mit fotos
mit fotos mit fotos mit fotos mit fotos mit fotos
"Abrechnung mit meinem eigenen Leben" Wolfgang Joop (GALA 7/2003)
Wolfgang Joop nimmt Abschied von New York und kommt zurück nach Deutschland. Mit seinem ersten Roman – eine Art Autobiografie - überrascht er nicht nur die Modewelt.
mit fotos
 

Der Blick ist grandios, er reicht über die angrenzenden Häuserdächer direkt zum Hudson River, der träge vor dem Häusergebirge Manhattans vorbeizieht. Der Blick, den Wolfgang Joop dem Panorama von seiner Dachterrasse in der New Yorker West Side schenkt, schwankt irgendwo zwischen Wehmut und Aufbruch. Denn der 58-jährige Kosmopolit hat sich entschieden. “Back to the Roots.“ Nach jahrelangem Pendeln zwischen Deutschland, Amerika und Monaco kehrt der Modemacher zurück zu seinen Wurzeln. Im Gepäck eine neue Kollektion, eine neue Liebe und ein Wolf im Schafspelz. In Berlin-Mitte hat er sich mit seinem neuen Freund Valerie Nikolawa eine großzügige Altbauwohnung genommen. In Potsdam werkelt er mit seinem ehemaligen Lebensgefährten Edwin Lemberg an den letzten Schnitten zu einer ersten Haute Couture Kollektion aus dem Hause Wunderkind. So heißt seine neue Firma, von Joop! hat sich Joop unter unschönen Umständen endgültig verabschiedet. Soviel also zu Liebe und Mode, was aber macht der Wolf im Schafspelz? Ganz einfach – es ist der Titel seines Roman-Erstlings, der dieser Tage erscheint

F. Sie sind Maler, Illustrator, Modeschöpfer, Bildhauer ...

A: Parfumeur, Schauspieler ...

F. Warum jetzt noch ein Roman?

A: Es sollte gar kein Buch werden, schon gar kein Roman, ich wollte eigentlich nur eine kleine Weihnachtsgeschichte schreiben. Ähnlich wie “Das kleine Herz“, ein kleines Büchlein, das ich einmal zum Valentinstag geschrieben habe.

F: Wie entstand dann die Idee zu diesem Buch?

A: Durch etwas, das ich 1996 in New York erlebt hatte. Jemand kaufte mir einen Hund – gleich hier um die Ecke an der 2. Avenue und der 54. Strasse, wo wir auch fotografiert haben - und nahm ihn mir dann wieder weg. Den Hund habe ich dann, wie es auch im Buch steht, entführt. Und dabei fiel mir die Love-Story wieder ein. Mir ist damals Josh, diese seltsame Figur begegnet, die so ganz anders war, als ich es selbst bin. Oder war. Und genau in dieser völlig fremden, isolierten Person versuchte ich meine eigene Isolation zu erkennen und auch zu heilen. Was natürlich immer fehlschlägt...

F: Wie würden Sie selbst das Buch beschreiben?

A: Ich benutze immer das Wort “Autofiktion“, weil es eine Geschichte ist, die sowohl fiktive als auch autobiografische Züge hat. Es ist kein Tagebuch. Aber die Gefühlsebenen, die inneren Dialoge basieren natürlich auf Erfahrungen, die ich hatte.

F: Mit diesem Josh ...?

A: Nicht ausschließlich. Ich habe diese Begegnung mit ihm, der natürlich nicht Josh heißt, als Anlass genommen, um über dieses Phänomen von Distanz und Nähe zu sprechen. Zwei Menschen, die völlig unterschiedlich sind, glauben dennoch, dass sie sich auf einer bestimmten Ebene treffen können. Dazu gehört unheimlich viel Reife, die aber beide nicht hatten. Ein Problem, das viele kennen.

F: Zeigt das Buch den wahren Joop oder eher den Joop, der er zu der Zeit gern gewesen wäre?

A: Ich glaube, ich habe mich nicht versteckt in diesem Buch. Im Gegenteil, ich habe mich entblößt. Insofern ist es schon so etwas wie eine Abrechnung mit meinem eigenen Leben.

F: Das Buch räumt auch mit einigen Klischees auf, die die Öffentlichkeit von Ihnen hat, oder?

