Die erste Gerade touchiert nur
ganz sanft. Kaum Wirkung. Der Kopf des Boxers
zuckt zurück, ein feiner Regen aus Schweißperlen
und Vaseline schlägt sich auf der grell geschminkten
Wasserstoffblondine in der zweiten Reihe nieder. Der
nächste Schlag hingegen ist besser getimt. Und
landet im Ziel. Wieder eine Gerade. Wie ferngesteuert
fliegt sie an die ungedeckte Schläfe. Sie verkündet
Strafe und Schmerz gleichzeitig. Und das Orakel, das
dem Kämpfer ins dröhnende Ohr flüstert,
daß er hier wohl auf verlorenen Posten fightet.
Während diese Erkenntnis noch unterwegs ist auf
dem Weg ins Stammhirn, muß der Boxer schon das
einstecken, was RTL Boxpapst Werner Schneyder immer
so gern als "schwere Hände nehmen" tituliert.
Von links und rechts hagelt es Aufwärtshaken auf
den ohnehin schon rot geprügelten und alles andere
als austrainierten Körper. Deckung und Kampfgeist
hängen. Zum Schluß einen Volltreffer auf
die Nase. Zu den Schweißperlen gesellt sich nun
Blut, eine Mischung, die auf der Blondine und ihrem
mindestens zwei Nummern zu engen Kleid aus weißem
Nappaleder abregnet und eine farbenfrohe Allianz eingeht.
Ihr kehliges Lachen verstummt ähnlich schnell,
wie sich der Boxer von der Vertikalen in die Horizontale
verabschiedet. Nach 2.45 Minuten in der dritten Runde
hat Billy Wooten seinen Arbeitstag unfreiwillig und
eigentlich zu früh beendet. Und seinen Kampfrekord
in sechsundzwanzig Ringeinsätzen auf eindrucksvolle
6-19-1 heruntergeschraubt.
Billy Wooten ist Boxer. Oder war. So jedenfalls sieht
das die Florida Athletic Commission, verantwortlich
für die Erteilung von Boxlizenzen. Und für
deren Widerruf – Billy ist zur Zeit vom Boxzirkus
suspendiert. Tommy Torino sieht das anders. Für
Faustkämpfer wie Wooten oder seine Kollegen Charles
Cue (0-8-1), Ralph "Bud" Monday (7-25-1) oder
George Kellman (7-31-1) hat er gleich mehrere Namen:
Fall Guys. Oder Stiffs. Corpse. Dead Man. Tomato Can.
Eigentlich aber nennt er sie "Opponent", eine
etwas irreführende Berufsbezeichnung, denn genau
übersetzt heißt Opponent nichts weiter als
Gegner. Meint aber das, was im Deutschen als Fallobst
bezeichnet wird. Torino ist Matchmaker. Verantwortlich
dafür, zwei Boxer in den Ring zu bekommen. Außerdem
ist er die rechte Hand von Patrick Gerrit. In Miami
betreiben die beiden mit "Gerrits Leprechaun Boxing"
einen kleinen Boxstall, bestehend aus drei hoffnungsvollen
Talenten, die alle irgendwann einmal reif sein sollen,
für den Kampf um die Weltmeisterschaft. Wie aber
wird man Herausforderer? Ganz einfach. Man boxt sich
einen Kampfrekord zurecht, der es einem erlaubt, irgendwann
einmal beim Champion anzuklingeln. Billy Wooten hingegen
wird niemanden anrufen. Dafür sorgt indirekt auch
Tommy Torino. Weil der stets seine Hausaufgaben macht.
"Ich setze einem meiner 7-0 Boxer einen Mann wie
Billy Wooten vor die Nase, weil ich glaube, daß
Wooten gewinnen kann??? Wohl kaum!" Torino ist
seit über 30 Jahre im Boxgeschäft. Erst als
aktiver Amateur- und Profiboxer – er entließ
sich sechsundzwanzigjährig mit einem Kampfrekord
von 31-4 aus dem Ring – später dann im Dunstkreis
von Chris Dundee, dem legendären Box-Promotor.
