"Boca gegen River, mehr
als nur ein Semifinale“. Nüchtern,
lapidar, fast zu beiläufig, die Titelzeile, die
sich die Sportjournaille von Clarin, Argentiniens größter
Tageszeitung, am vergangenen Donnerstag hat einfallen
lassen. Stand doch mit dem Hinspiel im Halbfinale des
Copa Libertadores – die Champions League Südamerikas
– ein wichtiges, sportliches Großereignis
an. Wollten die Kollegen der Begegnung im Vorfeld ein
wenig die Brisanz nehmen? Oder ahnten sie schon, dass
der superclasico (wieder einmal) keine Partie wie jede
andere werden würde?
Wenn in Buenos Aires die beiden Erzrivalen Boca Juniors
und River Plate aufeinander treffen, dann findet zumeist
ein Fußballspiel statt (oder nicht statt), das
mit normalen Maßstäben nicht zu begreifen
ist. Blau-Gelb gegen Rot-Weiß, egal ob Meisterschaftsehren
oder interkontinentale Lorbeeren ausgespielt werden,
stets treffen hier Welten aufeinander, teilt sich Stadt
und Land in zwei feindliche Lager, wird alles andere,
politische Skandale, die jüngste Verbrechenswelle,
ja, selbst sportliche Triumphe, die die Nation einen,
wie der jüngste Erfolg der tenistas auf der roten
Asche von Paris, zur Nebensächlichkeit. Eben noch
bliesen die Fans aller Lager kollektiven Trübsal,
als ihre Nationalmannschaft ein mühsames 0-0 gegen
den paraguayanischen Nachbarn erstolperte, doch auch
gemeinsame Gefühlsregungen dieser Art haben eine
kurze Halbwertszeit. Wenn es um Boca gegen River geht,
hört der Spaß und jede Gemeinsamkeit auf.
Allein zu Meisterschaftszwecken trafen beide Teams 174
mal aufeinander, Boca hat knapp die Nase vorn. 174 mal
gegeneinander, das heißt beide Vereine blicken
auf viel Tradition zurück, Historie, in der irgendwann
einmal der Nährboden entstand, auf dem der Hass
gesät wurde. Man muss in die Zeit reisen, zurück
an den Anfang des letzten Jahrhunderts, nach La Boca,
jenem berühmten Arbeiterviertel, in das ein an
Dreck gestorbener Seitenarm des Rio de la Plata heute
wie damals - dem Namen Buenos Aires zum Trotz - beißenden
Gestank durch die schmalen Gassen mit seinen bunt bemalten
Wellblechhäusern schickt. Hier finden sich die
fußballerischen Wurzeln – seit 1901 die
vom Club Atletico River Plate, vier Jahre später
die vom Club Atletico Boca Juniors. Hier begann die
Rivalität, doch erst 30 Jahre wurde der Weg bereitet,
der über den notwendigen sportlichen Ernst hinaus
in Hass und Gewalt mündete. Der Weg, er führte
nach Norden, River Plate verließ das heruntergekommene
La Boca und siedelte fortan im eleganten Nunez. Seitdem
gelten die riverplatenses als Geldsäcke, als millionarios.
Seitdem haben auch die gesellschaftlichen Schichten
eindeutig Farbe bekannt, die Arbeiterklasse hält
es mit Boca, die Oberschicht mit River. Aus letzterer
stammt übrigens Mauricio Macri, einer der reichsten
Männer der Stadt und derzeit Präsident des
Vereins der Armen, welch eine Ironie.
Der britische Observer lobte unlängst das Ortsderby
als das wichtigste Spiel aus, das Fußballverrückte
einmal gesehen haben müssen. Auf www.bocajuniors.com.ar
wurde die Frage, ob man, bevor man das Zeitliche segnet,
den superclasico einmal gesehen haben muss, bejaht.
Zu 90%. Ob das allen auch gelingen wird? Es ist wahrscheinlich
einfacher, bei Präsident Kirchner vorzusprechen,
als eine Eintrittskarte in die Stadien zu bekommen.
Und angesichts eskalierender Gewalt in und vor den Stadien,
hatten sich die Verantwortlichen im Vorfeld etwas einfallen
lassen, das den ohnehin beschränkten Zugang für
viele gänzlich abdrehte: Fans der jeweiligen Gastmannschaft
mussten zu Hause bleiben. Natürlich waren die Stadien
trotzdem voll, natürlich war die Stimmung glänzend,
obgleich auch ein wenig Flair mit ausgesperrt wurde.
