Rainier von Monaco konnte zu Lebzeiten
herzlich wenig aus der Ruhe bringen. Außer vielleicht
die Eskapaden seiner Töchter. Im Jahre 1960 jedoch
war er häufiger um den fürstlichen Schlaf
gebracht, Explosionen erschütterten den Grimaldi-Palast,
Scheiben barsten. Dabei ging nicht etwa ein Bombenhagel
auf den Zwergstaat nieder, sondern eigentlich nur ein
italienischer Bootsbauer seinen Prinzipien nach. Carlo
Riva konnte kein „Nein“ akzeptieren, aber
Boote, die konnte er bauen und er wusste auch, ihnen
den nötigen Platz zu verschaffen – im wahrsten
Sinne des Wortes. So rang er dem obersten Monegassen
die Erlaubnis ab, für seine Flottille eine Servicestation
einzurichten – in Ermangelung von Liegeplätzen
ließ er kurzerhand einen Tunnel genau in den
Felsen sprengen, auf dem Rainiers Schloss thront.
Carlo Riva und seine Boote haben eines gemeinsam: Sie
sind aus hartem Holz geschnitzt. Sonst gäbe es sie
wohl heute beide nicht mehr. Der Schöpfer ist rüstige
86 Jahre und auch seine Kreationen kommen in die Jahre.
Etwas über 4000 der eleganten Wasserschlitten entstanden
in den Jahren zwischen 1950 und 1970, knapp die Hälfte
von ihnen hat nicht nur überlebt, sondern ist
heute in der gleichen Form, wie einst beim Stapellauf
von der Cantieri Riva, jener berühmten
Werft in Sarnico am Lago d`Iseo. „Viva Riva la
Diva“ – für die Primadonna zur See war
selbst das Beste kaum genug. Mahagoni aus Afrika für
den Außenhaut, Mahagoni aus Mittelamerika für
das Interieur, ein Cockpit, das mit Lenkradschaltung,
verchromten Armaturen und Zigarettenanzünder eher
an Straßenkreuzer erinnert, Kunstlederapplikationen
für die Liegewiese achtern (Anita Ekberg bestand
auf Zebra-Look) und eine Motorisierung, als hätte
man statt für eine gemütliche Passage für
die 24 Stunden von Le Mans melden wollen. Hinter den
Schrauben bullerten bis zu 800 PS starke Aggregate aus
dem Hause General Motors und Chrysler. Es sei denn, es
gab Sonderwünsche. Ein Käufer, ein gewisser
Herr Lamborghini, quengelte so lange, bis ihm Herr Riva
einen Motor aus dessen Werkstatt einpflanzte.
Wenn der Teufel, wie man sagt, tatsächlich im Detail
steckt, dann ist Carlo Riva der Leibhaftige. Sein Engagement – in
einem Boot stecken bis zu 3000 Stunden Handarbeit – konkurrenzlos.
Sein Hang zur Perfektion, legendär. Seine Qualitätskontrollen,
gefürchtet. Der Instrumentenbauer VDO konnte davon
ein Lied singen, zwei Jahre lang griff Carlo bei jeder
Lieferung zum „Qualitätshammer“ und
prügelte das Glas zu Bruch – bis sich die
Tachos „Made in Germany“ endlich unzerbrechlich
präsentierten. Seine Mitarbeiter stattete der besessene
Fabrikant mit farblich unterschiedlichen Overalls aus
und beobachte das Tagewerk aus einem Büro, das er
extra oberhalb des Montageplatzes bauen ließ – stand
das bunte Kollektiv nicht fein säuberlich getrennt
voneinander, dann wusste er, etwas geht gerade schief.
Seine Obsession zahlte sich aus: Neun formschöne
Holz-Klassiker sollte der unermüdlich werkelnde Perfektionist
während seiner Hochphase schneidern, von der zierlichen
Scoiattolo (Italienisch für Eichhörnchen) über
die aristokratische Aristone bis hin zur Aquarama (eine
Kombination der Worte „Aqua“ und „Cinerama“,
eine Hommage an den Rundumblick durch die winzige Windschutzscheibe?).Das
Schicksal einer jeder, auch noch so leck geschlagenen,
Riva lässt sich leicht nachvollziehen, ihr Macher
war gründlich genug, jeder seiner Kreationen eine
Plakette mit Bugnummer, Herstellungsdatum und Werft zu
verpassen. 1969 ging Carlo Riva nach einem Streit von
Bord, die Werft wurde verkauft und die neuen Eigner beugten
sich dem Diktat moderner Bauweisen – künftige
Rivas hatten einen Kunststoffrumpf, alte Rivas von nun
an endgültig Kultstatus.
Ferrari oder Porsche, Ritz Carlton oder Four Seasons,
Chanel oder Fendi – über Geschmack lässt
sich bekanntlich streiten, über Boote nicht. Zu
Wasser zählt nur eines: Riva. Der Firmenslogan „Riva
hat keine Rivalen“ liest sich im Rückspiegel
der Zeit nicht wie die Insignien aus einer verblichenen
Epoche, sondern wie das wahrgewordenen Vermächtnis
einer Prophezeiung. „In Riva veritas!“ Die
schnittigen Flitzer, sie sind wie Maßanzüge
auf dem Wasser, sie sind die „Stradivaris der Meere“,
sie sind Statussymbole, Kunststücke, Designikonen
und Kultobjekte gleichermaßen. Sie waren das Spielzeug
schlechthin für die „Boat People“ mit
den tiefen Taschen, quasi die ins Wasser verlängerten
Laufstege für Hedonisten. Playboys, Industrie-Kapitäne,
Geld und anderer Adel, Stars und Sternchen, wer etwas
auf sich hielt, hielt sich eine Riva. An der Cote d`Azur
dockte Gunter Sachs einst bei Brigitte Bardot in einer
rassigen Ariston an, die Dame konnte mit ihrer dezenter
motorisierten Florida kaum entkommen, Verleger Axel Springer
tauchte auf einer Tritone immer wieder gern in DDR Grenzgewässer
auf und der Schah von Persien ließ sich nicht nur
für 100.000 Dollar eine Riva tischlern, er legte
auch noch 120.000 Dollar für die Fracht (Luftpost
natürlich!) hin, nur damit er pünktlich auf
dem eigens abgesperrten Suezkanal stilsicher aufkreuzen
konnte. Um den Mythos Riva rankt sich kein Seemannsgarn,
sondern eine legendäre Geschichte nach der anderen.
Um heute einer dieser Legende zu zeigen, wo es lang geht,
legen Liebhaber weit über eine halbe Million Euro
hin. Dann stehen auch sie, wie weiland die High Society,
mit stolz geschwelltem Kamm am Schalthebel des marinisierten
Sommersitzes, leicht geduckt hinter der chromeingefassten
Plexiglasscheibe, lassen die bulligen Motoren kehlig
aufbegehren, um dann doch mit minimaler, aber dennoch
majestätischer Bugwelle im Schritttempo über
den Lago di Garda, den Lake Tahoe oder den Wannsee zu
gleiten. Das alte Firmenwappen, drei marschierende Matrosen
unter dem Riva-Wimpel, es ist irgendwie Programm. Bald
60 Jahre nach der Jungfernfahrt findet der Klassiker
immer noch neue Freunde, die Riva ist heute auf allen
Kontinenten zu Hause, 50 von ihnen auch noch in der dem
Fels abgerungenen Höhle beim Monaco Boat Service,
aufgereiht wie ein edler Tropfen in einem gut sortierten
Weinkeller. Luxus vergeht nicht.
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