Herr Walz, kann es sein, dass
Sie irgendwann “out“ sind?
Kann ich mir nicht vorstellen. Was mich erstaunt ist,
dass in Deutschland einfach kein junger Frisör
nachkommt. Es ist eben immer noch Meyr, Möller,
Walz. Man nennt mich ja auch schon “Die Legende
Udo Walz“ (lacht). Nein, “out“ , das
glaub ich nicht.
Wie lange wollen Sie denn noch die Schere in
die Hand nehmen?
Da ich ja kein großes Familienleben oder Kinder
habe, denke ich, dass ich bis ins hohe Alter im Laden
stehe. Oder sogar noch im Rollstuhl (lacht).
Was heißt denn hohes Alter?
Na ja, ich bin jetzt 57 und ich wüßte keinen
Grund, aufzuhören. Das hat mit Geld überhaupt
nichts zu tun. Ich werde so lange arbeiten, bis es nicht
mehr geht.
Da rückt das 40-jährige Dienstjubiläum
“Haare machen“ näher. Das muss doch
irgendwann langweilig werden ...
So lange mache ich das schon? Ich kann nur sagen, mir
macht es immer wieder aufs Neue Spaß. Egal ob
Fotoreisen oder der Salon. Ich weiß gar nicht,
wie man sich darauf freuen kann, in Rente zu gehen.
Da steht man dann später auf und guckt mehr Fernsehen.
Nein, Danke.
Sie sind, mit Möller und Meyr zusammen,
der bekannteste Frisör im Land. Ist Prominenz gleichzeitig
Ausdruck für Qualität?
Ich denke schon. Denn prominent wird man ja eigentlich
nur, wenn man etwas besonderes Gutes geleistet hat.
Eigentlich ... . Schaut man sich manche der Mädels
an, Schauspielerinnen zum Beispiel, dann wundert es
mich, wie die prominent werden. Wahrscheinlich ist es
eine Modeerscheinung. Wer aber ständig prominent
ist, muss schon etwas gemacht haben, was andere beeindruckt.
Jeder gute Schauspieler macht auch mal einen
schlechten Film. Gilt deshalb auch, jeder gute und prominente
Frisör legt auch mal eine schlechte Frisur hin?
Sicher. Nur bei der Beurteilung ist das natürlich
noch schwieriger, schließlich ist ja alles Geschmackssache.
Aber Frisöre wie Sie machen doch den Geschmack.
Dann kann man sich doch hinterher hinstellen und sagen,
das war genau so geplant?
Nein, denn man kann ja trotzdem darüber streiten.
Wenn die Frau hinterher sagt, das ist mir Wurscht, wie
Sie sich das gedacht haben, mir gefällt das nicht,
dann muss man das akzeptieren. Aber das passiert mir
relativ selten. Vielleicht einmal in zwei Jahren.
Alle anderen verlassen zufrieden Ihren Salon?
Ja, die gehen sehr glücklich nach Hause (lacht).
Sonst würden ja auch wohl kaum 60 Prozent meiner
Klientel aus der ganzen Republik anreisen, um sich von
mir die Haare schneiden zu lassen. Die bringen noch
ihre Familie mit, wir machen Erinnerungsfotos. Das ist
richtig schön.
Sie zaubern jemanden den perfekten Haarschnitt,
alles passt wunderbar, man geht nach Hause, kommt man
nächsten Tag aus dem Bett und es sitzt nie wieder
so, wie am Tag zuvor. Verkaufen Sie nicht auch Illusionen?
Nein. Es ist einfach eine Frage des Könnens. Vielleicht
schneiden wir oder ich Haare einfach anders, als die
meisten. Denn wenn die Kunden sich die Haare zu Hause
gewaschen und gestylt haben, dann sieht es wieder genau
so aus, wie ich es gemacht habe. Ich mache nie etwas,
was nur einen Tag hält.
Die Obsession vieler Frauen, einem Schönheitsideal
hinterher zu hecheln, mit Botox oder Fettabsaugen der
Natur ein Schnippchen zu schlagen, ist da nicht langsam
eine kritische Grenze erreicht?
