Nicaragua "Abenteuerland"(Bellevue 03/07)
An den Küsten Nicaraguas weht ein tropischer, in Sachen Immobilien zuweilen auch rauer Wind. Pioniergeist ist gefragt. Den hatte, neben einer Handvoll Dollars, der deutsche Eric Gabriel im Gepäck, als er vor zwei Jahren ein Haus am Pazifik zu bauen begann.
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Ein Mann blickt zufrieden von seiner Terrasse. Vor ihm die sichelförmige Bucht, und der feine Strand von San Juan del Sur, einem kleinen Fischerdorf an der Pazifikküste Nicaraguas. Hinter ihm sein Traumhaus und eine fast zweijährige Bauzeit, in der er nicht nur durch alle Höhen und Tiefen gegangen ist, sondern auch für 11 Tage ins Gefängnis. Die Frage drängt sich auf: Hat sich alles gelohnt? Würde er alles noch einmal so machen?
Der Bauherr lächelt. San Juan del Sur ist nicht sein erstes Projekt, der 38-jährige Münchner, ehemaliger Modemacher, hat ein Faible für Baufälliges, das sich oft erst beim zweiten Hinsehen als architektonische Herausforderung entpuppt. In Miami Beach renovierte er zwei alte Art Déco Gebäude und führte sie jahrelang als sehr erfolgreiche Boutique-Hotels. In Miami baute er eine in die Jahre gekommene Lagerhalle zum ultramodernen Loft um. Dann kam, was kommen musste, ihm wurde langweilig, neue Herausforderungen sollten her. Und neue Horizonte. Dass er die ausgerechnet in einem der ärmsten Länder der Hemisphäre finden würde, dem Hotelier und passionierten Surfer wurde das schon beim ersten Besuch klar. „Ein Ort unberührter Natur mit interessanten Leuten, es schien einer jener Plätze zu sein, an der man seiner Kreativität freien Lauf lassen konnte“ erinnert er sich heute.
San Juan del Sur. Ein schläfriges, kleines Dorf, bunt bemalte Holzhäuser mit Wellblechdächern zieren Straßen, die den Namen „Straße“ nicht verdienen und durch die neben den Einheimischen eine kleine Karawane Gringos navigiert, die in diesem pittoresk-charmanten Niemandsland entweder ihr Glück sucht oder schon gefunden hat. In diesem menschlichen Wellental ist Trägheit eine Tugend, hier wird Langsamkeit neu definiert, die Zeit, sie klebt. Vordergründig jedenfalls. Im Hintergrund wird eifrig Geld gemacht. Es geht zu wie weiland am Klondike 1896. Mit ähnlichen Methoden, Claims werden abgesteckt, doch ist das Gold von einst die Parzelle mit Meerblick heute – und nicht immer macht die escritura, der Grundbucheintrag, den sattelfestesten Eindruck. Eine der signifikantesten Veränderungen im Stadtbild in den letzten drei Jahren? Die Invasion der Immobilienmakler. Die „Big Players“ wie Remax oder Century 21, sie haben Quartier bezogen. Um bis zu 50 % sind die Preise für Grundstücke in dem Zeitraum gestiegen, weiß Aram Terry von Aurora Beachfront Realty zu berichten.
Gabriel griff zu, noch bevor der ganz große Boom einsetzte. Sein 7.000 qm großes Grundstück etwas oberhalb von Dorf und Hafen gehört zu den Filetstücken der Umgebung. Ihm gehört es für ganze 30.000 Dollar, ein echtes Schnäppchen. 2005 im Januar war Spatenstich für das erste Projekt, ein Gästehaus von knapp 120 qm, eine Art Wohninsel auf Betonstelzen, wenige Wochen danach folgte das Haupthaus ... wiederum gefolgt von einer Welle von Problemen, die wahrscheinlich jeden zart besaiteten Bauherren das Weite suchen ließen. Nichtsahnend fand Gabriel sich in den Wirren eines politischen Machtkampfes verstrickt und kurze Zeit später erst vor Gericht und dann sogar im Gefängnis wieder. „Ich war quasi ein politisches Bauernopfer“, erzählt er nonchalant und so, als ob eine elftägige Knast-Visite in einem Dritte-Welt-Land in etwa die Annehmlichkeiten eines Club Med Besuches aufweist, „meine Nachbarin wollte dem Gericht dokumentieren, dass der damalige Bürgermeister und ich ihr Land stehlen wollten.“ Und dieser Disput führte nicht nur in die Haftanstalt, sondern auch noch dazu, dass der Zugang zu Gabriels Land von einem Tag auf den nächsten abgenabelt wurde, sechs Monate lang lag die Bautätigkeit brach, bis endlich eine neue Zufahrt in den Berg von befreundeten Nachbarn gesprengt war. Damit nicht genug, quasi als Jubiläumsgeschenk genau ein Jahr später – Gabriel befand sich gerade auf Materialkauf in der Hauptstadt Managua – wurde sein Grundstück kurzerhand besetzt, der verlängerte Arm eines prominenten Clans wedelten mit obskuren Claims, rückten mit bewaffnetem Rollkommando an und stellten dem verdutzten Bauherren seinen gesamten Hausstand vor die Tür. Es dauerte zähe drei Wochen, seine legitimen Besitzansprüche vor Gericht durchzusetzen. Dachte er irgendwann ans Aufgeben? „Ehrlich? Ist mir nicht einmal in den Sinn gekommen!“
