„Coed“? Ich muss etwas
ungläubig aus dem Bademantel gestaunt haben, als
mir nach knapp zweistündigem Treatment der Weg
in die Dampfsauna gewiesen wurde. Weniger Anglophile
mögen hinter diesem Begriff ein neuartiges Badesalz
aus der unerschöpflichen Produktpalette des Ole
H. vermuten. Falsch, „coed“ steht ganz
profan für „gemischt“, d.h. beim Gang
in den Nassbereich stört keine Geschlechtertrennung,
für das hinlänglich als prüde bekannte
Amerika durchaus eine kleine Sensation. Aufgewertet
wird das „klein“ aus jener Sensation durch
ein paar Bemerkungen, die der Chef im Interview vorher
fallen ließ. Bei ihm kommen und gehen nicht nur
die Stars aus Hollywood, nein, man spricht auch gern über
sie. So gestand Herr Henriksen vorher freimütig,
dass eine Roberts, eine Theron, eine Zellweger sich
regelmäßig bei ihm rundumerneuern, dummerweise
vergas ich zu dem Zeitpunkt, zu fragen, ob die Damen
hinterher auch einer „Steam Room“ Visite
frönen.
Wie kommt nun ein bekennender Kernseifenutzer mittleren
Alters in den angesagtesten Beauty-Tempel der Stadt?
Ganz einfach, in dem er vorgibt, einen Artikel zu schreiben.
Da nimmt sich dann der Chef selbst Zeit und führt
ungezwungen durch sein Schönheitspalais am Sunset
Boulevard und plaudert über sein Leben – und
das seiner Kunden. Über die oben erwähnte
Diven-Riege, zu der sich dann auch noch Stammgast Kaliber
a la Madonna oder Naomi Campbell gesellt. Über
Mark Wahlberg, der sehr angenehm sei. Über Brandan
Frazer. Am schönsten, die Anekdote über den
etwas sperrigen Kirk Douglas, der sich im hohen Alter
von über 70 mit den Worten „Wehe, davon
erfährt die Öffentlichkeit etwas ...“ erstmals
in die Gurkenmaske schlich. Inzwischen ist der Mann
fast 90 und kommt immer noch. Genauso wie auch Leo „King
of the World“ di Caprio, der reist so oft an,
dass dessen bevorzugte Anwendung „Head to Toe“ schon
intern in Di Caprio-Treatment umgetauft wurde. Was
sich denn hinter Kopf bis Fuß verbirgt, wollte
ich wissen. Der Meister lächelte vielsagend und
bat zur Probe aufs Exempel.
Zunächst wurde ich in einen Raum geführt,
in dem in zwei Jacuzzis eukalyptusveredeltes, wohl
temperiertes Wasser sanft vor sich hinblubberte. Ein
Kerzenmeer tauchte den mit groben, in verschiedenen
Brauntönen schimmernden Schieferfliesen ausgelegten
Ort in ein meditatives Licht, ich badete nach wenigen
Sekunden jeglichem Alltagsstress davon. Grob fahrlässig,
dass Jody, meine „Head to Toe“ Bewährungshelferin
mich schon nach 20 Minuten aus allen Träumen riss – als
die platzten, gab ich mich gerade der Hoffnung hin,
dass vielleicht ein schöner, vorzugsweise weiblicher
Mensch in der zweiten Wanne in Seenot geriet. Daraus
wurde nun nichts.
Stattdessen folgte ich brav meiner Wellness-Gebieterin
in eine Nasszelle, in deren Mitte etwas einsam eine
Art Massagebank thronte, von allen Seiten bedroht von
Schläuchen, Duschköpfen und anderen Wasserspendern.
Nackt unter einem schmalen Handtuch kam ich rücklings
zum Erliegen. Es ging los.
