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"Krieg den Ball"
(Maxim 2/2005)

Sport ist Mord. Zumindest bei Fußballspielen, in denen zwei Teams aus derselben Stadt gegeneinander antreten. Diese Derbys enden häufig mit Schrecken. Ein Augenzeugenbericht und zehn Klassiker.
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"Boca gegen River, mehr als nur ein Semifinale“. Nüchtern, lapidar, fast zu beiläufig, die Titelzeile, die sich die Sportjournaille von Clarin, Argentiniens größter Tageszeitung, am vergangenen Donnerstag hat einfallen lassen. Stand doch mit dem Hinspiel im Halbfinale des Copa Libertadores – die Champions League Südamerikas – ein wichtiges, sportliches Großereignis an. Wollten die Kollegen der Begegnung im Vorfeld ein wenig die Brisanz nehmen? Oder ahnten sie schon, dass der superclasico (wieder einmal) keine Partie wie jede andere werden würde?

Wenn in Buenos Aires die beiden Erzrivalen Boca Juniors und River Plate aufeinander treffen, dann findet zumeist ein Fußballspiel statt (oder nicht statt), das mit normalen Maßstäben nicht zu begreifen ist. Blau-Gelb gegen Rot-Weiß, egal ob Meisterschaftsehren oder interkontinentale Lorbeeren ausgespielt werden, stets treffen hier Welten aufeinander, teilt sich Stadt und Land in zwei feindliche Lager, wird alles andere, politische Skandale, die jüngste Verbrechenswelle, ja, selbst sportliche Triumphe, die die Nation einen, wie der jüngste Erfolg der tenistas auf der roten Asche von Paris, zur Nebensächlichkeit. Eben noch bliesen die Fans aller Lager kollektiven Trübsal, als ihre Nationalmannschaft ein mühsames 0-0 gegen den paraguayanischen Nachbarn erstolperte, doch auch gemeinsame Gefühlsregungen dieser Art haben eine kurze Halbwertszeit. Wenn es um Boca gegen River geht, hört der Spaß und jede Gemeinsamkeit auf.

Allein zu Meisterschaftszwecken trafen beide Teams 174 mal aufeinander, Boca hat knapp die Nase vorn. 174 mal gegeneinander, das heißt beide Vereine blicken auf viel Tradition zurück, Historie, in der irgendwann einmal der Nährboden entstand, auf dem der Hass gesät wurde. Man muss in die Zeit reisen, zurück an den Anfang des letzten Jahrhunderts, nach La Boca, jenem berühmten Arbeiterviertel, in das ein an Dreck gestorbener Seitenarm des Rio de la Plata heute wie damals - dem Namen Buenos Aires zum Trotz - beißenden Gestank durch die schmalen Gassen mit seinen bunt bemalten Wellblechhäusern schickt. Hier finden sich die fußballerischen Wurzeln – seit 1901 die vom Club Atletico River Plate, vier Jahre später die vom Club Atletico Boca Juniors. Hier begann die Rivalität, doch erst 30 Jahre wurde der Weg bereitet, der über den notwendigen sportlichen Ernst hinaus in Hass und Gewalt mündete. Der Weg, er führte nach Norden, River Plate verließ das heruntergekommene La Boca und siedelte fortan im eleganten Nunez. Seitdem gelten die riverplatenses als Geldsäcke, als millionarios. Seitdem haben auch die gesellschaftlichen Schichten eindeutig Farbe bekannt, die Arbeiterklasse hält es mit Boca, die Oberschicht mit River. Aus letzterer stammt übrigens Mauricio Macri, einer der reichsten Männer der Stadt und derzeit Präsident des Vereins der Armen, welch eine Ironie.

