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"La Riva Diva" (Maxim Fashion 01/07)
Der Klassiker aus Italien zeigt Flagge. Unverdrossen steuern die hölzernen Boot-Schönheiten mit den temperamentvollen Motoren der eigenen Legenden-Bildung entgegen.

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Rainier von Monaco konnte zu Lebzeiten herzlich wenig aus der Ruhe bringen. Außer vielleicht die Eskapaden seiner Töchter. Im Jahre 1960 jedoch war er häufiger um den fürstlichen Schlaf gebracht, Explosionen erschütterten den Grimaldi-Palast, Scheiben barsten. Dabei ging nicht etwa ein Bombenhagel auf den Zwergstaat nieder, sondern eigentlich nur ein italienischer Bootsbauer seinen Prinzipien nach. Carlo Riva konnte kein „Nein“ akzeptieren, aber Boote, die konnte er bauen und er wusste auch, ihnen den nötigen Platz zu verschaffen – im wahrsten Sinne des Wortes. So rang er dem obersten Monegassen die Erlaubnis ab, für seine Flottille eine Servicestation einzurichten – in Ermangelung von Liegeplätzen ließ er kurzerhand einen Tunnel genau in den Felsen sprengen, auf dem Rainiers Schloss thront.
 
Carlo Riva und seine Boote haben eines gemeinsam: Sie sind aus hartem Holz geschnitzt. Sonst gäbe es sie wohl heute beide nicht mehr. Der Schöpfer ist rüstige 86 Jahre und auch seine Kreationen kommen in die Jahre. Etwas über 4000 der eleganten Wasserschlitten entstanden in den Jahren zwischen 1950 und 1970, knapp die Hälfte von ihnen hat nicht nur überlebt, sondern ist heute in der  gleichen Form, wie einst beim Stapellauf von der Cantieri Riva, jener berühmten Werft in Sarnico am Lago d`Iseo. „Viva Riva la Diva“ – für die Primadonna zur See war selbst das Beste kaum genug. Mahagoni aus Afrika für den Außenhaut, Mahagoni aus Mittelamerika für das Interieur, ein Cockpit, das mit Lenkradschaltung, verchromten Armaturen und Zigarettenanzünder eher an Straßenkreuzer erinnert, Kunstlederapplikationen für die Liegewiese achtern (Anita Ekberg bestand auf Zebra-Look) und eine Motorisierung, als hätte man statt für eine gemütliche Passage für die 24 Stunden von Le Mans melden wollen. Hinter den Schrauben bullerten bis zu 800 PS starke Aggregate aus dem Hause General Motors und Chrysler. Es sei denn, es gab Sonderwünsche. Ein Käufer, ein gewisser Herr Lamborghini, quengelte so lange, bis ihm Herr Riva einen Motor aus dessen Werkstatt einpflanzte.
 
Wenn der Teufel, wie man sagt, tatsächlich im Detail steckt, dann ist Carlo Riva der Leibhaftige. Sein Engagement – in einem Boot stecken bis zu 3000 Stunden Handarbeit – konkurrenzlos. Sein Hang zur Perfektion, legendär. Seine Qualitätskontrollen, gefürchtet. Der Instrumentenbauer VDO konnte davon ein Lied singen, zwei Jahre lang griff Carlo bei jeder Lieferung zum „Qualitätshammer“ und prügelte das Glas zu Bruch – bis sich die Tachos „Made in Germany“ endlich unzerbrechlich präsentierten. Seine Mitarbeiter stattete der besessene Fabrikant mit farblich unterschiedlichen Overalls aus und beobachte das Tagewerk aus einem Büro, das er extra oberhalb des Montageplatzes bauen ließ – stand das bunte Kollektiv nicht fein säuberlich getrennt voneinander, dann wusste er, etwas geht gerade schief. Seine Obsession zahlte sich aus: Neun formschöne Holz-Klassiker sollte der unermüdlich werkelnde  Perfektionist während seiner Hochphase schneidern, von der  zierlichen Scoiattolo (Italienisch für Eichhörnchen) über die aristokratische Aristone bis hin zur Aquarama (eine Kombination der Worte „Aqua“ und „Cinerama“, eine Hommage an den Rundumblick durch die winzige Windschutzscheibe?).Das Schicksal einer jeder, auch noch so leck geschlagenen, Riva lässt sich leicht nachvollziehen, ihr Macher war gründlich genug, jeder seiner Kreationen eine Plakette mit Bugnummer, Herstellungsdatum und Werft zu verpassen. 1969 ging Carlo Riva nach einem Streit von Bord, die Werft wurde verkauft und die neuen Eigner beugten sich dem Diktat moderner Bauweisen – künftige Rivas hatten einen Kunststoffrumpf, alte Rivas von nun an endgültig Kultstatus.
 
Ferrari oder Porsche, Ritz Carlton oder Four Seasons, Chanel oder Fendi – über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, über Boote nicht. Zu Wasser zählt nur eines: Riva. Der Firmenslogan „Riva hat keine Rivalen“ liest sich im Rückspiegel der Zeit nicht wie die Insignien aus einer verblichenen Epoche, sondern wie das wahrgewordenen Vermächtnis einer Prophezeiung. „In Riva veritas!“ Die schnittigen Flitzer, sie sind wie Maßanzüge auf dem Wasser, sie sind die „Stradivaris der Meere“, sie sind Statussymbole, Kunststücke, Designikonen und Kultobjekte gleichermaßen. Sie waren das Spielzeug schlechthin für die „Boat People“ mit den tiefen Taschen, quasi die ins Wasser verlängerten Laufstege für Hedonisten. Playboys, Industrie-Kapitäne, Geld und anderer Adel, Stars und Sternchen, wer etwas auf sich hielt, hielt sich eine Riva. An der Cote d`Azur dockte Gunter Sachs einst bei Brigitte Bardot in einer rassigen Ariston an, die Dame konnte mit ihrer dezenter motorisierten Florida kaum entkommen, Verleger Axel Springer tauchte auf einer Tritone immer wieder gern in DDR Grenzgewässer auf und der Schah von Persien ließ sich nicht nur für 100.000 Dollar eine Riva tischlern, er legte auch noch 120.000 Dollar für die Fracht (Luftpost natürlich!) hin, nur damit er pünktlich auf dem eigens abgesperrten Suezkanal stilsicher aufkreuzen konnte. Um den Mythos Riva rankt sich kein Seemannsgarn, sondern eine legendäre Geschichte nach der anderen.
 
Um heute einer dieser Legende zu zeigen, wo es lang geht, legen Liebhaber weit über eine halbe Million Euro hin. Dann stehen auch sie, wie weiland die High Society, mit stolz geschwelltem Kamm am Schalthebel des marinisierten Sommersitzes, leicht geduckt hinter der chromeingefassten Plexiglasscheibe, lassen die bulligen Motoren kehlig aufbegehren, um dann doch mit minimaler, aber dennoch majestätischer Bugwelle im Schritttempo über den Lago di Garda, den Lake Tahoe oder den Wannsee zu gleiten. Das alte Firmenwappen, drei marschierende Matrosen unter dem Riva-Wimpel, es ist irgendwie Programm. Bald 60 Jahre nach der Jungfernfahrt findet der Klassiker immer noch neue Freunde, die Riva ist heute auf allen Kontinenten zu Hause, 50 von ihnen auch noch in der dem Fels abgerungenen Höhle beim Monaco Boat Service, aufgereiht wie ein edler Tropfen in einem gut sortierten Weinkeller. Luxus vergeht nicht.