Jedes Jahr das Gleiche. Ein
Sportereignis flimmert über die Bildschirme und
eine aberwitzig hohe Zahl von Amerikanern klemmt beseelt
vor der Glotze. Schaltpreise für Werbespots explodieren,
Showgrößen buhlen um einen Auftritt in der
Halbzeitpause, in den Wettbüros glühen die
Drähte, das öffentliche Leben steht für
Stunden ähnlich still wie die Kriminalität.
It`s Superbowl, die National Football League feiert
sich und ihren Höhepunkt. Circus Maximus im Superdome
von New Orleans. Mit dem Finale zwischen den Rams, den
Favoriten aus St. Louis und den Patriots, den Außenseitern
aus New England, geht die Saison zu Ende. Und diesmal,
anders als in vielen der 35 Superbowls zuvor, sehr spannend.
Erst Sekunden vor Schluss sichert der entschlossene
Kick eines Patrioten den Underdogs aus Boston und Umgebung
den Titel “World Champions“. Weltmeister?
Da kennen die Amis wie so oft keine Minderwertigkeitskomplexe,
mit der gewohnten Nonchalance wird die Superbowl zur
Meisterschaft auf Erden ausposaunt. Nicht ganz zu Unrecht,
denn selbst wenn Mannschaften aus anderen Ländern
teilnehmen könnten, ihnen reicht beim American
Football niemand das Wasser. Warum eigentlich nicht?
Schließlich beschränkt sich die Faszination
Football nicht nur auf die Vereinigten Staaten.
Auch hierzulande hat sich das Spiel längst durchgesetzt.
Nach anfänglichen Startschwierigkeiten ist der
Europaableger der NFL zu einem festen Bestandteil von
länderübergreifenden Sportspektakeln geworden.
Gleich drei Mannschaften aus Deutschland ringen mit
um die World Bowl. Allerdings rekrutieren sich die meisten
Mannschaften aus Spielern, die entweder auf dem Sprung
in die amerikanische Liga sind oder von dort weggelobt
wurden. Deutsche Akteure, altgediente Bundesligarecken
vom Kaliber eines Manni Burgsmüller oder Axel Kruse,
sind eher die Ausnahme. Gebricht es an Talent? Oder
mangelt es angesichts maulkorbverhängter und in
stabiles Tuch gehüllter Rasenritter, die mit martialischem
Gebrüll wie fehlgeleitete D-Züge aufeinanderprallen,
an Akzeptanz? Der Mythos Football mag unter die Haut
gehen, verstehen tun den Hype um das Ei die wenigsten.
Ist Football kompliziert? Für die, die bereits
korrekt mit Begriffen wie “Snap“, “Safety“
oder “Punt“ jonglieren können, sicher
nicht. Oder für solche, die wissen, dass beim Football
ein “Blitz“ genau so wenig mit Donner zu
tun hat, wie ein “Sack“ mit dem Transport
von Kartoffeln. Das Gerangel um den olivenförmigen
Lederball ist nicht kompliziert, es ist komplex. Allerdings
nur auf den zweiten Blick. Vordergründig ist es
ein Spiel von bestechender Schlichtheit – zwei
Mannschaften bemühen sich, möglichst häufig
das Spielgerät durch Tragen, Werfen oder Kicken
in die gegnerische Endzone zu bugsieren. Alles klar?
Dann los! “Gold 13, Gold 13 ... cut 24 ... hhhut
... hhhut ... hut“, spätestens beim “hut“
mögen sich Cineasten an “Lawrence von Arabien“
erinnert fühlen. Sicher eine Assoziation puren
Zufalls, auch wenn es eine überraschende Parallele
gibt: Ähnlich wie Peter O`Toole sein Kamel antreibt,
bemüht sich der Quarterback, der Spielmacher der
Offensive, seinen Mitspieler den Marschbefehl zu übermitteln.
“Hut, hut, hut“ ... und auf geht´s.
Jetzt setzen sich alle Spieler in Bewegung, ungeordnetem
Chaos wird scheinbar Tür und Tor geöffnet.
Und genau hier wird es ... komplex. Denn die oben genannte
Zahlenfolge ist die Blaupause für den durchgeführten
Spielzug. Jeder Mannschaftsteil stellt sich auf die
ihm mittels des codierten Zahlen- und Wortcocktails
zugewiesenen Platz. Geht die Strategie auf, dann senst
nun ein Spieler mit dem Ball durch die oppositionelle
Verteidigung wie ein Messer durch warme Butter. Oder
ein Wurf reißt ein Loch in die gegnerische Passabwehr
– das Gelbe vom Ei, der perfekte Spielzug. Der
passiert natürlich nur, wenn die Verteidigung nicht
längst den Braten gerochen, die drohende Angriffsvariante
dechiffriert und den verdutzten Quarterback und seine
Mannen über den Haufen gerannt haben. Strategie
und Gegenstrategie – nicht umsonst reden viele
vom Schach auf dem Rasen. Andere sprechen vom Tauziehen
– ohne Tau. Und wieder andere sprechen vom Krieg
mit anderen Mitteln.
Ist Football Krieg? Ist der Begriff “Rasenschach“
ein Euphemismus, nur weil echte Brettspieler ihrem Gegner
nicht den Helm in den Magen rammen? Die Vermutung liegt
nahe, bedient sich schon das Regelwerk Begriffen wie
“line of scrimmage“ (Frontlinie) oder “Endzone“
(Hinterland). Geht es doch um Landgewinnung, Vorwärtsverteidigung
und überfallartige Überraschungsangriffe.
