Der Blick ist grandios, er
reicht über die angrenzenden Häuserdächer
direkt zum Hudson River, der träge vor
dem Häusergebirge Manhattans vorbeizieht. Der Blick,
den Wolfgang Joop dem Panorama von seiner Dachterrasse
in der New Yorker West Side schenkt, schwankt irgendwo
zwischen Wehmut und Aufbruch. Denn der 58-jährige
Kosmopolit hat sich entschieden. “Back to the
Roots.“ Nach jahrelangem Pendeln zwischen Deutschland,
Amerika und Monaco kehrt der Modemacher zurück
zu seinen Wurzeln. Im Gepäck eine neue Kollektion,
eine neue Liebe und ein Wolf im Schafspelz. In Berlin-Mitte
hat er sich mit seinem neuen Freund Valerie Nikolawa
eine großzügige Altbauwohnung genommen. In
Potsdam werkelt er mit seinem ehemaligen Lebensgefährten
Edwin Lemberg an den letzten Schnitten zu einer ersten
Haute Couture Kollektion aus dem Hause Wunderkind. So
heißt seine neue Firma, von Joop! hat sich Joop
unter unschönen Umständen endgültig verabschiedet.
Soviel also zu Liebe und Mode, was aber macht der Wolf
im Schafspelz? Ganz einfach – es ist der Titel
seines Roman-Erstlings, der dieser Tage erscheint
F. Sie sind Maler, Illustrator, Modeschöpfer,
Bildhauer ...
A: Parfumeur, Schauspieler ...
F. Warum jetzt noch ein Roman?
A: Es sollte gar kein Buch werden,
schon gar kein Roman, ich wollte eigentlich nur eine
kleine Weihnachtsgeschichte schreiben. Ähnlich
wie “Das kleine Herz“, ein kleines Büchlein,
das ich einmal zum Valentinstag geschrieben habe.
F: Wie entstand dann die Idee zu diesem
Buch?
A: Durch etwas, das ich 1996 in New
York erlebt hatte. Jemand kaufte mir einen Hund –
gleich hier um die Ecke an der 2. Avenue und der 54.
Strasse, wo wir auch fotografiert haben - und nahm ihn
mir dann wieder weg. Den Hund habe ich dann, wie es
auch im Buch steht, entführt. Und dabei fiel mir
die Love-Story wieder ein. Mir ist damals Josh, diese
seltsame Figur begegnet, die so ganz anders war, als
ich es selbst bin. Oder war. Und genau in dieser völlig
fremden, isolierten Person versuchte ich meine eigene
Isolation zu erkennen und auch zu heilen. Was natürlich
immer fehlschlägt...
F: Wie würden Sie selbst das Buch
beschreiben?
A: Ich benutze immer das Wort “Autofiktion“,
weil es eine Geschichte ist, die sowohl fiktive als
auch autobiografische Züge hat. Es ist kein Tagebuch.
Aber die Gefühlsebenen, die inneren Dialoge basieren
natürlich auf Erfahrungen, die ich hatte.
F: Mit diesem Josh ...?
A: Nicht ausschließlich. Ich
habe diese Begegnung mit ihm, der natürlich nicht
Josh heißt, als Anlass genommen, um über
dieses Phänomen von Distanz und Nähe zu sprechen.
Zwei Menschen, die völlig unterschiedlich sind,
glauben dennoch, dass sie sich auf einer bestimmten
Ebene treffen können. Dazu gehört unheimlich
viel Reife, die aber beide nicht hatten. Ein Problem,
das viele kennen.
F: Zeigt das Buch den wahren Joop oder
eher den Joop, der er zu der Zeit gern gewesen wäre?
A: Ich glaube, ich habe mich nicht
versteckt in diesem Buch. Im Gegenteil, ich habe mich
entblößt. Insofern ist es schon so etwas
wie eine Abrechnung mit meinem eigenen Leben.
F: Das Buch räumt auch mit einigen
Klischees auf, die die Öffentlichkeit von Ihnen
hat, oder?
A: Ja, viele haben ja wohl geglaubt
– und ich habe mich dagegen ja auch nicht gewehrt
– dass ich einer der Hauptscherzartikel der Spaßgesellschaft
wäre. Was ich aber wirklich nie gewesen bin. Denn
meine ganze Geschichte ist eine sehr melancholische.
