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Das Wildpferd (GQ 11/99)
Der Mustang schrieb Automobilgeschichte. Als Lee Iacocca, der damalige Entwicklungschef von Ford, in den frühen 60er Jahren den Mustang aus der Taufe hob, war ein Star geboren. Noch heute wird er gebaut, die schönsten Modelle allerdings entstanden zwischen 1964 und 1973.
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Wenn ein Reiter sein Pferd sieben Jahre lang im Stall stehen läßt, dann stimmt etwas nicht. Lahmt der Gaul? Sind noch andere Rösser in der Box? Hat der Besitzer keine Zeit? Im Fall von William Jefferson Clinton ist der Fall komplexer. Aufzucht und Hege sind nicht das Problem, schließlich hat sein Mustang Räder statt Beine und ein "Fell" zum Abnehmen. Doch einer uneingeschränkten Nutzung steht die historische Tatsache entgegen, daß sich Fahrten in offenen Automobilen bei amerikanischen Präsidenten nicht bewährt haben. Überhaupt gilt das Führen eines privaten Kraftfahrzeugs bei hohen Politikern als verpönt. Mr. Clinton hat deshalb seinen blaugrünen 1967 Mustang Cabrio einem Museum geliehen.

Der amtierende Mann im Oval Office teilt seine automobile Leidenschaft mit Persönlichkeiten wie Jay Leno, Cher, dem unlängst verstorbenen Frank Sinatra und weiteren sieben Millionen Amerikanern, die im Laufe seiner 35 jährigen Geschichte mit einem Mustang vom Hof eines Ford-Händler "ritten". Doors Sänger Jim Morrison terrorisierte die Straßen in einem Shelby GT500 und Steve Mc Queen ließ in "Bullitt" keine Zweifel daran, daß ein Mustang einem Cougar jederzeit die Hacken zeigen kann. Kurz – mit dem Auftritt des "Pony Cars" Mitte der 60er Jahre beginnt ein Stück Automobilgeschichte. Der Mustang-Kult wurde geboren.

Wenn der Mustang heute ein Mythos auf vier Rädern ist, dann ist Lee Iaccoca eine Ikone auf zwei Beinen. Der spätere Chrysler Boss war damals Entwicklungschef bei Ford. Mit der nicht ganz leichten Aufgabe, Millionen von fahrtüchtigen Baby Boomern ein richtungsweisendes Auto zu präsentieren. Die "Muscle Car" Ära war bereits eingeläutet, Designer hielten sich (noch) nicht mit Fragen nach Sicherheit und Sparsamkeit auf – Performance war Trumpf. Und Styling. Bei beiden bewies Iaccoca und seine Mannschaft ein Händchen. Der Mustang war leicht, klein, günstig, sportlich und traf den automobilen Zeitgeist mitten ins Herz. Anders läßt sich die Euphorie nicht erklären, als Ford am 17. April 1964 dem breiten Publikum sein neues Zugpferd vorstellte. Über die Ford Händler fiel eine Horde potentieller Mustang Jockeys und Amazonen her.

In Los Angeles zeigte sich ein vorbeifahrender Truckfahrer so beeindruckt, daß er seinen 17 Tonner direkt in den Showroom der Ford Niederlassung beschleunigte. In Garland, Texas buhlten 15 "Reiter" in spé im Auktionsverfahren um das neue Vehikel. Der Gewinner ließ es sich nicht nehmen, im Auto zu übernachten. Aus Angst, man würde ihm die neuen "Wheels" wieder wegnehmen, bevor der Scheck bei der Bank gut geschrieben ist. In Chicago mußte ein Mustang Verkäufer die Polizei um die Auflösung eines Belagerungszustandes vor seiner Filiale ersuchen. Und am Ende des Tages zählte man in der Ford-Zentrale in Dearborn, Michigan 22.000 Bestellungen – nicht schlecht für ein Auto, daß im ersten Jahr mit gerade mal 100.000 Einheiten kalkuliert war (die gingen übrigens nach vier Monaten weg).

Wieviel Pferd bekam man fürs Geld? Die ersten Mustangs trugen das etwas mißverständlichen Brandzeichen 64 1/2. (technisch gesehen gehörten die ersten Modelle zu den frühen 65ern, die Modelle ab August 1964 zu den späten 65ern). Ford brachte anfangs drei Exemplare mit zwei Motortypen an den Start. Im Cabrio, im Coupe oder im Fastback befand sich entweder die gemäßigte V6 1.7l Maschine mit 101 PS oder der bulligere V8 2.6l Antrieb mit 164 PS. Das ganze für bescheidene $2368. Ohne Extras! Kurz darauf installierten die Ford Ingenieure dem Mustang noch ein paar zusätzliche Fohlen unter die Haube: zwei V8 Aggregate mit 210 und 269 Pferdchen.

