Dem SUV verfallen (GQ 2/2005)
Mit dem Q7 hat nun auch Audi einen Geländewagen für den flachen Asphalt entwickelt. Für den Werbespot schickte man das Hightech-Monstrum trotzdem in die Wüste.
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„Und das Wetter legte sich wie ein Leichentuch über die Produktion“. Zusammen mit diesem prophetischen, gleichsam ironischen Satz schickte Produzent John L. Bandmann einen bohrenden Blick Richtung Firmament. Der Himmel über der Wüste, er hatte sich umgezogen, eben noch strahlend blau, kündigten nun schwere Wolken drohenden Bruch an. Bandmann brummelte noch etwas von „das können wir jetzt überhaupt nicht brauchen“ und schloss seinen Ausflug ins Meteorolgische mit der Aufforderung, das doch am besten bitte gar nicht zu erwähnen.

Hätte sich die Witterung nachhaltig auf das Klima am Set niedergeschlagen, dann gehörte das „Leichentuch“ nie erwähnt. Doch weil sich schlechtes Wetter immer nur dann anschickte, wenn gerade die letzte Einstellung des Tages im Kasten war, blieb der flehende Blick gen Himmel eine von vielen lustigen Fußnoten. Der Dreh des Imagefilms zum Audi Q7, er stand unter einem guten Stern – und unter der sengenden Sonne Arizonas.

Sieben Tage hatten das Filmteam von United Visions Zeit, Audis jüngsten Familienzuwachs in Szene zu setzen. Als einer der letzten großen Automobilhersteller (die Franzosen kommen noch) schmiedeten die Ingolstädter einen SUV. Besser: Ihre Version vom SUV. Wie die konkret aussieht, erfährt ein fachkundiges Publikum auf der kommenden Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt, da wird der Q7 (das „Q“ steht für „Quattro“, die „7“ repräsentiert die Einordnung in die Modellhierarchie) erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Und mit ihm ein begleitender Film, der seit Dezember im Werden begriffen ist – gedreht wurde bereits in Namibia, Colorado, im Ingolstädter Werk sowie auf der Nordschleife des Nürburgrings. Dafür hat Audi, unter maximalen Sicherheitsvorkehrungen, zwei Modelle auf Weltreise geschickt. Genau die Varianten, die auch später (Anfang 2006) zur Markteinführung bereit stehen werden: Den V8, 4.2l Benziner mit 345 PS und seinen kleineren Bruder, den V6 TDI mit 3.0 Litern und 232 PS.

Vorne PT Cruiser, hinten VW Touareg? Stefan Kniselis, begleitende Audi-Liaison zeigte sich doch ein wenig pikiert, ob diesen optischen Vergleiches. Das Heck sei, wenn überhaupt, eher Cayenne, und eigentlich nennt der Q7 nicht zuletzt Dank der markanten Singleframe-Front ein unverwechselbares Design sein eigen. Auf jeden Fall ist er seinen Konkurrenten von Porsche und VW noch einmal um Längen ... gut, um Zentimeter voraus. Satte 4.90m misst der Q7, das reicht, um bei Bedarf den Kofferraum in eine dritte Sitzreihe umzuwandeln, bis zu sieben Personen sollen dann (bequem) unterwegs sein.
Wer beim Q7 revolutionär Neues sucht, der wird unter der Haube kaum fündig, die beiden Aggregate sind bekannt, das stufenlose 6-Gang Automatik-Tiptronic Getriebe – wahlweise vom Lenkrad oder von der Mittelkonsole zu bedienen – bei permanenten Allrad ist keine Sensation, die wahren Finessen des „SUV`s der dritten Generation“, wie die Audi-Macher ihr jüngstes Baby gern verstanden wissen, sind hingegen bordcomputergesteuert. Bei mitdenkenden Fahrassistenzsystemen ließen die Ingenieure sich nicht lange bitten und installierten von der Cruise Control mit radarunterstütztem Abstandsregler über aktive Spurwechselhilfe (vorschnelles Einscheren auf der Autobahn quittiert die Elektronik mit einem optischen Signal im Außenspiegel, sollte sich in dem Moment ein anderes Fahrzeug im toten Winkel befinden) bis hin zum Parkassistenten, der mittels Rear-View Kamera nicht nur erkundet, ob man im Begriff ist, eine Mülltonne umzukegeln, sondern auch in Sekundenschnelle errechnet und auf dem Bordmonitor per Leuchtspur aufzeichnen lässt, wohin einen die eingeschlagenen Lenkradposition führt ... nämlich wohlmöglich in besagte Mülltonne.