Die Stadien? In Vereinsfarben getauchte Klötze
aus Zement mit reichlich Patina. Gegen ein Ortstermin
bei vollem Haus in der Bombonera, der „Pralinenschachtel“,
von La Boca, ist der Ruhrpottklassiker Dortmund –
Schalke ein beschauliches Kaffeekränzchen. Die
Treppenaufgänge, steiler als die Eiger Nordwand,
die Zuschauer hoch oben am äußeren Rand des
Betonzylinders sitzen fast direkt über dem Spielgeschehen
– ein Gefühl, wie im römischen Circus
Maximus. Die 57.000 xeneizes, die Fans, so genannt nach
den Einwanderer aus Genua – eine Wand in gelbblau.
Und eine nie versiegende Kehle, die stundenlang die
vereinseigenen Gesänge ins enge Rund skandiert.
Boca, yo te quiero ... Boca, ich mag dich. Kurz vor
Anpfiff erscheint unter dumpfem Trommelwirbel la doce
- der zwölfte Mann: Die härtesten Fans oder
die treuesten Sympathisanten, wie man will. Unmittelbar
danach marschiert die eigene Mannschaft unter Konfettiregen
auf den buckligen Rasen, danach passt zwischen jubilierenden
Boca Anhängern und der Seitenauslinie kaum mehr
als eine Zeitung, auf den gegnerischen Torhüter
senkt sich bei passender Gelegenheit ein Hagel aus Wurfgeschossen.
Und die passt eigentlich immer. Führt der Gegner
den Ball, setzt ein lähmendes Pfeifkonzert ein,
doch egal wie schlecht die eigene Elf auch kickt, Pfiffe
gegen sie, das wäre Blasphemie und Hochverrat in
einem.
Beim Hinspiel, so vermeldeten die Sportberichterstatter
tags darauf, kickten beide schlechter denn je. Fußball,
die schönste Nebensache der Welt? Eine Hälfte
der Formel wurde beherzigt, der Ball spielte schon kurz
nach Beginn kaum eine Rolle – wie schon so viele
Male bei den Clasicos zuvor. Schön? Ist sicher
etwas anderes, aber wenigstens wurde es bunt. Nach wenigen
Minuten hatten sich von 22 Mann, vier eine gelbe Karte
abgeholt. Nach einer halben Stunde durften die ersten
duschen: Marcello Gallardos (River) und Alfredo Cascini
(Boca) gingen nach einem Allerweltsfoul aufeinander
los wie die Kirmes Boxer und sahen Rot. Millionario-Kapitän
Gallardos sah daraufhin dunkelrot und begann, den herbeigeeilten
Boca-Keeper „Pato“ Abondaanzieri im Gesicht
zu beharken. Im anschließenden Handgemenge wurde
dann noch der River-Fitnesscoach niedergestreckt. Gute
10 Minuten brauchte die Polizei, um das Spielfeld zu
räumen. Weiter ging es mit einer rüden Attacke
von River-Spieler Ariel Garcé. Erneut Rot. Die
anschließende zahlenmäßige Überlegenheit
wussten die Boca Spieler in den kommenden 50 Minuten
zu genau einer halbwegs erwähnenswerten Chance
umzumünzen – ein Tor gelang dabei nicht.
So blieb es bei einem Kopfballtreffer von Abwehrspieler
Rolando Schiawi aus der 28. Minute – als noch
beide Teams alle Mann auf dem Feld hatten. Selbst eingefleischten
Boca Jüngern tränten angesichts der spielerischen
Misere fast die Augen, doch Alt-Fan und Junganwalt Ezequiel
(26) fasste zusammen, was alle dachten, „Hauptsache
gesiegt!“
Um im kriegerischen Jargon zu bleiben, am Donnerstag
wird zurückgespielt. Das war gestern. Vom Papier
her blieben keine Fragen offen – River musste
2 Tore mehr als Boca erzielen, bei einem Tor Unterschied
würde das Elfmeterschiessen entscheiden, Verlängerungen
und Golden Goals kennt hier niemand. Im nicht mehr ganz
taufrischen El Monumental hatten sich gut 67.000 rotweiße
hinchas (Fans) eingefunden, um mit vereintem Liedgut
(vamos, vamos ... millionarios) ihre Lieblinge zum Sieg
zu singen. Beim Einmarsch der Mannschaft vibriert das
Stadion, verschwindet die Gegentribüne hinter bengalischem
Feuer und einem Regen aus Luftschlangen. Das Bemerkenswerteste
an der ersten Halbzeit? Niemand merkte, dass sie stattfand,
die erste erwähnenswerte Chance der Gastgeber fand