Der britische Observer lobte unlängst das Ortsderby als das wichtigste Spiel aus, das Fußballverrückte einmal gesehen haben müssen. Auf www.bocajuniors.com.ar wurde die Frage, ob man, bevor man das Zeitliche segnet, den superclasico einmal gesehen haben muss, bejaht. Zu 90%. Ob das allen auch gelingen wird? Es ist wahrscheinlich einfacher, bei Präsident Kirchner vorzusprechen, als eine Eintrittskarte in die Stadien zu bekommen. Und angesichts eskalierender Gewalt in und vor den Stadien, hatten sich die Verantwortlichen im Vorfeld etwas einfallen lassen, das den ohnehin beschränkten Zugang für viele gänzlich abdrehte: Fans der jeweiligen Gastmannschaft mussten zu Hause bleiben. Natürlich waren die Stadien trotzdem voll, natürlich war die Stimmung glänzend, obgleich auch ein wenig Flair mit ausgesperrt wurde. Die Stadien? In Vereinsfarben getauchte Klötze aus Zement mit reichlich Patina. Gegen ein Ortstermin bei vollem Haus in der Bombonera, der „Pralinenschachtel“, von La Boca, ist der Ruhrpottklassiker Dortmund – Schalke ein beschauliches Kaffeekränzchen. Die Treppenaufgänge, steiler als die Eiger Nordwand, die Zuschauer hoch oben am äußeren Rand des Betonzylinders sitzen fast direkt über dem Spielgeschehen – ein Gefühl, wie im römischen Circus Maximus. Die 57.000 xeneizes, die Fans, so genannt nach den Einwanderer aus Genua – eine Wand in gelbblau. Und eine nie versiegende Kehle, die stundenlang die vereinseigenen Gesänge ins enge Rund skandiert. Boca, yo te quiero ... Boca, ich mag dich. Kurz vor Anpfiff erscheint unter dumpfem Trommelwirbel la doce - der zwölfte Mann: Die härtesten Fans oder die treuesten Sympathisanten, wie man will. Unmittelbar danach marschiert die eigene Mannschaft unter Konfettiregen auf den buckligen Rasen, danach passt zwischen jubilierenden Boca Anhängern und der Seitenauslinie kaum mehr als eine Zeitung, auf den gegnerischen Torhüter senkt sich bei passender Gelegenheit ein Hagel aus Wurfgeschossen. Und die passt eigentlich immer. Führt der Gegner den Ball, setzt ein lähmendes Pfeifkonzert ein, doch egal wie schlecht die eigene Elf auch kickt, Pfiffe gegen sie, das wäre Blasphemie und Hochverrat in einem.

Beim Hinspiel, so vermeldeten die Sportberichterstatter tags darauf, kickten beide schlechter denn je. Fußball, die schönste Nebensache der Welt? Eine Hälfte der Formel wurde beherzigt, der Ball spielte schon kurz nach Beginn kaum eine Rolle – wie schon so viele Male bei den Clasicos zuvor. Schön? Ist sicher etwas anderes, aber wenigstens wurde es bunt. Nach wenigen Minuten hatten sich von 22 Mann, vier eine gelbe Karte abgeholt. Nach einer halben Stunde durften die ersten duschen: Marcello Gallardos (River) und Alfredo Cascini (Boca) gingen nach einem Allerweltsfoul aufeinander los wie die Kirmes Boxer und sahen Rot. Millionario-Kapitän Gallardos sah daraufhin dunkelrot und begann, den herbeigeeilten Boca-Keeper „Pato“ Abondaanzieri im Gesicht zu beharken. Im anschließenden Handgemenge wurde dann noch der River-Fitnesscoach niedergestreckt. Gute 10 Minuten brauchte die Polizei, um das Spielfeld zu räumen. Weiter ging es mit einer rüden Attacke von River-Spieler Ariel Garcé. Erneut Rot. Die anschließende zahlenmäßige Überlegenheit wussten die Boca Spieler in den kommenden 50 Minuten zu genau einer halbwegs erwähnenswerten Chance umzumünzen – ein Tor gelang dabei nicht. So blieb es bei einem Kopfballtreffer von Abwehrspieler Rolando Schiawi aus der 28. Minute – als noch beide Teams alle Mann auf dem Feld hatten. Selbst eingefleischten Boca Jüngern tränten angesichts der spielerischen Misere fast die Augen, doch Alt-Fan und Junganwalt Ezequiel (26) fasste zusammen, was alle dachten, „Hauptsache gesiegt!“

