Der Auftritt? Durchaus
eines Film-Stars würdig. Er war kurz,
allerdings nicht unbedingt schmerzlos. Tommy Lee
Jones, ausgewiesener Polo-Aficionado und passionierter
Reiter, kam, sah, stieg aufs Pferd und ... wieder
ab. Nach nur wenigen Minuten war sein Auftritt ...
Ausritt wieder beendet, der Mann verschwand eilig
in der Ambulanz. Danach zeigte er sich noch kurz
auf dem, auch zu seinen Ehren ausgerichteten, Fest,
anschließend verschwand er endgültig nach
Haus. Wie es sich für einen der ganz Großen
aus Hollywood gehört, hat er davon mehrere – eines
davon praktischerweise Luftlinie 15o Meter entfernt
von der grünen Spielwiese. In der Polo Ranch
Santa Maria. Die liegt in Lobos, Argentiniens Polo
Kapitale, hier hat der Sport seine exklusiven Wurzeln.
Und hier, eine gute Autostunde außerhalb der
hektischen Metropole Buenos Aires, befindet er sich
in guter Gesellschaft, ein englischer Lord zählt
ebenso zu den Nachbarn, wie ein arabischer Scheich.
„Vor sechs Jahren bin ich zum ersten Mal nach Argentinien
gekommen,“ erinnert sich der Mime begeistert, „auf
der Suche nach Polo-Pferden. Natürlich kam ich nach
Lobos, ich traf die Brüder Caset, die mir von ihrer
Polo Ranch Idee erzählten. Da wollte ich unbedingt
dabei sein.“ Die Idee, von der Jones spricht, sie
war ebenso einfach wie genial. Man nehme 200 Hektar feinstes
(und flaches!) Land – dass ein neun Quadratkilometer
großes, lagunenartiges Biotop noch dabei ist, stört
in keiner Weise – und baue einen Traum. Ein Traum
aus 5 Polofeldern, einer Poloschule, spatiösen Stallungen,
einer kleinen, aber sehr exklusiven Hotel & Spa Anlage,
Tennis- und Golfplatz und einem honorig anmutenden Clubhaus
mit viel (künstlicher) Patina und Polo Paraphernalia.
Man parzelliere Grund und Boden in drei Zeitabschnitten
und biete ihn zum Verkauf an. In den ersten beiden Phasen
gingen über 150 Grundstücke in den Verkauf,
die durchschnittliche Größe betrug 1.5 Hektar
(zwischen 1.1 und 1.7), also vergleichsweise riesige
Areale, und der Preis pro Hektar lag bei genau 100.000
U.S. Dollar – also 10 Dollar pro Quadratmeter.
Wo bekommt man noch so viel Land für so wenig Geld?
In Europa wohl kaum ... . Das Filetstück des Projekts
hat sich übrigens Mr. Jones geangelt, er erwarb
die alte Estancia der Caset-Brüder, ein auf den
ersten Blick eher schmucklos wirkendes Anwesen, aber
eingelassen in einer dichten Baumoase, die für die
nötige Abgeschiedenheit sorgt.
Der Traum ist also wahr geworden? Legt man die Verkaufszahlen
zu Grunde, sicherlich. Bis auf wenige Areale ist alles
verkauft. Zu über 75% übrigens an Ausländer.
Eine dritte Phase ist bereits eingeläutet, ab Mitte
2007 wird neu erschlossen, die neuen „Lots“ ähneln
den alten bis auf die Grasnarbe. Einziger Unterschied:
Der Preis, er hat sich verdoppelt, der Quadratmeter kostet
nun 20 Dollar. Ansonsten aber gilt etwas, was für
viele potentiellen Argentinien-Investor manchmal zum
Roten Tuch wird. Nicht nur die räumlichen Horizonte
in diesem riesigen (und zu einem großen Teil noch
sehr unerschlossenen) Land sind endlos, sondern auch
die zeitlichen. Wer heute die Anlage besucht sieht in
erster Linie eines: Potential. Die Polofelder sind angelegt,
das Clubhaus steht, drei gewaltige Privathäuer sind
im Bau begriffen und ... still ruht der See. Ansonsten
ist das private Bauvorhaben eher gering, viele Baupläne
sind zwar eingereicht und auch schon abgesegnet, Projektmanager
Rafael Coelho rechnet einstweilen mit 70 Häuser,
die in nächster Zeit hochgehen sollen – echten
Bauzwang hingegen gibt es nicht. Dafür erfolgt aber
der Spatenstich für das Hotel in jedem Fall innerhalb
der nächsten sechs Monate, mit einer Fertigstellung
ist Mitte 2008 zu rechnen. Unbeirrt von der für
den westlichen Betrachter eher schleppenden Bautätigkeit
fabuliert Señor Coelho schon von Poloreisen und
Abkommen mit internationalen Reiseveranstaltern. Sein
Plädoyer schließt mit den Worten: „Wir
haben sehr hohe Erwartungen.“
Er ist längst nicht der einzige, der mit hohen Erwartungen
aus Richtung Argentinien blickt. Oder nach Argentinien
hinein. Seit der großen Krise 2001 rotiert die
Gaucho-Nation ökonomisch auf Hochtouren, angeheizt
durch bald zweistelliges Wirtschaftswachstum hat der
Rest der Welt das Land wieder auf dem Investitionsradar
entdeckt, zwei Dinge haben den Staat fest im Griff: Die
Regentschaft von Präsident Kirchner und der Baukran.
