Argentinien"Brot und Spiele"(Bellevue 02/07)
In Argentinien denkt man bei der Immobilienvermarktung weiter. Bestimmte Projekte machen sich bestimmte Themen zu eigen – in Lobos ist es das Polospiel, in der Nähe Mendozas der Anbau hochwertiger Weinsorten.
mit fotos
mit fotos
mit fotos
mit fotos
mit fotos
mit fotos
mit fotos
 

 Der Auftritt? Durchaus eines Film-Stars würdig. Er war kurz, allerdings nicht unbedingt schmerzlos. Tommy Lee Jones, ausgewiesener Polo-Aficionado und passionierter Reiter, kam, sah, stieg aufs Pferd und ... wieder ab. Nach nur wenigen Minuten war sein Auftritt ... Ausritt wieder beendet, der Mann verschwand eilig in der Ambulanz. Danach zeigte er sich noch kurz auf dem, auch zu seinen Ehren ausgerichteten, Fest, anschließend verschwand er endgültig nach Haus. Wie es sich für einen der ganz Großen aus Hollywood gehört, hat er davon mehrere – eines davon praktischerweise Luftlinie 15o Meter entfernt von der grünen Spielwiese. In der Polo Ranch Santa Maria. Die liegt in Lobos, Argentiniens Polo Kapitale, hier hat der Sport seine exklusiven Wurzeln. Und hier, eine gute Autostunde außerhalb der hektischen Metropole Buenos Aires, befindet er sich in guter Gesellschaft, ein englischer Lord zählt ebenso zu den Nachbarn, wie ein arabischer Scheich.
 
„Vor sechs Jahren bin ich zum ersten Mal nach Argentinien gekommen,“ erinnert sich der Mime begeistert, „auf der Suche nach Polo-Pferden. Natürlich kam ich nach Lobos, ich traf die Brüder Caset, die mir von ihrer Polo Ranch Idee erzählten. Da wollte ich unbedingt dabei sein.“ Die Idee, von der Jones spricht, sie war ebenso einfach wie genial. Man nehme 200 Hektar feinstes (und flaches!) Land – dass ein neun Quadratkilometer großes, lagunenartiges Biotop noch dabei ist, stört in keiner Weise – und baue einen Traum. Ein Traum aus 5 Polofeldern, einer Poloschule, spatiösen Stallungen, einer kleinen, aber sehr exklusiven Hotel & Spa Anlage, Tennis- und Golfplatz und einem honorig anmutenden Clubhaus mit viel (künstlicher) Patina und Polo Paraphernalia. Man parzelliere Grund und Boden in drei Zeitabschnitten und biete ihn zum Verkauf an. In den ersten beiden Phasen gingen über 150 Grundstücke in den Verkauf, die durchschnittliche Größe betrug 1.5 Hektar (zwischen 1.1 und 1.7), also vergleichsweise riesige Areale, und der Preis pro Hektar lag bei genau 100.000 U.S. Dollar – also 10 Dollar pro Quadratmeter. Wo bekommt man noch so viel Land für so wenig Geld? In Europa wohl kaum ... . Das Filetstück des Projekts hat sich übrigens Mr. Jones geangelt, er erwarb die alte Estancia der Caset-Brüder, ein auf den ersten Blick eher schmucklos wirkendes Anwesen, aber eingelassen in einer dichten Baumoase, die für die nötige Abgeschiedenheit sorgt.

Der Traum ist also wahr geworden? Legt man die Verkaufszahlen zu Grunde, sicherlich. Bis auf wenige Areale ist alles verkauft. Zu über 75% übrigens an Ausländer. Eine dritte Phase ist bereits eingeläutet, ab Mitte 2007 wird neu erschlossen, die neuen „Lots“ ähneln den alten bis auf die Grasnarbe. Einziger Unterschied: Der Preis, er hat sich verdoppelt, der Quadratmeter kostet nun 20 Dollar. Ansonsten aber gilt etwas, was für viele potentiellen Argentinien-Investor manchmal zum Roten Tuch wird. Nicht nur die räumlichen Horizonte in diesem riesigen (und zu einem großen Teil noch sehr unerschlossenen) Land sind endlos, sondern auch die zeitlichen. Wer heute die Anlage besucht sieht in erster Linie eines: Potential. Die Polofelder sind angelegt, das Clubhaus steht, drei gewaltige Privathäuer sind im Bau begriffen und ... still ruht der See. Ansonsten ist das private Bauvorhaben eher gering, viele Baupläne sind zwar eingereicht und auch schon abgesegnet, Projektmanager Rafael Coelho rechnet einstweilen mit 70 Häuser, die in nächster Zeit hochgehen sollen – echten Bauzwang hingegen gibt es nicht. Dafür erfolgt aber der Spatenstich für das Hotel in jedem Fall innerhalb der nächsten sechs Monate, mit einer Fertigstellung ist Mitte 2008 zu rechnen. Unbeirrt von der für den westlichen Betrachter eher schleppenden Bautätigkeit fabuliert Señor Coelho schon von Poloreisen und Abkommen mit internationalen Reiseveranstaltern. Sein Plädoyer schließt mit den Worten: „Wir haben sehr hohe Erwartungen.“
 
