"Australien: Viel Luft nach oben"
(Bellevue 03/2008)
Wer eine 18-Millionen-Euro-Villa kauft, nur um sie abzureißen, ist verrückt – oder er spekuliert. In der Boomtown Sydney scheint Letzteres das Gebot der Stunde zu sein.
 

18 Millionen Euro ... und eine Abrissbirne! So in etwa würde die Schlagzeile in der BILD lauten, hätte sich ähnliches in deutschen Landen abgespielt. Was sich unlängst im vom Immobilienfieber geschüttelten Sydney zutrug, war der lokalen Presse eine entsprechende Headline wert. Denn  im exklusiven Stadtteil Vaucluse wechselte das „Tahiti“ den Besitzer: 2046 qm Wassergrundstück mit Blick auf Sydney Harbour und die City, 1100 qm Wohnfläche inklusive diverser Gästehäuser, einer Poollandschaft und einer eigenen Diskothek. Ein Anwesen mit einem Touch von Südsee, das führt der Name zweifellos im Schilde. Die neuen Besitzer, Millionäre aus Südafrika, führen ebenfalls exotisches im Schilde, sie ließen durchsickern, dass sie alles abzureißen gedachten. „29.5 Million ... only to knock it down“ titelte daraufhin der Sydney Morning Herald und widmete sich genüsslich der wertvollsten Immobilientransaktion, die die Stadt je gesehen hatte. Bis dato. Für John McGrath, einer der erfolgreichsten Makler des Landes – seine Firma wickelte auch den Tahiti-Deal ab – ist der Preis weder Rekord für die Ewigkeit, noch kommt er sonderlich überraschend. „Wir hatten 12 Interessenten für „Tahiti“, die alle zwischen 25 und 30 Millionen zu zahlen bereit gewesen wären. Noch vor zwei Jahren wären es nur zwei potentielle Käufer gewesen“, erklärt McGrath.
 
Es ist nicht nur Luft nach oben, sie wird auch nicht dünner. Die Märkte in Australien, sie boomen seit Jahren und das nicht nur in Sydney, sondern auch in den anderen Metropolen wie Melbourne und Perth. Jüngste Zinserhöhungen, Sub-Prime Krise weltweit, ein Regierungswechsel, nichts davon scheint auf die Goldgräberstimmung zu drücken. „Besonders der High-End Markt ist autark,“ weiß McGrath zu berichten,“ CEOs, Fond Manager oder Investmentbanker sind die Kunden und die sind auch durch eine Zinserhöhungen kaum zu beeindrucken.“ Nur eine nachhaltige Korrektur an den internationalen Finanzmärkten oder eine Rezession könnte den galoppierenden Preisauftrieb bremsen.
 
533. So viele „Properties“ – also Apartments und Häuser – fanden in Downtown Sydney und den östlichen Vororten einen Käufer, der mehr als eine Million Dollar berappen musste. Das war im September 2006. Gleicher Monat in diesem Jahr? 705, ein Zuwachs von über 30%. In 74 Vororten liegt inzwischen der Durchschnittspreis nördlich der Millionenmarke – letztes Jahr waren es „nur“ 65.
 
Bei solchen Zahlen nimmt es nicht Wunder, dass die lokale Immobilienmakler-Zunft mit rosaroter Brille in die Zukunft schaut. Und bereits Preise von mehr als 40 Millionen um die Ecke biegen sieht. Vor einigen Monaten soll sich Russell Crowe für „Altona“ interessiert haben – ein Anwesen in Point Piper, dem Beverly Hills von Sydney. Doch bei den angeblich geforderten 60 Millionen wird sich der „Gladiator“ gedacht haben, die spinnen, die Römer. Beziehungsweise die Sydneysider. Für den Augenblick ist „Altona“ vom Markt genommen, doch für McGrath steht fest, dass der Verkauf nur eine Frage der Zeit ist. Auch in der Größenordnung. “Es gibt derzeit mehr Interesse an solchen Objekten, als es tatsächliche Objekte gibt, die auch zum Verkauf anstehen“. Das Tahiti beispielsweise, da ist McGrath sich sicher, wird schon in den nächsten drei Jahren bis zu 40 Millionen wert sein, Abriss oder nicht. Ob „auf“ Tahiti demnächst tatsächlich die Bulldozer anrücken, steht indes noch nicht mit Sicherheit fest. Dass man aber als Millionär gern etwas rustikaler vorgeht, zeigte unlängst Tiger Woods. Der Sportsfreund ließ die ca. 2300 qm seines 30 Millionen Euro Anwesen auf Jupiter Island in Florida dem Erdboden gleichmachen. Nun baut er neu. Und angeblich sogar kleiner.