Ein Mann blickt
zufrieden von seiner Terrasse. Vor ihm die
sichelförmige Bucht, und der feine Strand von
San Juan del Sur, einem kleinen Fischerdorf an der
Pazifikküste Nicaraguas. Hinter ihm sein Traumhaus
und eine fast zweijährige Bauzeit, in der er
nicht nur durch alle Höhen und Tiefen gegangen
ist, sondern auch für 11 Tage ins Gefängnis.
Die Frage drängt sich auf: Hat sich alles gelohnt?
Würde er alles noch einmal so machen?
Der Bauherr lächelt. San Juan del Sur ist nicht
sein erstes Projekt, der 38-jährige Münchner,
ehemaliger Modemacher, hat ein Faible für Baufälliges,
das sich oft erst beim zweiten Hinsehen als architektonische
Herausforderung entpuppt. In Miami Beach renovierte er
zwei alte Art Déco Gebäude und führte
sie jahrelang als sehr erfolgreiche Boutique-Hotels.
In Miami baute er eine in die Jahre gekommene Lagerhalle
zum ultramodernen Loft um. Dann kam, was kommen musste,
ihm wurde langweilig, neue Herausforderungen sollten
her. Und neue Horizonte. Dass er die ausgerechnet in
einem der ärmsten Länder der Hemisphäre
finden würde, dem Hotelier und passionierten Surfer
wurde das schon beim ersten Besuch klar. „Ein Ort
unberührter Natur mit interessanten Leuten, es schien
einer jener Plätze zu sein, an der man seiner Kreativität
freien Lauf lassen konnte“ erinnert er sich heute.
San Juan del Sur. Ein schläfriges, kleines Dorf,
bunt bemalte Holzhäuser mit Wellblechdächern
zieren Straßen, die den Namen „Straße“ nicht
verdienen und durch die neben den Einheimischen eine
kleine Karawane Gringos navigiert, die in diesem pittoresk-charmanten
Niemandsland entweder ihr Glück sucht oder schon
gefunden hat. In diesem menschlichen Wellental ist Trägheit
eine Tugend, hier wird Langsamkeit neu definiert, die
Zeit, sie klebt. Vordergründig jedenfalls. Im Hintergrund
wird eifrig Geld gemacht. Es geht zu wie weiland am Klondike
1896. Mit ähnlichen Methoden, Claims werden abgesteckt,
doch ist das Gold von einst die Parzelle mit Meerblick
heute – und nicht immer macht die escritura,
der Grundbucheintrag, den sattelfestesten Eindruck. Eine
der signifikantesten Veränderungen im Stadtbild
in den letzten drei Jahren? Die Invasion der Immobilienmakler.
Die „Big Players“ wie Remax oder Century
21, sie haben Quartier bezogen. Um bis zu 50 % sind die
Preise für Grundstücke in dem Zeitraum gestiegen,
weiß Aram Terry von Aurora Beachfront Realty zu
berichten.
Gabriel griff zu, noch bevor der ganz große Boom
einsetzte. Sein 7.000 qm großes Grundstück
etwas oberhalb von Dorf und Hafen gehört zu den
Filetstücken der Umgebung. Ihm gehört es für
ganze 30.000 Dollar, ein echtes Schnäppchen. 2005
im Januar war Spatenstich für das erste Projekt,
ein Gästehaus von knapp 120 qm, eine Art Wohninsel
auf Betonstelzen, wenige Wochen danach folgte das Haupthaus
... wiederum gefolgt von einer Welle von Problemen, die
wahrscheinlich jeden zart besaiteten Bauherren das Weite
suchen ließen. Nichtsahnend fand Gabriel sich in
den Wirren eines politischen Machtkampfes verstrickt
und kurze Zeit später erst vor Gericht und dann
sogar im Gefängnis wieder. „Ich war quasi
ein politisches Bauernopfer“, erzählt er nonchalant
und so, als ob eine elftägige Knast-Visite in einem
Dritte-Welt-Land in etwa die Annehmlichkeiten eines Club
Med Besuches aufweist, „meine Nachbarin wollte
dem Gericht dokumentieren, dass der damalige Bürgermeister
und ich ihr Land stehlen wollten.“ Und dieser Disput
führte nicht nur in die Haftanstalt, sondern auch
noch dazu, dass der Zugang zu Gabriels Land von einem
Tag auf den nächsten abgenabelt wurde, sechs Monate
lang lag die Bautätigkeit brach, bis endlich eine
neue Zufahrt in den Berg von befreundeten Nachbarn gesprengt
war. Damit nicht genug, quasi als Jubiläumsgeschenk
genau ein Jahr später – Gabriel befand sich
gerade auf Materialkauf in der Hauptstadt Managua – wurde
sein Grundstück kurzerhand besetzt, der verlängerte
Arm eines prominenten Clans wedelten mit obskuren Claims,
rückten mit bewaffnetem Rollkommando an und stellten
dem verdutzten Bauherren seinen gesamten Hausstand vor
die Tür. Es dauerte zähe drei Wochen, seine
legitimen Besitzansprüche vor Gericht durchzusetzen.
