Unverdrossen baggern und buddeln
sie weiter. Ununterbrochen seit 1991. Es ist
das größte (und natürlich inzwischen
auch teuerste) öffentliche Bauvorhaben, dass die
Amerikaner je gesehen haben – größer
noch als der Panamakanal. Das große Graben oder
“Big Dig“. Zwei Worte, die der gemeine Bostoner
je nach Gemütslage entweder süffisant-ironisch
oder bissig-genervt betont. Steht er wieder einmal stundenlang
im Stau, dann wird er fluchen. Schließlich steht
“Big Dig“ für ein Tunnel-Brücken-Highway-System,
dass den zähen Verkehr in der größten
Metropole Neuenglands wieder in Gang bringen soll. Weil
aber Gut Ding Weile haben will, stehen die Autos seit
Jahren Stoßstange an Stoßstange –
nicht nur zur Rush Hour.
Dabei sind die Probleme auf den Straßen nicht
einmal hausgemacht. Boston kann schließlich nichts
dafür, dass es seit Jahren zu den attraktivsten
Regionen im Land gehört. Und wer mit Macht in den
brodelnden Immobilienmarkt drängt und dort mit
Glück auch fündig wird, der kommt natürlich
auch nicht ohne Auto. Boston ist attraktiv. High-Tech
Standort, Finanzzentrum, Universitätssitz, dazu
diese gefällige Melange aus postmoderner Wolkenkratzer-Architektur
und originalgetreuen Straßenzügen aus der
Kolonialzeit. Und Boston ist so europäisch wie
keine zweite Großstadt der USA. Die Innenstadt
ist frei von Kriminalität, die Bürgersteige
bleiben, anders als in anderen amerikanischen Großstädten,
nach Dienstschluss unten und belebt. Öffentlicher
Nahverkehr ist nicht nur kein Fremdwort, sondern eine
gefällige Alternative zu den eigenen vier Rädern.
Wen wundert’s, dass auch immer mehr Deutsche
die 2.5 Millionen Einwohnerstadt am Charles River längst
für sich entdeckt haben. Einer von ihnen ist der
39-jährige Christian Vollbehr. Als den Versicherungsfachmann
das Angebot seines französischen Arbeitgebers ereilte,
von Boston aus ein Agenturnetz für New England
aufzuziehen, fiel die Wahl innerhalb von wenigen Tagen.
Etwas schwerer tat er sich dann mit der Entscheidung:
Mieten oder Kaufen. “Als ich im April letzten
Jahres nach Boston kam, ging ich davon aus, im Handumdrehen
ein Haus zu kaufen“, erinnert sich der Familienvater
heute. Gesagt getan? Nicht wirklich. Heute sitzt er
mit Kind und Kegel in einem gemieteten Stadthaus in
Brookline, einer feinen, alten Bostoner Adresse in unmittelbarer
Innenstadtnähe. Und ist hoch zufrieden. Der Immobilienerwerb
bleibt zunächst ein Traum. “Für Neuankömmlinge
ist es extrem schwierig, über die Bank eine Finanzierung
zu bekommen. Weil man sich Kreditwürdigkeit erst
über Jahre erarbeiten kann, müssen Ausländer
eine sehr hohe Summe anzahlen,“ weiß er
heute. “Es sei denn, man legt gleich Cash auf
den Tisch.“ Nicht ganz einfach in einem Markt,
der zu den teuersten im ganzen Land gehört. Der
Preis für das klassische Einfamilienhaus (3 Zimmer,
1.5 Bäder) schoss in Boston um knapp 15 % nach
oben ... innerhalb von nur 12 Monaten (2. Quartal 2001
– 2. Quartal 2002). Der durchschnittliche erzielte
Preis für ein verkauftes Haus in Boston und Umgebung
lag etwas über einer halben Million Dollar. Nur
Teile San Franciscos und das nördlich von Los Angeles
gelegene Orange County können da mithalten. Warum
diese kontinuierlich steigenden Immobilienwerte? Greater
Boston ist ein “Seller`s Market“. Knappes
Angebot, schon seit Jahren. Ein Phänomen, an dem
die Lokalpolitik nicht ganz unschuldig ist. “Verglichen
mit dem Rest der USA sind die Bauvorschriften in Boston
und Umgebung sehr rigide. Baugenehmigungen für
große Projekte, aber auch für normale Einfamilienhäuser,
sind schwierig zu bekommen. Das bremst natürlich
die “Supply Side“ “, erklärt
Joseph. H Hare von Hammond Residential. “Von 1995
bis heute haben sich die Preise in Boston und Umgebung
verdoppelt“, so Ursula Hassmann, eine deutsche
Maklerin, aus dem gleichen Büro
Sicher, Boston ist der Nabel im Nordosten der USA.
