Ein Schauspieler ist ein mittels
Sprache, Mimik, und Gestik agierender Darsteller
von Gestalten dramatischer Werken. So jedenfalls lehrt
es uns, in eingekürzter Form, die Brockhaus Enzyklopädie.
Eine Definition, die eine wichtige Frage aufwirft: Ist
der Terminator 1 – 3 Schauspieler? Mitnichten.
Arnold Schwarzenegger ist Filmstar. Im Hauptberuf. Mit
einem Kaleidoskop an Nebenberufen, ehemaligen und aktuellen.
Arnie machte einst eine Lehre als Einzelhandelskaufmann,
er war das Maß aller Dinge im Bodybuilding, Student
der Betriebswirtschaftslehre und Immobilienspekulant.
Er ist vierfacher Vater und wird als die republikanische
Allzweckwaffe im Kampf um den nächsten kalifornischen
Gouverneursposten gehandelt. Vor allen Dingen aber ist
er eins: Jemand, dem bereits mit 15 dämmerte, “dass
ich in etwas der Beste werde. Ich wusste nur noch nicht
in was.“ Anders als Muhammad Ali, der stets jedem
ungefragt entgegenposaunte, er sei der Größte,
ging Arnold Schwarzenegger stets subtiler mit den vermeidlichen
Weihen von ganz oben um. Aber wie? Aus welchem Holz
ist die “steirische Eiche“ wirklich geschnitzt?
Und wo kommt sie eigentlich her?
In Thal, einem betulichen Dorf in der österreichischen
Steiermark unweit von Graz, erinnert nichts an ein Biotop,
in dem Helden gezüchtet werden. Die Kommune mit
heute knapp 2000 Mann Besatzung hat zwei Sehenswürdigkeiten
– eine Burgruine und eine Adresse. Thal-Linak
145. Heute Pilgerstätte für Fans, damals Domizil
vom örtlichen Gendarmerie-Kommandanten Gustav Schwarzenegger
und Gattin Aurelia, die sich bemühten, im ersten
Obergeschoß ihre Söhne Meinhard und Arnold
groß zu kriegen. Es lag nicht nur an den fehlenden
Heizkörper, dass durch das unscheinbare, schon
einige Jahrhunderte alte Biedermeier-Gemäuer ein
frischer Wind pfiff. Gustav regierte mit harter Hand,
die Dosen an menschlicher Wärme waren gering, die
mit Zucht und Disziplin um so größer. Die
Formel “no pain, no gain“ begriff Klein
Arnie lange bevor er “Akschnfuim“ buchstabieren
konnte. Wie aber wurde er vom Buam zum Baum?
Schuld hat der Fußballtrainer. Arnold, mittelmäßig
begabter Kicker (dafür aber einst auch österreichischer
Juniorenmeister im Eisstockschießen), verliebte
sich im zarten Alter von 13 in seine erste Freundin.
Sie war stumm und hieß Barbell. Aber sie war nicht
aus Fleisch und Blut, sondern aus Stahl, denn Barbell
ist im Deutschen (und auch im Österreichischen)
schlicht eine Hantel. Denn der Coach führte seine
Balljungs zum Trainieren ins Gym und Arnie fraß
zum ersten Mal Eisen. Eine Leidenschaft war geboren.
Kurz darauf, Arnie hing in einer Eiche am Thaler Badesee
und übte Klimmzüge an einem Besenstil, traf
er auf eine Gruppe lokaler Bodybuilder. Die Jungs um
Kurt Marnul und Harald Maurer nahmen den ambitionierten
Pennäler unter ihre Fittiche – schnell wurde
den älteren Hasen klar, dass vor ihnen ein Diamant
stand. Roh, ungeschliffen, und schon satte 1.80 m groß.
Maurer erinnert sich. “Er war ein freundlicher,
schlaksiger, aufgeschlossener Junge mit einem zu großen
Kinn und einem etwas bäuerlichen Akzent.“
Der Dialekt klebt heute noch wie Zuckerwatte, das Schlaksige
wich dank besessenen Trainingseifers immer gigantischeren
Muskelpaketen. Man kann sich die Begeisterung regelrecht
vorstellen, die dem schöngeistigen Schwarzenegger
Senior im Gesicht geschrieben stand, als sich sein Sohn,
eingeölt und im knappen Höschen, ersten Bodybuilding-Meriten
entgegen poste.