Eine melancholische Erfolgsgeschichte, denn ich bin
sicher, dass keine Künstlerbiografie ohne Melancholie
und Tiefen auskommt. Aber diese Tiefen, die ich zum
großen Teil gerne übersprungen hätte,
haben mich zu dem gemacht, der ich bin.
F: Haben Sie sich betont zurückgehalten,
was den Sex angeht?
A: Es wäre sehr leicht gewesen,
da noch einen draufzusetzen. Aber das wollte ich nicht,
es hätte abgelenkt, denn ich wollte weder einen
Henry Miller Aufguss für die MTV Generation schreiben
noch wollte ich Pret a Porte von Robert Altman nachgurken,
der mir sowieso am Thema vorbeigegangen ist. Ich wollte
auch keinen Bret Easton Ellis Dramarama-Shit machen,
sondern ich wollte von dieser Verlorenheit und dieser
hoffnungslosen Suche der Menschen sprechen, die eigentlich
allerorts gleichzeitig stattfindet.
F: Sie sind ja aufgrund dessen, was
Sie erlebt haben, die ideale Schnittstelle zwischen
einer MTV Generation und älteren Jahrgängen?
A: So habe ich mich auch immer verstanden.
Ich habe mich immer als Mittler zwischen den Kulturen,
den Welten und den Gesellschaftsschichten gesehen. Denn
ich war ja eigentlich immer selbst so ein Reisender
ohne Heimat.
F: Hatten Sie beim Schreiben schon
einen Leser vor Augen? Oder schreibt man zunächst
einfach nur für sich selber?
A: Nein, ich hatte natürlich den
Leser im Kopf, dem ähnliche Fragen unbeantwortet
geblieben sind, wie mir eben selbst.
F: Mit dem zentralen Thema Liebe?
A: Was sonst? Ich mache ja schließlich
kein Sachbuch über Kapitalanlagen. Und ich will
ja auch nicht wie der Bohlen oder der Effenberg über
Titten, Autos und andere Erfolge schreiben. Das sind
doch reine Männerklischees. Ich wollte eine emotionale
Ebene ansprechen, eine, die vor allem auch Frauen anspricht.
Mit dieser Hauptfigur, Wolf, werden sich auch Frauen
identifizieren, die von dem Schmerz des Älterwerdens,
des Nichtgeliebtseins, des Verlassenseins, betroffen
sind. Phänomene, die Frauen viel früher fühlen
und begreifen, als Männer, die ja immer glauben,
ihre Zeit läuft nie ab.
F: Das Buch ist phasenweise tiefgründiger
als Dostojewski...
A: Danke, das nehme ich mal als Riesenkompliment
F: ... und ist dann wiederum bei den
Dialogen kitschiger als ein Juliaroman.
A: Soll es ja auch sein! Denn das,
was sich die Leute an Oberflächlichkeiten um die
Ohren gehauen haben, musste so aufgeschrieben zu werden.
Und es sollte ja auch im Kontrast zu den inneren melancholischen
Monologen stehen. Das macht es auch so authentisch.
F: Womit lassen Sie am Schluss den
Leser zurück? Als happy kann man das Ende doch
wohl kaum bezeichnen.
A: Nein. Es ist kein Happy End. Es
ist nur ein Lösungsvorschlag, der im Zweifelsfall
für jeden gilt: GEH ZURÜCK. Das ist das Einzige,
was einem eigentlich bleibt. Versuch nicht, ständig
gegen den Strom zu schwimmen. Nimm die positiven Erinnerungen
mit und geh zurück.
F: Sieben Jahre später. Sie kehren
zurück. Nach Deutschland. Dazu fällt mir Heine
ein. “Denk ich an Deutschland...
A: ... in der Nacht, bin ich um den
Schlaf gebracht.“
F: Was fällt Ihnen dazu ein?
A: Ich habe sicherlich nie mit Kritik
am Vaterland gespart, denn den Vater, den man liebt,
soll und darf man auch kritisieren. Doch bei allem was
einem in Deutschland so auf die Nerven geht, ist es
dennoch ein Paradies.
F: Eine Erkenntnis, die durch das Schreiben
noch reifer wurde?
A: Ja, er, also Wolf, weiß lange
auf die Frage, was denn Heimat sei, nichts zu antworten.
Bis er dann durch Miami geht und es plötzlich erkennt.
Heimat ist da, wo man mit dem Fahrrad in Sandwegen stecken
bleibt, wo Frösche nach dem Regen über die
Straße wandern, da wo im Wechsel der Gezeiten
alle Fragen beantwortet werden. Und so empfinde ich
es wirklich.
