Superbowl vor ein paar Wochen.
Als Sekunden vor Schluss der Fieldgoal-Versuch der New
England Patriots erfolgreich durch das gelbe
Gestänge getreten wird, sind zwei Dinge fällig.
Eine der größten Sensationen jüngerer
Sportgeschichte. Und der kollektive Aufschrei der Buchmacher.
Der gelungene Kick der Patrioten wirkte wie ein schwungvoller
Tritt in die (finanziellen) Eier vieler “Bookies“.
Allein in Las Vegas gingen Wetten im Wert von 71 Millionen
Dollar auf das Finale im American Football ein –
wer dabei auf das angeblich hoffnungslos unterlegene
Team aus Neu England gesetzt hat, dürfte je nach
Einsatz, Quote und Art der Wette ordentlich abgeräumt
haben. Es sei denn, man zählte zu den Unglücklichen,
die in Boston und Umgebung ihren Buchmacher sitzen hatten.
Denn dort, im unmittelbaren Orbit der “patriotischen“
Hardcore-Fans, wurden Unsummen auf die eigene Mannschaft
platziert. Als die siegestrunkenen Zocker am nächsten
Tag zwecks Auszahlung vorstellig wurden, zeigte sich
so manch einer der Wettannahmeschalter verwaist ...
Vor Jahren noch hätte die uramerikanische Superbowl
den Zocker aus Hongkong oder Mönchengladbach kalt
gelassen. Dank der digitalen Revolution ist das heute
anders. Glücksritter aller Herren Länder sind
heute meist nur ein Mausklick davon entfernt, Haus und
Hof auf den Ausgang eines Pferderennens oder eines Rugby-Matches
zu setzen. Über 1400 Gambling-Sites warten online,
damit wieder einer mehr der Faszination “Glücksspiel“
erliegt. “Spieler, Spieler komm rüber“,
intonierte der Barde Achim Reichel einst. Wie die Lemminge
folgen viele diesem und anderen Rufen mit der Aussicht
auf ein wenig Thrill und viel Geld. Oder umgekehrt.
Und meistens ist es umgekehrt. Dem regen Ansturm auf
Internet-Kasinos, Online-Buchhaltern und Cyber-Lotterien
tut die Aussicht auf möglichen Bankrott wahrlich
keinen Abbruch. Optimistische Stimmen rechnen mit Online-Umsätzen
von bis zu 4.1. Milliarden Dollar in diesem Jahr - damit
könnte sich Verteidigungsminister Scharping seiner
Airtrans Probleme entledigen.
Der Zusammenhang von Politik und Glücksspiel kommt
nicht von ungefähr. In Deutschland liegt das Glückspielmonopol
in staatlicher Hand. Auch wenn es der öffentlichen
Hand (noch) schwer fällt, ein Stück vom Online-Wettkuchen
abzubeißen, die Zuflüsse aus real existierenden
Institutionen sind üppig. Und sie bieten genug
Zündstoff für das fatale Dilemma, in dem sich
die Regierung von Bund und Ländern wieder findet.
Einerseits ist Spielsucht und das Schicksal von Hunderttausenden,
die das vermeintliche Zockerglück in den Ruin treibt,
Anlass zur Sorge, andererseits wird von den 27 Milliarden
Euro (Zahlen von 2000) , die pro Jahr an deutschen Spieltischen,
Lottostellen und Spielautomaten umgeschlagen werden,
4.4 Milliarden in das Staatssäckel gespült.
Und damit werden zum größten Teil karitative
Zwecke bedient.
Die Verbindung Fiskus und Glücksspiel ist so alt
wie das Verlosen und das Wetten selbst. Als Moses nebst
Gefolge endlich im gelobten Land aufschlug, ließ
er Parzellen per Tombola ausloben. Römische Kaiser
hielten Verlosungen ab, bei der das untertänige
Volk vom Zahnstocher bis zur goldenen Nachtigall alles
gewinnen konnten. Sowohl der Kölner Dom, das Schloss
Sanssouci als auch die London Docks wurden über
Lotterien finanziert. Der Spieltrieb machte selbst vor
gesellschaftspolitischen Barrieren nicht Halt. Honi
und Konsorten spendierten dem gelangweilten Kollektiv
die “Glücksrakete“ und das “Telelotto
5 aus 35“ und ließen die treuen DDR Bürger
ums Ost-Geld buhlen – mehr als 500.000 Mark waren
aber nicht zu holen, Millionäre blieben im Sozialismus
verpönt.