"Matchmaking ist alles andere als leicht. Wie schnell
passiert es, daß Du für Deinen Boxer, in
den Du schon eine halbe Million Dollar investiert hast,
einen Gegner besorgst, den keiner kennt. Und der haut
dann Deinen Boxer um. Boxen ist schließlich die
einzige Sportart, in der man sich seinen Gegner selbst
aussucht. Das ist ein Riesenvorteil. Also studiere ich
Videos und Kampfrekorde, kenne alle Boxer, fahre immer
wieder zu Boxveranstaltungen."
Tommy kennt sie wirklich alle. Zumindest in Florida.
Wieso eigentlich Florida? Boxen hat sicherlich kaum
jemand auf dem Zettel, wenn es darum geht die Vorzüge
des "Sunshine States" aufzuzählen. Dabei
hat das Boxen hier eine Jahrzehnte alte Tradition. Und
noch immer gilt der südliche Zipfel der USA als
pugilistische Hochburg – gleich nach den Boxmetropolen
Las Vegas und Atlantic City. George Foreman, Joe Frazier
und Larry Holmes – sie alle traten hier unter
der tropischen Sonne in den Ring. Doch der wohl berühmteste
Kampf fand noch vor deren Zeit statt. Boxpuristen werden
sich entsinnen, fast genau 35 Jahre ist es her, am 25.02.1964,
da schlug Cassius "Großmaul" Clay zum
ersten Mal wirklich aufsehenerregend zu – und
entthronte den damaligen Weltmeister Sonny Liston durch
einen T.K.O. in der 7 Runde. Schauplatz damals –
der Miami Beach Convention Center. Veranstalter damals
– Chris Dundee, dem "Godfather of Boxing",
wie Torino voller Ehrfurcht befindet. Er war es auch,
der über Jahre hinweg jeden Dienstag in Miami und
Umgebung Boxkämpfe ausrichtete. Über 1000
(!) mal fanden Dundees legendären Tuesday Night
Fights statt. Von den späten 50er bis hin zum Anfang
der 80er. Im Miami Beach Auditorium und im Jackie Gleason
Theater. Vor bis zu 5000 begeisterten Boxenthusiasten.
Trainiert und gesparrt wurde in der 5th Street Gym auf
der Washington Avenue – dem damaligen Epizentrum
für Champions und solche, die es werden wollten.
Muhammad Ali, Joe Louis, Sonny Liston, Ray Marciano
, Roberto Duran und – Mickey Rourke, sie alle
ließen Blut, Schweiß und Tränen in
unzähligen Schlagsitzungen. Doch das war gestern.
Die "Tuesday Fight Nights" sind Geschichte,
die berühmte Gym heute ein Parkplatz
Mit dem Ende der 5th Street Gym und dem langsamen Rückzug
Chris Dundees ging eine Ära zu Ende. Einige Zeit
hing die südliche Boxszene in den Seilen. Doch
seit ein paar Jahren leuchtet Miamis Stern wieder stark
und hell am Boxfirmament. Der Erfolg hat viele Väter.
Da sind zum einen Boxpromoter wie Julio Martinez oder
Felix "Tutu" Zabalas. Hoffnungsvolle Eigengewächse
wie Jeff Hill oder David Diaz. Die funkelnagelneue Trainingsanlage
von Angelo Dundee in Hollywood. Und da sind die Indianer.
"Gambling" ist das Zauberwort. Die Lizenz
zum Glücksspiel. Die Miccosukee Indians haben sich
direkt vor die Everglades ein riesiges Kasino bauen
lassen. Wie in Las Vegas oder Atlantic City soll auch
hier die Formel Glücksspiel plus Boxen gleich big
bucks voll aufgehen. Don King hat schon seine Fühler
ausgestreckt, die großen PAY TV Sender wie HBO
oder Showtime übertragen live und auch Boxsprachrohr
Michael "Let`s get ready to rumble" Buffer
läßt es sich nicht nehmen, vor noch etwas
spärlicher Kulisse seinen Bass ertönen zu
lassen. Doch die ganz große Stimmung will nicht
aufkommen. Dafür ist die Traglufthallenkonstruktion
zu steril, das ganze Ambiente erinnert eher an ein Rodeo
als an Boxen. Den Machern ist das egal, solange sich
das Fernsehen die Übertragung größere
Summen kosten läßt, könnte auch ohne
Zuschauer geboxt werden.