“Hätte mir jemand erzählt, ich müsse
ein Kilo Scheiße essen, um Muskeln aufzubauen,
ich hätte es getan“. Sagt Arnold. Oder sagt
jemand, der sagt, er hätte es gesagt. Vieles rankt
sich um das in den 60er Jahren noch jungfräuliche
steiermarksche Gewächs: Gerüchte, Legenden
und sicher auch Lügen. Spricht man mit Zeitzeugen
und klopft man mit ihnen verschiedene Stationen des
frühen Arnold S. ab, weiß garantiert jeder
einen anderen Hergang zu erzählen. Einig aber waren
sie sich alle in einem, zumindest heute. Arnold hatte
das Zeug, ein ganz großer zu werden und ... er
wurde es. Er war kaum volljährig, da war sein Body
bereits so gebuildet, dass eine Einladung zum Mr. Europa
Junior Wettbewerb ins Haus flatterte. Besser gesagt
in die Kaserne, denn kurz zuvor begann Arnies Wehrdienst.
Was tun? Rekrut Schwarzenegger wehrte sich gegen den
Dienst und gewann gleich dreimal: Die Meisterschaft
in Stuttgart, die Aufmerksamkeit der europäischen
Bodybuilding-Szene und sieben Tage Einzelhaft bei Wasser
und Brot wegen unerlaubten Fernbleiben von der Truppe.
In dem frischgekürten Mr. Europa reifte nun der
Entschluss, endlich das Thal der Ahnungslosen zu verlassen.
Sein “Entdecker“, Albert Busek, lud den
neuen Stern am Hantel-Himmel ein, nach München
zu kommen und dort im Sportstudio von Rolf Putziger
zu arbeiten. Als Trainer, aber auch als Faktotum, Arnie
war Mädchen für alles. Er putzte, er wischte,
vor allem aber, er trainierte. Weil aber auch ein Herkules
von morgen neben Eisen noch etwas anderes fressen muss,
begann für das unbekümmerte Landei eine Zeit,
in der es das Leben von einer völlig neuen Seite
kennen lernen sollte. Sein “Entdecker“,
Kurt Marnul – also ein anderer! – der des
öfteren die Reise von Graz zu den Bajuwaren machte,
rauft sich heute noch die Haare. “Er war ja a
junger Bauernbub, was hat der schon gewusst von einer
Großstadt wie München?“ Herzlich wenig.
Und so schlitterte der junge Grazer mit stolz geschwelltem
Brustkorb, einem frechen Grinsen und einer Extraportion
ländlichem Charme ins bayrische Großstadtleben.
Glaubt man Wendy Leigh, Autorin einer umstrittenen Schwarzenegger
Biographie, dann vögelte er eine Schneise der Verwüstung
durch die Phalanx lokaler Mädchen. Gerd Heinlein,
Arnie-Intimus seit diesen Zeiten, gibt sich da deutlich
moderater. “Er hat halt Fröhlichkeit und
ein lockeres Leben ausgestrahlt und von 10 Frauen ist
dann eine dabei, die sagt toll, diese Muskeln, die finde
ich toll. Und die hatte dann sicher mehr vor, als nur
einen Kaffee zu trinken.“ Die Wahrheit liegt,
wie immer, irgendwo in der Mitte. Fakt ist aber, der
Mann war kein Kind von Traurigkeit. Arnie gab Gas. In
alle Richtungen – bei der Münchner Polizei
liegen wahrscheinlich heute noch stapelweise Knöllchen
– also auch in solche, wo “es hätte
für den Arnold schlimm ausgehen können.“
So reminisziert Mentor Marnul, denn sein ehemaliger
Protegé ist “in eine Clique von mehreren
jungen Burschen hineingekommen, die einschlägige
... da will ich mich nicht zu äußern. Anfangs
war Arnold dabei, später wurden dann aber alle
wegen verschiedener Dinge verhaftet. Dem Arnold wollte
man damals auch etwas anhängen.“
Was man ihm aber stets anhängen konnte, war sein
manchmal etwas ausufernde Sinn für Humor. Zeugnis
der harmloseren Art war “Die Reifeprüfung“.
Ein Bodybuilder in spe bat um Aufnahme ins Münchner
Eisen-Mekka. Welchen Beruf er denn ausübe, begehrte
Arnold zu wissen. Bergsteiger. Daraufhin ließ
er den Bewerber in voller Montur vom zweiten Stock des
Studios abseilen, auf halber Strecke innehalten und
lauthals losjodeln. “Sogar die Polizei hat applaudiert“,
will Heinlein sich erinnern. Echten Spaß bedeuteten
ihm die naiv-devote Haltung von Neulingen, die um das
Geheimnis seines Erfolges bettelten. Ebenso legendär,
wie ernährungsphysiologisch eine tour de force
für die Verdauungstrakte seiner dümmlichen
Jünger, waren Tipps aus Arnies Ernährungsfibel.
Immer noch ein Dauerbrenner am Schwarzenegger-Stammtisch
– die Salzanekdote. Den Trottel, der sich Arnies
Diätplan aus geriebenen Nußschalen und sich
täglich steigernden Sodiumchlorid-Dosen mit geradezu
religiösen Eifer verschrieb, bis er am Monatsende
bei 30 Teelöffel Salz pro Mahlzeit angekommen wäre,
hat es tatsächlich gegeben. Am 17. Tag allerdings
brach der Mann ab ... und zusammen. Einem anderen jubelte
er unter, er müsse täglich mindestens ein
gutes Kilo Eiscreme essen – der Mann war so entzückt,
dass er weitere neun Kollegen von dieser Idee begeisterte.