Egal ob stattlich reguliert, gesellschaftlich sanktioniert
oder schlichtweg gegeißelt – die Wettleidenschaft
kennt keine Grenzen – weder geschmackliche noch
geografische. Eine Passion, getragen von traditioneller
Ausprägung, Lokalkolorit und individuellem Irrsinn.
Ist der zu beobachtende Wett-Kampf auch noch so absurd,
man darf sicher sein, dass gegensätzliche Meinungen
für einen Pott voll Kohle sorgen, den es zu erobern
gilt – in den allermeisten Fällen mehr durch
passives Abwägen als aktives Dazutun. In Thailand
frönt man mit wachsender Begeisterung dem “Fish
Fighting“; tropische Schwimmer, die für das
ungeschulte Auge eher Zierfischcharakter haben, beäugen
sich misstrauisch, nachdem man sie jeweils in eine Flasche
gesteckt hat. Anschließend wirft man beide in
ein gemeinsames Becken und tippt, welcher wen als erstes
in der Mitte durchbeißt. Ebenfalls in Südostasien,
aber auch in Mexiko und Haiti ist der Hahnenkampf zu
Hause. Bei der mexikanischen Variante werden die Krallen
rasiermesserscharf angeschliffen. Leider gehören
auch immer noch Duelle unter Kampfhunden zu beliebten
Wettanlässen – in Italien, den USA und auch
hierzulande. Harmloser, aber auch jenseits des guten
Geschmacks, das alljährliche Berliner Kakerlakenrennen,
ein Brauch, der auf das russische Sylvesterfest zurückgeht.
Wenigstens rennt sich das Ungeziefer für einen
guten Zweck die kleine Seele aus dem Leib. Gänzlich
sinnentleert – eine Geflogenheit aus dem fernen
Oahu. Auf der hawaiianischen Insel erfreut sich “Caracruz“
großer Beliebtheit. Zwei Spieler werfen jeweils
eine Münze hoch und wetten dann auf deren Landung.
Kopf oder Zahl, hopp, die Wette gilt!
Im Konzert der Großen spielen solche regionalen
Eigenarten natürlich keine Rolle. Der länderübergreifend
operierende Zocker gibt sich die Kugel (Roulette), würfelt
sich ins Glück (Craps), lässt sich ein Blatt
mischen (Poker, Black Jack, Bridge) oder sieht Nutztieren
beim Galoppieren oder Traben zu (Pferderennen). Zu diesen
Klassikern der internationalen Wettlandschaft gesellen
sich dann noch, hervorgerufen durch den britischen Wett-Wahn,
Einsätze auf fast jede Sportart sowie alle Ereignisse,
die mit einer unendlich kleinen Wahrscheinlichkeit bereit
sind, einzutreten. Landen Aliens auf dem roten Platz?
Lebt Elvis? Schlägt Klein-Agassi Klein-Sampras
(noch ungeboren) beim Wimbledon-Finale 2025? Irgendein
englischer Buchmacher wird Ihre Wette annehmen.
Doch wie stehen denn nun die Chancen, sich als Zocker
den vorgezogenen Lebensabend in Saus und Braus herbeizuspielen?
Ungefähr so, wie auf eine jungfräuliche Prostituierte
zu treffen. Oder, um es mit Monsieur Francois Blanc,
dem Gründer der Spielbank von Bad Homburg (1842)
zu halten: “Manchmal gewinnt Rot (rouge), manchmal
gewinnt Schwarz (noir), Weiß (blanc) gewinnt immer.“
Weise Worte, die Bank siegt immer. Es sei denn, Sie
hätten schon vor der Saison auf die “New
England Patriots“ als Superbowl-Sieger gesetzt
– damals lag die Quote sogar bei 70 zu 1.
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