Nur
fliegen ist schöner? Beugen sich die Porsche Design Verantwortlichen auch
noch diesem vermeintlichen Diktat, dann startet aus
dem Zuffenhausener Orbit vielleicht demnächst
eine Rakete. Noch ist es nicht soweit, doch traut sich
die Design-Schmiede nach zahllosen, meist gefeierten
Ausflügen in die entlegensten Winkel der Luxussphären
seit Kurzem auch aufs Wasser. In Zusammenarbeit mit
dem amerikanischen Auftraggeber Fearless Yachts lief
bei der diesjährigen Boat Show in Miami das erste
von fünf Bootsmodellen vom Stapel. Wobei „lief“ vielleicht
die Untertreibung der Saison ist, Fearless 28, der
8.50 Meter kurze Zwerg in dem Quintett bringt es auf
satte 70 Knoten – das sind fröhliche 130
km/h, im nassen Element empfiehlt es sich durchaus
fearless zu sein, wer so flott unterwegs sein will.
Die Konkurrenz dürfte da allenfalls im Kielwasser
hinterher dümpeln, auch wenn es vordergründig
gar nicht darum geht, der schnellste zu sein. Eher
der eleganteste und so wurde bei den inneren Werten
ebenfalls nicht gegeizt, die Porsche Handschrift findet
sich von der futuristischen Linienführung des
karbonverstärktem Glasfaserrumpfes bis hin zu
den Armaturen, die an das typische Porsche Cockpit
erinnern. Für den internationalen Jet-Setter ist
die Motorluxus-Yacht der perfekte Hochsitz zu Wasser,
mit dem Hochsee-Porsche würde auch ein James Bond
in See stechen.
Der Spurwechsel von der Auto- auf die Aquabahn ist
nur einer von vielen, den die Styling-Crew aus dem
Hause Porsche im Laufe ihrer bald 35 jährigen
Existenz hinlegten. Wer steckt hinter dem Erfolg, wer
ist der Pate dieser Design-Dauerbrenner? Sein Name
ist Butzi. Genauer: Professor Ferdinand Alexander „Butzi“ Porsche,
erstgeborener Spross von Firmenpatriarch Ferry Porsche
und damit eigentlich designierter Nachfolger seines
alten Herren. Der Erbprinz allerdings scheute die ihm
zugedachte Rolle, verschrieb sich einer eher schöpferischen
Tätigkeit und scherte einstweilen aus dem Familienbetrieb
aus. Er wolle „lieber etwas mit den Händen
gestalten“, so sein Credo. Nach längeren
Praktika in den Werkstätten und Konstruktionsbüros
der Robert Bosch GmbH versuchte sich der ambitionierte
Gestalter in spé an der Ulmer Hochschule für
Gestaltung, der damaligen Kaderschmiede für deutsche
Designer, doch sein Gastspiel dort währte nur
wenige Semester – angeblich war der Prüfungsausschuss
aus gestrengen Dekanen nicht von den Fähigkeiten
des Design-Novizen überzeugt. Butzi aber ließ sich
nicht beirren, kehrte einstweilen Heim ins Firmen-Reich
und kreierte en passant ein Auto. Ein Auto, dessen
Entwurf heute im New Yorker Museum of Modern Art (MOMA)
zu bewundern ist und den Erfolg der Sportwagen-Dynastie
bis heute sicherstellt. Ein Auto mit der Nummer 911
im Anhang. Fortan übernahm Butzi federführend
die Designabteilung des Konzerns bis er 1972 ein eigenes
Design Studio mit dem Namen „Porsche Design GmbH“ in
Stuttgart gründete, dessen Sitz (und Studio) er
zwei Jahr später ins österreichische Zell
am See verlegte. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte
von Porsche Design, übrigens bis vor wenigen Jahren
gänzlich unabhängig vom Zuffenhausener Mutterschiff.
“Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich
bin immer mit dem Besten zufrieden.” Ein Zitat,
das nicht von Butzi Porsche stammt, sondern vom Schöngeist
Oscar Wilde, mit dessen Tenor sich der inzwischen über
70jährige Ehrenprofessor aber sicherlich anfreunden
könnte. Denn seine Arbeit mutet ebenso einfach,
wie brillant an: Purismus auf höchstem Niveau.
Als Designer steht der Mann und damit das Haus Porsche
Design für die Schnittstelle zwischen zweckgerechten,
zeitlosen und meist schnörkellosen Entwürfen,
die durch technische Innovationen und durch eine strenge
und klare Gestaltungslinie punkten. "Design muss
funktional sein, und die Funktionalität muss visuell
in Ästhetik umgesetzt sein, ohne Gags, die erst
erklärt werden müssen", so Porsche einst.
Meilensteine zeitgenössischen Stylings pflastern
seit über drei Dekaden den Weg von Zell in die
Welt, das Emblem „Design by F.A. Porsche“ steht
synonym für eine Reihe von Klassikern in den unterschiedlichsten
Produktsegmenten. Anfänglich konzentrierten sich
die Arbeiten in der Hauptsache auf Luxus-Accessoires
für den Herrn mit den etwas tieferen Taschen.
