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"Das Internet Imperium"
(GQ 10/00)

Cisco Systems ist mit seinen Produkten das Rückgrat des globalen Netzes und das wertvollste Unternehmen der Welt – dank John T. Chambers
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Wenn die Wall Street etwas schätzt, dann ist es die Kunst eintretende Ereignisse zu berechnen. Schließlich bildet sich der Aktienkurs erfahrungsgemäß als Funktion zukünftiger Erwartungen. Umsatz, Gewinn, Renditen – tritt zum Stichtag alles so ein, wie es Experten vorhersagen?  Die Analysten erwarten und die Aktionäre warten gespannt, ob die Erwartungen eintreffen. Kaum ein Unternehmen hat beiden mehr Freude gemacht, als Cisco Systems. Seit über 10 Jahren. 40 Quartale hintereinander hat Cisco einen Rekordumsatz nach dem anderen hingelegt. Sind die Gewinne unablässig gestiegen. Ohne auch nur einmal an den Erwartungen vorbeizuschrammen. Solche Zuverlässigkeit honorieren die internationalen Finanzmärkte gern mit Superlativen. Am 27.3 dieses Jahres war es soweit. Zum achten Mal seit 1956 wurde ein neuer Börsenwert-Primus gekürt. Cisco preschte an Branchenriesen wie Microsoft oder General Electric vorbei und ging mit einem "market cap" von 550 Milliarden Dollar als das "wertvollste" Unternehmen in die Chartanalen ein. Das entsprach in etwa dem achtfachen Wert der deutschen Siemens AG. Oder dem Bruttoinlandsprodukt  der russischen Volkswirtschaft von 1998. Aktionäre der ersten Stunde – und die ist kaum 10 Jahre her – sind heute längst Millionäre. Sofern sie nicht unterwegs verkauft haben. Der kluge Spekulant, der 1990 beim IPO zugriff und für einen Anteilschein $18 hinlegte, der sieht auf seinem aktuellen Depotauszug einen Wert von ca. $14.000. Theoretisch. Diverse Aktiensplits in der Vergangenheit sorgten dafür, daß der Kurs zumindest optisch kleingehalten wird.
 
Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit durchbrach Cisco die Phalanx scheinbar übermächtiger Börsen-Platzhirsche. Aber wie? Ganz einfach – mit dem Verkauf von Routern. Router, das sind "Fräser, die bei Druckplatten diejenigen Stellen ausschneidet, die nicht mitdrucken sollen." (Duden, Das Fremdwörterbuch, Aufl. 1997 Seite ?). Router, das sind "Pferde, die auf längere Rennstrecken getrimmt werden." (Webster`s Dictionary, aktuelle online-Edition). Das muß natürlich die Frage aufwerfen, ob der Verkauf beider "Produkte" solche Aktienkurse rechtfertigt. Mitnichten. Cisco handelt weder mit Vierbeinern noch mit Druckerzeugnissen. Das Verwirrspiel um den Routerbegriff  ist ein Indiz für die mangelnde  Transparenz, wenn es um  die Geschäftstätigkeit eines Unternehmens geht, daß in diesem Jahr immerhin Umsatzerlöse von über 20 Milliarden Dollar bilanzieren wird. Knappe 40% davon stammen aus den Verkäufen  besagter Router. In Wahrheit sind die Cisco-Router ein Stück Technologie, ohne daß das Internet in seiner jetzigen Form nicht existieren könnte.  Anders ausgedrückt: In einer Welt, in der wir gerade mühsam das Aufrechtgehen erlernen, besohlt Cisco uns die Schuhe. Cisco und seine Produkte, neben den Routern sind das sogenannte Switches, Bridges und Gateways, bilden das Rückrat des Internets. Sie alle sorgen für die zügige An- und Abfahrt riesiger Datenmengen im unendlichen Dickicht weltweit vernetzter Computer. Beispiel: Sie verschicken eine Email. Dabei enthält der Header alle Informationen, die für die Lieferung der Email wichtig sind. Drücken Sie auf "Send", dann flitzt ihre Botschaft durch diverse Netzwerke und passiert dabei jeweils Router, jene kleinen, hochfrisierten Computer, deren spezielle Programme über den optimalen Weg zum Adressaten entscheiden. Auf der Datenschiene bestimmt Cisco, wo wann welche Zufahrten, Kreuzungen und Weichen gebaut und benutzt werden. "Global Networked Business", so das offizielle Geschäftsmodell, at its best.
 