Für viele aber dennoch nur Durchgangsstation auf
dem Weg in die vielfältigen Regionen Neu Englands.
In Richtung Süden nach Rhode Island. “East“
nach Cape Cod und seinen vorgelagerten Inseln Martha`s
Vineyard und Nantucket. Oder auf nördlichem Kurs
über New Hampshire nach Maine.
Cape Cod ist so etwas wie Amerikas Antwort auf Sylt.
Zwar deutlich größer, aber im Wesen ähnlich.
Im Sommer Hort Tausender Badegäste, im Winter menschenleer.
Inzwischen entdecken auch immer mehr Europäer den
Charme der Halbinsel. Robert Kinlin, der in Osterville,
einem der vornehmeren Ecken von “Kap Kabeljau“,
das Maklerbüro Kinlin-Grover leitet, weiß
warum. “Es ist einfach perfekt vom Lifestyle her.
Man ist in Reichweite der City, hat aber genügend
Abstand. Das Kommen und Gehen der Saisongäste sorgt
stets für willkommene Abwechslung. Dazu die vielen
Häfen – ein Paradies für Freizeitkapitäne
und Angler.“ Und wo driftet das Paradies preislich
hin? Kinlin muss bei seiner Antwort lächeln. “Der
Markt kennt nur eine Richtung: Nach oben. Selbst der
11. September brachte nur eine kurze Atempause.“
Das attraktive Zinsniveau sorgt für extreme Nachfrage.
Im Low End Bereich, also bei Objekten zwischen 250-
und 600.000 Dollar ist der Markt sehr eng. Häuser
im klassischen New England Stil mit ihrem wettergegerbten
Look und den weißen Schindeln sind besonders gefragt.
Kinlins Geheimtipp? Die Gegend um Truro im Norden mit
ihren großzügig parzellierten Grundstücken
bietet noch gute Möglichkeiten für Neuankömmlinge.
“Truro wird das nächste Nantucket“,
prophezeit er.
Nantucket? Die kleine Insel vor der Küste Cape
Cods und Martha´s Vineyard, ihre größere
Schwester, sind wahrscheinlich hauptsächlich Insidern
bekannt. Mit dem Niedergang der Walfängerei verloren
beide ihre Bedeutung und dümpelten jahrzehntelang
im Immoblien-Abseits. Ende der 60er Jahre wurden sie
dann von den New Yorker Society entdeckt, denen die
Hamptons zu eng wurden. Leider sind sie deshalb inzwischen
fast unbezahlbar. Leider ... . Es sei denn, man hat
Mut. Randy Simon hatte ihn. Vor zwei Jahren zog er aus
Florida in “Marthas Weingarten“ und kaufte
sich ein Grundstück. Nicht im feudalen Edgartown,
in dem die Villen einstiger Walfänger in neuem
Glanz erstrahlen, sondern im bodenständigem Oak
Bluffs, dort wo die pittoreske “Gingerbread“
Architektur regiert; kleine, bunte, windschiefe “Knusperhäuschen“.
