Eine Geschichte wie die Gezeiten. Ebbe
und Flut stehen symbolisch für das Auf und Ab
von Miami Beach. Die Nachkriegswelle verhalf dem selbst
ernannten „Americas Playground“ in den
50er und 60er Jahren zu Bauboom und internationaler
Berühmtheit. In den 70er und 80er Jahren ebbte
das Interesse dann merklich ab, Drogen und Kriminalität
machten Schlagzeilen und viele Hotels und Gebäude
zu. Auf einer Woge der Begeisterung befindet sich die
tropische Enklave dann wieder seit den frühen
90er, erst kam „Miami Vice, dann die Fashion-Industrie,
dann die Baulöwen.
Heute erfreut sich der gerade einmal 50 qkm kleine „Hot
Spot“ eines komplett sanierten Art Déco
Viertels, einer lebhaften Gastro- und Nightlife-Szene,
eines gut sortierten Kultur- und Messeangebots und hedonistisch-fröhlichen
Leuten, deren Hauptproblemzone des Lebens sich klischeehaft
auf den tadellosen Zustand von Bauch, Beine und Po zu
beschränken scheint. Paradiesische Zustände
auch für Immobilienmakler, Developer und Bauherren?
Im vergangenen Jahr knickte der Immobilienmarkt zum ersten
Mal seit vielen Jahren ein, in Dade County (dort liegt
Miami Beach) gingen Preise und die Zahl verkaufter Einheiten
zurück – bei den Wohnungen deutlich stärker
als bei den Häusern. „Das liegt an der speziellen
Situation von Miami“, wiegelt Marcela Catapone
Criscito von Majestic Property ab. „Downtown gibt
es inzwischen ein Überangebot an Wohnraum, das drückt
natürlich auf die Preise.“ Wer von South
Beach einen Blick hinüber aufs Festland riskiert
und in eine Symphonie von Baukränen schaut, ahnt,
was die Maklerin meint. „Man kann eigentlich von
zwei grundverschiedenen Märkten sprechen.“ Das
Preisniveau unterstützt diese Einschätzung,
während direkt am Strand der Quadratmeter Wohnraum
bereits 20.000 Dollar kosten kann, bekommt man ihn in
Downtown noch für weniger als die Hälfte. Doch
der potentielle Kunde, auch er hat dazugelernt. „Die
Zeiten, als jeder x-beliebige Käufer mit Taschen
voller Geld jeden noch so hohen Preis zu zahlen bereit
war, sie sind glücklicherweise vorbei,“ weiß Cindy
Binder von Indeed Reality zu berichten. „Heute
erleben wir wohl informierte Käuferschichten, die
sowohl über den wahren Wert einer Immobilie als
auch über das Investieren am Immobilienmarkt im
allgemeinen bestens aufgeklärt sind.“ Eine
gut informierte Klientel, ausreichend zur Verfügung
stehendes Kapital, dazu leicht purzelnde Preise bei immer
noch gesunder Nachfrage, um den Markt am Strand scheint
es bestens bestellt. Fast. Gäbe es da nicht ein
beach-spezifisches Problem: Die Bauunternehmer haben
keinen Grund mehr zu (be-)bauen, in Ermangelung von erschlossenem
Boden zieht es sie zwangsläufig Richtung Norden.
„The land that time forgot!“ Etwas poetisch
vielleicht, aber in der Sache durchaus richtig, was und
wie Cindy Binder den Abschnitt nördlich der 23.
Straße beschreibt. Wer heute den Boardwalk entlang
schlendert – übrigens keine historische,
sondern eher eine geografische Referenz, die hölzerne
Promenade, die von der 21. zur 47 Straße reicht,
wurde erst vor knapp 30 Jahren gezimmert – der
fühlt sich an mancher Stelle in das Miami Beach
der 70er Jahre versetzt. Wie an einer Perlenkette aufgeknüpfte,
pastellfarbene Apartment-Schachteln aus Beton, zuweilen
durchsetzt von dem ein oder anderen Art Déco Hotel-Juwel
aus vorvergangenen Tagen. Ebenso schillernd wie die Architektur
ist die Bevölkerung, die in ihr wohnt, ein „Kessel
Buntes“, alteingesessene, jüdische Familien
in der dritten Generation, Pensionäre, die sich
South Beach nicht mehr leisten konnten und Einwanderer
jedweder Couleur – „Snowbirds“ aus
Kanada genauso wie Latinos aus Mittelamerika.
Auch beim Name für diese „Neighborhood“ herrscht
nicht unbedingt Eintracht, manche sprechen vom „Historic
District“ andere von „Oceanfront“,
Marcela Catapano Criscito gar von dem eigentlichen „Miami
Beach“. Wovon man aber sprechen kann, ist eine
Oase der Vergänglichkeit und der Ruhe.
