Amerikas gute Stube (Bellevue 11/2002)
Neuengland – das sind sechs Staaten im Nordosten der USA, die eine der reizvollsten Kulturlandschaften Amerikas bilden. Dort zu wohnen ist der Traum vieler. Und dank vernünftiger Dollarkurse attraktiver den je.
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Unverdrossen baggern und buddeln sie weiter. Ununterbrochen seit 1991. Es ist das größte (und natürlich inzwischen auch teuerste) öffentliche Bauvorhaben, dass die Amerikaner je gesehen haben – größer noch als der Panamakanal. Das große Graben oder “Big Dig“. Zwei Worte, die der gemeine Bostoner je nach Gemütslage entweder süffisant-ironisch oder bissig-genervt betont. Steht er wieder einmal stundenlang im Stau, dann wird er fluchen. Schließlich steht “Big Dig“ für ein Tunnel-Brücken-Highway-System, dass den zähen Verkehr in der größten Metropole Neuenglands wieder in Gang bringen soll. Weil aber Gut Ding Weile haben will, stehen die Autos seit Jahren Stoßstange an Stoßstange – nicht nur zur Rush Hour.

Dabei sind die Probleme auf den Straßen nicht einmal hausgemacht. Boston kann schließlich nichts dafür, dass es seit Jahren zu den attraktivsten Regionen im Land gehört. Und wer mit Macht in den brodelnden Immobilienmarkt drängt und dort mit Glück auch fündig wird, der kommt natürlich auch nicht ohne Auto. Boston ist attraktiv. High-Tech Standort, Finanzzentrum, Universitätssitz, dazu diese gefällige Melange aus postmoderner Wolkenkratzer-Architektur und originalgetreuen Straßenzügen aus der Kolonialzeit. Und Boston ist so europäisch wie keine zweite Großstadt der USA. Die Innenstadt ist frei von Kriminalität, die Bürgersteige bleiben, anders als in anderen amerikanischen Großstädten, nach Dienstschluss unten und belebt. Öffentlicher Nahverkehr ist nicht nur kein Fremdwort, sondern eine gefällige Alternative zu den eigenen vier Rädern.

Wen wundert’s, dass auch immer mehr Deutsche die 2.5 Millionen Einwohnerstadt am Charles River längst für sich entdeckt haben. Einer von ihnen ist der 39-jährige Christian Vollbehr. Als den Versicherungsfachmann das Angebot seines französischen Arbeitgebers ereilte, von Boston aus ein Agenturnetz für New England aufzuziehen, fiel die Wahl innerhalb von wenigen Tagen. Etwas schwerer tat er sich dann mit der Entscheidung: Mieten oder Kaufen. “Als ich im April letzten Jahres nach Boston kam, ging ich davon aus, im Handumdrehen ein Haus zu kaufen“, erinnert sich der Familienvater heute. Gesagt getan? Nicht wirklich. Heute sitzt er mit Kind und Kegel in einem gemieteten Stadthaus in Brookline, einer feinen, alten Bostoner Adresse in unmittelbarer Innenstadtnähe. Und ist hoch zufrieden. Der Immobilienerwerb bleibt zunächst ein Traum. “Für Neuankömmlinge ist es extrem schwierig, über die Bank eine Finanzierung zu bekommen. Weil man sich Kreditwürdigkeit erst über Jahre erarbeiten kann, müssen Ausländer eine sehr hohe Summe anzahlen,“ weiß er heute. “Es sei denn, man legt gleich Cash auf den Tisch.“ Nicht ganz einfach in einem Markt, der zu den teuersten im ganzen Land gehört. Der Preis für das klassische Einfamilienhaus (3 Zimmer, 1.5 Bäder) schoss in Boston um knapp 15 % nach oben ... innerhalb von nur 12 Monaten (2. Quartal 2001 – 2. Quartal 2002). Der durchschnittliche erzielte Preis für ein verkauftes Haus in Boston und Umgebung lag etwas über einer halben Million Dollar. Nur Teile San Franciscos und das nördlich von Los Angeles gelegene Orange County können da mithalten. Warum diese kontinuierlich steigenden Immobilienwerte? Greater Boston ist ein “Seller`s Market“. Knappes Angebot, schon seit Jahren. Ein Phänomen, an dem die Lokalpolitik nicht ganz unschuldig ist. “Verglichen mit dem Rest der USA sind die Bauvorschriften in Boston und Umgebung sehr rigide. Baugenehmigungen für große Projekte, aber auch für normale Einfamilienhäuser, sind schwierig zu bekommen. Das bremst natürlich die “Supply Side“ “, erklärt Joseph. H Hare von Hammond Residential. “Von 1995 bis heute haben sich die Preise in Boston und Umgebung verdoppelt“, so Ursula Hassmann, eine deutsche Maklerin, aus dem gleichen Büro

