Riten und Bräuche sind
so eine Sache. Früher mußten die
Verlierer des Spiels ihren Kopf durch eine steinerne
Öffnung in einer Mauer stecken. Passten diese hindurch
und kamen auf der anderen Seite wieder heraus, wurden
sie abgeschlagen. Kein Zweifel, die Atzteken waren mit
einer gewissen Ernsthaftigkeit bei der Sache. Und ginge
es nach Carlos, dem Aussehen nach eigentlich ein gemütlicher,
etwas schwergewichtiger Exil-Kubaner, dann täte
dem Spiel von heute ein bißchen Tradition von
gestern durchaus gut. Carlos hadert. Mit sich, seinem
Wetteinsatz und der anscheinend erbärmlichen spielerischen
Darbietung seiner Gladiatoren. Puterrot ist sein Gesicht
angelaufen, er schleudert Obszönitäten, halb
Englisch, halb Spanisch, in Richtung eines mit Maschendraht
eingezäunten Areals – dort wo ein eigentümlich
anmutendes Ballspiel gepflegt wird.
Willkommen beim Jai-Alai (ausgesprochen: Hai-Lei). Dem
Namen nach eine eigentlich eher gefällige Veranstaltung.
"Ein fröhliches Fest feiern" –
so in etwa übersetzt sich Jai-Alai, ein Begriff,
der aus dem Baskischen stammt. Das Baskenland gilt als
die Hochburg des "Pelota-Spiels" (nachdem
die spanischen Eroberer Krankheiten gen Mexiko exportierten
und im Gegenzug das Spiel mit nach Hause brachten).
Pelota kann auf 22 verschiedene Arten gespielt werden,
so steht es in den Statuten des Weltverbands. Eine davon
ist Jai-Alai. Zu Hause ist Jai-Alai inzwischen hauptsächlich
in Amerika. Und dort vorzugsweise in Florida.
"Trag deinen dicken Hintern zurück nach San
Sebastian, Du mieser Pfefferfresser". So in etwa
übersetzen sich Carlos letzte, aufmunternde Worte
an den Spieler mit der Nummer 12. Was beim Tennis in
die Spielanalen als Fehler ohne Not eingehen würde,
hat hier eine völlig andere Dimension. Die Nummer
12 hat den Ball fallengelassen. Das geht eigentlich
gar nicht! Denn die Nummer 12 ist Michelena und Michelena
ist Gott. Und Gott würde doch nicht einfach einen
Ball fallenlassen, oder? Jedenfalls nicht, wenn Carlos
mit ein paar Dollar dagegen gesetzt hat. Natürlich
ist Michelena nicht der Allmächtige, auch wenn
die Verehrung für ihn und sein Können durchaus
religiöse Züge aufweist. Geld und Glaube sind
beim Jai-Alai auf wundersame Weise komplementär.
Michelena gilt seit Jahren als der weltbeste Spieler
im Jai-Alai Zirkus. Wenn man der Statistik glaubt. Und
der muß man glauben, denn sonst kann man nicht
gewinnen. Sagt Carlos. Der sollte es wissen, läßt
er doch seit 23 Jahren regelmäßig Geld an
den Wettschaltern und freut sich schon beim nächsten
Auftritt Michelenas diebisch, daß der erneut die
Kugel versemmelt hat. Ja was denn nun? Soll er sie nun
fangen oder nicht?
Kompliziert? Mitnichten. Dreierlei braucht es, um sich
mit den Geheimnissen von Jai-Alai vertraut zu machen.
Erstens eine gesunde Portion Toleranz und Geduld. Jai-Alai,
das ist nicht nur Sport. Das ist Spiel, Leidenschaft
und Zockerei. Alles gleichzeitig. Zweitens ein Besuch
in einem Fronton, so heißen die Gebäude,
in denen gespielt wird. Und drittens das Glück,
jemanden zu finden wie Brian. Brian ist 26 und von Beruf
Optiker. Brian sieht alles, er ist Fan, Hasadeur und
Statistiker in Personalunion. "Also," holt
er weit aus, um es den Novizen so einfach wie möglich
zu machen, " gespielt wird entweder Einzel oder
Doppel. Geschlagen wird gegen eine Wand, der Ball darf
einmal den Boden berühren und gewertet wird nach
dem K.O. Prinzip. Die Verlierer räumen das Feld,
die Sieger spielen gegen das nächste Team, solange
bis sie selbst verlieren oder gegen alle gewonnen haben
– was übrigens höchst selten vorkommt."
Geschlagen und dann wieder scheinbar mühelos-elegant
aus der Luft gepflückt wird der Ball mit einem
sichelförmigen Arbeitsgerät aus Korb, der
Cesta. Lektion begriffen, im Prinzip also nichts anderes
als Squash mit einem etwas esoterischen Zählrhythmus.
Im Prinzip ...! Warum aber tragen die Spieler Helme?
Warum haben sie hinten und vorne unterschiedliche Nummern
auf ihren Trikots? Warum ist das Spielfeld eingezäunt?
Statt einer Antwort ertönt Stierkampfmusik. Das
Licht wird gedimmt – Einmarsch der Spieler. Kurze
Verbeugung mit erhobener Cesta in Richtung Publikum.