A: Ja, viele haben ja wohl geglaubt – und ich habe mich dagegen ja auch nicht gewehrt – dass ich einer der Hauptscherzartikel der Spaßgesellschaft wäre. Was ich aber wirklich nie gewesen bin. Denn meine ganze Geschichte ist eine sehr melancholische. Eine melancholische Erfolgsgeschichte, denn ich bin sicher, dass keine Künstlerbiografie ohne Melancholie und Tiefen auskommt. Aber diese Tiefen, die ich zum großen Teil gerne übersprungen hätte, haben mich zu dem gemacht, der ich bin.

F: Haben Sie sich betont zurückgehalten, was den Sex angeht?

A: Es wäre sehr leicht gewesen, da noch einen draufzusetzen. Aber das wollte ich nicht, es hätte abgelenkt, denn ich wollte weder einen Henry Miller Aufguss für die MTV Generation schreiben noch wollte ich Pret a Porte von Robert Altman nachgurken, der mir sowieso am Thema vorbeigegangen ist. Ich wollte auch keinen Bret Easton Ellis Dramarama-Shit machen, sondern ich wollte von dieser Verlorenheit und dieser hoffnungslosen Suche der Menschen sprechen, die eigentlich allerorts gleichzeitig stattfindet.

F: Sie sind ja aufgrund dessen, was Sie erlebt haben, die ideale Schnittstelle zwischen einer MTV Generation und älteren Jahrgängen?

A: So habe ich mich auch immer verstanden. Ich habe mich immer als Mittler zwischen den Kulturen, den Welten und den Gesellschaftsschichten gesehen. Denn ich war ja eigentlich immer selbst so ein Reisender ohne Heimat.

F: Hatten Sie beim Schreiben schon einen Leser vor Augen? Oder schreibt man zunächst einfach nur für sich selber?

A: Nein, ich hatte natürlich den Leser im Kopf, dem ähnliche Fragen unbeantwortet geblieben sind, wie mir eben selbst.

F: Mit dem zentralen Thema Liebe?

A: Was sonst? Ich mache ja schließlich kein Sachbuch über Kapitalanlagen. Und ich will ja auch nicht wie der Bohlen oder der Effenberg über Titten, Autos und andere Erfolge schreiben. Das sind doch reine Männerklischees. Ich wollte eine emotionale Ebene ansprechen, eine, die vor allem auch Frauen anspricht. Mit dieser Hauptfigur, Wolf, werden sich auch Frauen identifizieren, die von dem Schmerz des Älterwerdens, des Nichtgeliebtseins, des Verlassenseins, betroffen sind. Phänomene, die Frauen viel früher fühlen und begreifen, als Männer, die ja immer glauben, ihre Zeit läuft nie ab.

F: Das Buch ist phasenweise tiefgründiger als Dostojewski...

A: Danke, das nehme ich mal als Riesenkompliment

F: ... und ist dann wiederum bei den Dialogen kitschiger als ein Juliaroman.

A: Soll es ja auch sein! Denn das, was sich die Leute an Oberflächlichkeiten um die Ohren gehauen haben, musste so aufgeschrieben zu werden. Und es sollte ja auch im Kontrast zu den inneren melancholischen Monologen stehen. Das macht es auch so authentisch.

F: Womit lassen Sie am Schluss den Leser zurück? Als happy kann man das Ende doch wohl kaum bezeichnen.

A: Nein. Es ist kein Happy End. Es ist nur ein Lösungsvorschlag, der im Zweifelsfall für jeden gilt: GEH ZURÜCK. Das ist das Einzige, was einem eigentlich bleibt. Versuch nicht, ständig gegen den Strom zu schwimmen. Nimm die positiven Erinnerungen mit und geh zurück.

F: Sieben Jahre später. Sie kehren zurück. Nach Deutschland. Dazu fällt mir Heine ein. “Denk ich an Deutschland...

A: ... in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“

F: Was fällt Ihnen dazu ein?

A: Ich habe sicherlich nie mit Kritik am Vaterland gespart, denn den Vater, den man liebt, soll und darf man auch kritisieren. Doch bei allem was einem in Deutschland so auf die Nerven geht, ist es dennoch ein Paradies.

F: Eine Erkenntnis, die durch das Schreiben noch reifer wurde?