Sicher, Boston ist der Nabel im Nordosten der USA. Für viele aber dennoch nur Durchgangsstation auf dem Weg in die vielfältigen Regionen Neu Englands. In Richtung Süden nach Rhode Island. “East“ nach Cape Cod und seinen vorgelagerten Inseln Martha`s Vineyard und Nantucket. Oder auf nördlichem Kurs über New Hampshire nach Maine.

Cape Cod ist so etwas wie Amerikas Antwort auf Sylt. Zwar deutlich größer, aber im Wesen ähnlich. Im Sommer Hort Tausender Badegäste, im Winter menschenleer. Inzwischen entdecken auch immer mehr Europäer den Charme der Halbinsel. Robert Kinlin, der in Osterville, einem der vornehmeren Ecken von “Kap Kabeljau“, das Maklerbüro Kinlin-Grover leitet, weiß warum. “Es ist einfach perfekt vom Lifestyle her. Man ist in Reichweite der City, hat aber genügend Abstand. Das Kommen und Gehen der Saisongäste sorgt stets für willkommene Abwechslung. Dazu die vielen Häfen – ein Paradies für Freizeitkapitäne und Angler.“ Und wo driftet das Paradies preislich hin? Kinlin muss bei seiner Antwort lächeln. “Der Markt kennt nur eine Richtung: Nach oben. Selbst der 11. September brachte nur eine kurze Atempause.“ Das attraktive Zinsniveau sorgt für extreme Nachfrage. Im Low End Bereich, also bei Objekten zwischen 250- und 600.000 Dollar ist der Markt sehr eng. Häuser im klassischen New England Stil mit ihrem wettergegerbten Look und den weißen Schindeln sind besonders gefragt. Kinlins Geheimtipp? Die Gegend um Truro im Norden mit ihren großzügig parzellierten Grundstücken bietet noch gute Möglichkeiten für Neuankömmlinge. “Truro wird das nächste Nantucket“, prophezeit er.

Nantucket? Die kleine Insel vor der Küste Cape Cods und Martha´s Vineyard, ihre größere Schwester, sind wahrscheinlich hauptsächlich Insidern bekannt. Mit dem Niedergang der Walfängerei verloren beide ihre Bedeutung und dümpelten jahrzehntelang im Immoblien-Abseits. Ende der 60er Jahre wurden sie dann von den New Yorker Society entdeckt, denen die Hamptons zu eng wurden. Leider sind sie deshalb inzwischen fast unbezahlbar. Leider ... . Es sei denn, man hat Mut. Randy Simon hatte ihn. Vor zwei Jahren zog er aus Florida in “Marthas Weingarten“ und kaufte sich ein Grundstück. Nicht im feudalen Edgartown, in dem die Villen einstiger Walfänger in neuem Glanz erstrahlen, sondern im bodenständigem Oak Bluffs, dort wo die pittoreske “Gingerbread“ Architektur regiert; kleine, bunte, windschiefe “Knusperhäuschen“. Die 1.5 Acre kosteten ihn 90.000 Dollar. Angebote von bis zu 225.000 Dollar, das Land wieder zu veräußern, schlug er aus. Noch ... . “Der Boom ist noch nicht zu Ende und noch gibt es Land. Zwar nicht im Überfluss und mit strengen Bauvorschriften, aber es gibt welches,“ berichtet Simon. Apropos Bauvorschriften, wer hier bauen will, der muss wissen, dass nur in den seltensten Fällen Anschluss an eine zentrale Wasser- und Abwasserversorgung besteht. Hier dominieren Brunnen und “Septic Tank“ , die gute, alte Klärgrube. Das gilt übrigens auch für große Teile Cape Cods und Maines.

