Florida "Am Boardwalk"(Bellevue 05/2007)
Miami Beach erfindet sich immer wieder neu. Muss es auch, zwar gehen sonst nicht die Lichter aus, aber das Bauland zu Ende.
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Eine Geschichte wie die Gezeiten. Ebbe und Flut stehen symbolisch für das Auf und Ab von Miami Beach. Die Nachkriegswelle verhalf dem selbst ernannten „Americas Playground“ in den 50er und 60er Jahren zu Bauboom und internationaler Berühmtheit. In den 70er und 80er Jahren ebbte das Interesse dann merklich ab, Drogen und Kriminalität machten Schlagzeilen und viele Hotels und Gebäude zu. Auf einer Woge der Begeisterung befindet sich die tropische Enklave dann wieder seit den frühen 90er, erst kam „Miami Vice, dann die Fashion-Industrie, dann die Baulöwen.
 
Heute erfreut sich der gerade einmal 50 qkm kleine „Hot Spot“ eines komplett sanierten Art Déco Viertels, einer lebhaften Gastro- und Nightlife-Szene, eines gut sortierten Kultur- und Messeangebots und hedonistisch-fröhlichen Leuten, deren Hauptproblemzone des Lebens sich klischeehaft auf den tadellosen Zustand von Bauch, Beine und Po zu beschränken scheint. Paradiesische Zustände auch für Immobilienmakler, Developer und Bauherren?
 
Im vergangenen Jahr knickte der Immobilienmarkt zum ersten Mal seit vielen Jahren ein, in Dade County (dort liegt Miami Beach) gingen Preise und die Zahl verkaufter Einheiten zurück – bei den Wohnungen deutlich stärker als bei den Häusern. „Das liegt an der speziellen Situation von Miami“, wiegelt Marcela Catapone Criscito von Majestic Property ab. „Downtown gibt es inzwischen ein Überangebot an Wohnraum, das drückt natürlich auf die Preise.“ Wer von South Beach einen Blick hinüber aufs Festland riskiert und in eine Symphonie von Baukränen schaut, ahnt, was die Maklerin meint. „Man kann eigentlich von zwei grundverschiedenen Märkten sprechen.“ Das Preisniveau unterstützt diese Einschätzung, während direkt am Strand der Quadratmeter Wohnraum bereits 20.000 Dollar kosten kann, bekommt man ihn in Downtown noch für weniger als die Hälfte. Doch der potentielle Kunde, auch er hat dazugelernt. „Die Zeiten, als jeder x-beliebige Käufer mit Taschen voller Geld jeden noch so hohen Preis zu zahlen bereit war, sie sind glücklicherweise vorbei,“ weiß Cindy Binder von Indeed Reality zu berichten. „Heute erleben wir wohl informierte Käuferschichten, die sowohl über den wahren Wert einer Immobilie als auch über das Investieren am Immobilienmarkt im allgemeinen bestens aufgeklärt sind.“ Eine gut informierte Klientel, ausreichend zur Verfügung stehendes Kapital, dazu leicht purzelnde Preise bei immer noch gesunder Nachfrage, um den Markt am Strand scheint es bestens bestellt. Fast. Gäbe es da nicht ein beach-spezifisches Problem: Die Bauunternehmer haben keinen Grund mehr zu (be-)bauen, in Ermangelung von erschlossenem Boden zieht es sie zwangsläufig Richtung Norden.
 
„The land that time forgot!“ Etwas poetisch vielleicht, aber in der Sache durchaus richtig, was und wie Cindy Binder den Abschnitt nördlich der 23. Straße beschreibt. Wer heute den Boardwalk entlang schlendert – übrigens keine historische, sondern eher eine geografische Referenz, die hölzerne Promenade, die von der 21. zur 47 Straße reicht, wurde erst vor knapp 30 Jahren gezimmert – der fühlt sich an mancher Stelle in das Miami Beach der 70er Jahre versetzt. Wie an einer Perlenkette aufgeknüpfte, pastellfarbene Apartment-Schachteln aus Beton, zuweilen durchsetzt von dem ein oder anderen Art Déco Hotel-Juwel aus vorvergangenen Tagen. Ebenso schillernd wie die Architektur ist die Bevölkerung, die in ihr wohnt, ein „Kessel Buntes“, alteingesessene, jüdische Familien in der dritten Generation, Pensionäre, die sich South Beach nicht mehr leisten konnten und Einwanderer jedweder Couleur – „Snowbirds“ aus Kanada genauso wie Latinos aus Mittelamerika.
 
Auch beim Name für diese „Neighborhood“ herrscht nicht unbedingt Eintracht, manche sprechen vom „Historic District“ andere von „Oceanfront“, Marcela Catapano Criscito gar von dem eigentlichen „Miami Beach“. Wovon man aber sprechen kann, ist eine Oase der Vergänglichkeit und der Ruhe.
 