Trotzdem war der gemeine Mustangfahrer für die damaligen amerikanischen Verhältnisse allenfalls moderat motorisiert. Damit er bei zufälligen Begegnungen, beispielsweise mit einer Corvette, nicht in den Blöcken hängenblieb, griff Iaccoca zu einer individuellen Lösung. Die saß in Los Angeles und hieß Carroll Shelby. Shelby ist in etwa das, was Oettinger für VW und Irmsher für Opel sind. Ein Fahrzeugveredler. Shelby hatte schon mit der Cobra der Corvette das Fürchten gelernt. Und ließ nun beim Mustang richtig die Sau ... pardon den Hengst raus. Unter seiner Regie entstand im Modelljahr 65/66 der GT350 – nichts für Warmduscher! Auf dem Papier verließ das getunte Pferd die Shelby Werke in San Jose, California mit 271 Stärken. Geschickte Vergasermodifikation im Dialog mit einem ausgeklügelten Auspuffsystem sorgten jedoch für einen inoffiziellen Output von 306 PS. Bei nur 6000 Umdrehungen. Und extrem kurzen "Beinen", Shelby spendierte seinem Mustang ein für damalige Verhältnisse sensationelles Stoßdämpfersystem. Außerdem wurde rigoros abgespeckt. Die hintere Sitzbank verschwand zu Gunsten einer Fiberglassplatte. Ebenfalls aus Fiberglas – die Motorhaube. Selbst das Radio fiel dem Shelbyschen Purismus zum Opfer. Aus sportlicher Sicht hat sich die Kur in jedem Fall gelohnt, das R-Modell (Racecar) ließ die Corvette im Rennjahr 1966 stehen wie einen Ackergaul. Selbst Autovermieter Hertz wollte seinen Kunden die hochgezüchtete Mustangversion nicht vorenthalten und orderte 1000 Einheiten – allerdings erst nachdem Ford die hintere Sitzbank wieder montierte.

Anders als heute, wo sich Autobauer wie BMW den Luxus leisten, ihr Flagschiff über Jahre hinweg nur marginal zu verändern, war der Produktlebenszyklus eines Kfzs in den 60er und 70er Jahren von kurzer Dauer. Besonders in Amerika. Mindestens alle zwei Jahre mußten "The Big Three" mit neuen Modellen antreten – der Mustang erfuhr sein erstes radikales Redesign 1967. Er bekam ein längeres Chassis, ein üppigeres Interieur, stärkeren Antrieb und ... jede Menge Konkurrenz. Die "Pony Car" Welle schwappte über Detroit hinweg. Die firmeneigene Mercury-Divison entwickelte den Cougar. Aus dem Hause General Motors traten mit dem Pontiac Firebird und dem Chevrolet Camaro gleich zwei Pferde an. Chrysler konterte mit dem Plymouth Barracuda. Sogar das Minigestüt American Motors züchtete mit dem Javelin einen Rivalen heran.

Bei den Verkaufszahlen hatte der Mustang weiterhin die Nase vorn, bei der Performance hingegen wurde es eng. Unter der Haube eines Firebirds oder Camaros tummelten sich bis zu 400 PS, da ging dem Mustang beim Quartermile Race des öfteren die Puste aus. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Fangemeinde aus weit mehr als einer Million Mustang Käufer, waren mehr als 400 Mustang-Clubs gegründet – keine Frage, daß die Ford Verantwortlichen auch motormäßig aufrüsten mußten. Cobra Jet lautete die neue 335 PS starke 4.2 l Aggregatlösung. 13.4 lautete die Sekundenzahl in der die Viertelmeile heruntergaloppiert wurde – da konnten die anderen Pferde zunächst einmal einpacken. Diese und andere Attribute blieben auch den Filmschaffenden nicht verborgen, in Goldfinger durfte eine der vielen Bond Gespielinnen im weißen Mustang vorfahren, Agent Doppelnull hingegen mußte weiterhin mit dem Automobil ihrer Majestät vorliebnehmen.

Was brachten die nächsten Jahre? Den Wandel vom ungestümen Rennpferd zum wahren Vollblut. Der Mustang wurde nochmals größer, länger und breiter, die Innenausstattung mußte sich auch vor teuren Importen aus Italien nicht verstecken und unter der Haube lauerten immer potentere Kraftwerke. Bis auf 375 PS brachten es die Mach 1 und Boss Editionen. Doch mit dem Einsetzen der Ölkrise zeichnete sich das Ende der Mustang Stampede ab – nach und nach bissen die schweren Hengste ins Gras. Als erstes der ultimativ getunte Boss 428 CJ Drag Pack – berühmt und berüchtigt für seine Renn- und Trinkeigenschaften. 6 Miles per Gallon lauteten die günstigeren Verbrauchsprognosen, d.h. um 100 Kilometer abzureiten, nuckelte der durstige Mustang sportliche 40 Liter aus dem Tank.

Der Mustang ist tot – es lebe der Mustang. 1973 ging eine Ära zu Ende. Downsizing war das Gebot der Stunde, der Hengst wurde wieder kleiner. Die Cabrioproduktion wurde eingestellt und für eingefleischte Fans des ursprünglichen Mustangs begannen spätestens hier schlimme Zeiten Doch das Ross zeigte sich zäher als erwartet und zählt auch heute noch zu den populärsten Fahrzeugen im Land – insgesamt knappe 7 Millionen mal verkaufte sich der Wagen mit dem Pferdeemblem im Kühlergrill.

Was aber macht nun gerade den Original Mustang und seine ersten Fohlen zum wahren Klassiker? Hollywood, das seine Stars immer mal wieder gerne in ein Pony Car setzt? In "Bull Durham" becircte Kevin Costner mit seinem 67 Cabrio Susan Sarandon. Die wiederum war im gleichen Auto an der Seite von Geena Davis in "Thelma und Louise" unterwegs. Die amerikanische Öffentlichkeit, die den Mustang per Abstimmung zu einem Briefmarkenmotiv erkor, das offiziell die 60er Jahre symbolisieren soll? Neben den Beatles und dem ersten Mann auf dem Mond. Oder vielleicht doch Bill Clinton, von dem es heißt, daß er nach der Räumung des weißen Haus als erstes sein "Pferd" aus dem Museum holen will?