mit dem Abpfiff zum Pausentee statt. So blieben als
Highlights zwei gelbe Karten und die Einlage eines Balljungens,
der anscheinend seiner Verärgerung über das
mäßige Treiben auf dem Platz dadurch Luft
machte, dass er einem Boca Spieler zum Einwurf den Ball
an den Kopf warf. Die zweite Hälfte jedoch hatte
dann wieder alles das, was den superclasico mehr zu
einem Theaterschauspiel als zu einem sportlichen Ereignis
macht. Nach nur 20 Sekunden sah der Schiedsrichter Rot
und zeigte Boca Spieler Fabian Vargas Gelb. Zum zweiten
Mal. Seinen Abgang nutzten die riverplatenses sofort
zum Führungstreffer durch Luis Gonzalez. Danach
wäre vielleicht vieles anders gekommen, hätte
nicht Rubens Sambueza von der Heimmannschaft 5 Minuten
vor Schluss die Contenance verloren und den Linienrichter
wüst bepöbelt. Rot! Danach überschlugen
sich endgültig die Ereignisse. Boca gelang sofort
der Ausgleich, Carlos Tevez setzte in der 88 Minute
den Ball unhaltbar unter die Latte. Seine Freude währte
genau so lange, wie er brauchte, sich freudig erregt
das Trikot vom Leib zu reißen und anschließend
für so viel Spielverzögerung zu sorgen, dass
der Schiedsrichter ihn dafür mit der dritten roten
Karte des Spieles vom Platz komplimentierte. Inzwischen
erlebte man zum ersten Mal fast das gesamte Stadion
sprachlos. Knappe 6 Minuten lang. Dann bugsierte Christian
Nasuti das Leder erneut ins Netz und sein Team dadurch
ins Elfmeterschießen. Jetzt bebte das Stadion.
Bis ausgerechnet Stürmerstar Maxi Lopez mit seinem
Penalty scheiterte und Villareal die Boca Juniors ins
Finale des Copa Libertadores schoss. 5-4 nach Elfmeterschiessen,
danach fiel der Vorhang, ein passenderes Ende hätte
sich kein Regisseur einfallen lassen können. Die
River-Fans zollten ihrer Mannschaft höflichen und
aufmunternden Beifall und in Boca wurde die Nacht zum
Tag. Das war er, der superclasico.
Die Derbies
Nottingham Forest – Nottingham County
Mutter aller Derbies. Gingen doch die Zöglinge
Robin Hoods auf sich und das Leder los, als woanders
Fußball kaum buchstabiert wurde. Kaum ein Club
ist älter als die beiden aus dem Herzen Englands:
“Notts” County entstand 1862, drei Jahre
später die Konkurrenz aus Forest. Derbys sind inzwischen
echte Raritäten, beide Vereine schaffen es zu selten,
die selbe Klasse zu halten – das letzte Zusammentreffen
datiert aus dem Jahre 1994, Notts gewann 2 –1.
Celtic Glascow – Glascow Rangers
Kann Fußball zur hässlichsten Nebensache
der Welt werden? Wenn, dann beim “Old Firm Derby”.
Auf Rasen und Rängen herrscht Religionskrieg: Die
“Gers” stehen für das britisch-protestantische
Establishment, die “Bohys” für die
katholisch-irischen Einwanderer. Das jüngste und
363. Aufeinandertreffen gereichte der Veranstaltung
zu Ehre, sechs gelbe Karten, rüde Fouls, Massenkeilereien,
zum Schluss lagen die Rangers mit zwei Toren und zwei
Spielern vorn.
Fenerbahce Istanbul – Galatasarey Istanbul
Treten die beiden türkischen “Kulübüs”
(an), dann prallen Kontinente aufeinander – Fenerbahce,
eher die Arbeiterinnung, liegt im asiatischen Teil,
Galatasaray, die Clique der Reichen, im europäischen.
Für Dauer-Zündstoff ist gesorgt, die Erzrivalen
vom Bosphorus feiern demnächst 100 Jahre Fußballfeldzug.
In 348 zumeist farbenfrohen Auseinandersetzungen liegt
Fenerbahce knapp vorne, einen denkwürdigen Sieg
errang die damals von Werner „Beinhart“
Lorant betreute Truppe als sie 2002 den Erzrivalen mit
6 – 0 aus dem Stadion katapultierte.
Inter Mailand – AC Mailand
Bei den Fußball-Fehden in Mailand geht es vergleichsweise
gesittet zu! Liegt es daran, dass sich beide Vereine
ein Stadien teilen müssen und dort fein säuberlich
von einander getrennt ihren Lieblingen zujubeln? Vielleicht.
