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"Abgezockt” (Maxim 4/2002)
Seit Menschengedenken wird um Geld gespielt. Heute steht dem Zocker die ganze Wett-Welt offen. MAXIM erklärt, was legal ist und was nicht.
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Superbowl vor ein paar Wochen. Als Sekunden vor Schluss der Fieldgoal-Versuch der New England Patriots erfolgreich durch das gelbe Gestänge getreten wird, sind zwei Dinge fällig. Eine der größten Sensationen jüngerer Sportgeschichte. Und der kollektive Aufschrei der Buchmacher. Der gelungene Kick der Patrioten wirkte wie ein schwungvoller Tritt in die (finanziellen) Eier vieler “Bookies“. Allein in Las Vegas gingen Wetten im Wert von 71 Millionen Dollar auf das Finale im American Football ein – wer dabei auf das angeblich hoffnungslos unterlegene Team aus Neu England gesetzt hat, dürfte je nach Einsatz, Quote und Art der Wette ordentlich abgeräumt haben. Es sei denn, man zählte zu den Unglücklichen, die in Boston und Umgebung ihren Buchmacher sitzen hatten. Denn dort, im unmittelbaren Orbit der “patriotischen“ Hardcore-Fans, wurden Unsummen auf die eigene Mannschaft platziert. Als die siegestrunkenen Zocker am nächsten Tag zwecks Auszahlung vorstellig wurden, zeigte sich so manch einer der Wettannahmeschalter verwaist ...

Vor Jahren noch hätte die uramerikanische Superbowl den Zocker aus Hongkong oder Mönchengladbach kalt gelassen. Dank der digitalen Revolution ist das heute anders. Glücksritter aller Herren Länder sind heute meist nur ein Mausklick davon entfernt, Haus und Hof auf den Ausgang eines Pferderennens oder eines Rugby-Matches zu setzen. Über 1400 Gambling-Sites warten online, damit wieder einer mehr der Faszination “Glücksspiel“ erliegt. “Spieler, Spieler komm rüber“, intonierte der Barde Achim Reichel einst. Wie die Lemminge folgen viele diesem und anderen Rufen mit der Aussicht auf ein wenig Thrill und viel Geld. Oder umgekehrt. Und meistens ist es umgekehrt. Dem regen Ansturm auf Internet-Kasinos, Online-Buchhaltern und Cyber-Lotterien tut die Aussicht auf möglichen Bankrott wahrlich keinen Abbruch. Optimistische Stimmen rechnen mit Online-Umsätzen von bis zu 4.1. Milliarden Dollar in diesem Jahr - damit könnte sich Verteidigungsminister Scharping seiner Airtrans Probleme entledigen.

Der Zusammenhang von Politik und Glücksspiel kommt nicht von ungefähr. In Deutschland liegt das Glückspielmonopol in staatlicher Hand. Auch wenn es der öffentlichen Hand (noch) schwer fällt, ein Stück vom Online-Wettkuchen abzubeißen, die Zuflüsse aus real existierenden Institutionen sind üppig. Und sie bieten genug Zündstoff für das fatale Dilemma, in dem sich die Regierung von Bund und Ländern wieder findet. Einerseits ist Spielsucht und das Schicksal von Hunderttausenden, die das vermeintliche Zockerglück in den Ruin treibt, Anlass zur Sorge, andererseits wird von den 27 Milliarden Euro (Zahlen von 2000) , die pro Jahr an deutschen Spieltischen, Lottostellen und Spielautomaten umgeschlagen werden, 4.4 Milliarden in das Staatssäckel gespült. Und damit werden zum größten Teil karitative Zwecke bedient.

