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Jai Alai "Schleuder-Trauma" (a&r-Florida 99)
Es klingt nach mongolischem Eintopf. Wirkt wie Squash mit einer esoterischen Zählweise. Wird von eingezäunten behelmten Männern nach einem K.o.-System gespielt. Das ist Jai-Alai, das schnellste und eleganteste Ballspiel der Welt..
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Riten und Bräuche sind so eine Sache. Früher mußten die Verlierer des Spiels ihren Kopf durch eine steinerne Öffnung in einer Mauer stecken. Passten diese hindurch und kamen auf der anderen Seite wieder heraus, wurden sie abgeschlagen. Kein Zweifel, die Atzteken waren mit einer gewissen Ernsthaftigkeit bei der Sache. Und ginge es nach Carlos, dem Aussehen nach eigentlich ein gemütlicher, etwas schwergewichtiger Exil-Kubaner, dann täte dem Spiel von heute ein bißchen Tradition von gestern durchaus gut. Carlos hadert. Mit sich, seinem Wetteinsatz und der anscheinend erbärmlichen spielerischen Darbietung seiner Gladiatoren. Puterrot ist sein Gesicht angelaufen, er schleudert Obszönitäten, halb Englisch, halb Spanisch, in Richtung eines mit Maschendraht eingezäunten Areals – dort wo ein eigentümlich anmutendes Ballspiel gepflegt wird.

Willkommen beim Jai-Alai (ausgesprochen: Hai-Lei). Dem Namen nach eine eigentlich eher gefällige Veranstaltung. "Ein fröhliches Fest feiern" – so in etwa übersetzt sich Jai-Alai, ein Begriff, der aus dem Baskischen stammt. Das Baskenland gilt als die Hochburg des "Pelota-Spiels" (nachdem die spanischen Eroberer Krankheiten gen Mexiko exportierten und im Gegenzug das Spiel mit nach Hause brachten). Pelota kann auf 22 verschiedene Arten gespielt werden, so steht es in den Statuten des Weltverbands. Eine davon ist Jai-Alai. Zu Hause ist Jai-Alai inzwischen hauptsächlich in Amerika. Und dort vorzugsweise in Florida.

"Trag deinen dicken Hintern zurück nach San Sebastian, Du mieser Pfefferfresser". So in etwa übersetzen sich Carlos letzte, aufmunternde Worte an den Spieler mit der Nummer 12. Was beim Tennis in die Spielanalen als Fehler ohne Not eingehen würde, hat hier eine völlig andere Dimension. Die Nummer 12 hat den Ball fallengelassen. Das geht eigentlich gar nicht! Denn die Nummer 12 ist Michelena und Michelena ist Gott. Und Gott würde doch nicht einfach einen Ball fallenlassen, oder? Jedenfalls nicht, wenn Carlos mit ein paar Dollar dagegen gesetzt hat. Natürlich ist Michelena nicht der Allmächtige, auch wenn die Verehrung für ihn und sein Können durchaus religiöse Züge aufweist. Geld und Glaube sind beim Jai-Alai auf wundersame Weise komplementär. Michelena gilt seit Jahren als der weltbeste Spieler im Jai-Alai Zirkus. Wenn man der Statistik glaubt. Und der muß man glauben, denn sonst kann man nicht gewinnen. Sagt Carlos. Der sollte es wissen, läßt er doch seit 23 Jahren regelmäßig Geld an den Wettschaltern und freut sich schon beim nächsten Auftritt Michelenas diebisch, daß der erneut die Kugel versemmelt hat. Ja was denn nun? Soll er sie nun fangen oder nicht?