Vor knapp 15 Jahren war das Stichwort "global" mit Sicherheit kein Thema. Leonard Bosack und Sandy Lerner standen vielmehr vor einem lokalen Dilemma. Beide betreuten damals die Computersysteme unterschiedlicher Fakultäten an der Universität Stanford. Problem: Die Gerätschaften konnten sich nicht verständigen. Also tüftelten die beiden Wissenschaftler so lange, bis sie eine hochkomplexe Software zusammengeschrieben hatten (IOS – Internet Operating System), die Netzwerke miteinander kommunizieren ließ. Das ganze verschwand in einer toasterförmigen Black Box mit Mikroprozessoren und Koaxial-Kabel und ... voila, der Router war geboren. Und bei der Gelegenheit auch gleich Cisco Systems. Ein findiger Investor investierte 2.5 Millionen Dollar in die neue Technologie. Warum aber hat Cisco Systems bis dato weitgehend im Verborgenen operiert? Ganz einfach, der gemeine Router findet sich höchst selten in der Nähe eines ganz normalen Internetsurfer. Wer, bitteschön, kennt schon den Catalyst 6000, den Whopper unter den Routern.
 
Diese Unkenntnis ist besonders einem Mann ein Dorn im Auge. Sein Name: Mr. Internet – so apostrophierte ihn jüngst das amerikanische Wirtschaftsblatt Business Week. Sein wirklicher Name: John Thomas Chambers. Sproß eines Ärzteehepaars aus West Virginia, Diplom-Betriebswirt, Jurist und ehemaliges IBM und Wang Computer Vertriebsgenie. Doch das Gros der Aktionäre ist ihm eher in seiner jetzigen Funktion zugeneigt. Mr. Chambers ist Ciscos Boss. Seit 1995. Die Geschäftsentwicklung gab schon vorher kaum Anlass zur Sorge, mit Chambers an der Spitze befinden sich Auftragslage und Kursentwicklung auf der Überholspur. Seit Amtsantritt verzehnfachte sich der Umsatz, von 2 Milliarden auf über 20 Milliarden Dollar, stieg die Angestelltenzahl von 3.500 auf über 30.000, blähte sich der Börsenwert von knappen 10 Milliarden auf zeitweise über eine halbe Billion Dollar. Ron Sommer, der im gleichen Jahr das Ruder bei der Telekom übernahm, muß vor Neid erblassen. Im Vergleichszeitraum steigerte  er den Umsatz bei den Telefonisten um mäßige 15%. Gleichzeitig speckte er bei den Mitarbeitern deutlich ab. Oder die Siemens AG. Sie machte 1999 immer noch mehr als das Dreifache vom Cisco-Umsatz, die Börsenwertentwicklung ist aber eine relativ klägliche – von 20 Milliarden Euros in 1995 auf 46 Milliarden Euros im vergangenen Jahr. Sicher, ganz fair sind solche Vergleiche nicht. Doch bei Cisco, dem selbsternannten  Vorreiter der "New Economy" kann die Konkurrenz einiges lernen. Zum Beispiel wie man das Internet nutzt – 1997 lief ein Drittel des gesamten e-commerce über eine einzige Website. Über cisco.com. Heute wickeln die fleißigen Ciscoianer über 90% ihres Geschäfts online ab. Das Geschäft, sprich die Produktion von Networking-Parts liegt zu 75% bei Zulieferern, dieses Outsourcing wird gleichzeitig zu 100% onlinemäßig betreut. Chambers muß ein Internetfetisch haben, vielleicht umfaßt die firmeneigene Website deshalb derzeit bereits 10 Millionen (!) Seiten. Tendenz steigend, der gesamte Customer Service wird via Internet geregelt. Da klingt es fast wie Hohn, wenn der Chef ausposaunt "Technologie sei kein Selbstzweck."
Wer ist John Chambers? Er hat nicht das magisch-mystische Auftreten des meist in dunkles Tuch gehüllten Apple-Pflückers Steve Jobs. Er kokettiert nicht mit dem Charme des ewigen Konfirmanden wie Bill Gates. Es umgibt ihn nicht  die leicht angestaubte Aura eines Ross Perot oder Warren Buffett. Chambers ist ein CEO sui generis. Lässt man ihn zu Wort kommen und das lassen die meisten, egal ob Englands Premier Tony Blair, der chinesische Präsident Jiang Zemin oder eine Garage voller Internet-Nasen, die über die Zukunft des Mediums philosophieren, dann prasseln Worte mit einer Schlagzahl von über 200 pro Minute auf die teilweise überforderten Gegenüber. Das ganze intoniert mit der sanft-melodischen Stimme eines Wanderpredigers.  Chambers ist Missionar in eigener Sache. Und seine Sache ist Cisco. Gebetsmühlenartig referiert der Mann über seine Firma. Die Konkurrenz? Sie liegt am Boden. Bay Networks ist nur noch eine Fußnote, 3Com und Cabletron dümpeln abgeschlagen im Kielwasser des Marktführers. Die Zukunft? Sie ist längst hier. Sie wird nur noch richtig geformt. In Cisco City. Ein Komplex aus unzähligen, flachen, beige- und aquafarbigen Bunkern nördlich von San Jose, in das täglich 14.000 Cisconiten pilgern. Alles sieht gleich aus. Die Architektur, das Mobilar, die Mitarbeiter. Alles wirkt auf wundersame Art perfekt, friedlich und ... langweilig. Das Büro des Herrn C. –  ein Think Tank der frugaleren Art. Ein fensterloser Kasten von der Größe einer Hutschachtel. Angesichts der Tatsache, daß Cisco mehr Millionäre unter seinen Angestellten ausbrütet als Microsoft, fast eine Ironie. Den Denkprozeß scheint das spartanische Ambiente eher zu beschleunigen. Chambers und seine Mannschaft reflektieren über das "New World Network". Über die nahtlose Verschmelzung der Internettechnologie mit Glasfaser-, Kabel- und kabellosen Systemen zur Integration von Sprach-, Video – und Datenübertragung. Alles auf Basis des Internetprotokolls IP, das schon als verlässlicher und allgemeinverbindlicher Standard auf Routing- Ebene gilt. Und natürlich alles aus dem Hause Cisco.
 
