"Das etwas andere Minenfeld"(Bellevue 11/2007)
In Kuala Lumpur wachsen nicht nur Türme, sondern auch Träume in den Himmel.
Mit deutschen Möbeln entsteht dort demnächst ein malaysischer Wohntraum
 

“If you build it, they will come”. So in etwa lauteten die Worte, die ein Landwirt aus Iowa zu hören glaubte. Daraufhin pflanzte dieser ein kleines Baseballstadion mitten in seinen Maisanbau, fertig war das Feld der Träume, denn bald pilgerten Fans aus Nah und Fern herbei, um das Spektakel zu sehen. Der Landwirt allerdings war Kevin Costner, das “Feld der Träume” ein Hollywoodfilm von 1989, der einprägsame Satz Teil des Drehbuchs. Gleiches aber muss ein Developer aus Malaysia im Sinn gehabt haben, als er ein Jahr zuvor sein eigenes Skript schrieb – in der Hauptrolle er selbst und eine Zinnmine. Hollywoodträume dauern selten länger als 2 Stunden, der von Tan Sri Lee Kim Yew geht demnächst ins dritte Jahrzehnt. Er baute und alle kamen.
 
Die Hong Fatt Mines galt als die weltweit größte Tagebau-Mine für Zinn. Als der Rohstoff zur Neige ging, schrieb die Regierung das Gelände für freizeit- und erholungsdienliche Zwecke aus. Lee Kim Yew, mit 23 Selfmade-Millionär und gerade 33 Jahre alt geworden, ließ sich nicht lange bitten. 50 Millionen Ringits (nach heutigem Kurs etwa 10.5 Millionen Euro oder 2 Euro pro Quadratmeter) später und ihm gehörten 525 Hektar abgewirtschaftete Bergbaulandschaft. Das Wasser stand ihm nicht nur finanziell bis zum Hals – aus der Mine selbst waren in der Zwischenzeit zwei bis zu 200 Meter tiefe Seen geworden. Keine Frage, der Mann hatte eine Vision, eine, die zunächst allerdings wohl niemand teilte. „Die meisten meiner Freunde machten sich wohl Sorgen um meinen Verstand“, erinnert sich der Tycoon heute, fast zwanzig Jahre später, jovial. „Vielen war mein Vorhaben aber einfach nur suspekt. Und vielleicht auch einfach eine Nummer zu groß.“ Wie wahr. Denn als kleine Nummer das zu bezeichnen, was er und seine Firma Country Heights Holding Bhd. am Reisbrett entstehen ließ, das wäre so, als behaupte man, Rom wäre doch an einem Tag gebaut. Aufbauend auf ihrer Konzeption MICE (Meetings, Incentives, Convention, Exhibition) wurde innerhalb der nächsten zehn Jahre Mines Resort City aus dem Boden gestampft, ein urbaner Kosmos mit dem Flair des Ländlichen, von den Einheimischen voller Ehrfurcht „Seven Wonders of Malaysia“ getauft. Angefangen von einer großzügigen Golfanlage über einer von einem Kanal durchzogenen Shopping Mall hin zu einem Business Park, Messehallen und einem 5-Sterne Hotel. Letzteres, das imposante Palace of the Golden Horses, legte in verschiedener Hinsicht den Grundstein für das finale Prunkstück im Immobilien-Mosaik des Tan Sri Lee.
 