Ich habe Kundinnen aus New York, die sich alle zwei
Monate Botox spritzen lassen. Charmante, intelligente
Frauen. Das ist sehr bedenklich, besonders bei den über
50-jährigen. Da hat man dann ein “junges“
Gesicht mit einem alten Körper. Das ist schizophren.
Eine Frau mit Stil hat so etwas nicht nötig und
sollte, wenn überhaupt, nur kleine Eingriffe vornehmen
– zum Beispiel vielleicht an der Stirn etwas wegspritzen.
Ich bin aber eigentlich dagegen, dass eine Frau ab einem
gewissen Alter versucht, die Jugend einzuholen.
Dieser ganze Schönheitswahn ist doch eine
Zeitgeisterscheinung. Als Sie in den 60ern Frauen, wie
Romy Schneider die Haare machten, gab es doch so etwas
nicht?
Gab es nicht, richtig! Da hat man doch an so etwas gar
nicht gedacht. Heute sorgen Werbung und Medien dafür,
dass dieser Hype um die Schönheit kultiviert wird.
Aber eine intelligente Frau weiß, dass es die
ewige Jugend nicht gibt und richtet ihr Leben danach
aus. Denn nur schön oder jung zu sein, das kann
ja nun auch nicht der Nabel der Welt sein, oder?
Manchmal hat man schon den Eindruck! Und viele
Journalisten hypen ja auch kräftig mit. Bei Ihrer
Prominenz, hätten Sie da nicht die Möglichkeit,
gegen zu steuern?
Bei manchen Frauen bestimmt. Aber viele von denen, die
ich kenne, machen sowieso diesen Schönheitswahn
nicht mit. Andere wiederum ... in meinem Lieblingsrestaurant
in New York, das Cypriani sehen 80 Prozent aller Frauen
gleich aus. Unglaublich! Alle zwischen 50 und 60, die
gleichen Haare, die gleichen Strähnen, die gleichen
Nasen. Das ist Amerika, da herrschen aber auch andere
Schönheitsideale.
Solche Beobachtungen unterstreichen die Vermutung,
dass einfach immer mehr vom Äußeren abhängt.
Kann man das so sagen?
Ich glaube ja. Fangen wir einmal beim Mann an. Sieht
er gut aus, hat er es viel leichter, einen Job zu kriegen.
Das Gleiche gilt für die Frauen. Ich bin mir sicher,
dass Optik heute eine viel größere Rolle
spielt, als in den 60er Jahren. Wenn man gut aussieht,
stehen einem mehr Türen offen – bis sich
dann zeigt, dass sich hinter der schönen Fassade
nichts Gehaltvolles verbirgt. Aber dann kann man wenigstens
noch Model werden (grinst).
Wenn für viele also das Aussehen Ausdruck
der eigenen Identität ist, wieweit ist dann bei
Ihrer Arbeit der Handwerker gefragt. Und wieweit der
Therapeut? Wenn Frauen zu Ihnen kommen und wollen aussehen
wie Julia Roberts und es genügt ein Blick, und
Sie wissen, das wird nichts.
Solche Frauen kommen nicht zu mir. Ich habe ein ganz
einfaches Rezept: Ich schaue auf die Handtasche, ich
schaue auf die Schuhe und schon weiß ich, welchen
Geschmack sie hat. Eine Frau mit Schuhen und Tasche
von Chanel ist der klassische Typ. Die will weder eine
Punkfrisur noch Grünsträhnen. Das ist eine
Psychologie, mit der ich noch nie daneben gelegen habe.
Und das funktioniert weltweit, egal ob ich einer Kundin
aus Frankreich oder Amerika begegne, trägt sie
Chanel, weiß ich, dass ich ihr bestimmte Frisuren
gar nicht vorschlagen muss.
Gibt es auch mal welche, die ohne Handtasche
kommen?
Selten. Auch merkwürdig, nicht? (grinst).
Zu Ihnen kommt aber viel Stammkundschaft. Manche
seit über 20 Jahren zweimal die Woche. Warum? Man
kann ja nicht ständig nachschneiden, oder?
Solche Besuche sind natürlich eine Frage des Geldes.
