er Jahre symbolisieren soll?
Neben den Beatles und dem ersten Mann auf dem Mond.
Oder vielleicht doch Bill Clinton, von dem es heißt,
daß er nach der Räumung des weißen
Haus als erstes sein "Pferd" aus dem Museum
holen will? |