mit fotosHavanna - Das lange Warten auf den Tag X (Bellevue 6/2000)
Kubas Hauptstadt ist eine einzigartige architektonische Perle. Doch die Prachtbauten aus allen Epochen gammeln seit über 40 Jahren vor sich hin. Die “DDR der Karibik” hat kein Geld für die Restaurierung, ausländisches Kapital scheut vor einer Investition in die letzte Bastion des Sozialismus und die Exil-Kubaner in den USA träumen seit Jahrzehnten von einer Rückkehr zu ihren verlorenen Palästen.
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Aktionärsversammlungen zeichnen sich oft durch hitzige Debatten zwischen aufgebrachten Kleinaktionären und selbstzufriedenen Vorständen aus. Nicht so bei der Cuban Electric. Die Spannung, die diese Sitzung erzeugt, würde kaum eine Glühlampe zum Leuchten bringen. Diskussionen mit Angestellten? Es gibt keine! Dialoge mit Aktionären? Es kommen keine! Kubanisch kommt einem da wenig vor. Allenfalls Spanisch – das jährliche Treffen findet in Boise, Idaho statt. Cuban Electric, eine US Firma, hat vor der Revolution etwa 90% des kubanischen Strombedarfs gedeckt. Dann kam Castro und mit ihm die Enteignung von 12 Kraftwerken. Reine “sozialistische“ Formsache. Seitdem hat Cuban Electric zwar kein Watt mehr erzeugt, macht aber Ansprüche in Höhe von einer Milliarde Dollar gegen die Regierung Kubas geltend. Das Aufrechterhalten dieser Ansprüche liegt inzwischen bei dem Papiergiganten Boise Cascade. Denen gehört, nach diversen Firmenzusammenschlüssen, 80% des ehemaligen Stromlieferanten. Firmensitz: Natürlich ... Boise, Idaho.

Der “Claim“ von Cuban Electric ist einer von Hunderttausenden. Big players wie Bacardi, Texaco oder ITT versuchen genauso Rechte einzufordern, wie kubanische Exilanten in Miami, denen früher ein Apartmentkomplex in Old Havanna gehörte. Jahrzehntelang schien es, als wären die Ansprüche gegen die kommunistische Regierung Kubas kaum das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurden. Die Regentschaft des “maximo lider“ schien unendlich. Doch inzwischen ist Fidel über 70 und mehr denn je bereiten sich alle auf den Tag X vor. Kaum einer plant gezielter, mit mehr Ehrgeiz und Leidenschaft, als der 35 jährige Anwalt Nicolás J. Gutiérrez. Sein Credo: “Restitution“- Rückgabe aller konfiszierten Besitztümer an die rechtmäßigen Eigentümer vor 1960. Nicht ganz uneigennützig, dieser Appell. Schließlich gehörte seine aus Cienfuegos stammende Familie zu den reichsten in der Prä-Castro Ära. Rinderfarmen, Lagerhäuser, Banken, Versicherungen, Reis- und Zuckermühlen, alles in allem Werte, die er heute auf über 350 Millionen Dollar beziffert.

Gutiérrez spricht das aus, was viele Gleichgesinnte denken. Um diese Gedanken nachzuvollziehen, braucht es einen Exkurs tief in die kubanische Seele. Nichts vereint den Kubaner in Miami oder anderswo stärker, als das Prinzip von “el exilio“ – das Leben fern der Heimat. Die Erfahrungen von Enteignung, Verhaftung und Entbehrung teilen sie genauso wie den glühenden Hass auf Fidel Castro. Was das Lager der Exilkubaner jedoch auseinander dividiert sind Sozialneid und Standesdünkel. Eines der sensibelsten Themen: “Paria“ – die Diskussion um beschlagnahmtes Land

“Es gibt zwei Ansätze. Mit der Waffe im Anschlag in der alten Heimat antreten und sein Eigentum zurückfordern. Das ist sowohl radikal als auch dumm. Oder, und das ist das andere Extrem, von vornherein auf alles verzichten, weil man ohnehin nichts zurückbekommen wird.“ Santiago Morales schließt sich eher der zweiten Variante an. “Genausogut könnte man Ansprüche auf Grund und Boden auf dem Mond erheben.“ Morales stammt aus Pinar del Rio, aus dem Nordwesten Kubas, einer Gegend, die für seinen hervorragenden Tabak bekannt ist. Seiner Familie “gehören“ einige Rinderfarmen und ein paar Häuser. Morales gehört eher die Erinnerung an 18 Jahre Gefängnis. Er war Mitglied der legendären Brigade 2506, die im Anschluß an die mißglückte Schweinebucht-Invasion noch monatelang im Inneren Kubas operierte, dann aber doch Castros Häschern ins Netz geriet. Heute betreibt der 57-jährige einen erfolgreichen Zubehörhandel mit Traktorteilen. “Ich bin sehr erfolgreich hier. Ich bin glücklich. Meine Kinder sind “Gringos“, warum sollte ich zurück nach Kuba wollen?“

