Wenn die Wall Street etwas
schätzt, dann ist es die Kunst eintretende
Ereignisse zu berechnen. Schließlich bildet
sich der Aktienkurs erfahrungsgemäß als
Funktion zukünftiger Erwartungen. Umsatz, Gewinn,
Renditen – tritt zum Stichtag alles so ein,
wie es Experten vorhersagen? Die Analysten
erwarten und die Aktionäre warten gespannt,
ob die Erwartungen eintreffen. Kaum ein Unternehmen
hat beiden mehr Freude gemacht, als Cisco Systems.
Seit über 10 Jahren. 40 Quartale hintereinander
hat Cisco einen Rekordumsatz nach dem anderen hingelegt.
Sind die Gewinne unablässig gestiegen. Ohne
auch nur einmal an den Erwartungen vorbeizuschrammen.
Solche Zuverlässigkeit honorieren die internationalen
Finanzmärkte gern mit Superlativen. Am 27.3
dieses Jahres war es soweit. Zum achten Mal seit
1956 wurde ein neuer Börsenwert-Primus gekürt.
Cisco preschte an Branchenriesen wie Microsoft oder
General Electric vorbei und ging mit einem "market
cap" von 550 Milliarden Dollar als das "wertvollste" Unternehmen
in die Chartanalen ein. Das entsprach in etwa dem
achtfachen Wert der deutschen Siemens AG. Oder dem
Bruttoinlandsprodukt der russischen Volkswirtschaft
von 1998. Aktionäre der ersten Stunde – und
die ist kaum 10 Jahre her – sind heute längst
Millionäre. Sofern sie nicht unterwegs verkauft
haben. Der kluge Spekulant, der 1990 beim IPO zugriff
und für einen Anteilschein $18 hinlegte, der
sieht auf seinem aktuellen Depotauszug einen Wert
von ca. $14.000. Theoretisch. Diverse Aktiensplits
in der Vergangenheit sorgten dafür, daß der
Kurs zumindest optisch kleingehalten wird.
Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit durchbrach
Cisco die Phalanx scheinbar übermächtiger Börsen-Platzhirsche.
Aber wie? Ganz einfach – mit dem Verkauf von Routern.
Router, das sind "Fräser, die bei Druckplatten diejenigen
Stellen ausschneidet, die nicht mitdrucken sollen." (Duden,
Das Fremdwörterbuch, Aufl. 1997 Seite ?). Router,
das sind "Pferde, die auf längere Rennstrecken getrimmt
werden." (Webster`s Dictionary, aktuelle online-Edition).
Das muß natürlich die Frage aufwerfen, ob
der Verkauf beider "Produkte" solche Aktienkurse rechtfertigt.
Mitnichten. Cisco handelt weder mit Vierbeinern noch
mit Druckerzeugnissen. Das Verwirrspiel um den Routerbegriff ist
ein Indiz für die mangelnde Transparenz, wenn
es um die Geschäftstätigkeit eines Unternehmens
geht, daß in diesem Jahr immerhin Umsatzerlöse
von über 20 Milliarden Dollar bilanzieren wird.
Knappe 40% davon stammen aus den Verkäufen besagter
Router. In Wahrheit sind die Cisco-Router ein Stück
Technologie, ohne daß das Internet in seiner jetzigen
Form nicht existieren könnte. Anders ausgedrückt:
In einer Welt, in der wir gerade mühsam das Aufrechtgehen
erlernen, besohlt Cisco uns die Schuhe. Cisco und seine
Produkte, neben den Routern sind das sogenannte Switches,
Bridges und Gateways, bilden das Rückrat des Internets.
Sie alle sorgen für die zügige An- und Abfahrt
riesiger Datenmengen im unendlichen Dickicht weltweit
vernetzter Computer. Beispiel: Sie verschicken eine Email.
Dabei enthält der Header alle Informationen, die
für die Lieferung der Email wichtig sind. Drücken
Sie auf "Send", dann flitzt ihre Botschaft durch diverse
Netzwerke und passiert dabei jeweils Router, jene kleinen,
hochfrisierten Computer, deren spezielle Programme über
den optimalen Weg zum Adressaten entscheiden. Auf der
Datenschiene bestimmt Cisco, wo wann welche Zufahrten,
Kreuzungen und Weichen gebaut und benutzt werden. "Global
Networked Business", so das offizielle Geschäftsmodell,
at its best.