Und solche Kundinnen, die nehmen halt den Fön nicht
mehr selbst in die Hand, wollen aber ständig gut
frisiert sein. Da helfen wir dann nach. In Frankreich
wäre das nichts Ungewöhnliches, da rennen
die Frauen viel öfter zum Frisör.
Was sind Sie eigentlich? Man liest mal Frisör,
dann wieder Hair-Stylist. Auf Ihrer Website steht Coiffeur.
Ich bin Frisör! Ich kümmere mich nicht um
diese ganzen Bezeichnungen. Wenn mich jemand fragt,
ich bin Frisör – das ist mein Beruf.
Gibt es Momente, wo der Beruf Ihnen keinen
Spaß macht?
Nein. Hat es auch noch nie gegeben. Gäbe es sie,
würde ich wahrscheinlich denken, “oh je,
jetzt wirst du schlecht, jetzt geht die Kreativität
flöten.“ Sollte das einmal passieren, würde
ich mich zur Ruhe setzen –wenn ich es mir leisten
könnte. In den letzten 40 Jahren habe ich vielleicht
insgesamt drei Monate nicht im Salon gestanden.
Wenn Sie nicht so prominent geworden wären
und so vielen prominenten Menschen die Haare schneiden
dürften, wäre die Lust am puren Handwerk die
gleiche?
Ja ... ich glaube, ja. Und es ist heute immer noch so,
dass ich aufgeregt bin, wenn ich berühmte Persönlichkeiten
frisieren soll. Ich denke dann manchmal, “warum
ich“. Wenn ich Claudia Schiffer frisieren darf,
kann ich die Nacht vorher nicht schlafen. Oder bei Frauen
wie Gwyneth Paltrow, Julia Roberts oder Julianne Moore,
da wünsch ich mir, ich hätte einen Autounfall
und müsste nicht zum Termin. Wenn ich Sie dann
aber vor mir sitzen habe, ihre Haare anfasse, ist die
ganze Aufregung wie weggeblasen. Ich hatte wirklich
noch nie einen Tag, wo ich dachte “Scheiße,
du musst jetzt schneiden.“
Inwieweit ist das Prominentsein an sich für
Sie von Bedeutung? Werden Sie sich irgendwann einmal
zurückziehen, zum Beispiel in Ihren Salon nach
Mallorca?
Kann ich mir nicht vorstellen, jedenfalls noch nicht.
Dafür fühle ich mich auch noch zu jung. Und
prominent zu sein, das hat schon so seine Vorteile.
Ich kriege in jedem Restaurant einen Tisch, werde immer
zuvorkommend behandelt. Oder es gibt eben auch diese
skurrilen Alltagserlebnisse. Neulich an der Wursttheke
hat mich jemand erkannt, der hat dabei fast die Fassung
verloren. Über so etwas muss ich schmunzeln. Aber
auch auf Mallorca, wo mich dann junge Leute am Flughafen
erkennen und “Ey Udo“ schreien.
Aber es muss doch auch die Schattenseiten im
Leben eines berühmten Frisörs geben ...
Ja, denn meine Popularität hat manchmal ein Stadium
erreicht, wo ich selbst erschrecke. Wenn Menschen in
Restaurants an meinen Tisch kommen und ein Autogramm
wünschen. Oder im Flugzeug, wenn jemand angeblich
von seiner Tante ein Foto machen will, sich aber so
hinstellt, dass ich auch noch mit aufs Bild passe –
selbst wenn die angebliche Tante dann kaum noch zu erkennen
ist, das ist schon ein wenig bedenklich.
Erklären Sie uns in diesem Zusammenhang
Ihren Big Brother Ausritt?
Alle meine Freunde haben mir davon abgeraten. Ich habe
dann nächtelang darüber nachgedacht, warum
mir das schaden könnte. Schließlich hatte
es ja mit meinem Beruf zu tun. Ich habe es dann durchgezogen,
war anfangs sehr aufgeregt. Hinterher, als ich aus dem
Container kam, kannte mich in Deutschland 90 Prozent
der Jugend. Das war ein genialer Schachzug. Selbst der
Spiegel hat darüber geschrieben. Positiv übrigens.
Im Nachhinein finden meine Freunde das Ganze jetzt auch
ganz lustig.
Ein Udo Walz, der nicht prominent geworden
wäre, ist das überhaupt denkbar?