Dachte er irgendwann ans Aufgeben? „Ehrlich? Ist
mir nicht einmal in den Sinn gekommen!“
Januar 2007. Zwei Jahre später. Viel Schweiß und
einiges mehr, als das ursprüngliche Budget später
steht Gabriel vor dem Monument seines Einsatzes. Entstanden
ist ein Bauwerk wie kein zweites – Richard Neutra
trifft Charles Eames, die Hollywood Hills der 60er Jahre
in der Tropenversion. Mit baulichen Komponenten, wie
sie nicht nur in Nicaragua ihresgleichen suchen. Ein
Flachdach, so lang, man braucht fast ein Fernglas, ein „Sunken
Livingroom“, eine in den Boden eingelassene Sitzgelegenheit,
entstanden, so Gabriel, „weil man dann direkt auf
Augenhöhe mit dem Meer sitzt.“ Fenster sind
zumeist Fehlanzeige, ihre Funktion übernehmen riesige
Falttüren mit edlen Holzlamellen, die wiederum perfekt
mit den polierten Betonböden harmonieren und scheinbar übergangslos
dem grob gehauenen Sandstein der riesigen Terrasse weichen.
Heute macht alles einen perfekten Eindruck, doch der
Weg dahin, unberücksichtigt von den baufremden Malaisen,
er war ... steinig. „Mein Bauunternehmer hat sich
mit der Dachstruktur komplett verhoben, beim ersten Versuch
hing das Konstrukt zwischen den beiden Hausabschnitten
durch,“ schildert Gabriel die fast komisch anmutende
Situation. Der Mann, ein Schweizer übrigens, durfte
gehen – Gabriel baute alleine weiter. Gut fürs
Ego, nicht so gut für den Geldbeutel, das Budget
geriet zunehmend aus dem Ruder. Ursprünglich plante
er den Bau für 200.000 Dollar, inklusive Pool, am
Ende ist er eher bei 300.000 angekommen ... und muss
zum Baden immer noch an den Strand. Unzuverlässigkeit
der Lieferanten, Materialverteuerung, unzureichende Wasser-
und Stromsituation – es gibt kaum einen baulichen
Fettnapf, in den Gabriel nicht unfreiwillig tappte. Dazu
der unerlässliche Tribut, den man für einen
Lernprozess wie diesen immer zollen muss. Sein Tipp für
Gleichgesinnte? „Man muss immer vor Ort sein. „Hands-on“ ist
die Devise oder aber mit jemandem bauen, der unbedingt
vertrauenswürdig ist. Vielen Bauunternehmern ist
nicht unbedingt zu trauen.“ Für die Budgetierung
gilt derzeit: Ein Quadratmeter kostet 650 Dollar – das
ist im Vergleich zu Amerika gerade einmal ein Viertel
der Baukosten, Europa ist noch ein wenig teurer. Einheimisches
Material, besonders Holz und Stein sind günstig,
Beton und Stahl sind es nicht. „Und, fügt
Gabriel aus seinem inzwischen tiefen Erfahrungsfundus
hinzu, “in meinem Fall waren die Arbeiter extrem
motiviert. Sie betrachteten das Projekt selbst
ein wenig als Herausforderung betrachteten, weil er einfach
von der Norm abweicht.“ Das tut das Gabrielsche
Haus mit Sicherheit und ohne dabei wie ein stummer, architektonischer
Vorwurf in die Landschaft zu ragen. Die einzigen Spuren,
die das Gebäude hinterlässt, sind die bei den
ortansässigen Maklern – sie taxieren den Wert
bereits auf eine gute Million Dollar, und das bei einem
Grundstücksanteil von „nur“ 3.500 Quadratmeter.
Sieht also doch so aus, als würden die Anstrengungen
der letzten Jahre Früchte tragen.
"Ja", antwortet er zum Schluss auf die eingangs gestellte
Frage. "Ja, es hat sich gelohnt." Und zeigt auf die Bucht
und den Ort. „Und vielleicht mache ich nun doch
noch das Hotel, das ich hier immer bauen wollte.“ Der
Traum, er ist noch immer nicht ausgebaut.
Haussteckbrief:
Lage: San Juan del Sur, Pazifikküste, Nicaragua
Größe: 600qm, davon 320 qm Wohnfläche
Bauzeit: 2 Jahre, 01/2005 – 01/2007
Budget: 300.000 Dollar exkl. Grundstück
Ausstattung: 4 Schlafzimmer, 4 Bäder, italienische
Designerküche, Kamin, integriertes Soundsystem,
drahtloses Breitband-Internet, Garage, Werkstatt,
Baumaterial: Sandstein, Beton, Ardillo (ähnliche „Teak“)
und Laurel – Edelhölzer Nicaraguas,
satiniertes Glas,
Notstromgenerator, 20.000 Liter Wassertanks mit Regenwassernutzung,
septische Abwasserentsorgung.
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