Beziehungsweise konnte, mit letzterer wird es zunehmend vorbei sein. Eine Vielzahl ambitionierter Bauvorhaben drängt es an den Boardwalk, vertreten sind die unterschiedlichsten Projekte. Und die Preise, sie drängen in die Höhe. Ein Art Déco Gebäude kleinster Dimension – nur 10 Wohneinheiten und die Auflage, die Fassade erhalten zu müssen – wechselte für 16.5 Millionen Dollar den Besitzer, der alte hatte es im vergangenen Jahr noch für 9 Millionen erworben. Will sagen: Am Boardwalk herrscht Klondike-Stimmung, Alteigentümer sitzen statt auf Land- auf Goldminen. Die Starwood Gruppe (W Hotel) lässt derzeit das Holiday Inn an der 22. Straße abreißen, bis 2008 sollen 500 Condo-Suites entstehen, ein 60 qm Studio wird ca. 800.000 Dollar kosten. Etwas weiter ist schon die Combo aus dem Baulöwen Ugo Colombo und der bekannten Gastronomen-Sippe Cipriani (u.a. Harrys Bar in Venedig), sie taten sich mit der Patrinely Group zusammen, in deren Besitz sich eines der schönsten Art Déco Hotels befindet: Das Saxony. Demnächst soll es unter dem Namen Cipriani Resort and Residences South Beach in neuem Glanz erstrahlen. Ebenfalls in den Startlöchern, die Ritz-Carlton Residences South Beach. Die Hoteliers haben sich mit dem Seville ebenfalls einer alten Herberge angenommen, sie streben aber, anders als das Cipriani, keine Hotel-Condo Lösung an. Anders machte es die Marriott Gruppe, sie steckte ca. 40 Millionen Dollar in den Umbau des historischen Cadillac Hotels und ... betreibt es weiterhin ausschließlich als Gasthaus. Bereits fertig gestellt ist das Mosaic, ein zwanzigstöckiger Tower mit 84 Wohneinheiten, die günstigstes bleibt bei knapp 120 qm knapp unter der 1 Millionen Dollar Schallmauer.
 
Das Sahnestück der derzeitigen Frischzellenkur hebt sich derzeit direkt neben besagtem Mosaic wie Phoenix aus der Asche. Caribbean heißt das Unternehmen und die Bezeichnung hat weniger mit der Karibik als vielmehr mit dem Hotel gleichen Namens zu tun, das von dem berühmten Art Déco Baumeister Lawrence Murray Dixon im Jahre 1941 errichtete Gebäude wird Teil einer imposanten Glas- und Steinkomposition bei der Altes und Neues zu einer harmonischen Architektur verschmilzt, die in Sachen Opulenz und Design ihresgleichen sucht. An die ursprünglich siebenstöckige Art Déco Fassade schmiegt sich dann ein 18-stöckiger Glas-Palazzo, nur 103 Wohneinheiten entstehen, die kleinste etwas über 65, die größte fast an die 400 qm groß. Ihnen allen gemeinsam: Fenster, die die gesamte Raumhöhe von fast 3 Metern einnehmen und einen sensationellen Blick auf das Meer und den Intracoastal Waterway spendieren. Dazu rundumlaufende Balkone von 2.50 Meter Tiefe, um dieses Panorama auch wirklich genießen zu können. Das Paket komplett machen Designerküchen aus Italien, kleine Schmankerl wie persönliche Weinkeller und Humidore und ... Preise, die man bei einer 5-Sterne-Ausstattung kaum erwarten darf. „Es fängt schon bei 8000 Dollar pro Quadratmeter an“, berichtet Marcela Catapano Criscito. Gut, dafür gibt es noch keinen „Ocean View“ und für das Penthouse reicht es mitnichten. Überhaupt, die Penthäuser, zwei an der Zahl, beide über 300 Quadratmeter groß – sie sind die wahren Aushängeschilder des Caribbean. Bald 3 Meter hoch sind die fast rundumverglasten Wände, in denen immerhin 4 Schlafzimmer und 4.5 Bäder Platz finden, der private Roof-Top Pool muss (leider) draußenbleiben. Dafür reichen die Bauherren aber auch noch einen privaten Fahrstuhl und eine Strand-Cabana dazu. Hat so viel Luxus einen Preis? Natürlich. Ab 8.4 Millionen Dollar aufwärts kommt man schon in die engere Wahl. Wer, um beim eingangs geschilderten Tidenhub zu bleiben, die ganz große Welle machen will, der kauft beide Penthäuser auf einmal und lässt sie sich zusammenlegen – da sich das Projekt noch in der Bauphase befindet, lässt sich das auch architektonisch noch bewerkstelligen – mit über 600 Quadratmetern kann einem dann am Beach niemand mehr das Wasser reichen.