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Mann, bin ich schön
My Life (1/2006)

Für MY LIFE hat sich ein erklärter Kernseifefan einen Tag im Beauty-Salon verwöhnen lassen. Der Beginn einer Leidenschaft.
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„Coed“? Ich muss etwas ungläubig aus dem Bademantel gestaunt haben, als mir nach knapp zweistündigem Treatment der Weg in die Dampfsauna gewiesen wurde. Weniger Anglophile mögen hinter diesem Begriff ein neuartiges Badesalz aus der unerschöpflichen Produktpalette des Ole H. vermuten. Falsch, „coed“ steht ganz profan für „gemischt“, d.h. beim Gang in den Nassbereich stört keine Geschlechtertrennung, für das hinlänglich als prüde bekannte Amerika durchaus eine kleine Sensation. Aufgewertet wird das „klein“ aus jener Sensation durch ein paar Bemerkungen, die der Chef im Interview vorher fallen ließ. Bei ihm kommen und gehen nicht nur die Stars aus Hollywood, nein, man spricht auch gern über sie. So gestand Herr Henriksen vorher freimütig, dass eine Roberts, eine Theron, eine Zellweger sich regelmäßig bei ihm rundumerneuern, dummerweise vergas ich zu dem Zeitpunkt, zu fragen, ob die Damen hinterher auch einer „Steam Room“ Visite frönen.

Wie kommt nun ein bekennender Kernseifenutzer mittleren Alters in den angesagtesten Beauty-Tempel der Stadt? Ganz einfach, in dem er vorgibt, einen Artikel zu schreiben. Da nimmt sich dann der Chef selbst Zeit und führt ungezwungen durch sein Schönheitspalais am Sunset Boulevard und plaudert über sein Leben – und das seiner Kunden. Über die oben erwähnte Diven-Riege, zu der sich dann auch noch Stammgast Kaliber a la Madonna oder Naomi Campbell gesellt. Über Mark Wahlberg, der sehr angenehm sei. Über Brandan Frazer. Am schönsten, die Anekdote über den etwas sperrigen Kirk Douglas, der sich im hohen Alter von über 70 mit den Worten „Wehe, davon erfährt die Öffentlichkeit etwas ...“ erstmals in die Gurkenmaske schlich. Inzwischen ist der Mann fast 90 und kommt immer noch. Genauso wie auch Leo „King of the World“ di Caprio, der reist so oft an, dass dessen bevorzugte Anwendung „Head to Toe“ schon intern in Di Caprio-Treatment umgetauft wurde. Was sich denn hinter Kopf bis Fuß verbirgt, wollte ich wissen. Der Meister lächelte vielsagend und bat zur Probe aufs Exempel.

Zunächst wurde ich in einen Raum geführt, in dem in zwei Jacuzzis eukalyptusveredeltes, wohl temperiertes Wasser sanft vor sich hinblubberte. Ein Kerzenmeer tauchte den mit groben, in verschiedenen Brauntönen schimmernden Schieferfliesen ausgelegten Ort in ein meditatives Licht, ich badete nach wenigen Sekunden jeglichem Alltagsstress davon. Grob fahrlässig, dass Jody, meine „Head to Toe“ Bewährungshelferin mich schon nach 20 Minuten aus allen Träumen riss – als die platzten, gab ich mich gerade der Hoffnung hin, dass vielleicht ein schöner, vorzugsweise weiblicher Mensch in der zweiten Wanne in Seenot geriet. Daraus wurde nun nichts.

Stattdessen folgte ich brav meiner Wellness-Gebieterin in eine Nasszelle, in deren Mitte etwas einsam eine Art Massagebank thronte, von allen Seiten bedroht von Schläuchen, Duschköpfen und anderen Wasserspendern. Nackt unter einem schmalen Handtuch kam ich rücklings zum Erliegen. Es ging los.