Los geht’s. Und zwei der drei Fragen haben sich
schon mit dem ersten Ballwechsel erledigt! Der Delantero,
der Spieler zuständig für den vorderen Court-Bereich,
schlägt auf. Besser: Er läßt den Ball
kurz auftropfen saugt ihn mit der Cesta förmlich
auf und schleudert ihn dann mit einer ungewöhnlichen
Verbindung aus graziler Anmutung und martialischer Gewalt
gegen die Wand. Auf dem Weg dorthin beschleunigt die
Kugel mühelos auf Geschwindigkeiten von über
250 Stundenkilometer. Der Aufprall klingt dann wie ein
Pistolenschuß und der Abpraller saust mit kaum
vermindertem Speed zurück ins Feld. Daher auch
die Helme. Und der Zaun. Denn sonst hätte wahrscheinlich
schon mancher Querschläger Spieler oder Gast erlegt.
Aber zurück zum Spiel. Das gegnerische Team beeilt
sich jetzt den Ball ihrerseits unter Kontrolle zu bringen
und in Richtung Wand zu lancieren. Möglichst in
dem sie einen "killer shot" anbringen, eine
Wurf-Schlag-Schleuderkombination, die beim besten Willen
nicht zu retournieren ist. Bis das gelingt, galoppieren
die Spieler über die gesamten 1000 Quadratmeter
der Halle, rennen die Wände hoch, werfen sich halsbrecherisch
auf den zementharten Boden, um vielleicht doch noch
das kleine weiße Rund zu fangen. Alles im Dienste
von Carlos, Brian und anderer Glücksspieler. Zwar
kommen die nicht, um das schnellste und vermeintlich
eleganteste Ballspiel der Welt zu bewundern. Sie kommen,
um zu wetten. Und sorgen mit ihren Einsätzen für
die Siegprämie von gerade mal 70 Dollar pro Spiel.
Reich wird hier niemand. Selbst Spitzenspieler wie Michelena
oder Daniel bringen keine $100.000 im Jahr nach Hause.
Soviel mußte man in der vergangenen Saison Michael
Jordan zahlen, damit er Körbe wirft – allerdings
pro Spiel! Arm wird jedoch auch niemand, der durchschnittliche
Zocker verliert am Abend selten mehr als eine Handvoll
Dollars – wenn er nicht übermütig wird.
"Schon ab einem Dollar ist man dabei", klärt
Brian auf und weiht mich in die Tiefen der Wettphilosophie
ein. Minutenlang hagelt es Begriffe wie Quiniela, Trifecta
oder Superfecta, unterteilt ins Wheeling, Rundown oder
Boxing Verfahren. Der Grat zwischen Verstehen und vollendeter
Verwirrung ist schmal. Also flugs eingereiht in die
Phalanx der Unentwegten am Wettschalter und fröhlich
gesetzt. "One Quiniela 1-6 for Game 11, please".
Für zwei Dollar bekommt das 11. Spiel nun eine
völlig andere Dimension. Faux pas anderer Teams
werden beklatscht, gelungene Aktionen niedergebuht.
Jetzt geht es nicht mehr um die Anmut des Spiels, sondern
um Return of Investment. Team 1 und 6 müssen siegen,
Reihenfolge egal, dann ginge es retour zum Schalter.
Zwecks Auszahlung. Eine halbe Stunde später Ernüchterung.
Die Jungs mit der Rückennummer 1 haben zwar gewonnen,
doch Team 6 verlor leider durch einen Fangfehler im
Spiel um Platz 2. Brian lächelt milde. "Heute
ist richtig was im Pott, da hast Du echt Pech gehabt."
Heute ist "Tournament of Champions". Heute
ist die Hütte fast voll. Die besten Spieler Amerikas
sind heute versammelt, um in vier Wettbewerben ihren
Meister zu auszuspielen. Die erste Runde findet in Miami
statt. Danach folgen Fort Pierce, Dania und Orlando.
"Fast wie in alten Zeiten", schwärmt
Dave Lemmon, P.R. Director von Miami Jai-Alai , obwohl
es diese nur vom Hörensagen kennt. Seit 1982 ist
er dabei. Und seitdem geht es mit dem Sport ständig
bergab. Wo sich noch in den 50er und 60er Jahren bis
zu 8000 Zuschauern auf Stehplätzen drängelten,
verlieren sich heute gerade mal ein paar Hundert in
den bequemen Polstersitzen. Zugegeben, die Halle aus
dem Jahr 1926 verströmt mittlerweile ungefähr
den gleichen Charme wie der Palast der Republik in Berlin.
Doch an der Architektur allein kann es nicht liegen.
"1988 hat uns das Genick gebrochen. Die Spieler
wollten mehr Geld und streikten . Alle dachten, die
Sache sei nach drei Wochen ausgestanden. Irrtum! Drei
Jahre lang mussten wir uns mit schlechten Ersatzspielern
behelfen. Das haben uns die Zuschauer nicht verziehen."
Die Einführung der Lotterie in Florida und der
langsame Niedergang der unmittelbaren Nachbarschaft
des Stadions haben auch nicht gerade geholfen. Eigentlich
hat Jai-Alai keine Chance mehr. Doch solange der Kopf
nicht durch die Mauer paßt ...
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