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Fitness "Wasser marsch" (GQ 8/98)
Jetzt wird Aquarobic endgültig saisonfähig. Denn der Effekt ist sensationell.
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Für neue Probanten hat die Szenerie fast etwas Religiöses: Menschen, die auf dem Wasser laufen. Oder es zumindest versuchen. Was Bibelfeste zunächst an eine Neuverfilmung von "Die zehn Gebote" denken läßt, ist in Wirklichkeit der Auftakt zu einem 45-minütigen Wasser-Workout. An derem Ende mit Sicherheit jeder um eine Erfahrung reicher ist: Auch Moses ging nicht über den See.

Mit dem gemütlich-monotonen Bahnenziehen, wie wir es aus unserem Schwimmschulsport kennen, haben moderne Wasser-Fitnessprogramme nichts tun. Begriffe wie Aquarobic, Hydro-Power oder Water-Sculpting machen die Runde. Und mit Badehose allein ist es in diesen Kursen auch nicht mehr getan. Ausgerüstet mit bunten Aqua-Accessoires wie Hydro-Boots, Styropor-Hanteln, Auftriebsgürteln und Gummihandschuhen im Schwimmhäuteformat geht die moderne Wasserratte an den Start.

Der Trend ist nicht neu. Nur assozierte man bisher meist arthritisgeschwächte Geriatriker oder Wasserballeteusen á la Esther Williams mit Fitness im nassen Element. Echte Kerle stählerten ihren Körper lieber in Sport Studios oder beim Jogging auf der Straße. Eben da, wo der Schweiß fließt, wo es weh tut und wo es zwangsläufig zu Verletzungen kommt.

No pain, no gain - eine Formel, die im Wasser nicht gilt. Eine Reihe natürlicher Faktoren sorgt dafür, daß Körper und Geist Auftrieb erhalten - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das natürliche Zusammenspiel aus Auftrieb, Wasserwiderstand und Wasserdruck sind Balsam für gestreßte Bänder, Gelenke und Muskeln. Aber nicht nur Bewegungsapparat, sondern auch Herz-Kreislaufsystem, Blutzirkulation und Atmung profitieren vom Training im nassen Gefilde.

Für den Aqua-Novizen gilt: Mäßigung ist das Gebot der Stunde. Denn wer als Landei zum ersten Mal zum Jogging in den Pool steigt, der entdeckt das Aufrechtgehen neu. Hydro-Boots sorgen zwar für zusätzlichen Auftrieb, aber auch für eine stabile Seitenlage, sofern man seine Bewegungen falsch koordiniert. Solange man noch Boden unter den Füssen spürt - kein Problem! Weil aber der größte Trainingseffekt im No-Impact Bereich erzielt wird, also dort wo man unterzugehen droht, sind die ersten Übungsseinheiten ein ständiger Balanceakt. Wer aber einmal den Bogen heraus hat, der fühlt sich wie der Herr mit den zehn Geboten - auch wenn man nicht ganz so hoch aus dem Wasser ragt. Je höher die Bewegungsintensität, desto größer der Wasserwiderstand und damit die sportliche Leistung. "Der Kalorienverbrauch innerhalb einer Dreiviertelstunde Wasseraerobic entspricht in etwa dem von neunzig Minuten Aerobic an Land" so Professor Anette Perry von der Universität Miami.

Aerobic und Jogging sind nur zwei Beispiele aus einer Vielfalt von sportlichen Betätigungen im feuchten Terrain. Golf- und Tennisspieler praktizieren ihre Schwungübungen im Bassin, US-Footballspieler üben das Erzielen von field goals in H2O und für Verfechter jeglicher Kampfsportarten sind die Einheiten im kühlen Nass alles andere als nur ein Schlag ins Wasser. Sämtliche Bewegungsabläufe von Skilanglauf bis hin zum Inline Skating lassen sich umsetzen. Jüngster Schrei in diversen amerikanischen Fitnesscentern - man versenkt ganze Gerätschaften wie Treadmills, Stairmaster oder Stationary Bikes in einer Naßzelle.

Bodybuilding im Becken? Auch hier gibt es zahlreiche Varianten. Man nehme die Styropor-Hantel. Auf dem Trockenen wiegt das Kunststoffgerät keine 200 Gramm, im Wasser hingegen hängt es schon nach wenigen Minuten wie Blei an den Armen. Der gemeine Bizepscurl wird zum Workout für den Triceps, weil die eigentliche Belastung durch das Drücken der Hantel gegen den Auftrieb entsteht. Hält man die Hantel senkrecht vom Körper weg und rotiert man Schulter und Arme so, als wollte man sich immer wieder selbst umarmen - dann freut sich der große Brustmuskel (der pectoralis mayo). Die Belastung ist permanent, weil der Wasserwiderstand während des gesamten Bewegungsablauf gleich hoch ist. Für ein gepflegtes Bauchtraining - der Griff zur "Noodle", einer etwa einen Meter langen Wurst aus Styropor. Die klemmt man sich zur Stabilisierung in den Nacken und macht crunches. Und zwar so, daß die Knie aus dem Wasser kommen. Spätestens jetzt brennen alle Muskeln. Trotz des nassen Umfelds sickert der Schweiß von der Stirn. Und mit ihm die Erkenntnis - es gibt ein elftes Gebot: Du sollst im Wasser trainieren!