F: Sie gehen nach Berlin, wie geht
es weiter?
A: Ich ENTDECKE Berlin. Ich bin zwar,
das steht ja auch in meinem Buch, im Schatten dieser
Großstadt aufgewachsen. Noch zur Zeit der Insel-Ghettosituation.
Und jetzt erst entdecke ich dieses Berlin in seinem
Aufbruch, seiner Veränderung und in seiner Frische.
Während hier in New York alles immer irgendwie
enger werden zu scheint und eine Art Lähmung ausgebrochen
ist.
F: Und wie begegnet Ihnen Berlin, was
bringen Ihnen die Menschen entgegen?
A: Unglaubliche Sympathie.
F: Aber Sie sind ja jemand der polarisiert,
der auch in den Medien nicht mit seiner Meinung hinter
dem Berg hält.
A: Ich glaube, das mögen die Berliner
besonders gern. Ich bin ja auch aus diesem Holz geschnitzt.
So wie Marlene Dietrich, die einmal zu Peter Bogdanovich
gesagt hat, auf die Frage, sind Sie stolz oder stört
es Sie, dass Sie Deutsche sind. Da hat sie gesagt: “Das
ist mir völlig gleichgültig, stolz bin ich
auf meine Berliner Schnauze“ Das gilt auch für
mich. Ich habe auch über die Welt der Mode, der
Models, der Fotografen gesprochen, ohne sie zu denunzieren.
Ich habe nur Ohrfeigen verteilt wie ja auch dem Wolf
selber, der Hauptperson, der hat auch welche von mir
bekommen, aber ich habe sie nicht denunziert. Und ich
finde, das ist eben Berlin, Berlin verrät nicht.
Es verteilt Ohrfeigen, aber es verrät nicht.
F: Sie haben aber für Ihre freimütigen
Äußerungen auch immer wieder kräftig
einstecken müssen.
A: Ich komme einfach aus dieser Generation,
in der wir unseren Eltern vorgeworfen haben, das Maul
nicht aufgemacht zu haben. Also mach ich es auf. Es
ist meine eigene Hygiene. Meine Seelenhygiene, die Dinge
beim Namen zu nennen. Da kann ich nur mit Madonna sagen
“Express yourself.“ Ich habe mich angreifen
lassen, ich habe mich denunzieren lassen. Ich war schon
Stasi Mitarbeiter, ich war Drogendealer, was war ich
nicht schon alles? Aber ich habe nie versucht provokant
zu sein, weil ich den Versuch zu provozieren, schon
lächerlich finde.
F: Ihr neuer Freund Valerie ist ebenfalls
von New York nach Berlin gezogen. Wie geht er mit der
Öffentlichkeit um?
A: Er will mit ihr nicht umgehen. Gar
nicht!
F: Und die Situation für Ihren
langjährigen Lebensgefährten Edwin?
A: Wir haben uns arrangiert. Ich hasse
Abschiede, ich möchte mich auch nicht von jemandem
verabschieden müssen, das Leben ist schon voller
Abschiede genug, da muss man nicht noch selbst welche
inszenieren. Gleichzeitig gibt es das Sprichwort “Nimm
Abschied und genese.“ Viele meiner Freunde haben
gesagt, also Wolfgang, Du bist so ein Soldat, du bist
immer geradeaus, Du gehst immer auf die Dinge zu, wo
doch dein Instinkt dir sagen müsste, lass es doch
diesmal.
F: Ein Beispiel?
A: Na ja so was, wie eben mit Valerie.
Jemand, der wieder völlig vereinsamt in New York
gelebt hat, isoliert, der keinen sozialen Kontakt gesucht
hat, weil er sich davon auch nichts versprochen hat.
Wie Josh, die Romanfigur. Jemand der aus einer anderen
Welt kommt, der traumatische Erlebnisse hatte. Mehr
will ich dazu nicht sagen.
F: Im Buch stellt Wolf Josh des Öfteren
die Frage “Bist du glücklich?“ Sind
Sie es?
A: Kommt darauf an, wie man es definiert.
Glück ist nicht Zufriedenheit. Glück ist eine
launische Geliebte, die in Sekundenschnelle kommt und
geht. Man muss es spüren, wenn diese Geliebte da
ist. Ich glaube, ich habe das Talent, sie zu spüren.
Und gerade ist sie da.
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