Um im kriegerischen Jargon zu bleiben, am Donnerstag wird zurückgespielt. Das war gestern. Vom Papier her blieben keine Fragen offen – River musste 2 Tore mehr als Boca erzielen, bei einem Tor Unterschied würde das Elfmeterschiessen entscheiden, Verlängerungen und Golden Goals kennt hier niemand. Im nicht mehr ganz taufrischen El Monumental hatten sich gut 67.000 rotweiße hinchas (Fans) eingefunden, um mit vereintem Liedgut (vamos, vamos ... millionarios) ihre Lieblinge zum Sieg zu singen. Beim Einmarsch der Mannschaft vibriert das Stadion, verschwindet die Gegentribüne hinter bengalischem Feuer und einem Regen aus Luftschlangen. Das Bemerkenswerteste an der ersten Halbzeit? Niemand merkte, dass sie stattfand, die erste erwähnenswerte Chance der Gastgeber fand mit dem Abpfiff zum Pausentee statt. So blieben als Highlights zwei gelbe Karten und die Einlage eines Balljungens, der anscheinend seiner Verärgerung über das mäßige Treiben auf dem Platz dadurch Luft machte, dass er einem Boca Spieler zum Einwurf den Ball an den Kopf warf. Die zweite Hälfte jedoch hatte dann wieder alles das, was den superclasico mehr zu einem Theaterschauspiel als zu einem sportlichen Ereignis macht. Nach nur 20 Sekunden sah der Schiedsrichter Rot und zeigte Boca Spieler Fabian Vargas Gelb. Zum zweiten Mal. Seinen Abgang nutzten die riverplatenses sofort zum Führungstreffer durch Luis Gonzalez. Danach wäre vielleicht vieles anders gekommen, hätte nicht Rubens Sambueza von der Heimmannschaft 5 Minuten vor Schluss die Contenance verloren und den Linienrichter wüst bepöbelt. Rot! Danach überschlugen sich endgültig die Ereignisse. Boca gelang sofort der Ausgleich, Carlos Tevez setzte in der 88 Minute den Ball unhaltbar unter die Latte. Seine Freude währte genau so lange, wie er brauchte, sich freudig erregt das Trikot vom Leib zu reißen und anschließend für so viel Spielverzögerung zu sorgen, dass der Schiedsrichter ihn dafür mit der dritten roten Karte des Spieles vom Platz komplimentierte. Inzwischen erlebte man zum ersten Mal fast das gesamte Stadion sprachlos. Knappe 6 Minuten lang. Dann bugsierte Christian Nasuti das Leder erneut ins Netz und sein Team dadurch ins Elfmeterschießen. Jetzt bebte das Stadion. Bis ausgerechnet Stürmerstar Maxi Lopez mit seinem Penalty scheiterte und Villareal die Boca Juniors ins Finale des Copa Libertadores schoss. 5-4 nach Elfmeterschiessen, danach fiel der Vorhang, ein passenderes Ende hätte sich kein Regisseur einfallen lassen können. Die River-Fans zollten ihrer Mannschaft höflichen und aufmunternden Beifall und in Boca wurde die Nacht zum Tag. Das war er, der superclasico.

Die Derbies

Nottingham Forest – Nottingham County

Mutter aller Derbies. Gingen doch die Zöglinge Robin Hoods auf sich und das Leder los, als woanders Fußball kaum buchstabiert wurde. Kaum ein Club ist älter als die beiden aus dem Herzen Englands: “Notts” County entstand 1862, drei Jahre später die Konkurrenz aus Forest. Derbys sind inzwischen echte Raritäten, beide Vereine schaffen es zu selten, die selbe Klasse zu halten – das letzte Zusammentreffen datiert aus dem Jahre 1994, Notts gewann 2 –1.

Celtic Glascow – Glascow Rangers

Kann Fußball zur hässlichsten Nebensache der Welt werden? Wenn, dann beim “Old Firm Derby”. Auf Rasen und Rängen herrscht Religionskrieg: Die “Gers” stehen für das britisch-protestantische Establishment, die “Bohys” für die katholisch-irischen Einwanderer. Das jüngste und 363. Aufeinandertreffen gereichte der Veranstaltung zu Ehre, sechs gelbe Karten, rüde Fouls, Massenkeilereien, zum Schluss lagen die Rangers mit zwei Toren und zwei Spielern vorn.

Fenerbahce Istanbul – Galatasarey Istanbul

Treten die beiden türkischen “Kulübüs” (an), dann prallen Kontinente aufeinander – Fenerbahce, eher die Arbeiterinnung, liegt im asiatischen Teil, Galatasaray, die Clique der Reichen, im europäischen. Für Dauer-Zündstoff ist gesorgt, die Erzrivalen vom Bosphorus feiern demnächst 100 Jahre Fußballfeldzug. In 348 zumeist farbenfrohen Auseinandersetzungen liegt Fenerbahce knapp vorne, einen denkwürdigen Sieg errang die damals von Werner „Beinhart“ Lorant betreute Truppe als sie 2002 den Erzrivalen mit 6 – 0 aus dem Stadion katapultierte.