A: Ja, er, also Wolf, weiß lange auf die Frage, was denn Heimat sei, nichts zu antworten. Bis er dann durch Miami geht und es plötzlich erkennt. Heimat ist da, wo man mit dem Fahrrad in Sandwegen stecken bleibt, wo Frösche nach dem Regen über die Straße wandern, da wo im Wechsel der Gezeiten alle Fragen beantwortet werden. Und so empfinde ich es wirklich.

F: Sie gehen nach Berlin, wie geht es weiter?

A: Ich ENTDECKE Berlin. Ich bin zwar, das steht ja auch in meinem Buch, im Schatten dieser Großstadt aufgewachsen. Noch zur Zeit der Insel-Ghettosituation. Und jetzt erst entdecke ich dieses Berlin in seinem Aufbruch, seiner Veränderung und in seiner Frische. Während hier in New York alles immer irgendwie enger werden zu scheint und eine Art Lähmung ausgebrochen ist.

F: Und wie begegnet Ihnen Berlin, was bringen Ihnen die Menschen entgegen?

A: Unglaubliche Sympathie.

F: Aber Sie sind ja jemand der polarisiert, der auch in den Medien nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg hält.

A: Ich glaube, das mögen die Berliner besonders gern. Ich bin ja auch aus diesem Holz geschnitzt. So wie Marlene Dietrich, die einmal zu Peter Bogdanovich gesagt hat, auf die Frage, sind Sie stolz oder stört es Sie, dass Sie Deutsche sind. Da hat sie gesagt: “Das ist mir völlig gleichgültig, stolz bin ich auf meine Berliner Schnauze“ Das gilt auch für mich. Ich habe auch über die Welt der Mode, der Models, der Fotografen gesprochen, ohne sie zu denunzieren. Ich habe nur Ohrfeigen verteilt wie ja auch dem Wolf selber, der Hauptperson, der hat auch welche von mir bekommen, aber ich habe sie nicht denunziert. Und ich finde, das ist eben Berlin, Berlin verrät nicht. Es verteilt Ohrfeigen, aber es verrät nicht.

F: Sie haben aber für Ihre freimütigen Äußerungen auch immer wieder kräftig einstecken müssen.

A: Ich komme einfach aus dieser Generation, in der wir unseren Eltern vorgeworfen haben, das Maul nicht aufgemacht zu haben. Also mach ich es auf. Es ist meine eigene Hygiene. Meine Seelenhygiene, die Dinge beim Namen zu nennen. Da kann ich nur mit Madonna sagen “Express yourself.“ Ich habe mich angreifen lassen, ich habe mich denunzieren lassen. Ich war schon Stasi Mitarbeiter, ich war Drogendealer, was war ich nicht schon alles? Aber ich habe nie versucht provokant zu sein, weil ich den Versuch zu provozieren, schon lächerlich finde.

F: Ihr neuer Freund Valerie ist ebenfalls von New York nach Berlin gezogen. Wie geht er mit der Öffentlichkeit um?

A: Er will mit ihr nicht umgehen. Gar nicht!

F: Und die Situation für Ihren langjährigen Lebensgefährten Edwin?

A: Wir haben uns arrangiert. Ich hasse Abschiede, ich möchte mich auch nicht von jemandem verabschieden müssen, das Leben ist schon voller Abschiede genug, da muss man nicht noch selbst welche inszenieren. Gleichzeitig gibt es das Sprichwort “Nimm Abschied und genese.“ Viele meiner Freunde haben gesagt, also Wolfgang, Du bist so ein Soldat, du bist immer geradeaus, Du gehst immer auf die Dinge zu, wo doch dein Instinkt dir sagen müsste, lass es doch diesmal.

F: Ein Beispiel?

A: Na ja so was, wie eben mit Valerie. Jemand, der wieder völlig vereinsamt in New York gelebt hat, isoliert, der keinen sozialen Kontakt gesucht hat, weil er sich davon auch nichts versprochen hat. Wie Josh, die Romanfigur. Jemand der aus einer anderen Welt kommt, der traumatische Erlebnisse hatte. Mehr will ich dazu nicht sagen.

F: Im Buch stellt Wolf Josh des Öfteren die Frage “Bist du glücklich?“ Sind Sie es?

A: Kommt darauf an, wie man es definiert. Glück ist nicht Zufriedenheit. Glück ist eine launische Geliebte, die in Sekundenschnelle kommt und geht. Man muss es spüren, wenn diese Geliebte da ist. Ich glaube, ich habe das Talent, sie zu spüren. Und gerade ist sie da.