Eine Meinung, die mehrheitlich von Exilkubanern geteilt wird, die Castros` sozialistisches Experiment mittellos verlassen mußten und in ihrer neuen Heimat schnell reüssierten. Efrain Veiga, erfolgreicher Gastronom, hätte noch Anspruch auf ein Stück Land in Marianoa, einem Stadtteil Havannas. Doch Stolz auf das kubanische Erbe ist eine Sache, die Rückkehr in ein politisch geläutertes Kuba eine völlig andere. Kuba heute – das ist für ihn wie ein Kafka-Roman illustriert von Dali. “Ich war 1980 in meiner alten Heimat, hatte ein Visum für einen Monat. Geblieben bin ich eine Woche. Es war traurig. Und selbst wenn ich unseren alten Besitz zurückbekommen wollte, es fehlen die Beweise. Viele Grundbucheintragungen sind damals systematisch vernichtet worden.“

Beweise oder nicht, diese Frage stellt man den “Hacendados“, den ehemaligen Zuckerbaronen, besser nicht. Familien wie die Lobos, die Sanchez-Hill und die Banbons sind neben den Bacardis die treibende Kraft bei der Durchsetzung von claims. Doch nach fast vierzig Jahren ist die Situation konfuser denn je. Die U.S. Regierung hat bisher offiziell nur die Ansprüche ehemaliger U.S. Firmen und Staatsbürger anerkannt. Diese sind feinsäuberlich bei der “Foreign Claims Settlement Commission“ in Washington registriert. 5911 sind es genau. Mit einem Wert, der heute zwischen 6 und 7 Milliarden Dollar schwankt. Castro billigt diese Ansprüche. Gleichzeitig weigert er sich beharrlich, überhaupt einen einzigen claim ehemaliger Kubaner anzuerkennen. Die “property rights“ Frage brachte das State Department gegen Anti-Castro Hardliner im Kongress auf und sorgte für Zwist zwischen den USA und der EU. Mittendrin und einer der Drahtzieher in diesem politischen Schlamassel - Rechtsanwalt Gutiérrez. Er ist das Sprachrohr für die Belange der verarmten Zuckeraristrokratie, die Galionsfigur in einem aussichtslos erscheinenden Kampf. Doch seit 1996 gibt es immerhin Teilerfolge zu verbuchen. Der Helms-Burton Act macht es möglich. Ein Passus dieser Gesetzesvorlage erlaubt U.S. Staatsbürgern rechtliche Schritte gegen ausländische Unternehmungen einzuleiten, die in Kuba via Joint Ventures auf Grund und Boden operieren, die vor 1960 in amerikanischer Hand waren. Oder in kubanischer, denn Helms-Burton schließt auch die Ansprüche jener Exilkubaner mit ein, die später die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben haben. Und das sind fast alle. Nur zu einem Prozess ist es bisher nicht gekommen, Präsident Clinton hat den entscheidenden Paragraphen immer wieder suspendiert. Gutiérrez ficht das nicht an. Er hat andere Gesetzesuntiefen ausgelotet, um europäische Firmen in die Schranken zu weisen. Für den Sanchez-Hill Clan, der Ansprüche auf einen 60 Kilometer langen Strandabschnitt in Varadero in der Provinz Holguin hegt, ist er mit der weltweit größten Resort-Kette, der spanischen Sol Melia, in den Clinch gegangen. ITT, den ehemaligen Betreiber des Kubanischen Telefonnetzes, hat seine Arbeit um den Helms-Burton Act bereits erste Früchte beschert – der italienische Telefonmulti Stet International zahlte $25 mio für Leasing Rechte am ehemaligem Besitz der U.S. Firma.

Eine Pauschallösung für die Zeit nach Castro hat aber auch er nicht parat. Doch egal wie die Zukunft in Kuba aussehen mag, Gutiérrez wird in jedem Fall ein Teil von ihr sein. “Mein Vater hat immer davon gesprochen, zurückzukehren. Jetzt ist er alt. Ich bin jung. Ich könnte hier nicht ruhig an meinem Schreibtisch sitzen, während sich 200 Kilometer Dinge ereignen, die meine Familie direkt betreffen. Ich muß nach Kuba gehen, um soviel wie möglich zurückzubekommen. Und selbst wenn es nichts geben sollte, neue Chancen tun sich mit Sicherheit auf. “Cuba sin Castro“, das wird wie der Wilde Westen.“

Damit es aber zivilisierter als damals zugeht, rufen moderate Stimmen zu Mäßigung auf. Unter ihnen Alex Penelas, Miamis Bürgermeister und Sohn kubanischer Einwanderer. Ein Mann, der nach dem Durchstehen der Elian-Krise, noch genauer weiß, wie schnell die kubanische Volksseele kocht. “Zu glauben, daß jeder sein Land wiederbekommt, ist naiv. Und zu glauben, daß die Inselkubaner die Rückkehrer ausnahmslos mit offenen Armen empfangen, ist ebenfalls naiv. Man muß von Fall zu Fall entscheiden. Das kostet viel Zeit, erfordert viel Geduld. Ich denke, es wird auf eine Mischung zwischen Entschädigung und Rückgabe hinauslaufen.“

Mit einer Entschädigung könnte sich auch der jetzige Aufsichtsrat von Boise Cascade anfreunden. Denn mit einer Rückkehr in die Karibik zwecks Stromerzeugung haben die Damen und Herren aus dem hohen Norden wenig am Hut.