Letzterer wirkt nicht ganz so aufdringlich wie in den
Metropolen Shanghai, Dubai oder Miami, in Buenos Aires
operiert er mehr im Verborgenen. Dafür aber fast
an jeder Straßenecke. Weil Denkmalschutz hier ein
Fremdwort ist, reißt der Argentinier mit Wonne
edle, erhaltenswerte Bausubstanz ab und zieht ein Wohnsilo
hoch – inzwischen sind die Quadratmeterpreise für
neuen Wohnraum auf über 1000 Dollar pro Quadratmeter
angeschwollen, in besseren Lagen kosten sie auch das
Doppelte. Und der Boom scheint derzeit keine Grenzen
zu kennen.
Doch weil hier weder mit viel Charme noch mit Finesse
gebaut wird, lohnt sich eben immer wieder der Blick über
die Stadtgrenzen hinaus. Zum Beispiel nach Mendoza, der
Weinkapitale des Landes. Parallel zum Polo-Projekt entwickelt
die Fiducia Group hier ein Konzept, in deren Mittelpunkt
das populärste Produkt der Region steht: Vino.
In Santa Maria de los Andes dreht sich alles um Rebensaft.
Malerisch gelegen zu Fuße der Kordilleren
in Luyan de Cuyo, der Ort, bei dem (argentinische) Wein-Connaisseure
ins Schwärmen geraten, liegen doch hier so berühmte
Bodegen wie Catena Zapata, Nieto Senetiner oder Pulenta
Estate. Und mittendrin soll jetzt etwas entstehen, was
weltweit wohl derzeit seinesgleichen sucht: Das Grundstück
inklusive eigenem Weinanbau. Genauer: Neben einem Lot – durchschnittlich
um die 5 Hektar groß – erwirbt der Käufer
die Reben, deren Anpflanzung und Lese, die Expertise
eines Önologenteams und Zugang zu der gemeinschaftlichen
Bodega. Für eine zusätzliche Gebühr wird
dort der Wein auf Flaschen gezogen und mit einem persönlichen
Etikett versehen. Natürlich kann er auch nur als
Trauben weiterverkauft werden. Die Idee schien zu zünden,
die ersten 30 Hektar, auf denen schon Reben gepflanzt
waren, gingen schneller weg, als die berühmten,
warmen Semmeln. Lag es an dem konkurrenzlos günstigen
Preis? 70.000 Dollar kostete der Hektar, dafür würde
man wahrscheinlich im berühmten Napa-Valley nicht
einmal einen Acre bekommen. Projekt-Koordinator Lucas
Abihaggle taxiert angesichts der florierenden Nachfrage – vor
wenigen Wochen griffen israelische Öl-Trader zu
und kauften gleich 18 Hektar auf einmal – den Wert
der Weingrundstücke nach oben. Für das kommende
Jahr sollen bis zu 200 Hektar neu erschlossen und bepflanzt
werden, der Preis orientiert sich dann auch ein wenig
daran, wie weit der Wein auf den einzelnen Parzellen
schon gediehen ist. Dass den Machern hingegen das Land
ausgehen wird, ist eher unwahrscheinlich, insgesamt ruht
das Projekt auf guten 1000 Hektar. Die allerdings zu
einem großen Teil auch gemeinschaftlich genutzt
werden soll. Neben der kollektiven Bodega, sind bereits
Pläne für eine Hotel & Spa Anlage spruchreif,
an einem historisch authentischem Dorf mit Kopfsteinpflaster,
kleiner Kapelle und Park wird ebenfalls gearbeitet – zweifellos
eine Konzession an die Stadt Mendoza, die sich sonst
mit dem Straßenbau eher vornehm zurückgehalten
hätte. Dank der einmaligen Lage an der Ruta
del Vino nimmt man eben auch einen Strom gut situierter
Touristen billigend in Kauf.
Auch der tiefe Süden bleibt nicht unentdeckt. Eingebettet
im majestätischen Andenmassiv liegt ein Ort, dessen
berühmtesten Momente schon ein gutes Jahrhundert
zurückliegen: Die berühmten Outlaws Butch Cassidy
und Sundance Kid fanden anno 1904 Gefallen an Cholila,
einige Autostunden südlich von Bariloche. Jetzt
will der pittoreske Flecken erneut Schlagzeilen machen. El
Paraiso del Cholila ist der Arbeitstitel eines groß angelegten
Bauprojekts, vier Hektar große Seegrundstücke
inklusive Haus nach Wahl für eine Million Dollar.
Doch noch verhält es sich mit konkreten Zahlen und
Plänen ähnlich, wie mit den Polokünsten
von Tommy Lee Jones: Instabil. Ein Auge drauf zu behalten
lohnt sich trotzdem, in Argentinien passiert derzeit
viel.
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