Die 1.5 Acre kosteten ihn 90.000 Dollar. Angebote von
bis zu 225.000 Dollar, das Land wieder zu veräußern,
schlug er aus. Noch ... . “Der Boom ist noch nicht
zu Ende und noch gibt es Land. Zwar nicht im Überfluss
und mit strengen Bauvorschriften, aber es gibt welches,“
berichtet Simon. Apropos Bauvorschriften, wer hier bauen
will, der muss wissen, dass nur in den seltensten Fällen
Anschluss an eine zentrale Wasser- und Abwasserversorgung
besteht. Hier dominieren Brunnen und “Septic Tank“
, die gute, alte Klärgrube. Das gilt übrigens
auch für große Teile Cape Cods und Maines.
Der Weg die Küste hoch in Richtung Maine führt
immer wieder durch “Smalltown America“.
Eine dieser Kleinstädte heißt Marblehead
und liegt eine gute halbe Autostunde nordöstlich
von Boston. Mit der typischen amerikanischen Nonchalance
loben die “Marmorköpfe“ für ihre
20.000 Seelen Gemeinde gleich mehrere Superlative aus:
Eines der schönsten Städtchen Amerikas. Eine
der wichtigsten Segelhochburgen weltweit. Bescheidenheit
ist zwar eine Tugend, aber Recht haben die Leute. Mit
ihrem eklektischen Architektur-Mischmasch aus Old Colonial,
Victorian und Salt Box “Cape Cod Style“
sucht das schon 1649 gegründete Marblehead in punkto
Anmut ihresgleichen. Besonders der kleine Hafen und
der “Historical District“ mit seinen engen
Gassen gibt den nur knapp 10 Quadratkilometer Charakter.
“Und dann gelten wir noch als Geburtsort der amerikanischen
Marine“, fügt Sean Gildae von Carlson Real
Estate nicht ohne Stolz hinzu. Auf die Frage, ob diese
Ehre nicht Newport gebührt, grinst er vielsagend.
Egal, soviel Schönheit und Historie haben in jedem
Fall ihren Preis. Auf Marblehead Neck, dem kleinen Filetstück
– eine Halbinsel, nur durch eine Straße
parallel zum Strand zu erreichen, wird man zumindest
mit Meerblick südlich der 1 Million Dollar Marke
nichts finden. In Marblehead selbst geht es etwas moderater
zu. “Der durchschnittliche Preis für das
typische Einfamilienhaus pendelt um und bei 400.000
Dollar“, erklärt Gildae.
Für Neu England gelten grundsätzlich zwei
Prämissen. Je nördlicher, desto billiger,
je näher am Wasser, desto teurer. Ein Schema, das
sich auch bestens auf das kleine Ogunquit in Maine anwenden
lässt. Es liegt etwas südlich vom berühmten
Kennebunkport, dort wo die “Bush-Männer“
ihre Ferien verleben und Lobster fangen. Zwar haben
sich auch hier die Preise in den letzten drei Jahren
verdoppelt, dennoch lassen sich hier interessante Objekte
noch um die 250.000 Dollar finden. Was die weitere Entwicklung
angeht, herrscht bei Gail Ann Graham von der Jean E.
Knapp Agency keine Zweifel. Sie bleibt bullish. “Immer
mehr Leute suchen in der Gegend nach dem perfekten Alterswohnsitz.
Viele, die hier zur Zeit vielleicht nur den Sommer verbringen,
werden später für immer hierher ziehen. Weil
nicht allzu viel gebaut wird, steigt der vorhandene
Bestand weiter im Wert.“ Vom Bauen wird oft zurück
geschreckt, weil die Kosten aufgrund der Bodenbeschaffenheit
schwer zu kalkulieren sind. Anders als auf Cape Cod,
wo der Fundament oft sandig ist, hat man hier vermehrt
mit einem felsigen Untergrund zu kämpfen .