Die Verbindung Fiskus und Glücksspiel ist so alt wie das Verlosen und das Wetten selbst. Als Moses nebst Gefolge endlich im gelobten Land aufschlug, ließ er Parzellen per Tombola ausloben. Römische Kaiser hielten Verlosungen ab, bei der das untertänige Volk vom Zahnstocher bis zur goldenen Nachtigall alles gewinnen konnten. Sowohl der Kölner Dom, das Schloss Sanssouci als auch die London Docks wurden über Lotterien finanziert. Der Spieltrieb machte selbst vor gesellschaftspolitischen Barrieren nicht Halt. Honi und Konsorten spendierten dem gelangweilten Kollektiv die “Glücksrakete“ und das “Telelotto 5 aus 35“ und ließen die treuen DDR Bürger ums Ost-Geld buhlen – mehr als 500.000 Mark waren aber nicht zu holen, Millionäre blieben im Sozialismus verpönt.

Egal ob stattlich reguliert, gesellschaftlich sanktioniert oder schlichtweg gegeißelt – die Wettleidenschaft kennt keine Grenzen – weder geschmackliche noch geografische. Eine Passion, getragen von traditioneller Ausprägung, Lokalkolorit und individuellem Irrsinn. Ist der zu beobachtende Wett-Kampf auch noch so absurd, man darf sicher sein, dass gegensätzliche Meinungen für einen Pott voll Kohle sorgen, den es zu erobern gilt – in den allermeisten Fällen mehr durch passives Abwägen als aktives Dazutun. In Thailand frönt man mit wachsender Begeisterung dem “Fish Fighting“; tropische Schwimmer, die für das ungeschulte Auge eher Zierfischcharakter haben, beäugen sich misstrauisch, nachdem man sie jeweils in eine Flasche gesteckt hat. Anschließend wirft man beide in ein gemeinsames Becken und tippt, welcher wen als erstes in der Mitte durchbeißt. Ebenfalls in Südostasien, aber auch in Mexiko und Haiti ist der Hahnenkampf zu Hause. Bei der mexikanischen Variante werden die Krallen rasiermesserscharf angeschliffen. Leider gehören auch immer noch Duelle unter Kampfhunden zu beliebten Wettanlässen – in Italien, den USA und auch hierzulande. Harmloser, aber auch jenseits des guten Geschmacks, das alljährliche Berliner Kakerlakenrennen, ein Brauch, der auf das russische Sylvesterfest zurückgeht. Wenigstens rennt sich das Ungeziefer für einen guten Zweck die kleine Seele aus dem Leib. Gänzlich sinnentleert – eine Geflogenheit aus dem fernen Oahu. Auf der hawaiianischen Insel erfreut sich “Caracruz“ großer Beliebtheit. Zwei Spieler werfen jeweils eine Münze hoch und wetten dann auf deren Landung. Kopf oder Zahl, hopp, die Wette gilt!

Im Konzert der Großen spielen solche regionalen Eigenarten natürlich keine Rolle. Der länderübergreifend operierende Zocker gibt sich die Kugel (Roulette), würfelt sich ins Glück (Craps), lässt sich ein Blatt mischen (Poker, Black Jack, Bridge) oder sieht Nutztieren beim Galoppieren oder Traben zu (Pferderennen). Zu diesen Klassikern der internationalen Wettlandschaft gesellen sich dann noch, hervorgerufen durch den britischen Wett-Wahn, Einsätze auf fast jede Sportart sowie alle Ereignisse, die mit einer unendlich kleinen Wahrscheinlichkeit bereit sind, einzutreten. Landen Aliens auf dem roten Platz? Lebt Elvis? Schlägt Klein-Agassi Klein-Sampras (noch ungeboren) beim Wimbledon-Finale 2025? Irgendein englischer Buchmacher wird Ihre Wette annehmen.

Doch wie stehen denn nun die Chancen, sich als Zocker den vorgezogenen Lebensabend in Saus und Braus herbeizuspielen? Ungefähr so, wie auf eine jungfräuliche Prostituierte zu treffen. Oder, um es mit Monsieur Francois Blanc, dem Gründer der Spielbank von Bad Homburg (1842) zu halten: “Manchmal gewinnt Rot (rouge), manchmal gewinnt Schwarz (noir), Weiß (blanc) gewinnt immer.“ Weise Worte, die Bank siegt immer. Es sei denn, Sie hätten schon vor der Saison auf die “New England Patriots“ als Superbowl-Sieger gesetzt – damals lag die Quote sogar bei 70 zu 1.