Der Weg die Küste hoch in Richtung Maine führt immer wieder durch “Smalltown America“. Eine dieser Kleinstädte heißt Marblehead und liegt eine gute halbe Autostunde nordöstlich von Boston. Mit der typischen amerikanischen Nonchalance loben die “Marmorköpfe“ für ihre 20.000 Seelen Gemeinde gleich mehrere Superlative aus: Eines der schönsten Städtchen Amerikas. Eine der wichtigsten Segelhochburgen weltweit. Bescheidenheit ist zwar eine Tugend, aber Recht haben die Leute. Mit ihrem eklektischen Architektur-Mischmasch aus Old Colonial, Victorian und Salt Box “Cape Cod Style“ sucht das schon 1649 gegründete Marblehead in punkto Anmut ihresgleichen. Besonders der kleine Hafen und der “Historical District“ mit seinen engen Gassen gibt den nur knapp 10 Quadratkilometer Charakter. “Und dann gelten wir noch als Geburtsort der amerikanischen Marine“, fügt Sean Gildae von Carlson Real Estate nicht ohne Stolz hinzu. Auf die Frage, ob diese Ehre nicht Newport gebührt, grinst er vielsagend. Egal, soviel Schönheit und Historie haben in jedem Fall ihren Preis. Auf Marblehead Neck, dem kleinen Filetstück – eine Halbinsel, nur durch eine Straße parallel zum Strand zu erreichen, wird man zumindest mit Meerblick südlich der 1 Million Dollar Marke nichts finden. In Marblehead selbst geht es etwas moderater zu. “Der durchschnittliche Preis für das typische Einfamilienhaus pendelt um und bei 400.000 Dollar“, erklärt Gildae.

Für Neu England gelten grundsätzlich zwei Prämissen. Je nördlicher, desto billiger, je näher am Wasser, desto teurer. Ein Schema, das sich auch bestens auf das kleine Ogunquit in Maine anwenden lässt. Es liegt etwas südlich vom berühmten Kennebunkport, dort wo die “Bush-Männer“ ihre Ferien verleben und Lobster fangen. Zwar haben sich auch hier die Preise in den letzten drei Jahren verdoppelt, dennoch lassen sich hier interessante Objekte noch um die 250.000 Dollar finden. Was die weitere Entwicklung angeht, herrscht bei Gail Ann Graham von der Jean E. Knapp Agency keine Zweifel. Sie bleibt bullish. “Immer mehr Leute suchen in der Gegend nach dem perfekten Alterswohnsitz. Viele, die hier zur Zeit vielleicht nur den Sommer verbringen, werden später für immer hierher ziehen. Weil nicht allzu viel gebaut wird, steigt der vorhandene Bestand weiter im Wert.“ Vom Bauen wird oft zurück geschreckt, weil die Kosten aufgrund der Bodenbeschaffenheit schwer zu kalkulieren sind. Anders als auf Cape Cod, wo der Fundament oft sandig ist, hat man hier vermehrt mit einem felsigen Untergrund zu kämpfen .

