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"Mythos Football"
(Maxim 4/2002)

Moderne Gladiatoren spielen Krieg auf dem Rasen. Football, Amerikas Lieblingssport, kommt immer besser in Europa an...
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Jedes Jahr das Gleiche. Ein Sportereignis flimmert über die Bildschirme und eine aberwitzig hohe Zahl von Amerikanern klemmt beseelt vor der Glotze. Schaltpreise für Werbespots explodieren, Showgrößen buhlen um einen Auftritt in der Halbzeitpause, in den Wettbüros glühen die Drähte, das öffentliche Leben steht für Stunden ähnlich still wie die Kriminalität. It`s Superbowl, die National Football League feiert sich und ihren Höhepunkt. Circus Maximus im Superdome von New Orleans. Mit dem Finale zwischen den Rams, den Favoriten aus St. Louis und den Patriots, den Außenseitern aus New England, geht die Saison zu Ende. Und diesmal, anders als in vielen der 35 Superbowls zuvor, sehr spannend. Erst Sekunden vor Schluss sichert der entschlossene Kick eines Patrioten den Underdogs aus Boston und Umgebung den Titel “World Champions“. Weltmeister? Da kennen die Amis wie so oft keine Minderwertigkeitskomplexe, mit der gewohnten Nonchalance wird die Superbowl zur Meisterschaft auf Erden ausposaunt. Nicht ganz zu Unrecht, denn selbst wenn Mannschaften aus anderen Ländern teilnehmen könnten, ihnen reicht beim American Football niemand das Wasser. Warum eigentlich nicht? Schließlich beschränkt sich die Faszination Football nicht nur auf die Vereinigten Staaten.

Auch hierzulande hat sich das Spiel längst durchgesetzt. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten ist der Europaableger der NFL zu einem festen Bestandteil von länderübergreifenden Sportspektakeln geworden. Gleich drei Mannschaften aus Deutschland ringen mit um die World Bowl. Allerdings rekrutieren sich die meisten Mannschaften aus Spielern, die entweder auf dem Sprung in die amerikanische Liga sind oder von dort weggelobt wurden. Deutsche Akteure, altgediente Bundesligarecken vom Kaliber eines Manni Burgsmüller oder Axel Kruse, sind eher die Ausnahme. Gebricht es an Talent? Oder mangelt es angesichts maulkorbverhängter und in stabiles Tuch gehüllter Rasenritter, die mit martialischem Gebrüll wie fehlgeleitete D-Züge aufeinanderprallen, an Akzeptanz? Der Mythos Football mag unter die Haut gehen, verstehen tun den Hype um das Ei die wenigsten.

Ist Football kompliziert? Für die, die bereits korrekt mit Begriffen wie “Snap“, “Safety“ oder “Punt“ jonglieren können, sicher nicht. Oder für solche, die wissen, dass beim Football ein “Blitz“ genau so wenig mit Donner zu tun hat, wie ein “Sack“ mit dem Transport von Kartoffeln. Das Gerangel um den olivenförmigen Lederball ist nicht kompliziert, es ist komplex. Allerdings nur auf den zweiten Blick. Vordergründig ist es ein Spiel von bestechender Schlichtheit – zwei Mannschaften bemühen sich, möglichst häufig das Spielgerät durch Tragen, Werfen oder Kicken in die gegnerische Endzone zu bugsieren. Alles klar? Dann los! “Gold 13, Gold 13 ... cut 24 ... hhhut ... hhhut ... hut“, spätestens beim “hut“ mögen sich Cineasten an “Lawrence von Arabien“ erinnert fühlen. Sicher eine Assoziation puren Zufalls, auch wenn es eine überraschende Parallele gibt: Ähnlich wie Peter O`Toole sein Kamel antreibt, bemüht sich der Quarterback, der Spielmacher der Offensive, seinen Mitspieler den Marschbefehl zu übermitteln. “Hut, hut, hut“ ... und auf geht´s. Jetzt setzen sich alle Spieler in Bewegung, ungeordnetem Chaos wird scheinbar Tür und Tor geöffnet. Und genau hier wird es ... komplex. Denn die oben genannte Zahlenfolge ist die Blaupause für den durchgeführten Spielzug. Jeder Mannschaftsteil stellt sich auf die ihm mittels des codierten Zahlen- und Wortcocktails zugewiesenen Platz. Geht die Strategie auf, dann senst nun ein Spieler mit dem Ball durch die oppositionelle Verteidigung wie ein Messer durch warme Butter. Oder ein Wurf reißt ein Loch in die gegnerische Passabwehr – das Gelbe vom Ei, der perfekte Spielzug. Der passiert natürlich nur, wenn die Verteidigung nicht längst den Braten gerochen, die drohende Angriffsvariante dechiffriert und den verdutzten Quarterback und seine Mannen über den Haufen gerannt haben. Strategie und Gegenstrategie – nicht umsonst reden viele vom Schach auf dem Rasen. Andere sprechen vom Tauziehen – ohne Tau. Und wieder andere sprechen vom Krieg mit anderen Mitteln.

