Klapprige, unrasierte alte Männer
in bunten Shorts und billigen Polyesterhemden schleichen
den schlichten Bürgersteig entlang, vorbei an verfallenden
Häuserfassaden und mit Bretter vernagelten Eingängen.
Grellgeschminkte, fast vergreiste Frauen sitzen auf
billigen Aluminiumgartenstühlen und starren von
schmucklosen Hotelveranden ins Nichts. Oder in den azurblauen
Himmel. Willkommen im "Wartesaal Gottes".
Willkommen am Ocean Drive im Herzen des Art Deco Viertels
von Miami Beach.
Könnte man eine Zeitreise antreten, das Datum
auf 1975 drehen und an irgendeiner Ecke zwischen der
5. und der 23. Straße, dem Ocean Drive und der
Alton Road aussteigen - fast überall würde
sich ein ähnliches Spektakel abspielen. South Beach,
ein riesiges Altersheim. Die Lincoln Road, ehemals die
5th Avenue des Südens, eine abgetakelte Promenade
verbarrikadierter Läden, deren Eingänge als
Latrinen und Bettstatt für Obdachlose dienen. Ein
Bild vollkommener Ödnis. Auf dem Gebiet von der
Größe ??? (2.6 qkm) tickt eine architektonische
Zeitbombe.
25 Jahre später. Der Himmel ist immer noch azurblau.
Und jeder weiß, wie es an "Amerikas Riviera"
aussieht. Kennt die neonfarbenen, grellbunten Art Deco
Fassaden. Das Treibhaus der Eitelkeiten, den Laufsteg
für die Schönen und Reichen. Miami Vice und
der Otto-Versand machten es möglich. Über
die bekannte Fernsehserie flimmerte das Flair von Miami
Beach weltweit in die Wohnzimmer, der deutsche Katalogmulti
war einer der ersten, der die architektonisch so wertvolle
Kulisse als Hintergrund für unzählige Modeproduktionen
entdeckte.
Ungefähr 800 Gebäude zählen zum Art
Deco Distrikt. Heute sind sie registriert und geschützt,
damals waren sie für die Stadtväter nicht
mehr als eine Fußnote aus der Vergangenheit. Ein
Relikt jüngerer Baugeschichte, daß zu erhalten
nicht lohnt. Abrißbirne satt Arterhaltung, so
lautete, zusammengefaßt das Credo von Magistrat,
potentiellen Investoren und alteingesessenen Immobilienbesitzer.
Art wer? Art Deco, hieß so nicht ein Architekt
? So lauteten bis in die frühen 80er Jahre hinein
die, gar nicht einmal spöttisch gemeinten, Antworten
auf die Frage nach dem Baustil der Häuser, die
mittlerweile eine eigenständige Fangemeinde in
den Süden Floridas bewegt. Architekturtourismus,
selbst die kühnsten Visionäre hätten
eine solche Entwicklung kaum prophezeien können.
Und warum auch? Schließlich setzte sich der Begriff
Art Deco im Englischen erst Mitte der 60er Jahre durch,
als ein Katalog sich mit einer weltberühmten Ausstellung
in Paris im Jahre 1925 befaßte. Der Exposition
Internationale des Arts Décoratifs et Industriels
Modernes. Eine spektakuläre Messe für Design
und Architektur. Die Geburtsstunde für Art Deco
als Baustil. In Art Deco fanden sich Elemente des deutschen
Bauhaus, dem holländischen De Stijl und dem russischen
Kontruktivismus - in ihrem Kern extrem puristische Ausrichtungen.
Diese moderne, sehr von strengen geometrischen Formen
geprägte Gestaltung, traf auf die traditionelle,
noch auf üppige Ornamente und Dekoration setzende
Architektur. Beide fusionierten. Und lösten zehn
Jahre später tief im Süden Floridas das Mediterranean
Revival ab. Tropical Deco - Art Deco unter Palmen -
war geboren.