Januar 2007. Zwei Jahre später. Viel Schweiß und einiges mehr, als das ursprüngliche Budget später steht Gabriel vor dem Monument seines Einsatzes. Entstanden ist ein Bauwerk wie kein zweites – Richard Neutra trifft Charles Eames, die Hollywood Hills der 60er Jahre in der Tropenversion. Mit baulichen Komponenten, wie sie nicht nur in Nicaragua ihresgleichen suchen. Ein Flachdach, so lang, man braucht fast ein Fernglas, ein „Sunken Livingroom“, eine in den Boden eingelassene Sitzgelegenheit, entstanden, so Gabriel, „weil man dann direkt auf Augenhöhe mit dem Meer sitzt.“ Fenster sind zumeist Fehlanzeige, ihre Funktion übernehmen riesige Falttüren mit edlen Holzlamellen, die wiederum perfekt mit den polierten Betonböden harmonieren und scheinbar übergangslos dem grob gehauenen Sandstein der riesigen Terrasse weichen. Heute macht alles einen perfekten Eindruck, doch der Weg dahin, unberücksichtigt von den baufremden Malaisen, er war ... steinig. „Mein Bauunternehmer hat sich mit der Dachstruktur komplett verhoben, beim ersten Versuch hing das Konstrukt zwischen den beiden Hausabschnitten durch,“ schildert Gabriel die fast komisch anmutende Situation. Der Mann, ein Schweizer übrigens, durfte gehen – Gabriel baute alleine weiter. Gut fürs Ego, nicht so gut für den Geldbeutel, das Budget geriet zunehmend aus dem Ruder. Ursprünglich plante er den Bau für 200.000 Dollar, inklusive Pool, am Ende ist er eher bei 300.000 angekommen ... und muss zum Baden immer noch an den Strand. Unzuverlässigkeit der Lieferanten, Materialverteuerung, unzureichende Wasser- und Stromsituation – es gibt kaum einen baulichen Fettnapf, in den Gabriel nicht unfreiwillig tappte. Dazu der unerlässliche Tribut, den man für einen Lernprozess wie diesen immer zollen muss. Sein Tipp für Gleichgesinnte? „Man muss immer vor Ort sein. „Hands-on“ ist die Devise oder aber mit jemandem bauen, der unbedingt vertrauenswürdig ist. Vielen Bauunternehmern ist nicht unbedingt zu trauen.“ Für die Budgetierung gilt derzeit: Ein Quadratmeter kostet 650 Dollar – das ist im Vergleich zu Amerika gerade einmal ein Viertel der Baukosten, Europa ist noch ein wenig teurer. Einheimisches Material, besonders Holz und Stein sind günstig, Beton und Stahl sind es nicht. „Und, fügt Gabriel aus seinem inzwischen tiefen Erfahrungsfundus hinzu, “in meinem Fall waren die Arbeiter extrem motiviert. Sie betrachteten das Projekt  selbst ein wenig als Herausforderung betrachteten, weil er einfach von der Norm abweicht.“ Das tut das Gabrielsche Haus mit Sicherheit und ohne dabei wie ein stummer, architektonischer Vorwurf in die Landschaft zu ragen. Die einzigen Spuren, die das Gebäude hinterlässt, sind die bei den ortansässigen Maklern – sie taxieren den Wert bereits auf eine gute Million Dollar, und das bei einem Grundstücksanteil von „nur“ 3.500 Quadratmeter. Sieht also doch so aus, als würden die Anstrengungen der letzten Jahre Früchte tragen.
"Ja", antwortet er zum Schluss auf die eingangs gestellte Frage. "Ja, es hat sich gelohnt." Und zeigt auf die Bucht und den Ort. „Und vielleicht mache ich nun doch noch das Hotel, das ich hier immer bauen wollte.“ Der Traum, er ist noch immer nicht ausgebaut.
Haussteckbrief:
Lage: San Juan del Sur, Pazifikküste, Nicaragua
Größe: 600qm, davon 320 qm Wohnfläche
Bauzeit: 2 Jahre, 01/2005 – 01/2007
Budget: 300.000 Dollar exkl. Grundstück
Ausstattung: 4 Schlafzimmer, 4 Bäder, italienische Designerküche, Kamin, integriertes Soundsystem, drahtloses Breitband-Internet, Garage, Werkstatt,
Baumaterial: Sandstein, Beton, Ardillo (ähnliche „Teak“) und Laurel – Edelhölzer Nicaraguas, satiniertes Glas,
Notstromgenerator, 20.000 Liter Wassertanks mit Regenwassernutzung, septische Abwasserentsorgung.