"Wem gehört eigentlich YouPorn?" (Penthouse 04/08)
YouPorn und deren Klons wie TimTube, PornFlag, RedTube und PornoTube stoßen sich über Bannerwerbung finanziell gesund, kommerzielle Pornoanbieter gucken in die Röhre.
 

„Ich will dich blasen,“ bettelt das Modell Marke geile Hausfrau mit osteuropäischem Akzent, nestelt an ihren Plastiktitten und schaut mir dabei eindringlich in die Augen. Fasziniert-geil starre zurück. Und ich bin nicht allein. Laut Statistik teile ich die blasfreudige Dame bereits mit einer halben Million anderer Voyeure. Denn natürlich blickt sie mir nicht wirklich in die Augen, sondern in die Linse eines erregt-erigiert schwenkenden Kameramannes, der Anstalten macht, ihr mehr als nur sein Arbeitsgerät in den Mund zu stecken. Abzurufen ist das 13-minütige Spektakel unter dem Appetitmachenden Namen „Geiler Fick in der Küche“ im Internet. Genauer: Auf www.youporn.com

Was genau ist YouPorn? Vordergründig ein Riesenerfolg. Weiß Alexa. Und die muss es wissen. Dabei gehört sie nicht zu den Millionen von Exhibitionisten, die ihre Haut dort digital zu Markte tragen, Alexa ist ein Serverdienst, der Daten über Webverkehr dokumentiert. Bei YouPorn stehen die Zeichen auf Dauerhoch, es herrscht so viel Verkehr, dass die Seite von Platz 400 bis auf derzeit Platz 27 (in Deutschland gar Platz 15) der meistbesuchtesten Websites hochgeschnellt ist – innerhalb nur eines Jahres. YouPorn, das ist die Manifestation von Porn 2.0, das ist YouTube ohne Höschen, das ist ein sexuelles Kuriositätenkabinett mit Tausenden von Kurzvideos, in denen Amateure und Profis ihre Höhepunkte einem Millionenpublikum vorejakulieren. Vor allen Dingen aber ist das Sehen und Gesehenwerden bei YouPorn umsonst. Mitmachen kann jeder, es reicht Kamera und Internetanschluss, einen Darstellernachweis braucht es nicht und so dilettieren in der Hauptsache Menschen wie du und ich mit wackeligem Hintern und noch wackeligeren Handycams und filmen sich tiefer denn je unter die Gürtellinie. Früher hieß dieser Bereich Intimsphäre – ein schnelles Uploading und intim war gestern. Das eigene Schlafzimmer, wahlweise auch der Fahrstuhl, das Klassenzimmer („Geiler Wix in der Schulstunde“), eine Waldlichtung („English Mature Outside Fuck“ – eine schwergewichtige Britin wird von ihrem angelschnurdünnen Beschäler ins Geäst genagelt) oder die H&M Umkleidekabine, sie alle werden zum Tor ins virtuelle Sodom & Gomorrha. Anders als prominente Vorreiterinnen wie Pamela Anderson oder Paris Hilton, deren Sexkapaden einen gewissen Kultstatus genießen, warten auf Otto und all die anderen Normalverbraucher nicht Andy Warhols sprichwörtliche 15 Minutes of Fame. Und doch kennt die Schamgrenze auf dem Weg ins Bodenlose kein Halten. Der gern zitierte Medienpsychologe Prof. Dr. Jo Goebel kam dem Massenphänomen mit den Worten „So eine Seite ist der neue Kegelclub. Die Leute fühlen sich aufgehoben als Teil einer Gemeinschaft.“ auf die Spur. Virtueller Bumsclub wäre die vielleicht treffendere Bezeichnung. Eine COSMOPOLITAN Umfrage will herausgefunden haben, dass 15% aller Frauen schon einmal ein Sexvideo gedreht hat, inklusive ihrer Zustimmung. Keine Zahlen gibt es darüber, wie viele von denen damit einverstanden sind, wenn der spätere Ex-Freund die Nümmerchen unter dem Label „Ich ficke meine Ex von hinten“ ins Netz stellt.

Täglich buhlen im Netz über 250 neue Seiten mit pornografischen Inhalten um Aufmerksamkeit, 30.000 User schalten sich zu – pro Sekunde. File Sharing und User-Generated Content sind die Gebote der Stunde. Während sich YouPorn und deren grassierende Klons wie TimTube, PornFlag, RedTube und PornoTube über Bannerwerbung finanziell gesund stoßen, gucken kommerzielle Pornoanbieter in die Röhre, ihr Kerngeschäft, der Verkauf von Sex-DVDs knickt ein. Die 10 Milliarden Euro schwere Adult Entertainment Industrie ist waidwund und keiner röhrt lauter als der schwerste Industrielle von allen – der Chef von Vivid Entertainment, Steve Hirsch. Er zerrte unlängst YouPorn vor Gericht. Begründung: Dort seien vermehrt Inhalte kommerzieller Pornos gesichtet worden, deren Copyright bei ihm lägen. Doch wer ist eigentlich YouPorn?

So glasklar der Erfolg scheint, so milchig-trüb sind die Besitzverhältnisse. Hirsch selber hatte vor gut einem Jahr mit einem YouPorn Macher zu tun. Angeblich. Ein Mann namens Stephen Paul Jones, 28, Big Player von eigenen Gnaden aus Silicon Valley schneite vorbei und bot ihm den Laden für 20 Millionen Dollar an – ein Schnäppchen im Vergleich zu den mehr als 1.5 Mrd. Dollar die Google für YouTube hinblätterte. Hirsch lehnte ab, Jones verschwand. Allerdings nicht ohne Duftmarken in verschiedenste Richtungen zu setzen. Ein Malaysier namens Zach Hong mit Wohnsitz in Australien soll einer der Strippenzieher von YouPorn sein, auf Anfrage bestätigt er sein Engagement, mehr aber auch nicht. Der Firmenmantel heißt Midstream Media International, der Firmensitz ist kaum mehr als ein Postfach in den Niederländischen Antillen. Von dort führt die Spur zu einer Firma namens VISIT-X B.V, sie sitzt im holländischen Ijmuiden und gibt sich als Eigentümer von der YouPorn Live Cam Seite aus. Verwirrend? Und dann kursiert in der Branche noch das Gerücht, das ein unbekannter Deutscher hinter allem steckt. Bisher jedenfalls hat noch niemand einen wirklich nachvollziehbaren Eigentumsnachweis erbracht. Den Heerscharen von Usern ist der sowieso egal, so lange ihnen bei der täglichen Fleischschau niemand in die Parade fährt. So wie unlängst der deutsche Internet-Provider Arcor, der kurzfristig den Zugang kappte und Millionen von Wichsern ohne Vorlage verweisen ließ.´