Im San Siro Stadion sitzen in der „Curva Sud“
die „Rossoneri“ vom AC, die „Curva
Nord“ gehört den „Nerazzurri“
von Inter. Frust der Fanblöcke richtet sich meistens
gegen die schlappen Leistungen der eigenen Equipe, beim
2-3 im Februar fackelten aufgebrachte Inter-Anhänger
die Restaurants der Inter-Spieler Vieri und Cannavaro
ab.
Partizan Belgrad – Roter Stern Belgrad
Ein Spiel dauert 90 Minuten? Nicht in Serbien. Nicht
im Oktober 2000. Der 115. Krisengipfel zwischen den
verhassten Rivalen war an- und nach drei Minuten wieder
abgepfiffen. Weil das obligate Feuerwerkzielschiessen
auf den Fan der Gegenseite nicht ausreichte, traf man
sich auf dem Rasen, um sich einmal ganz rustikal die
Meinung zu geigen. Die damals - Demission Milosevics
sei Dank - eher politisch denn sportlich motiviert war.
Ach ja, die Spieler beider Teams brachten sich gegenseitig
in Sicherheit.
Flamengo - Fluminense
Und da wurde der Wanst heilig gesprochen. Als der dickliche
Renato beim „Fla-Flu“ Treffen die Kugel
kurz vor Schluss per Bauchschuss in die Maschen drückte
und so den „Flamengos“ nicht nur den Sieg,
sondern die Meisterschaft sicherte. Das war 1995. Seitdem
sind die Derbys seltener geworden, beide Traditionsclubs
dümpeln zeitweise in den Niederungen brasilianischen
Fußballs. Skurril: So lange es gegen andere Teams
geht, reichen deren kleine 8000 Mann Arenen, kommt es
zum großen Gipfeltreffen platzt sogar das Maracana-Stadion
aus den Nähten.
Esteghal – Perspolis (Piruzi)
Auch Muselmanen lassen sich das Leder nicht aus der
Hand nehmen. Als sich das iranische TV in der Saison
1983/84 erdreistete, nicht live vom Ball in Teheran
zu senden, mäanderten Hunderttausende zum Azadi
Stadion. 140.000 drängelten sich hinein, einige
fanden einen Platz auf dem Flutlichtmast. Ergebnis:
Das Spiel fand im Halbdunkel statt, weil das Licht nicht
angeknipst werden konnte. Das letzte Wort hat übrigens
immer die hohe Geistlichkeit, nach dem letzten und 57.
Derby wurden jeweils zwei Spieler verdonnert, sich vernünftig
zu rasieren, andernfalls drohe Spielsperre.
DDR – BRD
Das besondere, das System-Derby: Nur einmal gelang
den Staatsamateuren der DDR der Besuch einer WM –
ausgerechnet beim Klassenfeind nebenan. Genosse Sparwasser
blieb es vorbehalten, die hochnäsigen Westprofis
zu düpieren und den einzigen Treffer anzubringen.
Doch der Sieg der Kombinats-Kicker gegen die BRD war
Makulatur, Honis Mauermeister schieden anschließend
gegen Holland, Brasilien und Argentinien aus. Weltmeister
`74 wurden ... wir.
Zamalek – Al Ahly
Läbe gäht weitä! Auch das von Stepi,
nur eben nicht mehr als Trainer von Zamalek. Das war
im November nach nicht einmal einjähriger Amtszeit
vorbei. Denn wer das Kairoer Stadtduell versemmelt,
der wird meist in die Wüste geschickt. Der fußballerische
Feldzug der Pharaonensöhne ist von solcher Brisanz,
dass jedes Mal ein ausländischer Schiri die Begegnung
über die Bühne pfeifen muss, nur so meint
man dem Vorwurf der Bestechlichkeit vorbeugen zu können.
Bayern München – 1860 München
Ehrliche Arbeiter gegen geleckten Geldadel? Blau gegen
Rot? Kabarettist Ottfried Fischer meint zum Münchner
Klassenkampf, es geht nicht darum, für welchen,
sondern gegen welchen Verein man ist. Die bisherigen
199 Rendezvous sorgten für viel spielerische Armut,
aber auch für Großes abseits vom Sport: 1977
watschte der junge Kalli Rummenigge seinen Gegner ab
und sah Rot, 20 Jahre später lieferten sich beide
Trainerbänke eine leichte Keilerei. Vielleicht
findet deshalb auch das wahre deutsche Derby im Ruhrpott
statt – zwischen Schalke und Dortmund.
|