Beziehungsweise konnte, mit letzterer wird es zunehmend
vorbei sein. Eine Vielzahl ambitionierter Bauvorhaben
drängt es an den Boardwalk, vertreten sind die unterschiedlichsten
Projekte. Und die Preise, sie drängen in die Höhe.
Ein Art Déco Gebäude kleinster Dimension – nur
10 Wohneinheiten und die Auflage, die Fassade erhalten
zu müssen – wechselte für 16.5 Millionen
Dollar den Besitzer, der alte hatte es im vergangenen
Jahr noch für 9 Millionen erworben. Will sagen:
Am Boardwalk herrscht Klondike-Stimmung, Alteigentümer
sitzen statt auf Land- auf Goldminen. Die Starwood Gruppe
(W Hotel) lässt derzeit das Holiday Inn an der 22.
Straße abreißen, bis 2008 sollen 500 Condo-Suites
entstehen, ein 60 qm Studio wird ca. 800.000 Dollar kosten.
Etwas weiter ist schon die Combo aus dem Baulöwen
Ugo Colombo und der bekannten Gastronomen-Sippe Cipriani
(u.a. Harrys Bar in Venedig), sie taten sich mit der
Patrinely Group zusammen, in deren Besitz sich eines
der schönsten Art Déco Hotels befindet: Das
Saxony. Demnächst soll es unter dem Namen Cipriani
Resort and Residences South Beach in neuem Glanz erstrahlen.
Ebenfalls in den Startlöchern, die Ritz-Carlton
Residences South Beach. Die Hoteliers haben sich mit
dem Seville ebenfalls einer alten Herberge angenommen,
sie streben aber, anders als das Cipriani, keine Hotel-Condo
Lösung an. Anders machte es die Marriott Gruppe,
sie steckte ca. 40 Millionen Dollar in den Umbau des
historischen Cadillac Hotels und ... betreibt es weiterhin
ausschließlich als Gasthaus. Bereits fertig gestellt
ist das Mosaic, ein zwanzigstöckiger Tower mit 84
Wohneinheiten, die günstigstes bleibt bei knapp
120 qm knapp unter der 1 Millionen Dollar Schallmauer.
Das Sahnestück der derzeitigen Frischzellenkur hebt
sich derzeit direkt neben besagtem Mosaic wie Phoenix
aus der Asche. Caribbean heißt das Unternehmen
und die Bezeichnung hat weniger mit der Karibik als vielmehr
mit dem Hotel gleichen Namens zu tun, das von dem berühmten
Art Déco Baumeister Lawrence Murray Dixon im Jahre
1941 errichtete Gebäude wird Teil einer imposanten
Glas- und Steinkomposition bei der Altes und Neues zu
einer harmonischen Architektur verschmilzt, die in Sachen
Opulenz und Design ihresgleichen sucht. An die ursprünglich
siebenstöckige Art Déco Fassade schmiegt
sich dann ein 18-stöckiger Glas-Palazzo, nur 103
Wohneinheiten entstehen, die kleinste etwas über
65, die größte fast an die 400 qm groß.
Ihnen allen gemeinsam: Fenster, die die gesamte Raumhöhe
von fast 3 Metern einnehmen und einen sensationellen
Blick auf das Meer und den Intracoastal Waterway spendieren.
Dazu rundumlaufende Balkone von 2.50 Meter Tiefe, um
dieses Panorama auch wirklich genießen zu können.
Das Paket komplett machen Designerküchen aus Italien,
kleine Schmankerl wie persönliche Weinkeller und
Humidore und ... Preise, die man bei einer 5-Sterne-Ausstattung
kaum erwarten darf. „Es fängt schon bei 8000
Dollar pro Quadratmeter an“, berichtet Marcela
Catapano Criscito. Gut, dafür gibt es noch keinen „Ocean
View“ und für das Penthouse reicht es mitnichten. Überhaupt,
die Penthäuser, zwei an der Zahl, beide über
300 Quadratmeter groß – sie sind die wahren
Aushängeschilder des Caribbean. Bald 3 Meter hoch
sind die fast rundumverglasten Wände, in denen immerhin
4 Schlafzimmer und 4.5 Bäder Platz finden, der private
Roof-Top Pool muss (leider) draußenbleiben. Dafür
reichen die Bauherren aber auch noch einen privaten Fahrstuhl
und eine Strand-Cabana dazu. Hat so viel Luxus einen
Preis? Natürlich. Ab 8.4 Millionen Dollar aufwärts
kommt man schon in die engere Wahl. Wer, um beim eingangs
geschilderten Tidenhub zu bleiben, die ganz große
Welle machen will, der kauft beide Penthäuser auf
einmal und lässt sie sich zusammenlegen – da
sich das Projekt noch in der Bauphase befindet, lässt
sich das auch architektonisch noch bewerkstelligen – mit über
600 Quadratmetern kann einem dann am Beach niemand mehr
das Wasser reichen.
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