Und da gelang ihm früh gleich der ganz große
(Ent-)Wurf: Die tropfenförmigen Porsche Carrera
Brille mit dem Schnellverschluss zum schnellen Wechsel
der Gläser, ihr nachhaltiger Erfolg misst sich
inzwischen auch daran, dass sie nach der RayBan Wayfarer
die Brille mit den meisten Plagiaten ist. Nach den
Augen kümmerte man sich um das Handgelenk und
band dem Mann einen zeitlosen Chronographen um: Die
Porsche Design Kompass-Uhr von IWC, ein hochpräzises
mechanisches Uhrwerk mit automatischem Aufzug im Dialog
mit einem Präzisionskompass. Es folgten Handgepäck,
Ledertaschen, Golfschläger, Taschenmesser, Rauchutensilien,
darunter die berühmte Pfeife mit den an die Zylinder
eines luftgekühlten Motors erinnernden Kühlrippen – unlängst
als Model 909 von Gubbels neu aufgelegt. Doch auch
in anderen Produktbereichen machte sich Porsche Design
schnell einen Namen und reüssierte mit einer Reihe
von innovativen Entwürfen, wer erinnert sich beispielsweise
nicht an das „Telefon 2001“ für die
Deutsche Bundespost von 1989. Die Gestaltung dieses
Fernsprechers brillierte vor allem mit seiner um 180° drehbaren
Tastatur. Basierend auf diesen Erfolgen standen namhafte
Unternehmen Schlange: Faber-Castell bekam innovative
Schreibgeräte, Siemens erhielt eine Reihe formschöner
Küchengeräte, Grundig empfing einen Fernseher,
für Lacie gab es externe Hard Drives, Rollei und
Fuji durften sich über Fotoapparate freuen und
die Bank Austria schnappte sich ein edles Sparschwein.
Und das ist nur ein kurzer Auszug aus dem Portfolio
der Zeller Schmiede, in der aktuell gerade einmal 12
Designer werkeln.
Porsche selbst, da blieb er seinen automobilen Wurzeln
treu, ließ der Transport an sich nie ganz los.
Neben der frühen Bootsstudie Kineo widmete er
sich dem gesamten Spektrum der Fortbewegung, über
die Jahre entstanden Straßenbahnentwürfe,
eine Ski-Bob Konstruktion, diverse Fahr- und Motorräder
und sogar ein Surfbrett.
2003 kam es zu einer Zäsur, die sich allerdings
weniger schöpferisch denn kaufmännisch ausdrückte – der
alternde Design-Papst verkaufte seine Anteile zurück
an die Porsche AG. Dort nun wurden die Aktivitäten
nicht nur neu gebündelt – unter der Marke
Porsche Design Group firmieren nunmehr die Geschäftsbereiche
Porsche Design, Porsche Design Driver’s Selection
sowie das Porsche Design Studio in Zell – sondern
die neue Geschäftsführung begann sofort neue
Wege einzuschlagen. Einer dieser Wege führt in
die Mode. Fashion by Porsche, why not? Mit Adidas besteht
seit längerem eine strategische Partnerschaft
und die ersten Modelle sind spektakulär. Inzwischen
wagt sich Porsche auch auf die Mailänder Laufstege,
zusammen mit den renommierten Fashion-Labels wie Belfe,
Mantero oder Ferragamo präsentierten die Porsche-Schneider
im vergangenen Jahr ihre erste Herrenkollektion. Motto:
Casual Chic. Auch an einem Herrenduft wird angeblich
schon gewerkelt.
Eines der derzeit aber ambitioniertesten Produkte ist
das Resultat von Porsches Ausflug in die Mobilfunktechnik.
In Zusammenarbeit mit dem französischen Hersteller
Sagem steht die Markteinführung des Design-Mobiltelefon
P'9521 kurz bevor. Ein 1.200 teuerer Monolith aus gefrästem
Aluminium und Mineralglas, dessen Sensoren Fingerabdrücke
lesen können – biometrisches Telefonieren
in Reinkultur. Ob in Zeiten, wo sich alles um IPhone
oder BlackBerry zu drehen scheint, sich dieses Handy
durchsetzen wird? Sollte sich der ganz große
kommerzielle Erfolg nicht einstellen, die Porsche-Macher
könnten sich mit einem weiteren Aphorismus aus
Oscar Wildes` Wortschatzschatulle trösten: “Man
umgebe mich mit Luxus. Auf das Notwendige kann ich
verzichten.”
Übrigens, sollte Porsche tatsächlich irgendwann
in die Luft gehen, dann wird Fliegen vielleicht tatsächlich
schöner. Doch der Spruch bleibt sicherlich am
Boden – mit dem bewarb nämlich einst Opel
sein Coupe GT. (Das war 1968. Rüsselheims einziger
Beitrag zu etwas Perfektem.)
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