Bescheidenheit ist keine Tugend unter den Internet-Klempnern.
Mit der gleichen Nonchalance  verkündet Chambers Plattitüden wie "Wir werden die Welt verändern" oder "Wir machen Cisco zum größten Unternehmen aller Zeiten". Doch Chambers wäre nicht Chambers und Chambers wäre nicht die weltweite Nummer 1 unter den CEOs, würde er seinen großen Worten nicht auch Taten folgen lassen. Der Markt für Network-Ausrüstung ist fest in Cisco Hand, jetzt soll der Telekommunikationsmarkt aufgemischt werden. Dort spielen die Big Players wie die ATT Tochter Lucent Technologies, Alcatel, Siemens und Fujitsu. Chambers  Sendungsbewußtsein kennt keine Grenzen. Was aber macht Mr. Internet, um dafür zu sorgen daß seine Firma nicht länger mit einem Softdrink oder einem Geldinstitut verwechselt wird. Zwei Dinge. Er rührt die Werbetrommel. Seine Mediaplaner drücken seit Monaten eine $ 60 Millionen teure TV-Kampagne in alle Märkte dieser Welt. Und er geht auf Reisen. Das fröhliche, wenn gleich etwas kryptische Motto " Are you ready" – Sind Sie bereit?" ist stets im Gepäck, wenn der 51-jährige zu einem seiner gefürchteten Akquisitions-Kreuzzüge aufbricht, um zu sehen, inwieweit die anderen wirklich "bereit" sind. Bereit, sich dem Network-Giganten einverleiben zu lassen. Der Grad der Bereitschaft korreliert dabei heftigst mit  der gebotenen Menge an Cisco-Dollar. Herr Chambers pflegt nämlich in Paketen zu bezahlen. In Aktienpaketen. Getrieben von Paranoia, einen Trend zu verpassen zu können, wie er selbst unumwunden zugibt, kauft der Mann alles was, die Denkschmieden weltweit hergeben. Sein Credo. Technologietransfer durch Übernahme. Oder: Lieber schlau eingekauft, als schlecht selbst gemacht. Unter seiner Ägide verschwanden bereits 52 Unternehmen in den Sphären des Cisco Universums. Dem italienischen Reifenfabrikanten Pirelli schnappte er die hausinterne Glasfaserabteilung weg. Ewig dankbar werden ihm die Angestellten von Cerent sein, einem Pre-IPO Shop im Telekommunikationssektor. Chambers fackelte nicht lange und legte 6.9 auf den Tisch. Milliarden, nicht Millionen! Nicht schlecht für einen Laden, der gerade einmal 10 Millionen Dollar Umsatz auswies.
 
Anders als für John Chambers ist die Zukunft für Normalsterbliche ex definitione erst ... morgen. Frühestens. Ob die ökonomische "New World Order" wirklich von Cisco angeführt und beherrscht wird, wie von ihm avisiert?  Kann das Postulat vom Post-PC Zeitalters, daß er verkündet wie das Evangelium, wirklich so schnell Wirklichkeit werden?  Oder wird der Koloss Cisco irgendwann an seiner eigenen Größe scheitern, wenn die High Tech Unternehmen der nächsten Generation wie Sycamore Networks oder Juniper Networks mit immer moderneren Technologien auftrumpfen. Wer wird der Market-Cap King in 10 Jahren sein? Wahrscheinlich ein Unternehmen, das heute noch gar nicht existiert. Bis es soweit ist, werden die meisten der 3.5 Millionen Cisco Aktionäre vermutlich ruhig schlafen. Und, wenn sie Glück haben und Mr. Internet Recht behält, irgendwann als Millionäre aufwachen.