"Designer sind die neuen Rock
Stars“. Bitteschön, ein Statement, das
sitzt! Passt es auch? Die Urheberin dieses
Zitats, eine bildschöne, 25 Jahre junge Frau,
passt jedenfalls nicht wirklich in den Stuhl, auf
dem sie gerade sitzt. Das liegt weniger an ihr selber,
als vielmehr am Charakter des Möbelstücks.
Von Haus aus nicht gerade bequem, gesellt sich auch
wenig Ehrfurcht hinzu, bekommt man doch für
den Gegenwert des Stuhls schon einen Aston Martin – in
dem es sich deutlich besser sitzen lässt. Aber
ein Ron Arad Stuhl ist eben per se kein Möbelstück.
Ron Arad ist einer der ganz großen Namen in
der Design Szene, einer der „Rock Stars“,
von denen Ambra Medda eben sprach. Und Frau Medda,
Kuratorin der Design Miami/Basel, weiß mit
Sicherheit wovon sie spricht, trotz ihres fast unverschämt
jugendlichen Alters.
Am Anfang war die Idee. Eine Messe zu veranstalten, „die
alljährlich das Beste an zeitgenössischem
Design nach Miami bringen soll.“ Und Anfang Dezember
wird diese Idee der smarten Sardinierin Geburtstag
feiern – die kleine Schwester von Art Basel,
diese bald 40-jährigen Messe-Institution für
Freunde gegenwärtiger Kunst, wird dann gerade
einmal ein Jahr ein. Angesichts des galoppierenden
Erfolges – bereits im Sommer gab es einen äußerst
erfolgreichen Ableger in Basel – zeigt sich die
Macherin selbst erstaunt. „Ich erinnere mich
noch, wie viel Sorgen ich mir machte, ob zu unserer
ersten Eröffnung überhaupt jemand kommen
würde – und dann standen 3000 Menschen in
der Tür. Und alle Galerien, die wichtig sind,
waren begeistert.“ Verschmitzt fügt sie
hinzu, „ Als meine Mutter von ihren Geschäftpartnern
angerufen wurde, ob sie ihnen Eintrittskarten für
die Shows besorgen könnte, da wusste ich, wir
sind auf einem guten Weg.“
Ambras Mutter ist Möbelhändlerin mit Galerien
in Mailand und London. Ein Faible für Design und
Kunst begleitet sie also von Kindesbeinen an. Geboren
auf Rhodos, Vater Österreicher, Mutter Italienerin,
ein Fundament, auf dem die kosmopolitischen Ausrichtung
ruht, die eloquente Dame parliert inzwischen in 5 Sprachen,
darunter auch Chinesisch. Letztere sicherlich die Grundvoraussetzung,
wenn man sich an der School of Oriental and African
Studies in London einschreibt. Medda graduierte
gleich in zwei Richtungen, in Asiatischer Kunst und
Chinesischer Sprache. Doch statt dem Wunsch, in den
Fernen Osten zu gehen, stattzugeben, ging es in die
andere Richtung, Go West. Im Anschluss an das Studium
wirkte sie als Kuratorin für namhafte Galerien
erst in London, dann in New York.
Natürlich stampft auch das größte Talent
und/oder geschulteste Auge nicht mal eben en passant
eine Messe aus dem Boden. Dazu bedarf es Inspiration
und Geld. Craig Robbins hatte und hat beides. Er gehört
zu einer Elite von engagierten Bauherren, die dem südlichen
Zipfel Floridas architektonisch und gesellschaftlich
neues Leben einzuhauchen versuchten. Versuch geglückt,
Miami hat sich umgezogen. Vorbei der korrupte Miami
Vice Mief der 80er und frühen 90er, vorbei auch
das Klischee vom hedonistischen Tummelplatz notorisch
fideler Leute, deren Hauptproblemzone des Lebens sich
auf den tadellosen Zustand von Bauch, Beine, Po zu
beschränken schien. Robbins größten
Meriten bei diesem Wandlungsprozess? Er machte den Miami
Design District, ein ehemals fast brach liegendes
Gelände aus dahinsiechenden Fabrikhallen, wieder
salonfähig. Heute ist das Gebiet um die 41. Straße
und der 2. Avenue das Epizentrum einer pulsierender
Design- und Kunstszene. Und eben der Ort, an dem Design
Miami Urständ feierte. Robbins, Medda und Art
Basel Gründer Sam Keller sind das Dreigestirn,
das mit Kapital, Expertise und gutem Namen ein Exempel
statuierten: Design als cooler Ableger der etwas verstaubt-versnobt
wirkenden Kunstwelt. „Sam, Craig und ich waren
uns einig, dass einfach eine richtige Design Show fehlte.
Eine mit außergewöhnlichen Exponaten. Was
lag da näher, als die beste Kunstmesse mit der
besten Designmesse zu kombinieren?“
Die Messe ist für jedermann. Nur: Nicht jeder
wird sich auch etwas kaufen können. Es sei denn,
man zählt zu einem exquisiten Klientel, deren
Tapeten sich hinter Warhol- und Liechtenstein-Originalen
verstecken und die nun Zeitgemäßes (und
Teures) suchen, um auch noch den Raum zwischen den
Wänden stilecht zu bestücken. Die Nachfrage
jedenfalls, sie ist da. Bei der Erstauflage der Messe
im vergangenen Dezember machten die 15 teilnehmenden
Galerien einen Umsatz von 7 Millionen Dollar – in
vier Tagen. Besagte Arads Objekte gingen weg, wie die
sprichwörtlichen Semmel, zu Preisen von bis zu
250.000 Dollar. Die von der weltberühmten Architektin
Zahad Hadid entworfenen Tische fanden für 23.000
Dollar pro Stück reißenden Absatz, es scheint
nur noch eine Frage der Zeit bis eigentlich profane
Gebrauchsgegenstände aus industrieller Produktion
Kunstwerken den preislichen Rang ablaufen werden. Die
Kuratorin selbst sieht diesen Erfolg differenziert: „Einerseits
hoffe ich, dass der Markt die Designer animiert, noch
mehr „limited editions“ zu produzieren – nur
so lässt sich Kreativität wirklich ausleben.
Andererseits verderben die Preise auch oft die Karrieren
viel versprechender Designer.“
Ambra Medda reitet derweil auf der Woge des Erfolges.
Wenn es nach ihr geht, demnächst vielleicht sogar
an Orte, wo es sie ohnehin längst hinzog. Ihr Wunsch: „Ich
würde die Messe zu gern auch in Fernost abhalten.“ Wo
immer sie hingeht, ihr Name wird ihr in jedem Fall vorauseilen.
Nach diversen Artikeln in amerikanischen Magazinen entstanden
im Internet erste Ambra Medda Fan Clubs. Ganz wie bei
Rock Stars. |