Am 27. August dieses Jahres wurde mit viel Aufwand und lokaler Polit-Prominenz das enthüllt, was Tan Sri Lee als „The Icing on the Cake“ beschreibt, das gern zitierte I-Tüpfelchen. Es ist eher ein Ausrufezeichen. Neben dem in einem bauherrlichen Mischmasch aus maurischer und arabischer Architektur entstandene Bettenburg, ragt demnächst ein 19-stöckiger Annex komplett mit Tourellen und Minaretten in den Himmel über Kuala Lumpur: Die Palace Residence Suites. 332 Wohneinheiten von 80 bis knapp 400 Quadratmeter, ab 1.2 mio Ringits aufwärts (ca. 250.000 Euro) kann man sich in den Wohnpalast einkaufen. Verglichen mit aktuellen Bauvorhaben in den USA, Australien oder Dubai ist der Quadratmeterpreis von etwas über 3000 Euro noch günstig, ein vergleichbares Projekt in Kuala Lumpur aber kostet nur die Hälfte. Stellt sich die Frage: Ist der Markt für ein solch ambitioniertes Projekt bereit? Beim Visionär von einst herrscht nicht die Spur eines Zweifels. „Wir haben bei all unseren Unternehmungen nie geschaut, ob der Markt bereit war, wir waren stets sicher, bereit für den Markt zu sein“, orakelt der Mann, der aus der Zinn- bis dato eine Goldmine machte, etwas kryptisch. Natürlich ist ihm, wie auch den geladenen Gästen klar, dieses Bauvorhaben will sich nicht nur mit internationalen Maßstäben messen lassen, es soll und muss auch Investoren aus fernen Ländern gefallen. Vielleicht ist deshalb der Begriff „Branding“ einer, der an jenem Abend am häufigsten fällt. Klar, im Sog eines renommierten Hotels, in dem schon die Queen, Kofi Annan, Al Gore und Tiger Woods abstiegen, (ver-)kauft man im gleichen Atemzug auch gleich ein feines Produkt und schönes Stück Historie mit. Aber die Macher ruhten sich nicht nur auf ihrem guten Ruf aus, sondern brachten zusätzlich noch namhafte „Brands“ mit ins Boot. Beziehungsweise ins Haus. Allen voran den deutschen Möbel-Hersteller Hülsta, der für die Premiere eigens zwei Show-Rooms mit ausstatte und komplett für den Wohn- und Schlafbereich verantwortlich zeichnete – mit zwei völlig gegensätzlich anmutenden, dennoch komplementär wirkenden Einrichtungskonzeptionen. Für die potentielle Klientel, die sich aus dem asiatischen Raum rekrutiert, entstand der „Zen Room“, mit durchgehend warmen Farben, die fließend ineinander übergehen. Der „Contemporary Room“ hingegen setzt vermehrt auf Kontraste, mutet eher italienisch-modern an und richtet sich eindeutig an eine Kundschaft aus Europa oder Amerika. 208 Wohnungen gilt es zunächst einzurichten, welches der beiden Wohnkonzepte sich vermehrt durchsetzen wird, ist derzeit noch genauso offen, wie auch, ob noch eventuell weitere hinzukommen. Hülsta ist in jedem Fall vorbereitet, für die Möbel-Macher aus dem Westfälischen/dem Münsterland sind Projekte dieser Größenordnung und in diesen Breitengraden längst nichts Ungewöhnliches mehr, der gute Ruf „Made in Stadtlohn“ hallt  schon länger durch den Fernen Osten. „Seit 5 Jahren ist Hülsta sehr erfolgreich in Asien aktiv. Angefangen in China sind wir inzwischen in Singapur, Indonesien, Taiwan, den Philippinen und nun auch Malaysia präsent“, erzählt der Asia Area Manager Marcel Kuriger.
 
In Malaysia wird Hülsta exklusiv von der Firma Möbel Design (M) vertreten, diese Vertretung war es auch, die den Kontakt zum Bauherren herstellte. Was folgte waren Ausschreibungen, Briefings, eine Studie eines unabhängigen Innendesigners nach der anschließend in-house 3-D Computeranimationen angefertigt wurden und schließlich die Lieferung der ersten Möbel selbst. Kuriger kennt genau seinen Wettbewerbsvorteil. „Natürlich wissen wir, dass die einheimischen Hersteller wesentlich günstiger anbieten können, sie aber einfach nicht in der Lage sind, unsere Qualität zu liefern.“ Die Ware selbst ist übrigens keine Sonderanfertigung, sondern kommt komplett aus den verschiedenen, gängigen Produktlinien und wird dann individuell kombiniert. Ein kleines Problem gab es hingegen doch, erinnert sich Kuriger schmunzelnd. „Die Deckenhöhe. Wir mussten unsere Schrankwände und Raumteiler auf 3 Meter anpassen, normal bei uns sind nur 2.50 Meter.“
 
Der Asiate mag eher kleiner sein, doch er denkt groß. Neben Hülsta, dem ebenfalls aus Deutschland stammenden Küchenanbieter Häcker, wurde auch „The Registry Collection“ gewonnen, der Mercedes unter den Time Share Anbietern. Das englische Unternehmen hat unter dem Zusatz „Fine Leisure Assets“ 108 ultraluxuriöse Ferienanlagen und Domizile im Angebot, die Palace Residence Suites sind als erstes malaysisches Unternehmen Teil dieses exklusiven Portfolios.
 
Ende des Jahres ist Spatenstich für den 125 Millionen Euro teuren Palast, Anfang 2011 soll er bezugsfertig sein, inklusive Ballsaal für 3000 Gäste, Spa, diversen Restaurants auf den ersten beiden Stockwerken und einem 5 Sterne Hotel-Service. Potentielle Investoren, die noch immer nicht überzeugt sind, werfen vielleicht einen Blick auf die Wertsteigerung der anderen Liegenschaften – der Quadratmeter Boden rund um die eingangs genannte Mine, der vor knapp 20 Jahren umgerechnet 2 Euro kostete, geht heute nicht unter 20 Euro weg ... mit Luft nach oben. Vom „Minenfeld“ zu Kevin Costners Maisfeld – in dem Film geht es um die Erfüllung von Träumen einerseits und um verpasste Gelegenheiten andererseits: Tan Sri Lee hat ihn verstanden, er ließ keine aus und erfüllte sich mehr als nur einen Traum.