Echte Schnäppchen muss man suchen, aber man findet
sie. Wenn man bereit ist, den unmittelbaren Einzugsbereich
der Atlantikküste zu verlassen. Die wasserreiche
Gegend um Raymond herum, ebenfalls Maine, erinnert ein
wenig an die Mecklenburger Seenplatte – etwas
bergiger allerdings. Hier ist der deutschstämmige
Makler Ingo Hartig ansässig. Und hier in einem
relativ dünn besiedelten Gebiet lassen sich noch
Immobilien zu vergleichsweise günstigen Konditionen
erwerben. Richtig, auch vor Raymond et. al. hat der
Boom der letzten Jahre nicht halt gemacht. Aber immerhin
explodierten die Preise auf niedrigem Niveau. “Ein
Grundstück, dass vor fünf Jahren mit 15.000
Dollar einen Käufer fand, geht heute nicht unter
50.000 Dollar weg,“ erläutert Hartig seinen
Markt. Dabei sind oft Lage und ob und wie groß
gebaut werden darf, entscheidender als die Größe.
Hartig weiß, wovon er spricht. Für potentielle
Interessenten hat er eine Reihe von Tipps parat. So
sollte sich jeder Kaufwillige gut überlegen, wofür
der Immobilienerwerb letztlich dienen soll. Als Alterruhesitz?
Als Spekulation? Als konservative Geldanlage? Maine
hält für jeden etwas bereit. “Die Leute
haben inzwischen herausgefunden, wie schön es ist,
wenn man irgendwo hingehen kann, wo die Vögel singen
und wo es meist noch sauber ist und wo man Freiheit
hat“, sagt der Maine-Kenner fast prosaisch.
In Newport, Rhode Island ist es zwar nicht schmutzig
und es singt auch der ein oder andere Vogel, dafür
ist es mit der individuellen Freiheit etwas knapper
bemessen. Es ist nur ein erster Eindruck und ein zwiespältiger
dazu. Denn wer einmal die Bellevue Avenue entlang gefahren
ist und sich den architektonischen Testamenten des New
Yorker Geldadels gegenübersieht, die prunkvollen
Sommerresidenzen der Astors, der Vanderbilts und der
Berwinds, die Anfang des letzten Jahrhunderts auf die
Klippen gepflanzt wurden, den beschleicht das Gefühl,
das Freiheit verschiedene Dimensionen hat. Bautechnisch
herrschte komplette Selbstbestimmung – jeder so,
wie er wollte. Hinter den Kulissen, sprich in den teilweise
über 70 Zimmer Palazzos, wurde das Personal geknechtet
– jeder nur so, wie er sollte. Das alles ist längst
Vergangenheit, heute ist die Bellevue Avenue und ihre
Parallelstraßen ein riesiges Freiluftmuseum. Die
Häuser, die nicht besichtigt werden können,
sind bewohnt. Oder stehen zum Verkauf. Die meisten von
ihnen für einen siebenstelligen Dollarbetrag. Das
heißt aber nicht, dass die Umgebung nicht auch
günstigere Alternativen bietet. Barbara O`Reilly
von den Bellevue Realtors, eine ehemalige Anwältin
aus Deutschland, ist seit 22 Jahren in Newport zu Hause.
“Mit 380.000 Dollar für ein Einfamilienhaus
liegen wir im Neuengland-Vergleich im Mittelfeld.“
Dass die Preise weiter anziehen werden, dafür sorgen
auch beständig steigende Touristenzahlen. Denn
viele, die vielleicht nur wegen des berühmten Jazz-Festivals
oder der “Tennis Hall of Fame“ gekommen
sind, gefällt es so gut in der “Segelhauptstadt
der Welt“, dass sie am liebsten sofort ein Haus
kaufen würden.
New England ist groß. Auch wenn nur einige Orte
exemplarisch für den Gesamtmarkt herhalten konnten,
eines lässt sich abschließend sagen. Immobilien
boomen. Und anders als an den internationalen Wertpapierbörsen
ist noch lange kein Ende in Sicht. Boston und Umgebung
sollte in jedem Fall einmal Teil der Urlaubsplanung
werden. Vielleicht wird ja mehr daraus. Vielleicht schon
nächstes Jahr? Dann nährt sich auch langsam
“Big Dig“seiner Vollendung - Ende 2004 werden
die tapferen Bostoner dem lähmenden Verkehrsinfarkt
den finalen Bypass legen.
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