"The times they are a-changing"
- wie die Zeiten sich ändern! Eine Binsenweisheit,
lange bevor Bob Dylans Lied in den späten 60er
zum Ohrwurm vom Anti-Establishment wurde. Epizentrum
dieser Bewegung war übrigens Haights-Ashbury, ein
Stadtteil San Franciscos, eine gute Autostunde entfernt
von dem, was heute als Silicon Valley weltbekannt ist.
Doch im "Valley" standen damals noch Obstbäume
und "Silicon" dürfte den wenigsten ein
Begriff gewesen sein.
Was ist Silicon Valley? Auf jeden Fall - anders als
es der Name vermuten läßt - kein Tal. Jedenfalls
nicht streng geographisch, obwohl im Süden mit
den Santa-Cruz-Mountains und im Nordosten mit den Diablo
Ranges jeweils zwei Bergketten die knapp 800 Quadratkilometer
große Fläche eingrenzen. Auch ist man sich
uneinig, was nun zum Valley dazugehören soll und
was nicht. Nur das Gebiet um Santa Clara? Oder doch
die ganze Region von San José bis San Francisco?
Manche meinen gar die ganze Bay Area.
In jedem Fall Teil des "Siliziumtals" sind
so exklusive Wohngegenden wie Palo Alto (Sitz der Stanford
Universität, der Inkubator der modernen High-Tech
Industrie in der Region), San Mateo, Menlo Park, das
exklusive Atherton und eine Reihe anderer kleiner Kommunen.
Während der Wind der Veränderung in vielen
amerikanischen Wirtschaftsregionen oft nur als Hauch
zu spüren ist, bläst er im "Tal"
mit Verve. - in den letzten zwei Jahren mit Orkanstärke.
Aus allen Richtungen. Ist es wirklich erst ein Jahr
her, als der NASDAQ und andere Indizes auf einen immer
neuen Zenit zueilten? Im Gleichschritt mit neuen Indexhochständen
galoppierten die Preise für Immobilen in schwindelerregende
Höhen. Carole Rodoni von der renommierten Maklerfirma
Alain Pinel gerät angesichts jüngster Statistiken
selbst ins Staunen. "Von März 1999 bis November
2000 sind die Preise in manchen Wohnlagen um bis zu
80% gestiegen". Und das in einer Gegend, die auch
vorher schon die teuerste Amerikas war. Anfang letzten
Jahres mußte in der Bay Area für ein durchschnittliches
Haus (3 Zimmer, 2 Bäder) gute $360.000 hingelegt
werden. Nicht billig, vergleicht man es mit dem nächst
teuren Markt Honolulu ($285.000). Ein echtes Schnäppchen
hingegen, wenn man sich genauer im Valley umsieht. In
Palo Alto gingen die Häuser durchschnittlich mit
$685.000, in Los Altos dagegen erst um die $1 Million
weg. Und das sind dann auch "nur" Anwesen,
die beispielsweise in Austin, Texas, ein Drittel davon
kosten würden.
Wer oder was ist für diese Kapriolen verantwortlich?
Es sind hauptsächlich zwei Faktoren: Dot und Com.
Und ein ohnehin knappes Angebot an Wohnraum. Im Valley
wohnen ungefähr 2 Millionen Menschen, es arbeiten
dort 3000 Immobilienmakler, die beispielsweise im Februar
2000 gerade einmal 613 Häuser zu verkaufen hatten.
Sellers Market! Um jedes dieser Häuser stritten
sich Gruppen von 25 - 30jährigen, die Dank Aktienoptionen
über Nacht zu Millionären mutierten. Geld,
das mit vollen Händen ausgeben werden wollte. "Verkäufe
glichen Auktionen, ein Fünftel aller Häuser
wurde weit über dem "asking price", der
Verhandlungsbasis, verkauft, über 60% aller Immobilienabschlüsse
waren "as is"", erinnert sich Rodoni.
"As is", d.h. wie besehen! Es sickert durch
das halbe Dach, die Sanitäranlagen befinden sich
in kompletter Auflösung - macht nichts, es wurde
gezahlt, meistens per Scheck oder sogar Cash, das "Closing"
nach nur 10 Tagen. Sogar bis in das auch heute noch
grün-alternativ angehauchte Haights-Ashbury drangen
die Dot-Comiker (oder Dot-Commies) vor, trieben die
Mieten in horrende Höhen (Einzimmerwohnungen zu
$2.000 pro Monat erfreuten sich in manchen Stadtteilen
reger Nachfrage) und sorgten für Unbill für
die finanziell nicht auf Rosen gebetteten Stadtviertelbewohner.
Und heute? Nur ein Jahr später, ein Ruch von Rezession
macht sich auch im Valley breit. Die Aktienmärkte
sind eingeknickt. Der überhitzte Immobilienmarkt
kühlt ab. Buyers Market! Allerdings auf immer noch
hohem Niveau. Denn das Angebot hat sich nur langsam
erhöht, allerdings ist man heute nicht mehr bereit,
jeden Preis zu bezahlen. Gut, jemand wie Oracle-Chef
Ellison oder Apple-Mann Steve Jobs, die können
sich nach wie vor High-End erlauben. Ein Segment mit
bereits echten Sonderposten - eine Villa in Atherton
wurde schon im Juni 2000 auf den Markt geworfen. Für
knappe $17 mio. Heute ist sie schon für schmale
$8 mio zu haben - und findet immer noch keinen Käufer.
"Die Preise werden noch weiter fallen, aber es
besteht kein Grund zur Panik. Auch nicht für Käufer,
die im letzten Jahr vielleicht über Wert zugreifen
mussten oder wollten", so Maklerin Petra Grueden,
die seit 16 Jahren den Markt beobachtet. Sie betreut
auch einige deutsche Klienten, meistens Topmanager von
alt eingesessenen Techfirmen wie Cisco, Sun oder Applied
Materials. Viele Deutsche, die es ins Tal drängt,
kommen mit befristeten Arbeitsverträgen und suchen
etwas zur Miete. Direkte Anfragen aus Deutschland hingegen
sind selten, Dollarkurs und das ohnehin hohe Preisniveau
schrecken ab. Wie sich der Markt nun weiter entwickelt?
"Das hängt stark von den Börsen ab, für
viele junge Käufer gilt: Verfallen deren Aktienoptionen,
geraten sie vielleicht mit ihren Hypothekenzahlungen
in Rückstand und sehen sich gezwungen, zu verkaufen",
erklärt Sabine Dillon von Coldwell Banker. Sollte
die Dot.Com Krise tatsächlich "beruhigend"
auf den Immobilienmarkt einwirken, dann wird sich ein
Herr besonders freuen - der Bürgermeister von San
Carlos. Er verließ im letzten Jahr die eigene
Gemeinde, weil er sich sein Haus nicht mehr leisten
konnte. Oder wollte. Vielleicht kommt er ja zurück.
Genauso wie sich die alten und neuen Talbewohner mit
der New Economy und ihren Folgen haben arrangieren müssen,
hat Bob Dylan seinen Frieden mit dem Establishment gemacht.
Vor zwei Jahren spielte der (ehemalige) Protestbarde
anläßlich des 30 jährigen Firmenjubiläums
des Halbleiterproduzenten Applied Materials für
dessen Belegschaft. Und kassierte eine coole Million
Dollar. Dieses Jahr gewann er den Oscar für den
besten Song. Titel: "Things have changed".
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