Ganz anders beim Park Plaza Boxing in Hialeah Gardens.
Hier lauern (noch) keine TV Kameras, hier blitzen höchstens
ein paar Fotoapparate. Zwar ist auch hier die Hütte
nicht ganz voll, die Atmosphäre ist dennoch einzigartig.
In einem ziemlich heruntergekommenen Ballsaal eines
etwas heruntergekommenen Hotels steht in der Mitte ein
Boxring. Scheinwerfer gibt es nicht, gefightet wird
unter dem matten Licht riesiger Kristalllüster.
Es ist heiß und feucht. Das Mobilar, der Polyesterteppich,
die Gardinen und Tapeten in den Farben der Saison von
1972 – alles atmet das Aroma unzähliger "bouts".
Ein Geruch von Schweiß, Leder und Blut wird an
die Luft gesetzt. Zusammen mit dem Qualm zahlreicher
Zigarren, sorgt er für nebulöse Umstände.
Das Publikum – nicht weniger undurchsichtig. Eine
fröhliche Mischung abenteuerlich gekleideter Halbweltler
jedweder Nationalität, deren spärlich bekleideter
Begleiterinnen, einer Handvoll Boxsachverständiger-
und Veteranen, einer Gruppe lärmender Jugendlicher,
ein paar Polizisten, die ihrem Zweitjob als Saalordner
nachgehen und ganz normalen Leuten, die einfach nur
zuschauen wollen, wie erwachsene Männer und Frauen
die Fäuste fliegen lassen. Die Athleten –
eine fröhliche Mischung aus austrainierten Boxern
und Boxerinnen – und deren Pendants, den Fall
Guys ... oder Fall Girls. Federgewicht-Patient Tony
Reyes mit dem imposanten Rekord von 2-20-2 muß
in der Mitte der Distanz zu Boden. Sein Gegner aus Nicaragua
pflanzt ihm eine Gerade mit einer solchen Hingabe ins
Gesicht, daß bei Tony ganz schnell alle Lampen
auszugehen drohen. Wie er trotzdem wieder in die Senkrechte
gerät und sich über die Runden rettet, wird
ewig sein Geheimnis bleiben. Die Ringrichter zeigen
sich wenig beeindruckt ob solcher Nehmerqualitäten
und verhelfen Tony zu einer weiteren Niederlage. Hauptkampf
des Abends: Jeff "The Thrill" Hill gegen einen
Kandidaten von den Kayman Inseln. Schon in der ersten
Runde holt es den Mann aus der Karibik von den Füßen.
Wie ein Derwisch tanzt Tommy Torino in der Ecke seines
Schützlings. Brüllt zusammen mit dem Trainer
Anweisungen. Und muß noch weitere sieben Runden
zittern, bis das Schiedsgericht einen Punktsieg für
seinen Stallkämpfer ausloben.
11.30. Ecke 35th Street NW und zweite Avenue, ebenfalls
Nordwesten. Eine unspektakuläre Kreuzung in Hialeah,
einem Stadtteil Miamis, in den sich der gemeine Pauschalurlauber
nur verirrt, wenn er dreimal falsch abgebogen ist. Die
Sonne steht fast senkrecht. Und scheint mit aller Kraft
auf einen rechteckigen, häßlichen, fast fensterlosen
Betonklotz. Draußen sind die Temperaturen schon
längst nördlich der 30 Grad geklettert, welche
Hitze muß dann erst drinnen herrschen? Ein graues
Rolltor ist halb geöffnet und gibt den Blick frei
auf einen ersten Boxring, hoch oben auf einem Podest.
Zur Linken drischt ein domenikanisches Leichtgewicht
hingebungsvoll auf einen Sandsack. Im zweiten Ring verprügelt
Schwergewichtler Phil Jackson seinen eigenen Schatten.
Über ihm, in großen Lettern an der unverputzten
Wand die Worte "If you REALLY want to win, you
will find a way. If not, you will find an excuse"
– ein Winner wird immer einen Weg finden, ein
Loser immer eine Ausrede. Hinter ihm, einige Boxnovizen,
die sich an den Hanteln langweilen. Es ist noch wenig
los – in der Gerrits Leprechaun Gym. Die beste
Zeit, der Boxtrainer-Legende Chuck Talhami bei der Arbeit
mit seinen Schützlingen über die Schultern
zu schauen. Und es ist erstaunlich kühl. Vielleicht
der Grund, warum Talhami schwarze Socken trägt?