Endgültig schließt der Kreis, wenn man weiß,
dass der deutsche Panzergeneral Guderian für die
moderne Weiterentwicklung eines Spiels (ungewollt) Pate
stand, dass in den späten 60er Jahren des 19. Jahrhunderts
als Rugby-Variante Urständ feierte. Der gewiefte
Militärstratege umfuhr beim Westfeldzug im II.
Weltkrieg mit seinen Panzer weitläufig die Maginot
Linie und stieß dann im Rücken der verteidigenden
Franzosen zu – der Blitzkrieg war geboren. Ein
findiger Football-Coach adaptierte die Taktik. Und schickte
1951 die Chicago Bears gegen die Washington Redskins
auf den 4500 Quadratmeter großen Platz. Mit großem
Erfolg. Chicago gewann 73 – 0.
Ist Football ein Spiegel der amerikanischen Geschichte?
Ein wenig schon, hat doch ein jeder Spielzug das Ziel
neues Terrain zu erobern. Und genau wie in der Historie,
gelten bei dieser Form der Landgewinnung nur wenig Benimmregeln.
Der Zweck heiligt die Mittel. Damals wie heute kämpft
man gegen Indianer (Washington Redskins) oder Bären
(Chicago Bears). Einst gab es in der Endzone keinen
Touchdown, sondern das gelobte Land, das sonnige Kalifornien,
das die Trecks durch die verschneiten Rockies oder das
unwirtliche Death Valley erreichen mussten. Die Analogie
passt, auch wenn bei einer solchen Betrachtung eine
Menge Pathos mitschwingt. Vielleicht ist Football deshalb
für den amerikanischen Sport das, was der Western
fürs amerikanische Kino ist, weil sowohl ein gelungener
Wurf, wie auch ein platzierter Schuss zur Legendenbildung
beiträgt. Wer jedoch nicht trifft, den bestraft
das Leben. Wie kaum eine andere Sportart verkörpert
Football das Schicksal des tragischen Helden. Ein Fehlpass
ohne Not, ein fallengelassener Ball, Hollywood bedient
sich gern der gepolsterten Männer, um den schmalen
Grat zwischen Gewinnen und Versagen zu illustrieren.
Filme wie “The longest yard“ mit Burt Reynolds
oder die äußerst gelungene Milieustudie “Any
given Sunday“ von Oliver Stone räumen mit
Klischees auf und zeigen die harte Realität.
Ist Football brutal? Es ist auf jeden Fall nichts für
Weicheier. Die behelmten 145 Kilo eines Lineman an den
Kopf gerammt zu bekommen, entspricht in etwa der Wucht
eines wohl getimten Tyson-Schwingers in seinen besten
Zeiten. Aber brutal? Das umfangreiche Regelwerk definiert
haarklein, was erlaubt ist und was nicht. Jeder Verstoß,
zum Beispiel ein Griff in die Maske, wird mit Raumverlust
für das ganze Team geahndet. Dennoch ... shit happens,
wie die Amis zu sagen pflegen. Verletzungen deshalb,
manche lebensgefährlich, auch. Die begnadeten Quarterbacks
Steve Young und Troy Aikman hingen den Helm nach wiederholten
Gehirnerschütterungen an den Nagel. “Broadway“
Joe Namath, der berühmte Spielmacher der New York
Jets aus den 60er Jahren, verbrachte von 10 NFL-Dienstjahren
drei im Lazarett. Doch Prellungen, Quetschungen und
Blutergüsse ohne großes Gejammer zu schlucken
gehören bei Jack Lambert, ein ehemaliger Verteidiger
der Pittsburgh Steelers, der einst ein gesamtes Spiel
mit gebrochenen Knöchel durchhielt, und Artverwandten
genauso selbstverständlich zum Spiel, wie die Schwalbe
und das anschließende Lamentieren bei Fußball-Heintje
Andy Möller.
Denn nur die Harten kommen ... in die Hall of Fame.
Der Schrein der Erfolgreichen. Und da wollen sie alle
hin, nach Canton, Ohio. Dort steht der heilige Gral,
eine Mischung aus ernsthaftem Museum, verspieltem Devotionalien-Kabinett
und Disneyland. Der Football-Olymph, wo man nur den
ganz großen huldigt. Auf dem findet man neben
besagten Jack Lambert, genannt “Fangzahn“,
auch den gemeinen “Mean“ Joe Greene –
zusammen gehörten sie zum “Steel Curtain“,
dem Stahlvorhang, der eisenharten Verteidigungslinie
aus Pittsburgh. Oder Dick “the animal“ Butkus,
der angeblich davon träumte seinem Gegner den Kopf
abzureissen. Und natürlich einen Mann, der aufgrund
seiner sportlichen Leistungen nicht fehlen darf, menschlich
jedoch eher, wenn es sie denn gäbe, in die Hall
of Shame gehörte: O.J. Simpson.
Das Los des (angeblichen) Doppelmörders illustriert
die Kehrseite des vom Big Business dominierten uramerikanischen
Sport. Viele der hochdotierten und hochgezüchteten
Gladiatoren leben in ihrer eigenen Welt. In einer, in
denen es manchem schwer fällt zwischen Spiel und
Wirklichkeit zu differenzieren. Weil die Sportart ihre
muskelbepackten Angestellten teilweise aus den untersten
Gesellschaftsschichten rekrutiert und ihm einbläut,
den Gegner zu vernichten, brennt bei dem einen oder
anderen auch im Alltag die Sicherung durch. Beispiel
Ray Lewis. Einer der hervorragensten Abwehrspieler der
Liga ließ sich in eine Messerstecherei verwickeln
und belastete sich dann selbst durch Falschaussagen.
Michael Irvin, von den Dallas Cowboys fiel als Vorbild
ebenfalls weg. Der ausgezeichnete Wide Receiver fing
in der Freizeit hauptsächlich Nutten und Koks. |