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Formvollendete Geschäfte (Lufthansa Magazin 11/2006)
Die Kunstszene hat ein neues Hobby: wertvolle Möbel sammeln. Und einen neuen Treffpunkt – die Messe Design Miami/Basel, die Anfang Dezember zum dritten Mal stattfindet. Ihre Gründerin: eine junge Italienerin.
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"Designer sind die neuen Rock Stars“. Bitteschön, ein Statement, das sitzt! Passt es auch? Die Urheberin dieses Zitats, eine bildschöne, 25 Jahre junge Frau, passt jedenfalls nicht wirklich in den Stuhl, auf dem sie gerade sitzt. Das liegt weniger an ihr selber, als vielmehr am Charakter des Möbelstücks. Von Haus aus nicht gerade bequem, gesellt sich auch wenig Ehrfurcht hinzu, bekommt man doch für den Gegenwert des Stuhls schon einen Aston Martin – in dem es sich deutlich besser sitzen lässt. Aber ein Ron Arad Stuhl ist eben per se kein Möbelstück. Ron Arad ist einer der ganz großen Namen in der Design Szene, einer der „Rock Stars“, von denen Ambra Medda eben sprach. Und Frau Medda, Kuratorin der Design Miami/Basel, weiß mit Sicherheit wovon sie spricht, trotz ihres fast unverschämt jugendlichen Alters.
 
Am Anfang war die Idee. Eine Messe zu veranstalten, „die alljährlich das Beste an zeitgenössischem Design nach Miami bringen soll.“ Und Anfang Dezember wird diese Idee der smarten Sardinierin Geburtstag feiern – die kleine Schwester von Art Basel, diese bald 40-jährigen Messe-Institution für Freunde gegenwärtiger Kunst, wird dann gerade einmal ein Jahr ein. Angesichts des galoppierenden Erfolges – bereits im Sommer gab es einen äußerst erfolgreichen Ableger in Basel – zeigt sich die Macherin selbst erstaunt. „Ich erinnere mich noch, wie viel Sorgen ich mir machte, ob zu unserer ersten Eröffnung überhaupt jemand kommen würde – und dann standen 3000 Menschen in der Tür. Und alle Galerien, die wichtig sind, waren begeistert.“ Verschmitzt fügt sie hinzu, „ Als meine Mutter von ihren Geschäftpartnern angerufen wurde, ob sie ihnen Eintrittskarten für die Shows besorgen könnte, da wusste ich, wir sind auf einem guten Weg.“
 
Ambras Mutter ist Möbelhändlerin mit Galerien in Mailand und London. Ein Faible für Design und Kunst begleitet sie also von Kindesbeinen an. Geboren auf Rhodos, Vater Österreicher, Mutter Italienerin, ein Fundament, auf dem die  kosmopolitischen Ausrichtung ruht, die eloquente Dame parliert inzwischen in 5 Sprachen, darunter auch Chinesisch. Letztere sicherlich die Grundvoraussetzung, wenn man sich an der School of Oriental and African Studies in London einschreibt. Medda graduierte gleich in zwei Richtungen, in Asiatischer Kunst und Chinesischer Sprache. Doch statt dem Wunsch, in den Fernen Osten zu gehen, stattzugeben, ging es in die andere Richtung, Go West. Im Anschluss an das Studium wirkte sie als Kuratorin für namhafte Galerien erst in London, dann in New York.
 
Natürlich stampft auch das größte Talent und/oder geschulteste Auge nicht mal eben en passant eine Messe aus dem Boden. Dazu bedarf es Inspiration und Geld. Craig Robbins hatte und hat beides. Er gehört zu einer Elite von engagierten Bauherren, die dem südlichen Zipfel Floridas architektonisch und gesellschaftlich neues Leben einzuhauchen versuchten. Versuch geglückt, Miami hat sich umgezogen. Vorbei der korrupte Miami Vice Mief der 80er und frühen 90er, vorbei auch das Klischee vom hedonistischen Tummelplatz notorisch fideler Leute, deren Hauptproblemzone des Lebens sich auf den tadellosen Zustand von Bauch, Beine, Po zu beschränken schien. Robbins größten Meriten bei diesem Wandlungsprozess? Er machte den Miami Design District, ein ehemals fast brach liegendes Gelände aus dahinsiechenden Fabrikhallen, wieder salonfähig. Heute ist das Gebiet um die 41. Straße und der 2. Avenue das Epizentrum einer pulsierender Design- und Kunstszene. Und eben der Ort, an dem Design Miami Urständ feierte. Robbins, Medda und Art Basel Gründer Sam Keller sind das Dreigestirn, das mit Kapital, Expertise und gutem Namen ein Exempel statuierten: Design als cooler Ableger der etwas verstaubt-versnobt wirkenden Kunstwelt. „Sam, Craig und ich waren uns einig, dass einfach eine richtige Design Show fehlte. Eine mit außergewöhnlichen Exponaten. Was lag da näher, als die beste Kunstmesse mit der besten Designmesse zu kombinieren?“

Die Messe ist für jedermann. Nur: Nicht jeder wird sich auch etwas kaufen können. Es sei denn, man zählt zu einem exquisiten Klientel, deren Tapeten sich hinter Warhol- und Liechtenstein-Originalen verstecken und die nun Zeitgemäßes (und Teures) suchen, um auch noch den Raum zwischen den Wänden stilecht zu bestücken. Die Nachfrage jedenfalls, sie ist da. Bei der Erstauflage der Messe im vergangenen Dezember machten die 15 teilnehmenden Galerien einen Umsatz von 7 Millionen Dollar – in vier Tagen. Besagte Arads Objekte gingen weg, wie die sprichwörtlichen Semmel, zu Preisen von bis zu 250.000 Dollar. Die von der weltberühmten Architektin Zahad Hadid entworfenen Tische fanden für 23.000 Dollar pro Stück reißenden Absatz, es scheint nur noch eine Frage der Zeit bis eigentlich profane Gebrauchsgegenstände aus industrieller Produktion Kunstwerken den preislichen Rang ablaufen werden. Die Kuratorin selbst sieht diesen Erfolg differenziert: „Einerseits hoffe ich, dass der Markt die Designer animiert, noch mehr „limited editions“ zu produzieren – nur so lässt sich Kreativität wirklich ausleben. Andererseits verderben die Preise auch oft die Karrieren viel versprechender Designer.“

Ambra Medda reitet derweil auf der Woge des Erfolges. Wenn es nach ihr geht, demnächst vielleicht sogar an Orte, wo es sie ohnehin längst hinzog. Ihr Wunsch: „Ich würde die Messe zu gern auch in Fernost abhalten.“ Wo immer sie hingeht, ihr Name wird ihr in jedem Fall vorauseilen. Nach diversen Artikeln in amerikanischen Magazinen entstanden im Internet erste Ambra Medda Fan Clubs. Ganz wie bei Rock Stars.