Vor knapp 15 Jahren war das Stichwort "global" mit Sicherheit
kein Thema. Leonard Bosack und Sandy Lerner standen vielmehr
vor einem lokalen Dilemma. Beide betreuten damals die
Computersysteme unterschiedlicher Fakultäten an
der Universität Stanford. Problem: Die Gerätschaften
konnten sich nicht verständigen. Also tüftelten
die beiden Wissenschaftler so lange, bis sie eine hochkomplexe
Software zusammengeschrieben hatten (IOS – Internet
Operating System), die Netzwerke miteinander kommunizieren
ließ. Das ganze verschwand in einer toasterförmigen
Black Box mit Mikroprozessoren und Koaxial-Kabel und
... voila, der Router war geboren. Und bei der Gelegenheit
auch gleich Cisco Systems. Ein findiger Investor investierte
2.5 Millionen Dollar in die neue Technologie. Warum aber
hat Cisco Systems bis dato weitgehend im Verborgenen
operiert? Ganz einfach, der gemeine Router findet sich
höchst selten in der Nähe eines ganz normalen
Internetsurfer. Wer, bitteschön, kennt schon den
Catalyst 6000, den Whopper unter den Routern.
Diese Unkenntnis ist besonders einem Mann ein Dorn im
Auge. Sein Name: Mr. Internet – so apostrophierte
ihn jüngst das amerikanische Wirtschaftsblatt Business
Week. Sein wirklicher Name: John Thomas Chambers. Sproß eines Ärzteehepaars
aus West Virginia, Diplom-Betriebswirt, Jurist und ehemaliges
IBM und Wang Computer Vertriebsgenie. Doch das Gros der
Aktionäre ist ihm eher in seiner jetzigen Funktion
zugeneigt. Mr. Chambers ist Ciscos Boss. Seit 1995. Die
Geschäftsentwicklung gab schon vorher kaum Anlass
zur Sorge, mit Chambers an der Spitze befinden sich Auftragslage
und Kursentwicklung auf der Überholspur. Seit Amtsantritt
verzehnfachte sich der Umsatz, von 2 Milliarden auf über
20 Milliarden Dollar, stieg die Angestelltenzahl von
3.500 auf über 30.000, blähte sich der Börsenwert
von knappen 10 Milliarden auf zeitweise über eine
halbe Billion Dollar. Ron Sommer, der im gleichen Jahr
das Ruder bei der Telekom übernahm, muß vor
Neid erblassen. Im Vergleichszeitraum steigerte er
den Umsatz bei den Telefonisten um mäßige
15%. Gleichzeitig speckte er bei den Mitarbeitern deutlich
ab. Oder die Siemens AG. Sie machte 1999 immer noch mehr
als das Dreifache vom Cisco-Umsatz, die Börsenwertentwicklung
ist aber eine relativ klägliche – von 20 Milliarden
Euros in 1995 auf 46 Milliarden Euros im vergangenen
Jahr. Sicher, ganz fair sind solche Vergleiche nicht.
Doch bei Cisco, dem selbsternannten Vorreiter
der "New Economy" kann die Konkurrenz einiges lernen.
Zum Beispiel wie man das Internet nutzt – 1997
lief ein Drittel des gesamten e-commerce über eine
einzige Website. Über cisco.com. Heute wickeln die
fleißigen Ciscoianer über 90% ihres Geschäfts
online ab. Das Geschäft, sprich die Produktion von
Networking-Parts liegt zu 75% bei Zulieferern, dieses
Outsourcing wird gleichzeitig zu 100% onlinemäßig
betreut. Chambers muß ein Internetfetisch haben,
vielleicht umfaßt die firmeneigene Website deshalb
derzeit bereits 10 Millionen (!) Seiten. Tendenz steigend,
der gesamte Customer Service wird via Internet geregelt.
Da klingt es fast wie Hohn, wenn der Chef ausposaunt "Technologie
sei kein Selbstzweck."
Wer ist John Chambers? Er hat nicht das magisch-mystische
Auftreten des meist in dunkles Tuch gehüllten Apple-Pflückers
Steve Jobs. Er kokettiert nicht mit dem Charme des ewigen
Konfirmanden wie Bill Gates. Es umgibt ihn nicht die
leicht angestaubte Aura eines Ross Perot oder Warren
Buffett. Chambers ist ein CEO sui generis. Lässt
man ihn zu Wort kommen und das lassen die meisten, egal
ob Englands Premier Tony Blair, der chinesische Präsident
Jiang Zemin oder eine Garage voller Internet-Nasen, die über
die Zukunft des Mediums philosophieren, dann prasseln
Worte mit einer Schlagzahl von über 200 pro Minute
auf die teilweise überforderten Gegenüber.
Das ganze intoniert mit der sanft-melodischen Stimme
eines Wanderpredigers. Chambers ist Missionar in
eigener Sache. Und seine Sache ist Cisco. Gebetsmühlenartig
referiert der Mann über seine Firma. Die Konkurrenz?
Sie liegt am Boden. Bay Networks ist nur noch eine Fußnote,
3Com und Cabletron dümpeln abgeschlagen im Kielwasser
des Marktführers. Die Zukunft? Sie ist längst
hier. Sie wird nur noch richtig geformt. In Cisco City.