Echte Schnäppchen muss man suchen, aber man findet sie. Wenn man bereit ist, den unmittelbaren Einzugsbereich der Atlantikküste zu verlassen. Die wasserreiche Gegend um Raymond herum, ebenfalls Maine, erinnert ein wenig an die Mecklenburger Seenplatte – etwas bergiger allerdings. Hier ist der deutschstämmige Makler Ingo Hartig ansässig. Und hier in einem relativ dünn besiedelten Gebiet lassen sich noch Immobilien zu vergleichsweise günstigen Konditionen erwerben. Richtig, auch vor Raymond et. al. hat der Boom der letzten Jahre nicht halt gemacht. Aber immerhin explodierten die Preise auf niedrigem Niveau. “Ein Grundstück, dass vor fünf Jahren mit 15.000 Dollar einen Käufer fand, geht heute nicht unter 50.000 Dollar weg,“ erläutert Hartig seinen Markt. Dabei sind oft Lage und ob und wie groß gebaut werden darf, entscheidender als die Größe. Hartig weiß, wovon er spricht. Für potentielle Interessenten hat er eine Reihe von Tipps parat. So sollte sich jeder Kaufwillige gut überlegen, wofür der Immobilienerwerb letztlich dienen soll. Als Alterruhesitz? Als Spekulation? Als konservative Geldanlage? Maine hält für jeden etwas bereit. “Die Leute haben inzwischen herausgefunden, wie schön es ist, wenn man irgendwo hingehen kann, wo die Vögel singen und wo es meist noch sauber ist und wo man Freiheit hat“, sagt der Maine-Kenner fast prosaisch.

In Newport, Rhode Island ist es zwar nicht schmutzig und es singt auch der ein oder andere Vogel, dafür ist es mit der individuellen Freiheit etwas knapper bemessen. Es ist nur ein erster Eindruck und ein zwiespältiger dazu. Denn wer einmal die Bellevue Avenue entlang gefahren ist und sich den architektonischen Testamenten des New Yorker Geldadels gegenübersieht, die prunkvollen Sommerresidenzen der Astors, der Vanderbilts und der Berwinds, die Anfang des letzten Jahrhunderts auf die Klippen gepflanzt wurden, den beschleicht das Gefühl, das Freiheit verschiedene Dimensionen hat. Bautechnisch herrschte komplette Selbstbestimmung – jeder so, wie er wollte. Hinter den Kulissen, sprich in den teilweise über 70 Zimmer Palazzos, wurde das Personal geknechtet – jeder nur so, wie er sollte. Das alles ist längst Vergangenheit, heute ist die Bellevue Avenue und ihre Parallelstraßen ein riesiges Freiluftmuseum. Die Häuser, die nicht besichtigt werden können, sind bewohnt. Oder stehen zum Verkauf. Die meisten von ihnen für einen siebenstelligen Dollarbetrag. Das heißt aber nicht, dass die Umgebung nicht auch günstigere Alternativen bietet. Barbara O`Reilly von den Bellevue Realtors, eine ehemalige Anwältin aus Deutschland, ist seit 22 Jahren in Newport zu Hause. “Mit 380.000 Dollar für ein Einfamilienhaus liegen wir im Neuengland-Vergleich im Mittelfeld.“ Dass die Preise weiter anziehen werden, dafür sorgen auch beständig steigende Touristenzahlen. Denn viele, die vielleicht nur wegen des berühmten Jazz-Festivals oder der “Tennis Hall of Fame“ gekommen sind, gefällt es so gut in der “Segelhauptstadt der Welt“, dass sie am liebsten sofort ein Haus kaufen würden.

New England ist groß. Auch wenn nur einige Orte exemplarisch für den Gesamtmarkt herhalten konnten, eines lässt sich abschließend sagen. Immobilien boomen. Und anders als an den internationalen Wertpapierbörsen ist noch lange kein Ende in Sicht. Boston und Umgebung sollte in jedem Fall einmal Teil der Urlaubsplanung werden. Vielleicht wird ja mehr daraus. Vielleicht schon nächstes Jahr? Dann nährt sich auch langsam “Big Dig“seiner Vollendung - Ende 2004 werden die tapferen Bostoner dem lähmenden Verkehrsinfarkt den finalen Bypass legen.