In den 107 kg, den 56 cm Bizeps- und dem 1.45 m Brustkorbumfang,
die der 20-jährige bei der Mr. Universum Wahl in
London zu Markte trug, steckten weder Salz noch Zucker.
Dafür aber jede Menge Anabolika. Arnie hat später
nie ein Hehl daraus gemacht, dass er nicht nur Weltmeister
war, sondern auch wie einer spritzte. War ja auch nicht
verboten! Der Zweck heiligte die Mittel, er dopte und
poste sich immer höheren Würden entgegen.
Was noch fehlte, war der Olymp der Bodybuilder, die
Wahl zum Mr. Universum in Amerika. Eine Einladung ließ
auch hier nicht lange warten, Joe Weider, die inzwischen
graue Eminenz der Szene, lockte den österreichischen
Muskelmann zur Ausscheidung nach Florida. Arnie goes
America, im September 1968 sollte er das europäische
Kapitel beenden, vielleicht zu dem Zeitpunkt noch, ohne
es zu wissen – der Frühaussiedler hatte gerade
einmal eine kleine Sporttasche gepackt. In die vielleicht
die entscheidenden Präparate nicht mehr gepasst
haben, denn was sich ein paar Tage später den Juroren
kalkweiß beim Wettkampf in Miami Beach präsentierte,
war mehr Fleischklops als Muskelberg. Dennoch reichte
es zum Mr. Vize-Universum. Weider gab seinem neuen Schützling
einen Vertrag und besorgte ihm ein keines Apartment
in Santa Monica in Kalifornien. Wieder startete er durch.
Andere, ohne Vision und geistigem Horizont, wären
wahrscheinlich zufrieden gewesen, sich in der berühmten
Gold`s Gym weiter nach oben zu pumpen. Nicht der Ösi.
Seine neue Heimat verhieß schließlich etwas
mit unbegrenzten Möglichkeiten. Arnie belegt Kurse
in Betriebswirtschaftslehre beginnt einen schwunghaften
Versandhandel mit Ernährungspräparaten, verdingt
sich unter dem Firmenschild “Pumping Bricks“
zusammen mit seinem engen Hantel-Freund Franco Columbu
als Maurer, findet nicht nur eine feste Freundin, sondern
darüber hinaus genügend Zeit, noch zahllose
andere zu beschlafen. Kurz – Arnie war nicht nur
busy, aus Arnie sollte bald Ah-nuld werden, schließlich
stand er vor den Toren Hollywoods, er musste nur hereingelassen
werden. Als eine Rolle in dem Low Budget Film “Herkules
in New York“ ausgelobt wurde, drängte Joe
Weider seinen Schützling ins grelle Kameralicht
– nachdem er vorher beim Casting das Grazer Urgestein
als österreichischen Shakespeare Darsteller getarnt
hatte. Er spiele schlimmer als Lassie, der Fernsehhund,
ließen Filmkritiker verlauten und meinten damit
eher spätere, cineastische Gehversuche. Doch der
zeigte sich bei Schauspiel ebenso unbeeindruckt wie
beim Muskelspiel und ging stoisch seinen Weg. Regie
Legende Robert Altman, der den 26-jährigen am Set
zu seinem Film “Der Tot kennt keine Wiederkehr“
traf, versicherte später, er hätte niemals
an einen Durchbruch des Steierers geglaubt. Um dann
augenzwinkernd hinzuzufügen: “Ich hätte
auch nie gedacht, dass Jack Nicholson es schaffen würde.“
Ah-nuld hatte es geschafft. Anfang der 80er war er
Multimillionär, hatte die Kennedy-Nichte Maria
Shriver becirct, räumte ein letztes Mal bei der
Mr. Olympia Wahl ab und begann die Dreharbeiten zu einem
Film, der nicht nur Schwarzenegger, sondern auch seinem
engen Freund Heinlein in besonderer Erinnerung blieb.
Beide saßen einst im Mathäser Palast, beide
hatten kaum Kohle. “Man hat halt die billigste
Karte genommen und sich dann auf den teuersten Platz
gesetzt. Kam eine Kontrolle, musste man wieder nach
vorn. Und Arnold sagte einmal, “Na ja, macht nichts,
eines Tages sitze ich in diesem Kino und mein Film läuft
da vorne als Premiere.““ 1982 sollte es
soweit sein, “Conan, der Barbar“ wurde uraufgeführt
– im Münchner Mathäser Palast. Planet
Arnie war am aktiven Body Building Firmament gerade
ausgebrannt, der in Hollywood wurde endgültig geboren.
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