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Greyhound Rennen "Formel 1 mit Biss"
(a&r-Florida 99)

Angefangen hat dieser Rennsport mit einer Landplage. Farmer hetzten ihre Windhunde lästigen Karnickeln hinterher. Daraus wurde eine Passion für Zigtausende. A Day at the Races - im Hollywood Greyhound Track.
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"Heeeeere comes Hollywood"! Die Ansage, sie ist immer wieder die gleiche, hier im Hollywood Greyhound Track, eine gute halbe Autostunde nördlich von Miami. Und sie ist kaum verhallt, da richten sich alle Blicke auf einen kleinen Container mit acht Öffnungen. Aus ihnen springen nun wie von der Tarantel gestochen, acht Hunde in das, vom Flutlicht gleißend illuminierte, sandige Oval. Kollidieren miteinander, geraten ins Straucheln, aber rennen, was die dünnen Beine hergeben. "And they are off", dröhnt es über die Lautsprecher. Das Rennen hat begonnen.

Eigentlich ist das Greyhound-Rennen eine ganz natürliche Sache. So zumindest werden Anfang des Jahrhunderts Farmer in South Dakota gedacht haben, als sie aus der Not eine (sportliche) Tugend und aus dem Prinzip der Nahrungskette ein sportliches Format gemacht haben. Der Landwirt und sein Anwesen in jener Gegend litten unter einer Landplage namens "jack rabitt", dem gemeinen Präriehasen. Abhilfe verschafften Windhunde, denen anscheinend nichts auf der Welt wichtiger ist, als die Scholle ihres Herrchen von allen Rammlern dieser Erde zu befreien. Dem Herrchen wiederum war nichts wichtiger, als sich vor seinen Farmersfreunden mit der Schnelligkeit seines Vierbeiners zu brüsten. Geboren war die Rennidee.

1906 war das Jahr als im idyllischen Hot Springs erste Regionalmeisterschaften abgehalten wurde. Doch damals wie heute – Sport mit Tieren ist nicht jedermanns (lies: jederfraus) Sache. Die örtliche Damenwelt ging auf die Barrikaden. Weniger aus Sorge um die Hunde, als vielmehr wegen der etwas unsensiblen Rennwertung. Ein Rennen endete immer sehr abrupt dadurch, daß der Siegerhund sich den Nager griff und ihn in der Mitte durchbiß. Das schrie geradezu nach einer Änderung im Reglement. Der Live-Hase wurde ersetzt durch einen sogenannten "dummy rabitt" aus Blech, der den hinterhechelnden Greyhounds stets das entscheidende Stück voraus eilte. Blutopfer gehören seitdem der Vergangenheit an, nun hatte gewonnen, wer am schnellsten eine bestimmte Distanz durcheilte. Forciert durch den Jagdtrieb des Hundes und den Wetttrieb des Menschen lief das Greyhound-Rennen auf Hochtouren.

Und, frei nach Loriot, wo laufen sie denn? Auf über 100 Rennplätzen in den USA, davon allein 17 in Florida. Vor bis zu 15.000 Zuschauern an einem einzigen Renntag. Bei dem bis zu einer Million Dollar an den Wettschalter umgesetzt wird. So sah es aus, ungefähr um 1980 herum, zur Blütezeit des Windhundrennens. Inzwischen sind viele der Greyhound-Tracks verwaist. Howard Berg, seit fast 30 Jahren der Rennarena von Hollywood als Mitarbeiter verbunden, denkt ein wenig wehmütig an die alten Zeiten zurück. " Früher kamen die Leute in Scharen, heute gibt es einfach zu viele Möglichkeiten, sich zu amüsieren – seien es die Casino-Boats, Video-Games oder Disney World."

Doch heute ist es fast wieder wie damals. Ein Hauch von Nostalgie weht durch das knapp 65 Jahre alte Rund, denn endlich ist die Hütte mal wieder so richtig voll. Die "Hollywood World Classics, das wichtigste Rennen der Saison. Ruhm, Ehre und ein Siegerscheck von stattlichen 42.000 Dollar winken dem Besitzer des schnellsten Greyhound. Dem Hund winkt ein stattliches Steak. Jedenfalls wenn er C.J. Pepto Geno heißt. Frank Amato, sein Eigner, läßt sich da nicht lumpen. Über 8000 Dollar hat Pepto in dieser Saison schon nach Hause gerannt, sich für die "Classics" qualifiziert und damit alle Erwartungen von Trainer und Herrchen übertroffen. "Ein Sieg im letzten Rennen, ja, das wäre das Tüpfelchen auf dem i", sagen beide unisono. Hart trainiert wurde für das Ereignis, obwohl, das gibt Trainer Jeff Wilcox unumwunden zu," viel beizubringen ist den Tieren nicht. Anders als bei Pferden kann man ihnen keine Taktik lehren. Die rennen einfach, bis sie nicht mehr können."