Nicht wirklich, denn die nackten Füße unvorbereiteter
Besucher sind die perfekte Landezone für Moskitos
im Formationsflug. No-See-Ums heißen die, etwa
"die, die man nicht sehen kann"! Man fühlt
sie um so mehr! Die Boxer scheint das nicht zu stören.
Chuck auch nicht. Was macht ein Mann, dessen Name in
einem Atemzug mit Angelo Dundee, Cus D`Amato oder Eddie
Futch genannt werden muß, der Muhammad Ali, Jimmy
Ellis und Dariusz Michalczewski zu Weltmeisterehren
gecoacht hat, was macht ein solcher Mann in einem schlecht
gelüfteten, moskitoverseuchten Büro von der
Größe einer Hutschachtel? Er macht das, was
er am Besten kann. Er sichtet den Stoff, aus dem die
Helden sind. Sein jüngster Protegé –
Tommy Martin, die große, weiße Antwort auf
die allgegenwärtige schwarze Übermacht in
der boxerischen Königsdisziplin – dem Schwergewicht.
Und, wenn man Chucks emphatischen Worten Glauben schenkt,
schon bald der King im Ring.
"You have to beat a king to be a king". Alte
boxerische Binsenweisheit. Gleichzeitig aber auch die
Hoffnung, an die sich Fallobstler wie Charles Cue klammern.
Und immer wieder unverdrossen durch die Seile krabbeln,
in den Ring steigen, auf den Lucky Punch hoffen und
sich, weil sie ihn irgendwie wieder einmal nicht anbringen
können, rigoros vermöbeln lassen. Heute allerdings
hält sich die Prügel in Grenzen. Charles wurde
zum Sparring mit Tommy Martin überredet. Sein Gesicht
wirkt unter dem blauen Kopfschutz etwas gequetscht und
über dem Ledersuspensorium wackeln gut und gerne
5 bis 10 Kilo Übergewicht. Mit der Leichtfüssigkeit
ist es bereits nach wenigen Minuten vorbei. Tommy Martin
schlägt zu. Immer wieder. Und er trifft. In seiner
Ecke steht Chuck Talhami und gibt leise Kommandos. In
Charles` Ecke steht niemand. Nach der dritten Runde
ist es vorbei mit dem Ringzauber. "I am out of
shape" japst der 35jährige nach Luft und plumpst
erschöpft in einen Plastikstuhl. Martin hingegen
verhaut noch zwei bis drei Sandsäcke, legt eine
bestechende Sit-Up Serie hin und verholt dann in Richtung
Dusche.
Tommy Martin und Charles Cue – größer
könnten die Unterschiede kaum sein. Weiß
und groß trifft auf schwarz und klein. 22 Jahre
jung versus 35 Jahre alt. Behüteter Vorstadtjunge
mit High-School Abschluß meets ehemaliges Ghettokid
mit Drogen- und Alkoholproblemen. Eloquenz und Intelligenz
gegen Sprücheklopferei und Bauernschläue.
Cue ist ein Klassiker. Der Inbegriff des Fall Guy. Der
Fighter, der immer wieder eingeschenkt bekommt. Mindestens
vier Frontzähne sind missing in action. Unzählige
Narben zieren Oberkörper, Arme und Hinterkopf.