Inter Mailand – AC Mailand

Bei den Fußball-Fehden in Mailand geht es vergleichsweise gesittet zu! Liegt es daran, dass sich beide Vereine ein Stadien teilen müssen und dort fein säuberlich von einander getrennt ihren Lieblingen zujubeln? Vielleicht. Im San Siro Stadion sitzen in der „Curva Sud“ die „Rossoneri“ vom AC, die „Curva Nord“ gehört den „Nerazzurri“ von Inter. Frust der Fanblöcke richtet sich meistens gegen die schlappen Leistungen der eigenen Equipe, beim 2-3 im Februar fackelten aufgebrachte Inter-Anhänger die Restaurants der Inter-Spieler Vieri und Cannavaro ab.

Partizan Belgrad – Roter Stern Belgrad

Ein Spiel dauert 90 Minuten? Nicht in Serbien. Nicht im Oktober 2000. Der 115. Krisengipfel zwischen den verhassten Rivalen war an- und nach drei Minuten wieder abgepfiffen. Weil das obligate Feuerwerkzielschiessen auf den Fan der Gegenseite nicht ausreichte, traf man sich auf dem Rasen, um sich einmal ganz rustikal die Meinung zu geigen. Die damals - Demission Milosevics sei Dank - eher politisch denn sportlich motiviert war. Ach ja, die Spieler beider Teams brachten sich gegenseitig in Sicherheit.


Flamengo - Fluminense

Und da wurde der Wanst heilig gesprochen. Als der dickliche Renato beim „Fla-Flu“ Treffen die Kugel kurz vor Schluss per Bauchschuss in die Maschen drückte und so den „Flamengos“ nicht nur den Sieg, sondern die Meisterschaft sicherte. Das war 1995. Seitdem sind die Derbys seltener geworden, beide Traditionsclubs dümpeln zeitweise in den Niederungen brasilianischen Fußballs. Skurril: So lange es gegen andere Teams geht, reichen deren kleine 8000 Mann Arenen, kommt es zum großen Gipfeltreffen platzt sogar das Maracana-Stadion aus den Nähten.

Esteghal – Perspolis (Piruzi)

Auch Muselmanen lassen sich das Leder nicht aus der Hand nehmen. Als sich das iranische TV in der Saison 1983/84 erdreistete, nicht live vom Ball in Teheran zu senden, mäanderten Hunderttausende zum Azadi Stadion. 140.000 drängelten sich hinein, einige fanden einen Platz auf dem Flutlichtmast. Ergebnis: Das Spiel fand im Halbdunkel statt, weil das Licht nicht angeknipst werden konnte. Das letzte Wort hat übrigens immer die hohe Geistlichkeit, nach dem letzten und 57. Derby wurden jeweils zwei Spieler verdonnert, sich vernünftig zu rasieren, andernfalls drohe Spielsperre.

DDR – BRD

Das besondere, das System-Derby: Nur einmal gelang den Staatsamateuren der DDR der Besuch einer WM – ausgerechnet beim Klassenfeind nebenan. Genosse Sparwasser blieb es vorbehalten, die hochnäsigen Westprofis zu düpieren und den einzigen Treffer anzubringen. Doch der Sieg der Kombinats-Kicker gegen die BRD war Makulatur, Honis Mauermeister schieden anschließend gegen Holland, Brasilien und Argentinien aus. Weltmeister `74 wurden ... wir.

Zamalek – Al Ahly

Läbe gäht weitä! Auch das von Stepi, nur eben nicht mehr als Trainer von Zamalek. Das war im November nach nicht einmal einjähriger Amtszeit vorbei. Denn wer das Kairoer Stadtduell versemmelt, der wird meist in die Wüste geschickt. Der fußballerische Feldzug der Pharaonensöhne ist von solcher Brisanz, dass jedes Mal ein ausländischer Schiri die Begegnung über die Bühne pfeifen muss, nur so meint man dem Vorwurf der Bestechlichkeit vorbeugen zu können.


Bayern München – 1860 München

Ehrliche Arbeiter gegen geleckten Geldadel? Blau gegen Rot? Kabarettist Ottfried Fischer meint zum Münchner Klassenkampf, es geht nicht darum, für welchen, sondern gegen welchen Verein man ist. Die bisherigen 199 Rendezvous sorgten für viel spielerische Armut, aber auch für Großes abseits vom Sport: 1977 watschte der junge Kalli Rummenigge seinen Gegner ab und sah Rot, 20 Jahre später lieferten sich beide Trainerbänke eine leichte Keilerei. Vielleicht findet deshalb auch das wahre deutsche Derby im Ruhrpott statt – zwischen Schalke und Dortmund.