Ein Komplex aus unzähligen, flachen, beige- und
aquafarbigen Bunkern nördlich von San Jose, in das
täglich 14.000 Cisconiten pilgern. Alles sieht gleich
aus. Die Architektur, das Mobilar, die Mitarbeiter. Alles
wirkt auf wundersame Art perfekt, friedlich und ... langweilig.
Das Büro des Herrn C. – ein Think Tank
der frugaleren Art. Ein fensterloser Kasten von der Größe
einer Hutschachtel. Angesichts der Tatsache, daß Cisco
mehr Millionäre unter seinen Angestellten ausbrütet
als Microsoft, fast eine Ironie. Den Denkprozeß scheint
das spartanische Ambiente eher zu beschleunigen. Chambers
und seine Mannschaft reflektieren über das "New
World Network". Über die nahtlose Verschmelzung
der Internettechnologie mit Glasfaser-, Kabel- und kabellosen
Systemen zur Integration von Sprach-, Video – und
Datenübertragung. Alles auf Basis des Internetprotokolls
IP, das schon als verlässlicher und allgemeinverbindlicher
Standard auf Routing- Ebene gilt. Und natürlich
alles aus dem Hause Cisco.
Bescheidenheit ist keine Tugend unter den Internet-Klempnern.
Mit der gleichen Nonchalance verkündet Chambers
Plattitüden wie "Wir werden die Welt verändern" oder "Wir
machen Cisco zum größten Unternehmen aller
Zeiten". Doch Chambers wäre nicht Chambers und Chambers
wäre nicht die weltweite Nummer 1 unter den CEOs,
würde er seinen großen Worten nicht auch Taten
folgen lassen. Der Markt für Network-Ausrüstung
ist fest in Cisco Hand, jetzt soll der Telekommunikationsmarkt
aufgemischt werden. Dort spielen die Big Players wie
die ATT Tochter Lucent Technologies, Alcatel, Siemens
und Fujitsu. Chambers Sendungsbewußtsein
kennt keine Grenzen. Was aber macht Mr. Internet, um
dafür zu sorgen daß seine Firma nicht länger
mit einem Softdrink oder einem Geldinstitut verwechselt
wird. Zwei Dinge. Er rührt die Werbetrommel. Seine
Mediaplaner drücken seit Monaten eine $ 60 Millionen
teure TV-Kampagne in alle Märkte dieser Welt. Und
er geht auf Reisen. Das fröhliche, wenn gleich etwas
kryptische Motto " Are you ready" – Sind Sie bereit?" ist
stets im Gepäck, wenn der 51-jährige zu einem
seiner gefürchteten Akquisitions-Kreuzzüge
aufbricht, um zu sehen, inwieweit die anderen wirklich "bereit" sind.
Bereit, sich dem Network-Giganten einverleiben zu lassen.
Der Grad der Bereitschaft korreliert dabei heftigst mit der
gebotenen Menge an Cisco-Dollar. Herr Chambers pflegt
nämlich in Paketen zu bezahlen. In Aktienpaketen.
Getrieben von Paranoia, einen Trend zu verpassen zu können,
wie er selbst unumwunden zugibt, kauft der Mann alles
was, die Denkschmieden weltweit hergeben. Sein Credo.
Technologietransfer durch Übernahme. Oder: Lieber
schlau eingekauft, als schlecht selbst gemacht. Unter
seiner Ägide verschwanden bereits 52 Unternehmen
in den Sphären des Cisco Universums. Dem italienischen
Reifenfabrikanten Pirelli schnappte er die hausinterne
Glasfaserabteilung weg. Ewig dankbar werden ihm die Angestellten
von Cerent sein, einem Pre-IPO Shop im Telekommunikationssektor.
Chambers fackelte nicht lange und legte 6.9 auf den Tisch.
Milliarden, nicht Millionen! Nicht schlecht für
einen Laden, der gerade einmal 10 Millionen Dollar Umsatz
auswies.
Anders als für John Chambers ist die Zukunft für
Normalsterbliche ex definitione erst ... morgen. Frühestens.
Ob die ökonomische "New World Order" wirklich von
Cisco angeführt und beherrscht wird, wie von ihm
avisiert? Kann das Postulat vom Post-PC Zeitalters,
daß er verkündet wie das Evangelium, wirklich
so schnell Wirklichkeit werden? Oder wird der Koloss
Cisco irgendwann an seiner eigenen Größe scheitern,
wenn die High Tech Unternehmen der nächsten Generation
wie Sycamore Networks oder Juniper Networks mit immer
moderneren Technologien auftrumpfen. Wer wird der Market-Cap
King in 10 Jahren sein? Wahrscheinlich ein Unternehmen,
das heute noch gar nicht existiert. Bis es soweit ist,
werden die meisten der 3.5 Millionen Cisco Aktionäre
vermutlich ruhig schlafen. Und, wenn sie Glück haben
und Mr. Internet Recht behält, irgendwann als Millionäre
aufwachen.
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