"Alles wird schön" (Maxim Fashion 02/07)
Einst hätte “Butzi” Porsche die Autoschmiede seines Vaters übernehmen sollen. Er entschied sich anders, gründete Porsche Design und gestaltete in den vergangenen 35 Jahren jede Menge moderne Klassiker
 

Nur fliegen ist schöner? Beugen sich die Porsche Design Verantwortlichen auch noch diesem vermeintlichen Diktat, dann startet aus dem Zuffenhausener Orbit vielleicht demnächst eine Rakete. Noch ist es nicht soweit, doch traut sich die Design-Schmiede nach zahllosen, meist gefeierten Ausflügen in die entlegensten Winkel der Luxussphären seit Kurzem auch aufs Wasser. In Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Auftraggeber Fearless Yachts lief bei der diesjährigen Boat Show in Miami das erste von fünf Bootsmodellen vom Stapel. Wobei „lief“ vielleicht die Untertreibung der Saison ist, Fearless 28, der 8.50 Meter kurze Zwerg in dem Quintett bringt es auf satte 70 Knoten – das sind fröhliche 130 km/h, im nassen Element empfiehlt es sich durchaus fearless zu sein, wer so flott unterwegs sein will. Die Konkurrenz dürfte da allenfalls im Kielwasser hinterher dümpeln, auch wenn es vordergründig gar nicht darum geht, der schnellste zu sein. Eher der eleganteste und so wurde bei den inneren Werten ebenfalls nicht gegeizt, die Porsche Handschrift findet sich von der futuristischen Linienführung des karbonverstärktem Glasfaserrumpfes bis hin zu den Armaturen, die an das typische Porsche Cockpit erinnern. Für den internationalen Jet-Setter ist die Motorluxus-Yacht der perfekte Hochsitz zu Wasser, mit dem Hochsee-Porsche würde auch ein James Bond in See stechen.

Der Spurwechsel von der Auto- auf die Aquabahn ist nur einer von vielen, den die Styling-Crew aus dem Hause Porsche im Laufe ihrer bald 35 jährigen Existenz hinlegten. Wer steckt hinter dem Erfolg, wer ist der Pate dieser Design-Dauerbrenner? Sein Name ist Butzi. Genauer: Professor Ferdinand Alexander „Butzi“ Porsche, erstgeborener Spross von Firmenpatriarch Ferry Porsche und damit eigentlich designierter Nachfolger seines alten Herren. Der Erbprinz allerdings scheute die ihm zugedachte Rolle, verschrieb sich einer eher schöpferischen Tätigkeit und scherte einstweilen aus dem Familienbetrieb aus. Er wolle „lieber etwas mit den Händen gestalten“, so sein Credo. Nach längeren Praktika in den Werkstätten und Konstruktionsbüros der Robert Bosch GmbH versuchte sich der ambitionierte Gestalter in spé an der Ulmer Hochschule für Gestaltung, der damaligen Kaderschmiede für deutsche Designer, doch sein Gastspiel dort währte nur wenige Semester – angeblich war der Prüfungsausschuss aus gestrengen Dekanen nicht von den Fähigkeiten des Design-Novizen überzeugt. Butzi aber ließ sich nicht beirren, kehrte einstweilen Heim ins Firmen-Reich und kreierte en passant ein Auto. Ein Auto, dessen Entwurf heute im New Yorker Museum of Modern Art (MOMA) zu bewundern ist und den Erfolg der Sportwagen-Dynastie bis heute sicherstellt. Ein Auto mit der Nummer 911 im Anhang. Fortan übernahm Butzi federführend die Designabteilung des Konzerns bis er 1972 ein eigenes Design Studio mit dem Namen „Porsche Design GmbH“ in Stuttgart gründete, dessen Sitz (und Studio) er zwei Jahr später ins österreichische Zell am See verlegte. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte von Porsche Design, übrigens bis vor wenigen Jahren gänzlich unabhängig vom Zuffenhausener Mutterschiff.

“Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.” Ein Zitat, das nicht von Butzi Porsche stammt, sondern vom Schöngeist Oscar Wilde, mit dessen Tenor sich der inzwischen über 70jährige Ehrenprofessor aber sicherlich anfreunden könnte. Denn seine Arbeit mutet ebenso einfach, wie brillant an: Purismus auf höchstem Niveau. Als Designer steht der Mann und damit das Haus Porsche Design für die Schnittstelle zwischen zweckgerechten, zeitlosen und meist schnörkellosen Entwürfen, die durch technische Innovationen und durch eine strenge und klare Gestaltungslinie punkten. "Design muss funktional sein, und die Funktionalität muss visuell in Ästhetik umgesetzt sein, ohne Gags, die erst erklärt werden müssen", so Porsche einst.