Wo braucht es nun all diese Gadgets? Sicherlich nicht auf dem Red Lake im Norden Arizonas. Hier, da schien sich die gesamte Produktion einig, sollte eines der Highlights des Drehs stattfinden: Ein Audi gibt Vollgas auf einem See. Wer jetzt allerdings bester Hoffnung war, der Q7 würde im Bedarfsfall auch noch Schwimmflossen ausfahren, der sieht sich enttäuscht. Der Red Lake ist ein staubtrockner Salzsee fern jeden Geschwindigkeitsbegrenzungen, Verkehrspolizisten oder sonstigen Spaßbremsen. Und somit ideales Terrain, für den Q7 zu zeigen, was denn die vielen Pferdchen unter der Haube wirklich zu leisten vermögen. Bei 40 Grad ohne Schatten genießt der Star seinen Auftritt. Von Helikopter und Kamera gejagt, zieht er immer engere Schleifen, so als versuche er, den fliegenden Verfolger abzuhängen. Gebannt starren Regisseur Daniel Steinmetz und sein Kameramann, Klaus Krieger, in den Monitor und freuen sich wie die Schneekönige, wenn das Gefährt wieder einmal von seiner eigenen Staubwolke verschluckt wird. Einen fast etwas undankbaren Job bei manchen dieser Szenen hat Mikal Kartvedt, der designierte Stuntdriver – das Drehbuch wollte es so, dass vom Fahrer absolut nichts zu sehen ist. Auf Geheiß fährt er schnurgerade auf die Kamera zu und bekommt im letzten Moment den Befehl, abzutauchen und sich quasi auf den Beifahrersitz zu werfen, jedoch gleichzeitig den Wagen stets unter Kontrolle zu behalten. Am Ende seiner Dienstfahrt gehört er derzeit zu den wenigen Fahrern, die sich ein fachkundiges Urteil erlauben können und NICHT zum Audi-Konzern gehören. Kartvedt zeigt sich beeindruckt, besonders angetan hat es ihm das „adaptive air suspension“ System. „Bei manchen Fahrzeugen passiert schlichtweg nichts, wenn man den Regler verändert, hier werden die Unterschiede zwischen Off-Road-, Dynamic- und Komfort-Einstellungen sofort spürbar, man merkt die neue Fahrwerkabstimmung sofort im Handling“.

Dass der Q7 auf vielen Belagen zu Hause ist, zeigte sich tags zuvor im etwas weiter südlich gelegenen Marble Canyon. Schauplatz: Landstrasse vor malerischen Hintergrund, erst eine Stahlbrücke über dem Colorado River (der übrigens schon nach wenigen Stunden seinem Namen alle Ehre machte, er drehte von Graugrün auf Rotbraun) später die unverwechselbare Kulisse der prominenten Fels- und Gesteinsformationen, wie man sie auch vom Grand Canyon her kennt. Zunächst stand eine Q7 Solofahrt über die Brücke an, eingefangen von einem sechs Meter hohen Kamerakran, anschließend dann die „car-to-car-shots“, bei denen die Kamera in einem begleitenden Van fest installiert wird und so die benötigten Nahaufnahmen einfängt. Während den Drehs halten Polizisten den Verkehr auf beiden Seiten der Brücke fest, die Jockeys einer betroffenen Harley-Karawane, denen kollektiv der Schweiß aus den Helmen triefte, schauten „not amused“. Für eine weitere Fußnote sorgten in diesem Zusammenhang wohl die (ungeschriebenen) automobilen Erlkönig-Gesetze – obwohl das Internet längst Q7 Fotos en masse ausspuckt, herrschte am Set höchste Geheimnisstufe. So geriet das hektische Aus- und Einpacken des Q7 zum flankierenden Begleitumstand des Drehs. Sobald sich Neugierige mit semiprofessioneller Fotoausrüstung nährten, scharrten die Verantwortlichen ein wenig unruhig mit den Hufen. Vielleicht sollte man den Ingolstädter verheimlichen, dass die Fragen tendenziell eher darum gingen, ob und wo denn hier nun Tom Cruise drehen würde? Das Auto an sich, wenn es sich denn einmal ein wenig unversteckt ausruhen durfte, fand wenig Beachtung.

Dass es letztendlich aber nicht an Aufmerksamkeit gebrechen wird, dafür wird dieser Spot sorgen. Der Q7, er findet bewusst in zwei Welten statt. Produzent Bandmann, der wahrscheinlich wie kein Zweiter den deutschen Automarkt aus der Sicht des Kreativen beurteilen kann, weiß dann auch sehr genau um die Wichtigkeit seiner Aufgabe. „Es ist der erste Schritt in ein neues Segment und Audi will klarmachen, wie der Auftritt aussieht, nämlich nicht ein Auto fürs Gelände, sondern eher ein Fahrzeug, dass in ein urbanes Umfeld passt und sich trotzdem auch in der Natur zu Hause fühlt“. Um diesen Spagat filmisch umzusetzen, haben er und sein Regisseur sich eine Story ausgedacht, die beide Erlebnisse miteinander verquicken: Ein Auto, das träumt. Frühmorgens, auf dem Parkdeck eines Hochhauses erwacht der Q7, der Motor springt an, er fährt los, an staunenden Joggerinnen vorbei, an einem geplatzten Hydranten und plötzlich ist er mittendrin in der Natur, dreht seine Runden im Sand und findet am Ende den Weg zurück zum Parkdeck, dort wundert sich sein Besitzer über die feine Staubschicht. Ach ja, im Traum lässt der Q7 auch eine Reihe Konkurrenten ratlos am Wegesrand zurück. Spätestens Anfang 2006 werden wir wissen, ob diese Illusion Realität wird.