Und zwar am Haaransatz. Freilich kommt man gelegentlich
auch beim teuren Frisör in den Genuss einer Kopfhautmassage,
doch bei Jody hatte man stets das Gefühl, dass
ihr Job auf dem Spiel stünde, ließe sie
auch nur einen Quadratzentimeter Haut ungepflegt. Minutenlang
widmete sie sich dem Schopfansatz, anschließend
meinte ich für wenige Momente Sterne zu sehen,
bis das gesamte Gesicht inklusive Sichtfenster hinter
einem warmen und in fremdartiges Elexir getunktes Handtuch
verschwand. Mir schwanden die Sinne, währenddessen
beeilte sich das Mädel mit den flinken Fingern
mir eine Flussreflexzonenmassage zu verabreichen. Head
to Toe eben, bei allem Genuss hoffte ich, dass nun
nicht der gesamte Mittelteil ausgelassen wird. Weit
gefehlt. Denn jetzt begann eine endlose Einreibeprozedur
mit edelsten Essenzen, zunächst ein „Clarifying
Body Wash“, anschließend ein etwas grobkörnigeres
Extrakt, das den klangvollen Namen „Rub `n´Buff
Spa Salt Scrub“ trug. Die etwas ungebührliche
Frage, ob der gleiche Effekt auch mit gemeinem Sandstrand
erzielt werden konnte, wurde geflissentlich überlächelt.
Nachdem auch das letzte Körnchen in die letzte
Pore gerubbelt wurde, lag ich minutenlang wie ein großer,
gepökelter Fisch auf dem Trocknen. Dann folgte
der Niederschlag. Es begann zu regnen. Von oben fiel
warmer Regen. Herrlich. Jody wiederholte das Ganze,
nachdem ich mich in die Bauchlage gedreht hatte. Anschließend,
meine Haut hatte sich inzwischen um mehrere Jahre verjüngt,
verteilte sie großzügig ein „Body
Hydrating Lotion“ und verabreichte eine sanfte
schwedische Massage. Ich weiß nicht, wie di Caprio
sich dabei fühlt, ich aber genoss alles in vollen
Zügen. Zum Schluss folgte noch eine spezielle
Hand- und „Pressure pont“ Gesichtsmassage,
bei dem ein Gemisch aus Lotion und Brombeer-Tinktur
(„Black Currant Energizing Complexion Oil“ klingt
besser, oder?) zur Anwendung kommt. Danach noch einmal
Wasser Marsch aus allen Kanälen, fertig war der
neue Mensch.
Henriksen selber muss in seinem Laden bester Kunde
sein, seine 53 Jahre sieht man dem gebürtigen
Dänen auf jeden Fall nicht an. Vergeblich sucht
man bei dem Mann Botox-Spuren oder andere Eingriffe,
regelmäßige Facials und ein paar Produkte
aus der eigenen Reihe halten ihn spürbar jung.
Bei allem Schönheitswahn, gerade in Hollywood,
gerade bei seinem High-End Klientel, Henriksen bewahrt
sich sogar einen kritischen Abstand zu seinen eigenen
Produkten. Auf die Frage, was denn der moderne Mann
von heute als Basisversorgung wirklich braucht, gibt
er mir zwei Präparate mit auf den Weg, sein „Vitamin
Plus Balancing Creme“, eine Feuchtigkeitscreme
für das Gesicht und den „On the Go – Exhilarating
Cleanser“, die Rezeptur für DEN Morgen danach.
Alles darüber hinaus sei Luxus pur, doch, wie
er augenzwinkernd versichert „manche Formeln
kreieren einfach automatisch die Nachfrage nach mehr“.
Für mich brauchte es auf keinen Fall mehr, ich
war neu geboren. Habe ich noch etwas vergessen? Ach
ja, der Ausflug in das Dampfbad. Ob eine der erwähnten
Stars dort mit mir geschwitzt hat? Ich werde es nie
erfahren. Denn der Dunst dort war dichter als jede
Londoner Nebelbank, ich sah die Hand vor Augen nicht.
Vielleicht ist das Methode? Ähnlich wie in der
Traumfabrik selbst liegen auch im Ole Henriksen Spa
Fantasie und Realität im Nebulösen.
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