Aktionärsversammlungen
zeichnen sich oft durch hitzige Debatten zwischen aufgebrachten
Kleinaktionären und selbstzufriedenen
Vorständen aus. Nicht so bei der Cuban Electric.
Die Spannung, die diese Sitzung erzeugt, würde
kaum eine Glühlampe zum Leuchten bringen. Diskussionen
mit Angestellten? Es gibt keine! Dialoge mit Aktionären?
Es kommen keine! Kubanisch kommt einem da wenig vor.
Allenfalls Spanisch – das jährliche Treffen
findet in Boise, Idaho statt. Cuban Electric, eine US
Firma, hat vor der Revolution etwa 90% des kubanischen
Strombedarfs gedeckt. Dann kam Castro und mit ihm die
Enteignung von 12 Kraftwerken. Reine “sozialistische“
Formsache. Seitdem hat Cuban Electric zwar kein Watt
mehr erzeugt, macht aber Ansprüche in Höhe
von einer Milliarde Dollar gegen die Regierung Kubas
geltend. Das Aufrechterhalten dieser Ansprüche
liegt inzwischen bei dem Papiergiganten Boise Cascade.
Denen gehört, nach diversen Firmenzusammenschlüssen,
80% des ehemaligen Stromlieferanten. Firmensitz: Natürlich
... Boise, Idaho.
Der “Claim“ von Cuban Electric ist einer
von Hunderttausenden. Big players wie Bacardi, Texaco
oder ITT versuchen genauso Rechte einzufordern, wie
kubanische Exilanten in Miami, denen früher ein
Apartmentkomplex in Old Havanna gehörte. Jahrzehntelang
schien es, als wären die Ansprüche gegen die
kommunistische Regierung Kubas kaum das Papier wert,
auf dem sie geschrieben wurden. Die Regentschaft des
“maximo lider“ schien unendlich. Doch inzwischen
ist Fidel über 70 und mehr denn je bereiten sich
alle auf den Tag X vor. Kaum einer plant gezielter,
mit mehr Ehrgeiz und Leidenschaft, als der 35 jährige
Anwalt Nicolás J. Gutiérrez. Sein Credo:
“Restitution“- Rückgabe aller konfiszierten
Besitztümer an die rechtmäßigen Eigentümer
vor 1960. Nicht ganz uneigennützig, dieser Appell.
Schließlich gehörte seine aus Cienfuegos
stammende Familie zu den reichsten in der Prä-Castro
Ära. Rinderfarmen, Lagerhäuser, Banken, Versicherungen,
Reis- und Zuckermühlen, alles in allem Werte, die
er heute auf über 350 Millionen Dollar beziffert.
Gutiérrez spricht das aus, was viele Gleichgesinnte
denken. Um diese Gedanken nachzuvollziehen, braucht
es einen Exkurs tief in die kubanische Seele. Nichts
vereint den Kubaner in Miami oder anderswo stärker,
als das Prinzip von “el exilio“ –
das Leben fern der Heimat. Die Erfahrungen von Enteignung,
Verhaftung und Entbehrung teilen sie genauso wie den
glühenden Hass auf Fidel Castro. Was das Lager
der Exilkubaner jedoch auseinander dividiert sind Sozialneid
und Standesdünkel. Eines der sensibelsten Themen:
“Paria“ – die Diskussion um beschlagnahmtes
Land
“Es gibt zwei Ansätze. Mit der Waffe im
Anschlag in der alten Heimat antreten und sein Eigentum
zurückfordern. Das ist sowohl radikal als auch
dumm. Oder, und das ist das andere Extrem, von vornherein
auf alles verzichten, weil man ohnehin nichts zurückbekommen
wird.“ Santiago Morales schließt sich eher
der zweiten Variante an. “Genausogut könnte
man Ansprüche auf Grund und Boden auf dem Mond
erheben.“ Morales stammt aus Pinar del Rio, aus
dem Nordwesten Kubas, einer Gegend, die für seinen
hervorragenden Tabak bekannt ist. Seiner Familie “gehören“
einige Rinderfarmen und ein paar Häuser. Morales
gehört eher die Erinnerung an 18 Jahre Gefängnis.
Er war Mitglied der legendären Brigade 2506, die
im Anschluß an die mißglückte Schweinebucht-Invasion
noch monatelang im Inneren Kubas operierte, dann aber
doch Castros Häschern ins Netz geriet. Heute betreibt
der 57-jährige einen erfolgreichen Zubehörhandel
mit Traktorteilen. “Ich bin sehr erfolgreich hier.
Ich bin glücklich. Meine Kinder sind “Gringos“,
warum sollte ich zurück nach Kuba wollen?“
Eine Meinung, die mehrheitlich von Exilkubanern geteilt
wird, die Castros` sozialistisches Experiment mittellos
verlassen mußten und in ihrer neuen Heimat schnell
reüssierten. Efrain Veiga, erfolgreicher Gastronom,
hätte noch Anspruch auf ein Stück Land in
Marianoa, einem Stadtteil Havannas. Doch Stolz auf das
kubanische Erbe ist eine Sache, die Rückkehr in
ein politisch geläutertes Kuba eine völlig
andere. Kuba heute – das ist für ihn wie
ein Kafka-Roman illustriert von Dali. “Ich war
1980 in meiner alten Heimat, hatte ein Visum für
einen Monat. Geblieben bin ich eine Woche. Es war traurig.