Davon würde ich mal nicht ausgehen. Obwohl, und
das möchte ich betonen, ich war nie ehrgeizig.
Ich war einfach meistens zur rechten Zeit am richtigen
Ort. Ich habe mich ja nie um einen Job beworben, weder
bei den Shows oder bei den deutschen Zeitschriften –
für die Brigitte habe ich ja über 10 Jahre
fast 90 Prozent der Titelbilder gemacht.
Was genau macht den Erfolg von Udo Walz aus?
Man erwartet von mir Höchstleistungen. Und merkwürdigerweise
schaffe ich die auch.
Was heißt das genau?
Dass die Kundin zufrieden rausgeht. Man sieht ja, wie
sie rein kommt und man sieht, wie sie rausgeht. Wenn
sie dann mit viel Selbstsicherheit den Salon verläßt,
hat sie einen ganz anderen Gang. Das zu erleben, ist
großartig. Das geht soweit, dass sich die Frau
sogar als Person ändert. Ich kenne einen ganz krassen
Fall, von einer Frau, die nach einem Besuch bei mir
nach Hause kam, ihr Mann fand die Frisur scheußlich
und sie hat sich dann von ihm getrennt.
Schneiden Sie eigentlich nach einem gewissen
Trend oder sind Sie der Trend?
Trend machen ja leider nicht die Frisöre, sondern
die Modemacher. Die skizzieren bei einem Modell gleich
die Haare dazu. Ich habe viel für Lagerfeld gemacht.
Oder für Ralph Lauren, Thierry Mugler – die
schreiben die Frisuren dann quasi vor. Frisöre
machen nicht den Trend, sie interpretieren ihn.
Was erwartet die Frau in nächster Zeit?
Wir hatte ja lange Zeit minimalistische Köpfe.
Also gefranst, gestuft oder ganz glatt. Jetzt fängt
es wieder an, femininer zu werden. Er wird lockiger,
so ein bisschen wie in der Hippie-Zeit, schließlich
versucht man ja immer wieder Elemente aus den 60, 70
oder 80 Jahre wiederzubeleben. Wenn eine Frau ganz mutig
ist, geht sie wieder mit Afro-Locken ... schrecklich!
Natürlich wird nichts genau so, wie es war, aber
es wird wieder femininer und glamouröser.
Und das in diesen Zeiten ...
Je schlechter die wirtschaftlichen Zeiten, desto glamouröser
das Outfit. Nach dem 11. September gingen alle Geschäfte
zurück. Nur bei mir lief es besser denn je. Nach
dem Motto: Die Frau weiß nicht, was alles passieren
wird, aber das gönnt sie sich in jedem Fall.
Ein typischer Tag im Leben des Udo Walz, wie
muss man sich den vorstellen?
Um 9.15 im Salon. Ich habe dann im Durchschnitt 20 Frauen,
den ich die Haare schneide. Zwischendurch gebe ich Interviews
oder mache auch mal einen TV-Auftritt.
Jeden Tag?
Fast jeden. Ich habe in der Woche 30 bis 40 Anfragen.
Vom Interviewwunsch bis zur Tankstelleneröffnung.
Meine Pressereferentin sondiert dann, welche Auftritte
sinnvoll sind. Hier liegt auch so ein bisschen die Kehrseite
der Medaille. Man schreibt ja schon über den “immerpräsenten“
Udo Walz. Da muss ich einfach bei einigen Events anfangen,
kürzer zu treten.
Ständig auf der Piste zu sein, dass muss
einem doch irgendwann über sein?
Ich amüsiere mich immer. Und wenn nicht, gehe ich.
Sofort. Vorne über den roten Teppich rein, hinten
wieder raus. (lacht)
Man liest viel, wo man Udo Walz trifft, wenig
hingegen über sein Privatleben. Ist das Tabu?
Das interessiert doch niemand.
Wenn Sie morgen aufwachen und allen Menschen
sind über Nacht die Haare ausgegangen, was würden
Sie dann machen?
Dann mache ich irgendwo eine kleine Pension auf. Würde
ich vielleicht sogar machen, wenn die Leute ihre Haare
behalten und ich genügend Geld habe ...
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