mit fotos
mit fotos
Ausverkauf im Dot-Com Land? (Bellevue 6/2001)
Katerstimmung in den Chefetagen der New Economy, Krise auf den Neuen Märkten. Was bedeutet das für den Häusermarkt in Silicon Valley?
mit fotos
 

"The times they are a-changing" - wie die Zeiten sich ändern! Eine Binsenweisheit, lange bevor Bob Dylans Lied in den späten 60er zum Ohrwurm vom Anti-Establishment wurde. Epizentrum dieser Bewegung war übrigens Haights-Ashbury, ein Stadtteil San Franciscos, eine gute Autostunde entfernt von dem, was heute als Silicon Valley weltbekannt ist. Doch im "Valley" standen damals noch Obstbäume und "Silicon" dürfte den wenigsten ein Begriff gewesen sein.

Was ist Silicon Valley? Auf jeden Fall - anders als es der Name vermuten läßt - kein Tal. Jedenfalls nicht streng geographisch, obwohl im Süden mit den Santa-Cruz-Mountains und im Nordosten mit den Diablo Ranges jeweils zwei Bergketten die knapp 800 Quadratkilometer große Fläche eingrenzen. Auch ist man sich uneinig, was nun zum Valley dazugehören soll und was nicht. Nur das Gebiet um Santa Clara? Oder doch die ganze Region von San José bis San Francisco? Manche meinen gar die ganze Bay Area.
In jedem Fall Teil des "Siliziumtals" sind so exklusive Wohngegenden wie Palo Alto (Sitz der Stanford Universität, der Inkubator der modernen High-Tech Industrie in der Region), San Mateo, Menlo Park, das exklusive Atherton und eine Reihe anderer kleiner Kommunen.

Während der Wind der Veränderung in vielen amerikanischen Wirtschaftsregionen oft nur als Hauch zu spüren ist, bläst er im "Tal" mit Verve. - in den letzten zwei Jahren mit Orkanstärke. Aus allen Richtungen. Ist es wirklich erst ein Jahr her, als der NASDAQ und andere Indizes auf einen immer neuen Zenit zueilten? Im Gleichschritt mit neuen Indexhochständen galoppierten die Preise für Immobilen in schwindelerregende Höhen. Carole Rodoni von der renommierten Maklerfirma Alain Pinel gerät angesichts jüngster Statistiken selbst ins Staunen. "Von März 1999 bis November 2000 sind die Preise in manchen Wohnlagen um bis zu 80% gestiegen". Und das in einer Gegend, die auch vorher schon die teuerste Amerikas war. Anfang letzten Jahres mußte in der Bay Area für ein durchschnittliches Haus (3 Zimmer, 2 Bäder) gute $360.000 hingelegt werden. Nicht billig, vergleicht man es mit dem nächst teuren Markt Honolulu ($285.000). Ein echtes Schnäppchen hingegen, wenn man sich genauer im Valley umsieht. In Palo Alto gingen die Häuser durchschnittlich mit $685.000, in Los Altos dagegen erst um die $1 Million weg. Und das sind dann auch "nur" Anwesen, die beispielsweise in Austin, Texas, ein Drittel davon kosten würden.

Wer oder was ist für diese Kapriolen verantwortlich? Es sind hauptsächlich zwei Faktoren: Dot und Com. Und ein ohnehin knappes Angebot an Wohnraum. Im Valley wohnen ungefähr 2 Millionen Menschen, es arbeiten dort 3000 Immobilienmakler, die beispielsweise im Februar 2000 gerade einmal 613 Häuser zu verkaufen hatten. Sellers Market! Um jedes dieser Häuser stritten sich Gruppen von 25 - 30jährigen, die Dank Aktienoptionen über Nacht zu Millionären mutierten. Geld, das mit vollen Händen ausgeben werden wollte. "Verkäufe glichen Auktionen, ein Fünftel aller Häuser wurde weit über dem "asking price", der Verhandlungsbasis, verkauft, über 60% aller Immobilienabschlüsse waren "as is"", erinnert sich Rodoni. "As is", d.h. wie besehen! Es sickert durch das halbe Dach, die Sanitäranlagen befinden sich in kompletter Auflösung - macht nichts, es wurde gezahlt, meistens per Scheck oder sogar Cash, das "Closing" nach nur 10 Tagen. Sogar bis in das auch heute noch grün-alternativ angehauchte Haights-Ashbury drangen die Dot-Comiker (oder Dot-Commies) vor, trieben die Mieten in horrende Höhen (Einzimmerwohnungen zu $2.000 pro Monat erfreuten sich in manchen Stadtteilen reger Nachfrage) und sorgten für Unbill für die finanziell nicht auf Rosen gebetteten Stadtviertelbewohner.

Und heute? Nur ein Jahr später, ein Ruch von Rezession macht sich auch im Valley breit. Die Aktienmärkte sind eingeknickt. Der überhitzte Immobilienmarkt kühlt ab. Buyers Market! Allerdings auf immer noch hohem Niveau. Denn das Angebot hat sich nur langsam erhöht, allerdings ist man heute nicht mehr bereit, jeden Preis zu bezahlen. Gut, jemand wie Oracle-Chef Ellison oder Apple-Mann Steve Jobs, die können sich nach wie vor High-End erlauben. Ein Segment mit bereits echten Sonderposten - eine Villa in Atherton wurde schon im Juni 2000 auf den Markt geworfen. Für knappe $17 mio. Heute ist sie schon für schmale $8 mio zu haben - und findet immer noch keinen Käufer.

"Die Preise werden noch weiter fallen, aber es besteht kein Grund zur Panik. Auch nicht für Käufer, die im letzten Jahr vielleicht über Wert zugreifen mussten oder wollten", so Maklerin Petra Grueden, die seit 16 Jahren den Markt beobachtet. Sie betreut auch einige deutsche Klienten, meistens Topmanager von alt eingesessenen Techfirmen wie Cisco, Sun oder Applied Materials. Viele Deutsche, die es ins Tal drängt, kommen mit befristeten Arbeitsverträgen und suchen etwas zur Miete. Direkte Anfragen aus Deutschland hingegen sind selten, Dollarkurs und das ohnehin hohe Preisniveau schrecken ab. Wie sich der Markt nun weiter entwickelt? "Das hängt stark von den Börsen ab, für viele junge Käufer gilt: Verfallen deren Aktienoptionen, geraten sie vielleicht mit ihren Hypothekenzahlungen in Rückstand und sehen sich gezwungen, zu verkaufen", erklärt Sabine Dillon von Coldwell Banker. Sollte die Dot.Com Krise tatsächlich "beruhigend" auf den Immobilienmarkt einwirken, dann wird sich ein Herr besonders freuen - der Bürgermeister von San Carlos. Er verließ im letzten Jahr die eigene Gemeinde, weil er sich sein Haus nicht mehr leisten konnte. Oder wollte. Vielleicht kommt er ja zurück.

Genauso wie sich die alten und neuen Talbewohner mit der New Economy und ihren Folgen haben arrangieren müssen, hat Bob Dylan seinen Frieden mit dem Establishment gemacht. Vor zwei Jahren spielte der (ehemalige) Protestbarde anläßlich des 30 jährigen Firmenjubiläums des Halbleiterproduzenten Applied Materials für dessen Belegschaft. Und kassierte eine coole Million Dollar. Dieses Jahr gewann er den Oscar für den besten Song. Titel: "Things have changed".