Für neue Probanten hat
die Szenerie fast etwas Religiöses: Menschen, die
auf dem Wasser laufen. Oder es zumindest versuchen.
Was Bibelfeste zunächst an eine Neuverfilmung von
"Die zehn Gebote" denken läßt,
ist in Wirklichkeit der Auftakt zu einem 45-minütigen
Wasser-Workout. An derem Ende mit Sicherheit jeder um
eine Erfahrung reicher ist: Auch Moses ging nicht über
den See.
Mit dem gemütlich-monotonen Bahnenziehen, wie
wir es aus unserem Schwimmschulsport kennen, haben moderne
Wasser-Fitnessprogramme nichts tun. Begriffe wie Aquarobic,
Hydro-Power oder Water-Sculpting machen die Runde. Und
mit Badehose allein ist es in diesen Kursen auch nicht
mehr getan. Ausgerüstet mit bunten Aqua-Accessoires
wie Hydro-Boots, Styropor-Hanteln, Auftriebsgürteln
und Gummihandschuhen im Schwimmhäuteformat geht
die moderne Wasserratte an den Start.
Der Trend ist nicht neu. Nur assozierte man bisher
meist arthritisgeschwächte Geriatriker oder Wasserballeteusen
á la Esther Williams mit Fitness im nassen Element.
Echte Kerle stählerten ihren Körper lieber
in Sport Studios oder beim Jogging auf der Straße.
Eben da, wo der Schweiß fließt, wo es weh
tut und wo es zwangsläufig zu Verletzungen kommt.
No pain, no gain - eine Formel, die im Wasser nicht
gilt. Eine Reihe natürlicher Faktoren sorgt dafür,
daß Körper und Geist Auftrieb erhalten -
im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das natürliche
Zusammenspiel aus Auftrieb, Wasserwiderstand und Wasserdruck
sind Balsam für gestreßte Bänder, Gelenke
und Muskeln. Aber nicht nur Bewegungsapparat, sondern
auch Herz-Kreislaufsystem, Blutzirkulation und Atmung
profitieren vom Training im nassen Gefilde.
Für den Aqua-Novizen gilt: Mäßigung
ist das Gebot der Stunde. Denn wer als Landei zum ersten
Mal zum Jogging in den Pool steigt, der entdeckt das
Aufrechtgehen neu. Hydro-Boots sorgen zwar für
zusätzlichen Auftrieb, aber auch für eine
stabile Seitenlage, sofern man seine Bewegungen falsch
koordiniert. Solange man noch Boden unter den Füssen
spürt - kein Problem! Weil aber der größte
Trainingseffekt im No-Impact Bereich erzielt wird, also
dort wo man unterzugehen droht, sind die ersten Übungsseinheiten
ein ständiger Balanceakt. Wer aber einmal den Bogen
heraus hat, der fühlt sich wie der Herr mit den
zehn Geboten - auch wenn man nicht ganz so hoch aus
dem Wasser ragt. Je höher die Bewegungsintensität,
desto größer der Wasserwiderstand und damit
die sportliche Leistung. "Der Kalorienverbrauch
innerhalb einer Dreiviertelstunde Wasseraerobic entspricht
in etwa dem von neunzig Minuten Aerobic an Land"
so Professor Anette Perry von der Universität Miami.
Aerobic und Jogging sind nur zwei Beispiele aus einer
Vielfalt von sportlichen Betätigungen im feuchten
Terrain. Golf- und Tennisspieler praktizieren ihre Schwungübungen
im Bassin, US-Footballspieler üben das Erzielen
von field goals in H2O und für Verfechter jeglicher
Kampfsportarten sind die Einheiten im kühlen Nass
alles andere als nur ein Schlag ins Wasser. Sämtliche
Bewegungsabläufe von Skilanglauf bis hin zum Inline
Skating lassen sich umsetzen. Jüngster Schrei in
diversen amerikanischen Fitnesscentern - man versenkt
ganze Gerätschaften wie Treadmills, Stairmaster
oder Stationary Bikes in einer Naßzelle.
Bodybuilding im Becken? Auch hier gibt es zahlreiche
Varianten. Man nehme die Styropor-Hantel. Auf dem Trockenen
wiegt das Kunststoffgerät keine 200 Gramm, im Wasser
hingegen hängt es schon nach wenigen Minuten wie
Blei an den Armen. Der gemeine Bizepscurl wird zum Workout
für den Triceps, weil die eigentliche Belastung
durch das Drücken der Hantel gegen den Auftrieb
entsteht. Hält man die Hantel senkrecht vom Körper
weg und rotiert man Schulter und Arme so, als wollte
man sich immer wieder selbst umarmen - dann freut sich
der große Brustmuskel (der pectoralis mayo). Die
Belastung ist permanent, weil der Wasserwiderstand während
des gesamten Bewegungsablauf gleich hoch ist. Für
ein gepflegtes Bauchtraining - der Griff zur "Noodle",
einer etwa einen Meter langen Wurst aus Styropor. Die
klemmt man sich zur Stabilisierung in den Nacken und
macht crunches. Und zwar so, daß die Knie aus
dem Wasser kommen. Spätestens jetzt brennen alle
Muskeln. Trotz des nassen Umfelds sickert der Schweiß
von der Stirn. Und mit ihm die Erkenntnis - es gibt
ein elftes Gebot: Du sollst im Wasser trainieren!
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