Miami Beach hatte gerade die Nachwehen zweier großer
Ereignisse - dem großen Hurrikan von 1926 und
dem großen Wall Street Crash von 1929 - überwunden,
als frisches Geld aus dem Norden einen neuen Bauboom
auslöste. In den Jahren zwischen 1934 bis 1941
entstanden fast 700 neue Gebäude. Alle trugen sie
die Handschrift einer neuen Zeit, waren auf unauffällige
Art von schlichter Eleganz und prägten ein völlig
neues Stadtbild. Viel erstaunlicher aber - fast alle
wurden gebaut von nur 6 Architekten. Die Amerikaner
L. Murray Dixon, Henry Hohauser, Roy F. France und Albert
Anis, sowie der Russe Igor Polevitsky und der Jugoslawe
Anton Skislewicz. Wie sie es schafften ein derart homogenes
gleichwohl extravagantes Architekturvermächtnis
zu hinterlassen? Vielleicht weil sie alle untereinander
befreundet waren, sich abends auf einen Drink an der
Bar trafen, sich nie als Kontrahenten sahen, sondern
eher als Virtuosen, die sich gegenseitig an der Kunst
des anderen hochschaukeln konnten.
Schnell wurde deutlich, daß Art Deco in Miami
würde eigenständig bestehen können. Tropical
Deco eben. Inspiriert von architektonischen Meilensteinen
wie das New Yorker Chrysler Gebäude aber auch von
futuristischen Comics wie Flash Gordon fand man sehr
schnell zu einem eigenen Stil. Typisch hier das sogenannte
Streamline Deco, adaptiert von den neuen aerodynamischen
Formen in der Seefahrt und dem Flugzeugbau. Die zahllosen
Referenzen an das maritime Ambiente in Form von bullaugenähnlichen
Fenstern (Portholes). Die Verwendung des floridianischen
Terrazzo (farbigen Mosaiksteinchen in Zement eingelassen
und anschließend poliert) anstelle von Marmor.
Die fast an jeder Fassade oberhalb der Fenster angebrachten
"eyebrows" - überstehende Simse, die
vor der Sonneneinstrahlung schützen.
Nichts aber konnte vor dem langsamen Verfall schützen.
Und in den 70er Jahren liefen immer mehr dieser eindrucksvollen
Gebäude Gefahr zu kollabieren. Die Wende kam mit
Barbara Capitman. Ihr und ihrer 1976 gegründeten
Miami Design Preservation League ist es in der Hauptsache
zu verdanken, daß es heute im Art Deco Distrikt
nicht ähnlich aussieht, wie nur 30 Straßen
weiter nördlich, im sogenannten "Concrete
Canyon". Mit dem Eintrag in den National Register
of Historic Places gelang ihr ein wichtiger Sieg. Plötzlich
hatte South Beach den gleichen Status wie Mount Rushmore.
Bis zu ihrem Tod 1990 kämpfte die streitbare Dame
um jedes Haus.
Zu glauben, daß der wertvolle Architekturschatz
nun auf Dauer gesichert ist, wäre vermessen. Gefahr
droht aus verschiedenen Richtungen. Immer noch werden
alte Gebäude abgerissen (Versace ließ damals
das Revere Hotel planieren, um sich einen Pool zu bauen).
Oder es wird bis auf die Fassade entkernt, die dann
oft von der Baussubstanz nichts ausreicht, das neue
Gebäude zu tragen. Ergebnis: Das ganze Haus verschwindet.
Die größte Sünde - die Zerstörung
des Interieurs. Nirgends besser illustriert als am ambitiösen
Delanoprojekt des Hotelimpressario Ian Schrager und
seinem Designer Philipp Stark. Ohne Rücksicht auf
historical correctness ließ man den Terrazzoboden
mit Holzdielen überdecken, riß Wände
ein und verkleidete die gesamte Lobby mit Textilien.
Insgesamt aber sind die jüngsten Rückschläge
vergleichsweise einfach wegzustecken. Bleibt zu hoffen,
daß sich das Bekenntnis zu Art Deco in Miami Beach
weiterhin manifestiert. Den Touristen jedenfalls gefällt
es. Touren durch den Distrikt erfreuen sich immer noch
steigender Beliebtheit. Komisch nur, daß die meisten
Kameras immer wieder an einem übergroßen
Haus am Ocean Drive und der 11. Straße gezückt
werden - an der Versace Villa, einem baulichen Mischmasch
aus Tudor und Mediterranean Revival. Auf die Frage,
welcher Stil denn das sei, antwortet der Tourleiter:
"No Deco".
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