Und zwar am Haaransatz. Freilich kommt man gelegentlich auch beim teuren Frisör in den Genuss einer Kopfhautmassage, doch bei Jody hatte man stets das Gefühl, dass ihr Job auf dem Spiel stünde, ließe sie auch nur einen Quadratzentimeter Haut ungepflegt. Minutenlang widmete sie sich dem Schopfansatz, anschließend meinte ich für wenige Momente Sterne zu sehen, bis das gesamte Gesicht inklusive Sichtfenster hinter einem warmen und in fremdartiges Elexir getunktes Handtuch verschwand. Mir schwanden die Sinne, währenddessen beeilte sich das Mädel mit den flinken Fingern mir eine Flussreflexzonenmassage zu verabreichen. Head to Toe eben, bei allem Genuss hoffte ich, dass nun nicht der gesamte Mittelteil ausgelassen wird. Weit gefehlt. Denn jetzt begann eine endlose Einreibeprozedur mit edelsten Essenzen, zunächst ein „Clarifying Body Wash“, anschließend ein etwas grobkörnigeres Extrakt, das den klangvollen Namen „Rub `n´Buff Spa Salt Scrub“ trug. Die etwas ungebührliche Frage, ob der gleiche Effekt auch mit gemeinem Sandstrand erzielt werden konnte, wurde geflissentlich überlächelt. Nachdem auch das letzte Körnchen in die letzte Pore gerubbelt wurde, lag ich minutenlang wie ein großer, gepökelter Fisch auf dem Trocknen. Dann folgte der Niederschlag. Es begann zu regnen. Von oben fiel warmer Regen. Herrlich. Jody wiederholte das Ganze, nachdem ich mich in die Bauchlage gedreht hatte. Anschließend, meine Haut hatte sich inzwischen um mehrere Jahre verjüngt, verteilte sie großzügig ein „Body Hydrating Lotion“ und verabreichte eine sanfte schwedische Massage. Ich weiß nicht, wie di Caprio sich dabei fühlt, ich aber genoss alles in vollen Zügen. Zum Schluss folgte noch eine spezielle Hand- und „Pressure pont“ Gesichtsmassage, bei dem ein Gemisch aus Lotion und Brombeer-Tinktur („Black Currant Energizing Complexion Oil“ klingt besser, oder?) zur Anwendung kommt. Danach noch einmal Wasser Marsch aus allen Kanälen, fertig war der neue Mensch.

Henriksen selber muss in seinem Laden bester Kunde sein, seine 53 Jahre sieht man dem gebürtigen Dänen auf jeden Fall nicht an. Vergeblich sucht man bei dem Mann Botox-Spuren oder andere Eingriffe, regelmäßige Facials und ein paar Produkte aus der eigenen Reihe halten ihn spürbar jung. Bei allem Schönheitswahn, gerade in Hollywood, gerade bei seinem High-End Klientel, Henriksen bewahrt sich sogar einen kritischen Abstand zu seinen eigenen Produkten. Auf die Frage, was denn der moderne Mann von heute als Basisversorgung wirklich braucht, gibt er mir zwei Präparate mit auf den Weg, sein „Vitamin Plus Balancing Creme“, eine Feuchtigkeitscreme für das Gesicht und den „On the Go – Exhilarating Cleanser“, die Rezeptur für DEN Morgen danach. Alles darüber hinaus sei Luxus pur, doch, wie er augenzwinkernd versichert „manche Formeln kreieren einfach automatisch die Nachfrage nach mehr“.

Für mich brauchte es auf keinen Fall mehr, ich war neu geboren. Habe ich noch etwas vergessen? Ach ja, der Ausflug in das Dampfbad. Ob eine der erwähnten Stars dort mit mir geschwitzt hat? Ich werde es nie erfahren. Denn der Dunst dort war dichter als jede Londoner Nebelbank, ich sah die Hand vor Augen nicht. Vielleicht ist das Methode? Ähnlich wie in der Traumfabrik selbst liegen auch im Ole Henriksen Spa Fantasie und Realität im Nebulösen.