Kompliziert? Mitnichten. Dreierlei braucht es, um sich mit den Geheimnissen von Jai-Alai vertraut zu machen. Erstens eine gesunde Portion Toleranz und Geduld. Jai-Alai, das ist nicht nur Sport. Das ist Spiel, Leidenschaft und Zockerei. Alles gleichzeitig. Zweitens ein Besuch in einem Fronton, so heißen die Gebäude, in denen gespielt wird. Und drittens das Glück, jemanden zu finden wie Brian. Brian ist 26 und von Beruf Optiker. Brian sieht alles, er ist Fan, Hasadeur und Statistiker in Personalunion. "Also," holt er weit aus, um es den Novizen so einfach wie möglich zu machen, " gespielt wird entweder Einzel oder Doppel. Geschlagen wird gegen eine Wand, der Ball darf einmal den Boden berühren und gewertet wird nach dem K.O. Prinzip. Die Verlierer räumen das Feld, die Sieger spielen gegen das nächste Team, solange bis sie selbst verlieren oder gegen alle gewonnen haben – was übrigens höchst selten vorkommt." Geschlagen und dann wieder scheinbar mühelos-elegant aus der Luft gepflückt wird der Ball mit einem sichelförmigen Arbeitsgerät aus Korb, der Cesta. Lektion begriffen, im Prinzip also nichts anderes als Squash mit einem etwas esoterischen Zählrhythmus. Im Prinzip ...! Warum aber tragen die Spieler Helme? Warum haben sie hinten und vorne unterschiedliche Nummern auf ihren Trikots? Warum ist das Spielfeld eingezäunt? Statt einer Antwort ertönt Stierkampfmusik. Das Licht wird gedimmt – Einmarsch der Spieler. Kurze Verbeugung mit erhobener Cesta in Richtung Publikum. Los geht’s. Und zwei der drei Fragen haben sich schon mit dem ersten Ballwechsel erledigt! Der Delantero, der Spieler zuständig für den vorderen Court-Bereich, schlägt auf. Besser: Er läßt den Ball kurz auftropfen saugt ihn mit der Cesta förmlich auf und schleudert ihn dann mit einer ungewöhnlichen Verbindung aus graziler Anmutung und martialischer Gewalt gegen die Wand. Auf dem Weg dorthin beschleunigt die Kugel mühelos auf Geschwindigkeiten von über 250 Stundenkilometer. Der Aufprall klingt dann wie ein Pistolenschuß und der Abpraller saust mit kaum vermindertem Speed zurück ins Feld. Daher auch die Helme. Und der Zaun. Denn sonst hätte wahrscheinlich schon mancher Querschläger Spieler oder Gast erlegt. Aber zurück zum Spiel. Das gegnerische Team beeilt sich jetzt den Ball ihrerseits unter Kontrolle zu bringen und in Richtung Wand zu lancieren. Möglichst in dem sie einen "killer shot" anbringen, eine Wurf-Schlag-Schleuderkombination, die beim besten Willen nicht zu retournieren ist. Bis das gelingt, galoppieren die Spieler über die gesamten 1000 Quadratmeter der Halle, rennen die Wände hoch, werfen sich halsbrecherisch auf den zementharten Boden, um vielleicht doch noch das kleine weiße Rund zu fangen. Alles im Dienste von Carlos, Brian und anderer Glücksspieler. Zwar kommen die nicht, um das schnellste und vermeintlich eleganteste Ballspiel der Welt zu bewundern. Sie kommen, um zu wetten. Und sorgen mit ihren Einsätzen für die Siegprämie von gerade mal 70 Dollar pro Spiel. Reich wird hier niemand. Selbst Spitzenspieler wie Michelena oder Daniel bringen keine $100.000 im Jahr nach Hause. Soviel mußte man in der vergangenen Saison Michael Jordan zahlen, damit er Körbe wirft – allerdings pro Spiel! Arm wird jedoch auch niemand, der durchschnittliche Zocker verliert am Abend selten mehr als eine Handvoll Dollars – wenn er nicht übermütig wird. "Schon ab einem Dollar ist man dabei", klärt Brian auf und weiht mich in die Tiefen der Wettphilosophie ein. Minutenlang hagelt es Begriffe wie Quiniela, Trifecta oder Superfecta, unterteilt ins Wheeling, Rundown oder Boxing Verfahren. Der Grat zwischen Verstehen und vollendeter Verwirrung ist schmal. Also flugs eingereiht in die Phalanx der Unentwegten am Wettschalter und fröhlich gesetzt. "One Quiniela 1-6 for Game 11, please". Für zwei Dollar bekommt das 11. Spiel nun eine völlig andere Dimension. Faux pas anderer Teams werden beklatscht, gelungene Aktionen niedergebuht. Jetzt geht es nicht mehr um die Anmut des Spiels, sondern um Return of Investment. Team 1 und 6 müssen siegen, Reihenfolge egal, dann ginge es retour zum Schalter. Zwecks Auszahlung. Eine halbe Stunde später Ernüchterung. Die Jungs mit der Rückennummer 1 haben zwar gewonnen, doch Team 6 verlor leider durch einen Fangfehler im Spiel um Platz 2. Brian lächelt milde. "Heute ist richtig was im Pott, da hast Du echt Pech gehabt."

Heute ist "Tournament of Champions". Heute ist die Hütte fast voll. Die besten Spieler Amerikas sind heute versammelt, um in vier Wettbewerben ihren Meister zu auszuspielen. Die erste Runde findet in Miami statt. Danach folgen Fort Pierce, Dania und Orlando. "Fast wie in alten Zeiten", schwärmt Dave Lemmon, P.R. Director von Miami Jai-Alai , obwohl es diese nur vom Hörensagen kennt. Seit 1982 ist er dabei. Und seitdem geht es mit dem Sport ständig bergab. Wo sich noch in den 50er und 60er Jahren bis zu 8000 Zuschauern auf Stehplätzen drängelten, verlieren sich heute gerade mal ein paar Hundert in den bequemen Polstersitzen. Zugegeben, die Halle aus dem Jahr 1926 verströmt mittlerweile ungefähr den gleichen Charme wie der Palast der Republik in Berlin. Doch an der Architektur allein kann es nicht liegen. "1988 hat uns das Genick gebrochen. Die Spieler wollten mehr Geld und streikten . Alle dachten, die Sache sei nach drei Wochen ausgestanden. Irrtum! Drei Jahre lang mussten wir uns mit schlechten Ersatzspielern behelfen. Das haben uns die Zuschauer nicht verziehen." Die Einführung der Lotterie in Florida und der langsame Niedergang der unmittelbaren Nachbarschaft des Stadions haben auch nicht gerade geholfen. Eigentlich hat Jai-Alai keine Chance mehr. Doch solange der Kopf nicht durch die Mauer paßt ...