Gibt es im Jenseits eine Autobahn? Sicher,
sofern man den Interpretationen modernen Liedguts ausreichend
Glauben schenkt. Je nach Gemütslage sind die
Musikanten dabei in unterschiedlicher Mission und Richtung
unterwegs. „Highway To Heaven“ schmetterte
anno 1973 eine hierzulande unbekannte Combo namens
The Dramatics. „Highway To Hell“ konterten
sechs Jahre später die australischen Rockröhren
AC/DC. Irgendwo wird es schon hingehen, muss sich auch
George Swanson, Biergroßhändler aus Adamsburg
in Pennsylvania gedacht haben. Nach zähen Verhandlungen
mit den Verantwortlichen des Brush Creek Cemetery buchte
der 71-Jährige in weiser Voraussicht gleich zwölf
Friedhofsparzellen. Warum? Weil der energische Rentner
für alle Fälle motorisiert ankommen wollte.
Am Steuer seiner weißen 1984er Corvette. Die
Herren hatten ein Einsehen, ehrten den letzten Wunsch
eines passionierten Fahrzeugführers und sargten
den frisch Verstorbenen im Mai 1994 zusammen mit seinem
Automobil ein – Urne am Lenkrad. Ein Kult ganz
eigener Art ...
Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird am Mythos
Corvette gestrickt, macht die Fangemeinde eine immer
tiefere Verbeugung vor dem Automobil mit der schwarz-weiß karierten
Zielflagge, nimmt die Verehrung für den einzig
wahren amerikanischen Sportwagen fast religiöse
Züge an. In über 700 Corvette-Clubs weltweit
organisieren sich die Freunde des bulligen Zweisitzers.
Auf den jährlich abgehaltenen Treffen, zum Beispiel
in Bowling Green, Kentucky – dort befindet sich
das Mekka aller Pilgerstätten für den Veteranen:
das National Corvette Museum – kreuzen bis zu
6000 Corvettes auf, die meisten von ihnen in einem
Zustand, als seien sie frisch vom Band gerollt. Was
bis heute über eine Million Mal produziert wurde,
blieb Mitte der 50er-Jahre fast in den Startlöchern
hängen. Dabei fing alles sehr viel versprechend
an. Harley Earl, legendärer Design-Papst bei
General Motors, sah sich auf einer Dienstreise ins
englische Watkins Glen von zweisitzigen Jaguars, Alfas
und Ferraris umgeben. GMs Antwort, der Le Sabre, riss
bei der Präsentation niemanden wirklich vom Hocker.
Der exzentrische Earl boxte im Vorstand die Entwicklung
eines völlig neuen Sportwagens durch. Innerhalb
von zwei Jahren reifte das „Projekt Opel“ (!!!)
unter den Fittichen von Earl und Chefingenieur Ed Cole
zur Prototyp-Reife heran. Am 17. Januar 1953 fiel im
mondänen New Yorker Waldorf-Astoria auf der Motorama
der Vorhang. Zum Vorschein kam das Chevrolet Corvette „Dream
Car“. Optik – eine echte Augenweide. Chassis – eine
echte Innovation. Die Außenhaut bestand aus glasfaserverstärktem
Kunststoff. Motor – ein echter Reinfall. Unter
der Haube des neuen Flitzers feuerte zunächst
nur ein lahmes Chevy-Aggregat – mit schmalen
150 PS. Style over Substance – eine Formel, die
bei der amerikanischen Automobilgemeinde so gar nicht
zünden wollte. Die Produktion aus dem Jahre 1953,
knappe 300 Stück, ging aus PR-Gründen hauptsächlich
an Stars und Sternchen – die 53er Corvette von
John Wayne ist heute im Museum von Reno, Nevada, zu
bestaunen. Zwei Jahre später fanden nur 674 Exemplare
den Weg auf die Straße – und im GM-Vorstand
fanden sich wenige, die an die Zukunft der Corvette
glaubten. Doch GM präsentierte 1955 einen brandneuen
4,3-Liter-V8- Motor mit knapp 200 PS. Damit kam die
Corvette endlich im richtigen Paket: Design plus Performance.
Der sogenannte „Small Block“ brachte die „’vette“ in
die Erfolgsspur und wurde in den Folgejahren fröhlich
weiter aufgerüstet. Und während in den
GM- Showrooms hektisch um die flotten Flitzer gebuhlt
wurde, werkelte man in den Corvette-Fertigungshallen
bereits an einer Nachfolgegeneration für den
Verkaufsschlager. Die nächste Serie erhielt die
Typenbezeichnung „Stachelrochen“, ein Name,
unter dem man in Deutschland wahrscheinlich nicht ein
einziges Fabrikat unters Volk bringen würde.
Doch „Sting Ray“ klingt da schon ganz anders.
Erstmals gab es die Corvette auch als Coupé,
in der ursprünglichen Ausführung mit der
sehr eigenwillig gestalteten Heckscheibe, die fast
an einen alten Käfer erinnert. Der Konstruktion
voraus ging ein Streit zwischen Designer und Ingenieur.
Gewonnen haben beide. Der Designer setzte sich anfangs
durch, deshalb zählen heute die 63er Coupés
zu den begehrtesten Raritäten. Schon im nächsten
Jahr verschwand diese Variante – der Ingenieur
hatte keine Mühe, dem Designer zu demonstrieren,
dass es mit der Rücksicht aus dem Brezelfenster
nicht zum Besten bestellt war.
1968 kam Chevrolet mit einer völlig neuen Corvette
auf den Markt – Generation 3, auf die Sting Ray
folgte der Shark. Leider folgte auch die Zeit, in der
die Scheichs den Ölhahn zudrehten. Die Motoren
wurden gedrosselt – die Corvette mutierte vom
knüppelharten PS-Paket zum gefälligen Langstrecken-Cruiser.
Neben dem „Coke Bottle Design“ gilt die „T-Bar
Roof“-Lösung (herausnehmnehmbare Dachhälften
mit versenkbarer Heckscheibe) als das Styling-Vermächtnis
dieser Generation. Sie wurde sogar auf Seetauglichkeit
untersucht. Natürlich nur auf Zelluloid: Im Oscarprämierten
Streifen „Zeit der Zärtlichkeit“ steuerte
Jack Nicholson sich, Shirley MacLaine und eine 74er
Corvette in den Pazifik. Kaum war die zweite Ölkrise
überwunden, lief die nächste Corvette-Generation
vom Stapel, nach Rochen und Hai diesmal ohne maritimes
Vorbild. Fachleute reagierten unterkühlt – zu
unscheinbar waren die Fahreigenschaften, zu protzig-verspielt
das Interieur. Begeistert war hingegen eine Klientel:
Corvettes beherrschten das Straßenbild auf der
Reeperbahn und in anderen Rotlichtbezirken. Bis heute
schob das Mutterschiff noch zwei weitere Generationen
auf den Markt – und die Fans halten ihr die Treue.
Die Promis ebenso: Colin Powell gehört genauso
wie Adrien Brody oder Howard Stern zu den bekennenden
Veteranen. Einer trennte sich jedoch unlängst
von seinem Spaßmobil: Matthew McConaughey bot
seine 71er Stingray bei Ebay an. Satte 61 600 Dollar
gab es dafür. Die überließ der Schauspieler
Hurricane-Katrina-Geschädigten. Wieder eine Corvette,
die einen ganz besonderen Zweck erfüllte.
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