"Heeeeere comes Hollywood"!
Die Ansage, sie ist immer wieder die gleiche, hier im
Hollywood Greyhound Track, eine gute halbe
Autostunde nördlich von Miami. Und sie ist kaum
verhallt, da richten sich alle Blicke auf einen kleinen
Container mit acht Öffnungen. Aus ihnen springen
nun wie von der Tarantel gestochen, acht Hunde in das,
vom Flutlicht gleißend illuminierte, sandige Oval.
Kollidieren miteinander, geraten ins Straucheln, aber
rennen, was die dünnen Beine hergeben. "And
they are off", dröhnt es über die Lautsprecher.
Das Rennen hat begonnen.
Eigentlich ist das Greyhound-Rennen eine ganz natürliche
Sache. So zumindest werden Anfang des Jahrhunderts Farmer
in South Dakota gedacht haben, als sie aus der Not eine
(sportliche) Tugend und aus dem Prinzip der Nahrungskette
ein sportliches Format gemacht haben. Der Landwirt und
sein Anwesen in jener Gegend litten unter einer Landplage
namens "jack rabitt", dem gemeinen Präriehasen.
Abhilfe verschafften Windhunde, denen anscheinend nichts
auf der Welt wichtiger ist, als die Scholle ihres Herrchen
von allen Rammlern dieser Erde zu befreien. Dem Herrchen
wiederum war nichts wichtiger, als sich vor seinen Farmersfreunden
mit der Schnelligkeit seines Vierbeiners zu brüsten.
Geboren war die Rennidee.
1906 war das Jahr als im idyllischen Hot Springs erste
Regionalmeisterschaften abgehalten wurde. Doch damals
wie heute – Sport mit Tieren ist nicht jedermanns
(lies: jederfraus) Sache. Die örtliche Damenwelt
ging auf die Barrikaden. Weniger aus Sorge um die Hunde,
als vielmehr wegen der etwas unsensiblen Rennwertung.
Ein Rennen endete immer sehr abrupt dadurch, daß
der Siegerhund sich den Nager griff und ihn in der Mitte
durchbiß. Das schrie geradezu nach einer Änderung
im Reglement. Der Live-Hase wurde ersetzt durch einen
sogenannten "dummy rabitt" aus Blech, der
den hinterhechelnden Greyhounds stets das entscheidende
Stück voraus eilte. Blutopfer gehören seitdem
der Vergangenheit an, nun hatte gewonnen, wer am schnellsten
eine bestimmte Distanz durcheilte. Forciert durch den
Jagdtrieb des Hundes und den Wetttrieb des Menschen
lief das Greyhound-Rennen auf Hochtouren.
Und, frei nach Loriot, wo laufen sie denn? Auf über
100 Rennplätzen in den USA, davon allein 17 in
Florida. Vor bis zu 15.000 Zuschauern an einem einzigen
Renntag. Bei dem bis zu einer Million Dollar an den
Wettschalter umgesetzt wird. So sah es aus, ungefähr
um 1980 herum, zur Blütezeit des Windhundrennens.
Inzwischen sind viele der Greyhound-Tracks verwaist.
Howard Berg, seit fast 30 Jahren der Rennarena von Hollywood
als Mitarbeiter verbunden, denkt ein wenig wehmütig
an die alten Zeiten zurück. " Früher
kamen die Leute in Scharen, heute gibt es einfach zu
viele Möglichkeiten, sich zu amüsieren –
seien es die Casino-Boats, Video-Games oder Disney World."
Doch heute ist es fast wieder wie damals. Ein Hauch
von Nostalgie weht durch das knapp 65 Jahre alte Rund,
denn endlich ist die Hütte mal wieder so richtig
voll. Die "Hollywood World Classics, das wichtigste
Rennen der Saison. Ruhm, Ehre und ein Siegerscheck von
stattlichen 42.000 Dollar winken dem Besitzer des schnellsten
Greyhound. Dem Hund winkt ein stattliches Steak. Jedenfalls
wenn er C.J. Pepto Geno heißt. Frank Amato, sein
Eigner, läßt sich da nicht lumpen. Über
8000 Dollar hat Pepto in dieser Saison schon nach Hause
gerannt, sich für die "Classics" qualifiziert
und damit alle Erwartungen von Trainer und Herrchen
übertroffen. "Ein Sieg im letzten Rennen,
ja, das wäre das Tüpfelchen auf dem i",
sagen beide unisono. Hart trainiert wurde für das
Ereignis, obwohl, das gibt Trainer Jeff Wilcox unumwunden
zu," viel beizubringen ist den Tieren nicht. Anders
als bei Pferden kann man ihnen keine Taktik lehren.
Die rennen einfach, bis sie nicht mehr können."