Meilensteine zeitgenössischen Stylings pflastern seit über drei Dekaden den Weg von Zell in die Welt, das Emblem „Design by F.A. Porsche“ steht synonym für eine Reihe von Klassikern in den unterschiedlichsten Produktsegmenten. Anfänglich konzentrierten sich die Arbeiten in der Hauptsache auf Luxus-Accessoires für den Herrn mit den etwas tieferen Taschen. Und da gelang ihm früh gleich der ganz große (Ent-)Wurf: Die tropfenförmigen Porsche Carrera Brille mit dem Schnellverschluss zum schnellen Wechsel der Gläser, ihr nachhaltiger Erfolg misst sich inzwischen auch daran, dass sie nach der RayBan Wayfarer die Brille mit den meisten Plagiaten ist. Nach den Augen kümmerte man sich um das Handgelenk und band dem Mann einen zeitlosen Chronographen um: Die Porsche Design Kompass-Uhr von IWC, ein hochpräzises mechanisches Uhrwerk mit automatischem Aufzug im Dialog mit einem Präzisionskompass. Es folgten Handgepäck, Ledertaschen, Golfschläger, Taschenmesser, Rauchutensilien, darunter die berühmte Pfeife mit den an die Zylinder eines luftgekühlten Motors erinnernden Kühlrippen – unlängst als Model 909 von Gubbels neu aufgelegt. Doch auch in anderen Produktbereichen machte sich Porsche Design schnell einen Namen und reüssierte mit einer Reihe von innovativen Entwürfen, wer erinnert sich beispielsweise nicht an das „Telefon 2001“ für die Deutsche Bundespost von 1989. Die Gestaltung dieses Fernsprechers brillierte vor allem mit seiner um 180° drehbaren Tastatur. Basierend auf diesen Erfolgen standen namhafte Unternehmen Schlange: Faber-Castell bekam innovative Schreibgeräte, Siemens erhielt eine Reihe formschöner Küchengeräte, Grundig empfing einen Fernseher, für Lacie gab es externe Hard Drives, Rollei und Fuji durften sich über Fotoapparate freuen und die Bank Austria schnappte sich ein edles Sparschwein. Und das ist nur ein kurzer Auszug aus dem Portfolio der Zeller Schmiede, in der aktuell gerade einmal 12 Designer werkeln.

Porsche selbst, da blieb er seinen automobilen Wurzeln treu, ließ der Transport an sich nie ganz los. Neben der frühen Bootsstudie Kineo widmete er sich dem gesamten Spektrum der Fortbewegung, über die Jahre entstanden Straßenbahnentwürfe, eine Ski-Bob Konstruktion, diverse Fahr- und Motorräder und sogar ein Surfbrett.

2003 kam es zu einer Zäsur, die sich allerdings weniger schöpferisch denn kaufmännisch ausdrückte – der alternde Design-Papst verkaufte seine Anteile zurück an die Porsche AG. Dort nun wurden die Aktivitäten nicht nur neu gebündelt – unter der Marke Porsche Design Group firmieren nunmehr die Geschäftsbereiche Porsche Design, Porsche Design Driver’s Selection sowie das Porsche Design Studio in Zell – sondern die neue Geschäftsführung begann sofort neue Wege einzuschlagen. Einer dieser Wege führt in die Mode. Fashion by Porsche, why not? Mit Adidas besteht seit längerem eine strategische Partnerschaft und die ersten Modelle sind spektakulär. Inzwischen wagt sich Porsche auch auf die Mailänder Laufstege, zusammen mit den renommierten Fashion-Labels wie Belfe, Mantero oder Ferragamo präsentierten die Porsche-Schneider im vergangenen Jahr ihre erste Herrenkollektion. Motto: Casual Chic. Auch an einem Herrenduft wird angeblich schon gewerkelt.

Eines der derzeit aber ambitioniertesten Produkte ist das Resultat von Porsches Ausflug in die Mobilfunktechnik. In Zusammenarbeit mit dem französischen Hersteller Sagem steht die Markteinführung des Design-Mobiltelefon P'9521 kurz bevor. Ein 1.200 teuerer Monolith aus gefrästem Aluminium und Mineralglas, dessen Sensoren Fingerabdrücke lesen können – biometrisches Telefonieren in Reinkultur. Ob in Zeiten, wo sich alles um IPhone oder BlackBerry zu drehen scheint, sich dieses Handy durchsetzen wird? Sollte sich der ganz große kommerzielle Erfolg nicht einstellen, die Porsche-Macher könnten sich mit einem weiteren Aphorismus aus Oscar Wildes` Wortschatzschatulle trösten: “Man umgebe mich mit Luxus. Auf das Notwendige kann ich verzichten.”

Übrigens, sollte Porsche tatsächlich irgendwann in die Luft gehen, dann wird Fliegen vielleicht tatsächlich schöner. Doch der Spruch bleibt sicherlich am Boden – mit dem bewarb nämlich einst Opel sein Coupe GT. (Das war 1968. Rüsselheims einziger Beitrag zu etwas Perfektem.)