Und selbst wenn ich unseren alten Besitz zurückbekommen
wollte, es fehlen die Beweise. Viele Grundbucheintragungen
sind damals systematisch vernichtet worden.“
Beweise oder nicht, diese Frage stellt man den “Hacendados“,
den ehemaligen Zuckerbaronen, besser nicht. Familien
wie die Lobos, die Sanchez-Hill und die Banbons sind
neben den Bacardis die treibende Kraft bei der Durchsetzung
von claims. Doch nach fast vierzig Jahren ist die Situation
konfuser denn je. Die U.S. Regierung hat bisher offiziell
nur die Ansprüche ehemaliger U.S. Firmen und Staatsbürger
anerkannt. Diese sind feinsäuberlich bei der “Foreign
Claims Settlement Commission“ in Washington registriert.
5911 sind es genau. Mit einem Wert, der heute zwischen
6 und 7 Milliarden Dollar schwankt. Castro billigt diese
Ansprüche. Gleichzeitig weigert er sich beharrlich,
überhaupt einen einzigen claim ehemaliger Kubaner
anzuerkennen. Die “property rights“ Frage
brachte das State Department gegen Anti-Castro Hardliner
im Kongress auf und sorgte für Zwist zwischen den
USA und der EU. Mittendrin und einer der Drahtzieher
in diesem politischen Schlamassel - Rechtsanwalt Gutiérrez.
Er ist das Sprachrohr für die Belange der verarmten
Zuckeraristrokratie, die Galionsfigur in einem aussichtslos
erscheinenden Kampf. Doch seit 1996 gibt es immerhin
Teilerfolge zu verbuchen. Der Helms-Burton Act macht
es möglich. Ein Passus dieser Gesetzesvorlage erlaubt
U.S. Staatsbürgern rechtliche Schritte gegen ausländische
Unternehmungen einzuleiten, die in Kuba via Joint Ventures
auf Grund und Boden operieren, die vor 1960 in amerikanischer
Hand waren. Oder in kubanischer, denn Helms-Burton schließt
auch die Ansprüche jener Exilkubaner mit ein, die
später die amerikanische Staatsbürgerschaft
erworben haben. Und das sind fast alle. Nur zu einem
Prozess ist es bisher nicht gekommen, Präsident
Clinton hat den entscheidenden Paragraphen immer wieder
suspendiert. Gutiérrez ficht das nicht an. Er
hat andere Gesetzesuntiefen ausgelotet, um europäische
Firmen in die Schranken zu weisen. Für den Sanchez-Hill
Clan, der Ansprüche auf einen 60 Kilometer langen
Strandabschnitt in Varadero in der Provinz Holguin hegt,
ist er mit der weltweit größten Resort-Kette,
der spanischen Sol Melia, in den Clinch gegangen. ITT,
den ehemaligen Betreiber des Kubanischen Telefonnetzes,
hat seine Arbeit um den Helms-Burton Act bereits erste
Früchte beschert – der italienische Telefonmulti
Stet International zahlte $25 mio für Leasing Rechte
am ehemaligem Besitz der U.S. Firma.
Eine Pauschallösung für die Zeit nach Castro
hat aber auch er nicht parat. Doch egal wie die Zukunft
in Kuba aussehen mag, Gutiérrez wird in jedem
Fall ein Teil von ihr sein. “Mein Vater hat immer
davon gesprochen, zurückzukehren. Jetzt ist er
alt. Ich bin jung. Ich könnte hier nicht ruhig
an meinem Schreibtisch sitzen, während sich 200
Kilometer Dinge ereignen, die meine Familie direkt betreffen.
Ich muß nach Kuba gehen, um soviel wie möglich
zurückzubekommen. Und selbst wenn es nichts geben
sollte, neue Chancen tun sich mit Sicherheit auf. “Cuba
sin Castro“, das wird wie der Wilde Westen.“
Damit es aber zivilisierter als damals zugeht, rufen
moderate Stimmen zu Mäßigung auf. Unter ihnen
Alex Penelas, Miamis Bürgermeister und Sohn kubanischer
Einwanderer. Ein Mann, der nach dem Durchstehen der
Elian-Krise, noch genauer weiß, wie schnell die
kubanische Volksseele kocht. “Zu glauben, daß
jeder sein Land wiederbekommt, ist naiv. Und zu glauben,
daß die Inselkubaner die Rückkehrer ausnahmslos
mit offenen Armen empfangen, ist ebenfalls naiv. Man
muß von Fall zu Fall entscheiden. Das kostet viel
Zeit, erfordert viel Geduld. Ich denke, es wird auf
eine Mischung zwischen Entschädigung und Rückgabe
hinauslaufen.“
Mit einer Entschädigung könnte sich auch
der jetzige Aufsichtsrat von Boise Cascade anfreunden.
Denn mit einer Rückkehr in die Karibik zwecks Stromerzeugung
haben die Damen und Herren aus dem hohen Norden wenig
am Hut.
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