Er ist längst nicht der einzige, der mit hohen Erwartungen aus Richtung Argentinien blickt. Oder nach Argentinien hinein. Seit der großen Krise 2001 rotiert die Gaucho-Nation ökonomisch auf Hochtouren, angeheizt durch bald zweistelliges Wirtschaftswachstum hat der Rest der Welt das Land wieder auf dem Investitionsradar entdeckt, zwei Dinge haben den Staat fest im Griff: Die Regentschaft von Präsident Kirchner und der Baukran. Letzterer wirkt nicht ganz so aufdringlich wie in den Metropolen Shanghai, Dubai oder Miami, in Buenos Aires operiert er mehr im Verborgenen. Dafür aber fast an jeder Straßenecke. Weil Denkmalschutz hier ein Fremdwort ist, reißt der Argentinier mit Wonne edle, erhaltenswerte Bausubstanz ab und zieht ein Wohnsilo hoch – inzwischen sind die Quadratmeterpreise für neuen Wohnraum auf über 1000 Dollar pro Quadratmeter angeschwollen, in besseren Lagen kosten sie auch das Doppelte. Und der Boom scheint derzeit keine Grenzen zu kennen.
 
Doch weil hier weder mit viel Charme noch mit Finesse gebaut wird, lohnt sich eben immer wieder der Blick über die Stadtgrenzen hinaus. Zum Beispiel nach Mendoza, der Weinkapitale des Landes. Parallel zum Polo-Projekt entwickelt die Fiducia Group hier ein Konzept, in deren Mittelpunkt das populärste Produkt der Region steht: Vino. In Santa Maria de los Andes dreht sich alles um Rebensaft. Malerisch gelegen zu Fuße der  Kordilleren in Luyan de Cuyo, der Ort, bei dem (argentinische) Wein-Connaisseure ins Schwärmen geraten, liegen doch hier so berühmte Bodegen wie Catena Zapata, Nieto Senetiner oder Pulenta Estate. Und mittendrin soll jetzt etwas entstehen, was weltweit wohl derzeit seinesgleichen sucht: Das Grundstück inklusive eigenem Weinanbau. Genauer: Neben einem Lot – durchschnittlich um die 5 Hektar groß – erwirbt der Käufer die Reben, deren Anpflanzung und Lese, die Expertise eines Önologenteams und Zugang zu der gemeinschaftlichen Bodega. Für eine zusätzliche Gebühr wird dort der Wein auf Flaschen gezogen und mit einem persönlichen Etikett versehen. Natürlich kann er auch nur als Trauben weiterverkauft werden. Die Idee schien zu zünden, die ersten 30 Hektar, auf denen schon Reben gepflanzt waren, gingen schneller weg, als die berühmten, warmen Semmeln. Lag es an dem konkurrenzlos günstigen Preis? 70.000 Dollar kostete der Hektar, dafür würde man wahrscheinlich im berühmten Napa-Valley nicht einmal einen Acre bekommen. Projekt-Koordinator Lucas Abihaggle taxiert angesichts der florierenden Nachfrage – vor wenigen Wochen griffen israelische Öl-Trader zu und kauften gleich 18 Hektar auf einmal – den Wert der Weingrundstücke nach oben. Für das kommende Jahr sollen bis zu 200 Hektar neu erschlossen und bepflanzt werden, der Preis orientiert sich dann auch ein wenig daran, wie weit der Wein auf den einzelnen Parzellen schon gediehen ist. Dass den Machern hingegen das Land ausgehen wird, ist eher unwahrscheinlich, insgesamt ruht das Projekt auf guten 1000 Hektar. Die allerdings zu einem großen Teil auch gemeinschaftlich genutzt werden soll. Neben der kollektiven Bodega, sind bereits Pläne für eine Hotel & Spa Anlage spruchreif, an einem historisch authentischem Dorf mit Kopfsteinpflaster, kleiner Kapelle und Park wird ebenfalls gearbeitet – zweifellos eine Konzession an die Stadt Mendoza, die sich sonst mit dem Straßenbau eher vornehm zurückgehalten hätte. Dank der einmaligen Lage an der Ruta del Vino nimmt man eben auch einen Strom gut situierter Touristen billigend in Kauf.
 
Auch der tiefe Süden bleibt nicht unentdeckt. Eingebettet im majestätischen Andenmassiv liegt ein Ort, dessen berühmtesten Momente schon ein gutes Jahrhundert zurückliegen: Die berühmten Outlaws Butch Cassidy und Sundance Kid fanden anno 1904 Gefallen an Cholila, einige Autostunden südlich von Bariloche. Jetzt will der pittoreske Flecken erneut Schlagzeilen machen. El Paraiso del Cholila ist der Arbeitstitel eines groß angelegten Bauprojekts, vier Hektar große Seegrundstücke inklusive Haus nach Wahl für eine Million Dollar. Doch noch verhält es sich mit konkreten Zahlen und Plänen ähnlich, wie mit den Polokünsten von Tommy Lee Jones: Instabil. Ein Auge drauf zu behalten lohnt sich trotzdem, in Argentinien passiert derzeit viel.