"Ach das, das kommt nicht vom Boxen", erklärt
er mit einem Zischen in der Stimme. "Das kommt
von der Straße. Mich hat einer mit dem Baseball-Bat
erwischt. Direkt unter der Nase. Ja, und nun fehlt mir
halt die Hälfte meines Esszimmers." Cue hat
Humor. Und vom Boxen so gut wie keine Ahnung. Sagt jedenfalls
Chuck Talhami. Mit einem milden Lächeln. Andere
denken ähnlich. Cue hat weder Trainer noch einen
ständigen Sparringspartner. In seinen neun Kämpfen
hat er fünfmal Bodenbekanntschaft gemacht. Beim
letzten Einsatz ging er so schwer K.O., daß ihm
die Florida Athletic Commission nahelegte, sich einer
neurologischen Untersuchung zu unterziehen. Trotzdem
fabuliert er ungebrochen über seine boxerische
Zukunft. " Der richtige Trainer, das richtige Training,
das wärs. Ich habe das Zeug, ein ganz Großer
zu werden." Sagt der Mann, der erst mit 33 Jahren
den professionellen Faustkampf entdeckt hat. Der mittlerweile
acht Kinder durchfüttern muß – fünf
eigene und drei seiner neuen Freundin! Der für
125 Dollar am Tag Zement gießen geht. Und der
sich auch beim nächsten Mal für 500 Dollar
treu in den Ring stellt, damit die Martins und Co auf
dem Weg nach oben locker einen weiteren Kampf auf der
Habenseite buchen können.
"Er ist unbekannt – er kann viele Namen,
er steht für viele." So steht es in dem Essay
"Über Boxen" von der bekannten amerikanischen
Autorin Joyce Carol Oates, Gemeint ist das Fallobst.
"Seine Karriere ist von vornherein festgelegt:
Er hat keine. Er verdient sein Leben als menschlicher
Sandsack." "Nonsens", schnaubt George
Kellman entrüstet. "Mich kann sie damit nicht
gemeint haben." Vielleicht, vielleicht nicht. George
ist Immobilienmakler und Mathematiklehrer an der High
School. Und er ist Profiboxer. Sozusagen im Nebenerwerb.
Ein Mann mit extrem flinken Händen und Füßen
und einer noch flinkeren Zunge. Würde George so
gut fighten wie er redet, hätte er sich nicht im
vergangenen den zweifelhaften Titel "South Florida`s
biggest loser" erboxt. George ist 7-31-1. In den
letzten drei Jahren hat er keinen Kampf mehr gewonnen.
Schuld haben die anderen. Mit einer Mischung aus stoischer
Gelassenheit und einem rechthaberischen Wortschwall,
dessen Rhetorik ein wenig an Muhammad Ali erinnert,
referiert der Mann minutenlang en detail darüber,
wie man ihm wann und wo den sicher geglaubten Sieg entrissen
hat. "Politics", sagt er und meint damit nichts
anderes, als das er als designierter "Opponent"
kein Recht und damit keine Chance auf einen Punktsieg
hat. Die Frage, warum er seinen prominenteren Gegenüber
nicht einfach nachhaltig auf die Bretter schickt, hingegen
bleibt unbeantwortet. "George Kellman?" Tommy
Torino verdreht ein wenig die Augen und unterdrückt
ein Grinsen bei der Analyse. "George Kellman boxt
auf einem anderen Planeten. Aber er ist tough. Und in
seiner Karriere noch nicht einmal wirklich K.O. gegangen."
"Kein Wunder" meint Trainer Talhami, "der
hat im Ring den schnellsten Rückwärtsgang
und ist somit kaum zu treffen." Das glaubt man
gern, wenn man dem Boxautodidakten Kellman beim Training
zusieht. Die 38 Lenze stecken in einem Körper,
der mindestens 15 Jahre jünger ist. Die Bewegungen
sind nach 25 Jahre Tai-Chi ein Muster an Geschmeidigkeit.
Auge, Nase, Unterkiefer – alles intakt. Warum
hängt er die Boxhandschuhe nicht einfach an den
Nagel? Weil er es genauso hält, wie ein von Oates
zitierter Weltergewichtsboxer, der fast jeden Kampf
den er focht, verlor: "Ich weiß, daß
ich nicht schlecht bin. Was ich tue, tue ich gern. Ich
liebe es zu boxen. ... Ich sehe mich schon, wie ich
den Titel gewinne." Ähnlich sehen das auch
die Wootens, die Kellmans, die Mondays und die Cues.
Wenn alle so "erfolgreich" weiterboxen, werden
sie irgendwann einen Champion mit ganz besonderen Meriten
herausfordern. Reginald Strickland aus Indiana. 44 mal
hat der gewonnen. Und 187 Mal verloren. Das macht ihn
zum ultimativen Fall Guy im ganzen Land. |