Ist Football Krieg? Ist der Begriff “Rasenschach“ ein Euphemismus, nur weil echte Brettspieler ihrem Gegner nicht den Helm in den Magen rammen? Die Vermutung liegt nahe, bedient sich schon das Regelwerk Begriffen wie “line of scrimmage“ (Frontlinie) oder “Endzone“ (Hinterland). Geht es doch um Landgewinnung, Vorwärtsverteidigung und überfallartige Überraschungsangriffe. Endgültig schließt der Kreis, wenn man weiß, dass der deutsche Panzergeneral Guderian für die moderne Weiterentwicklung eines Spiels (ungewollt) Pate stand, dass in den späten 60er Jahren des 19. Jahrhunderts als Rugby-Variante Urständ feierte. Der gewiefte Militärstratege umfuhr beim Westfeldzug im II. Weltkrieg mit seinen Panzer weitläufig die Maginot Linie und stieß dann im Rücken der verteidigenden Franzosen zu – der Blitzkrieg war geboren. Ein findiger Football-Coach adaptierte die Taktik. Und schickte 1951 die Chicago Bears gegen die Washington Redskins auf den 4500 Quadratmeter großen Platz. Mit großem Erfolg. Chicago gewann 73 – 0.

Ist Football ein Spiegel der amerikanischen Geschichte? Ein wenig schon, hat doch ein jeder Spielzug das Ziel neues Terrain zu erobern. Und genau wie in der Historie, gelten bei dieser Form der Landgewinnung nur wenig Benimmregeln. Der Zweck heiligt die Mittel. Damals wie heute kämpft man gegen Indianer (Washington Redskins) oder Bären (Chicago Bears). Einst gab es in der Endzone keinen Touchdown, sondern das gelobte Land, das sonnige Kalifornien, das die Trecks durch die verschneiten Rockies oder das unwirtliche Death Valley erreichen mussten. Die Analogie passt, auch wenn bei einer solchen Betrachtung eine Menge Pathos mitschwingt. Vielleicht ist Football deshalb für den amerikanischen Sport das, was der Western fürs amerikanische Kino ist, weil sowohl ein gelungener Wurf, wie auch ein platzierter Schuss zur Legendenbildung beiträgt. Wer jedoch nicht trifft, den bestraft das Leben. Wie kaum eine andere Sportart verkörpert Football das Schicksal des tragischen Helden. Ein Fehlpass ohne Not, ein fallengelassener Ball, Hollywood bedient sich gern der gepolsterten Männer, um den schmalen Grat zwischen Gewinnen und Versagen zu illustrieren. Filme wie “The longest yard“ mit Burt Reynolds oder die äußerst gelungene Milieustudie “Any given Sunday“ von Oliver Stone räumen mit Klischees auf und zeigen die harte Realität.

Ist Football brutal? Es ist auf jeden Fall nichts für Weicheier. Die behelmten 145 Kilo eines Lineman an den Kopf gerammt zu bekommen, entspricht in etwa der Wucht eines wohl getimten Tyson-Schwingers in seinen besten Zeiten. Aber brutal? Das umfangreiche Regelwerk definiert haarklein, was erlaubt ist und was nicht. Jeder Verstoß, zum Beispiel ein Griff in die Maske, wird mit Raumverlust für das ganze Team geahndet. Dennoch ... shit happens, wie die Amis zu sagen pflegen. Verletzungen deshalb, manche lebensgefährlich, auch. Die begnadeten Quarterbacks Steve Young und Troy Aikman hingen den Helm nach wiederholten Gehirnerschütterungen an den Nagel. “Broadway“ Joe Namath, der berühmte Spielmacher der New York Jets aus den 60er Jahren, verbrachte von 10 NFL-Dienstjahren drei im Lazarett. Doch Prellungen, Quetschungen und Blutergüsse ohne großes Gejammer zu schlucken gehören bei Jack Lambert, ein ehemaliger Verteidiger der Pittsburgh Steelers, der einst ein gesamtes Spiel mit gebrochenen Knöchel durchhielt, und Artverwandten genauso selbstverständlich zum Spiel, wie die Schwalbe und das anschließende Lamentieren bei Fußball-Heintje Andy Möller.

Denn nur die Harten kommen ... in die Hall of Fame. Der Schrein der Erfolgreichen. Und da wollen sie alle hin, nach Canton, Ohio. Dort steht der heilige Gral, eine Mischung aus ernsthaftem Museum, verspieltem Devotionalien-Kabinett und Disneyland. Der Football-Olymph, wo man nur den ganz großen huldigt. Auf dem findet man neben besagten Jack Lambert, genannt “Fangzahn“, auch den gemeinen “Mean“ Joe Greene – zusammen gehörten sie zum “Steel Curtain“, dem Stahlvorhang, der eisenharten Verteidigungslinie aus Pittsburgh. Oder Dick “the animal“ Butkus, der angeblich davon träumte seinem Gegner den Kopf abzureissen. Und natürlich einen Mann, der aufgrund seiner sportlichen Leistungen nicht fehlen darf, menschlich jedoch eher, wenn es sie denn gäbe, in die Hall of Shame gehörte: O.J. Simpson.

Das Los des (angeblichen) Doppelmörders illustriert die Kehrseite des vom Big Business dominierten uramerikanischen Sport. Viele der hochdotierten und hochgezüchteten Gladiatoren leben in ihrer eigenen Welt. In einer, in denen es manchem schwer fällt zwischen Spiel und Wirklichkeit zu differenzieren. Weil die Sportart ihre muskelbepackten Angestellten teilweise aus den untersten Gesellschaftsschichten rekrutiert und ihm einbläut, den Gegner zu vernichten, brennt bei dem einen oder anderen auch im Alltag die Sicherung durch. Beispiel Ray Lewis. Einer der hervorragensten Abwehrspieler der Liga ließ sich in eine Messerstecherei verwickeln und belastete sich dann selbst durch Falschaussagen. Michael Irvin, von den Dallas Cowboys fiel als Vorbild ebenfalls weg. Der ausgezeichnete Wide Receiver fing in der Freizeit hauptsächlich Nutten und Koks.