Doch wo der Rennovize einfach nur acht schwachbrüstige
Hunde sieht, die mit einer Geschwindigkeit von bis zu
60km/h etwa sechshundert Meter zurücklegen, entdeckt
der geschulte Wett-Profi immer neue Erkenntnisse. Und
macht sich Notizen. "Um an den Rennen dauerhaft
zu verdienen, muß man Hausaufgaben machen",
erklärt Howard Berg. "Das heißt kein
Rennen versäumen, sich auch die Zeitlupe genau
ansehen, darauf achten, ob ein Hund tendenziell eher
nach innen drängt oder die Außenbahn sucht,
ob er gut in der Kurve liegt oder eher auf der Zielgerade
beschleunigt." Ein solcher Experte ist Skip. Skip,
mit bürgerlichem Name Leon Feiner, ist Rennansager
und Glücksritter in Personalunion. In seinem Kopf
und seinen Aufzeichnungen verbergen sich über 30
Jahre geballte Greyhound-Erfahrung.. Er hat den Sport
mit allen seinen Höhen und Tiefen begleitet. Beziehungsweise
umgekehrt! Der Sport hat Skip durch alle Höhen
und Tiefen geführt. "Angefangen habe ich schon
während meiner Schulzeit. Ich habe auf alles gewettet,
was Beine hat. Bei den Pferden und bei Jai-Alai ging
nichts, doch für Hunde hatte ich immer ein Näschen."
12.000 Dollar hat er mal bei einem einzigen Rennen gewonnen,
als er als einziger den Zieleinlauf der ersten vier
Greyhounds vorausahnte. Er unterbricht seine Ausführungen
kurz, um für das nächste Rennen die Hunde
anzusagen. Fast wie im Schlaf spult er sein Programm
ab. Er kennt sie alle; jeden Hund, dessen Gewicht, deren
Besitzer, die Erfolge. Doch in den letzten Jahren ist
es von allem zuviel geworden. Zu viele Veranstaltungen
bedeuten zu viele Rennen. Zu viele Rennen bedeuten zu
viele Hunde. Faktoren, die es auch dem engagiertesten
Zocker unmöglich machen, exakte Wettprognosen zu
treffen. "Es ist schon frustrierend. Immerhin konnte
ich früher vom Spiel leben. Habe von sieben Rennen
sechs gewonnen. Ich habe nie richtig arbeiten müssen.
Und heute? Heute muß ich die Rennen ansagen, um
über die Runden zu kommen." Aber Wetten tut
er nach wie vor. Allerdings immer seltener auf die Hunde,
die gerade unten vor seinen Augen in die Box geführt
werden. Simulcast ist das Zauberwort. Simultanübertragungen.
Und der Grund warum viele Tracks trotz einknickender
Zuschauerzahlen überhaupt noch existieren.. Live
über Satellit werden bis zu fünfzig Hunde-
und Pferderennen aus dem ganzen Land in die Bildschirme
eingespeist. Aus jedem Winkel im riesigen Stadioninneren,
das ein wenig das Flair eines ostdeutschen Vorstadtbahnhof
verbreitet, flimmert ein Bilderteppich aus Rennszenen
und Wettstatistik. Vor den Monitoren hockt, teils freudig
erregt, teils nachhaltig bestürzt, das Wettvolk
- größtenteils älteren Zuschnitts. Jüdische
Rentner mit ihren Eltern, eine Phalanx lateinamerikanischer
Pensionäre, mitunter aufgelockert durch ein paar
. goldkettenbehängte schwarze Jugendliche, Sozialhilfeempfänger
und Neureiche. Ein Kessel Buntes. Mittendrin Sharon
Goldberg, eine aparte Mitsechzigerin aus New Jersey,
die sich in Fort Lauderdale zu Ruhe gesetzt. Dreimal
die Woche kommt sie zum Greyhound Track nach Hollywood,
doch ihre Leidenschaft gilt den Pferden. Wie versteinert
starrt sie auf die kleine Mattscheibe – und hadert
mit den Gäulen. Die 20 Dollar auf Sieg im dritten
Rennen irgendwo auf einer Trabrennbahn in Connecticut
sind so gut wie futsch, ihr Favorit mit der Nummer 3
liegt nach dreiviertel der Stecke hoffnungslos zurück.
Warum sie denn nicht auf die Hunde setzen mag? "Die
Biester sind mir einfach zu unberechenbar."
Das zwölfte und entscheidende Rennen. Die eigentlichen
"Classics". Für Trainer Jeff Willcox
und Frank Amato die Stunde der Wahrheit. Für C.J.
Pepto Geno Steak oder Selters. Und für Sharon Goldberg,
die ausnahmsweise doch einmal den Hunden eine Chance
gibt, die letzte Möglichkeit für heute, ein
bißchen Geld mit nach Hause zu nehmen. Ihre letzten
vier Dollar hat sie auf "Kiowa Chippewa",
den erklärten Favoriten, gesetzt. "Heeeeere
comes Hollywood" – selbst in Skips Ansage
meint man ein wenig mehr Verve herauszuhören. Hat
er vielleicht doch noch ein paar Dollar riskiert? 31
Sekunden später – lange Gesichter bei Jeff,
Frank und Sharon, nur irgendwo da draußen beim
anonymen Wettvolk bricht Jubel aus. Womit keiner rechnen
konnte, "Kelsos Kingpin" hat alle Artgenossen
hinter sich gelassen. Und das als absoluter Außenseiter,
da gibt es einiges zu gewinnen. Enthusiastisch schmettert
Skip die Quoten durch die Lautsprecheranlage. Hat der
alte Fuchs erneut sein Näschen unter Beweis gestellt?
Pepto hingegen ist nur Fünfter geworden. Und bekommt
trotzdem ein Steak.
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