Doch wo der Rennovize einfach nur acht schwachbrüstige Hunde sieht, die mit einer Geschwindigkeit von bis zu 60km/h etwa sechshundert Meter zurücklegen, entdeckt der geschulte Wett-Profi immer neue Erkenntnisse. Und macht sich Notizen. "Um an den Rennen dauerhaft zu verdienen, muß man Hausaufgaben machen", erklärt Howard Berg. "Das heißt kein Rennen versäumen, sich auch die Zeitlupe genau ansehen, darauf achten, ob ein Hund tendenziell eher nach innen drängt oder die Außenbahn sucht, ob er gut in der Kurve liegt oder eher auf der Zielgerade beschleunigt." Ein solcher Experte ist Skip. Skip, mit bürgerlichem Name Leon Feiner, ist Rennansager und Glücksritter in Personalunion. In seinem Kopf und seinen Aufzeichnungen verbergen sich über 30 Jahre geballte Greyhound-Erfahrung.. Er hat den Sport mit allen seinen Höhen und Tiefen begleitet. Beziehungsweise umgekehrt! Der Sport hat Skip durch alle Höhen und Tiefen geführt. "Angefangen habe ich schon während meiner Schulzeit. Ich habe auf alles gewettet, was Beine hat. Bei den Pferden und bei Jai-Alai ging nichts, doch für Hunde hatte ich immer ein Näschen." 12.000 Dollar hat er mal bei einem einzigen Rennen gewonnen, als er als einziger den Zieleinlauf der ersten vier Greyhounds vorausahnte. Er unterbricht seine Ausführungen kurz, um für das nächste Rennen die Hunde anzusagen. Fast wie im Schlaf spult er sein Programm ab. Er kennt sie alle; jeden Hund, dessen Gewicht, deren Besitzer, die Erfolge. Doch in den letzten Jahren ist es von allem zuviel geworden. Zu viele Veranstaltungen bedeuten zu viele Rennen. Zu viele Rennen bedeuten zu viele Hunde. Faktoren, die es auch dem engagiertesten Zocker unmöglich machen, exakte Wettprognosen zu treffen. "Es ist schon frustrierend. Immerhin konnte ich früher vom Spiel leben. Habe von sieben Rennen sechs gewonnen. Ich habe nie richtig arbeiten müssen. Und heute? Heute muß ich die Rennen ansagen, um über die Runden zu kommen." Aber Wetten tut er nach wie vor. Allerdings immer seltener auf die Hunde, die gerade unten vor seinen Augen in die Box geführt werden. Simulcast ist das Zauberwort. Simultanübertragungen. Und der Grund warum viele Tracks trotz einknickender Zuschauerzahlen überhaupt noch existieren.. Live über Satellit werden bis zu fünfzig Hunde- und Pferderennen aus dem ganzen Land in die Bildschirme eingespeist. Aus jedem Winkel im riesigen Stadioninneren, das ein wenig das Flair eines ostdeutschen Vorstadtbahnhof verbreitet, flimmert ein Bilderteppich aus Rennszenen und Wettstatistik. Vor den Monitoren hockt, teils freudig erregt, teils nachhaltig bestürzt, das Wettvolk - größtenteils älteren Zuschnitts. Jüdische Rentner mit ihren Eltern, eine Phalanx lateinamerikanischer Pensionäre, mitunter aufgelockert durch ein paar . goldkettenbehängte schwarze Jugendliche, Sozialhilfeempfänger und Neureiche. Ein Kessel Buntes. Mittendrin Sharon Goldberg, eine aparte Mitsechzigerin aus New Jersey, die sich in Fort Lauderdale zu Ruhe gesetzt. Dreimal die Woche kommt sie zum Greyhound Track nach Hollywood, doch ihre Leidenschaft gilt den Pferden. Wie versteinert starrt sie auf die kleine Mattscheibe – und hadert mit den Gäulen. Die 20 Dollar auf Sieg im dritten Rennen irgendwo auf einer Trabrennbahn in Connecticut sind so gut wie futsch, ihr Favorit mit der Nummer 3 liegt nach dreiviertel der Stecke hoffnungslos zurück. Warum sie denn nicht auf die Hunde setzen mag? "Die Biester sind mir einfach zu unberechenbar."

Das zwölfte und entscheidende Rennen. Die eigentlichen "Classics". Für Trainer Jeff Willcox und Frank Amato die Stunde der Wahrheit. Für C.J. Pepto Geno Steak oder Selters. Und für Sharon Goldberg, die ausnahmsweise doch einmal den Hunden eine Chance gibt, die letzte Möglichkeit für heute, ein bißchen Geld mit nach Hause zu nehmen. Ihre letzten vier Dollar hat sie auf "Kiowa Chippewa", den erklärten Favoriten, gesetzt. "Heeeeere comes Hollywood" – selbst in Skips Ansage meint man ein wenig mehr Verve herauszuhören. Hat er vielleicht doch noch ein paar Dollar riskiert? 31 Sekunden später – lange Gesichter bei Jeff, Frank und Sharon, nur irgendwo da draußen beim anonymen Wettvolk bricht Jubel aus. Womit keiner rechnen konnte, "Kelsos Kingpin" hat alle Artgenossen hinter sich gelassen. Und das als absoluter Außenseiter, da gibt es einiges zu gewinnen. Enthusiastisch schmettert Skip die Quoten durch die Lautsprecheranlage. Hat der alte Fuchs erneut sein Näschen unter Beweis gestellt? Pepto hingegen ist nur Fünfter geworden. Und bekommt trotzdem ein Steak.