“I am all in”. Warum
mir bei diesen Worten, die jeder Pokerspieler kennt,
ausgerechnet die erste Mondlandung in den Sinn kommt,
ich weiß es bis heute nicht. Ein kleiner Schritt
für mich, ein großer für die Menschheit?
Oder wenigstens für die Kartenhausgemeinde? Warum
nicht, schließlich war ich angetreten, Pokerhistorie
zu schreiben. Ich sah sie schon vor mir, die Schlagzeilen. „Reporter
gewinnt sein allererstes Turnier“ ... „Journalist
lehrt gestandenen Profis das Fürchten“ ... „Redakteur
räumt ab“. Stattdessen aber sehe ich vor
mir einen kläglichen Berg Chips, meine Augen flackern
nervös, mein Lächeln ebenso und meine schweißnassen
Hände halten die finale „Hand“, die
noch einmal alles umbiegen sollte – ein Paar
Neunen.
„All in ...“, wer denkt da nicht an Las Vegas,
an die Pokerweltmeisterschaften, zwei Spieler, Heads
up, Mano y Mano, Millionen in Chips auf dem gepflegten
Filztischen, ein unbeteiligt wirkender Dealer in gepflegter
Uniform und die Hälse Hunderter Zuschauer, die sich
neugierig in Richtung Tisch schieben und auf das Aufdecken
der Karten warten, wenn es um alles oder um noch mehr
geht. An meinem Tisch kommt wenig Vegas-Stimmung auf,
längst haben die Pokergötter bei mir ihr Kurzabo
gekündigt, eher teilnahmslos blicken meine Konkurrenten
auf meine verbliebenen Chips und den sich darin widerspiegelnden
kurzen, kometenhaften Aufstieg und anschließenden
Crash, in ihren Mienen mischt sich eine Mischung aus
Mitleid und die durchaus berechtigte Frage, was denn
dieser Poker-Legastheniker hier wohl überhaupt
am Tisch zu suchen hat.
Eine Frage, die angesichts meiner dürftigen Performance
ebenfalls an meinem zerrütteten Nervenkostüm
nagt. Was mache ich überhaupt hier? Dazu muss
man wissen, wie ich überhaupt hierher kam. „Hier“ war
das Hotel Arkipelag in Mariehamn, der Hauptstadt von Åland
(Leser mit Atlanten begegnen Åland als ein Archipel
von 6000 Inseln auf halber Strecke zwischen Schweden
und Finnland) Die PAF (s. Kasten), ein finnischer Anbieter
für Wetten und Casinospiele, schrieb zum zweiten
Mal die PAF Poker Challenge aus – ein Turnier,
das sich sowohl an Profis wie auch an ambitionierte Freizeitspieler
richtet. Oder, wie in meinem Fall, an den unerschütterlichen
Reporter mit dem festen Glauben ans eigene Spiel. Denn
von Seiten des Veranstalters beschloss man, einem Journalisten
die Chance zu geben, an diesem Turnier teilzunehmen,
mit fast sechzig Plätzen an den Finaltischen und
Preisgeldern von insgesamt 50.000 Euro der Top-Event
dieser Art in Nordeuropa. Die Wahl fiel auf erst auf
MAXIM und dann auf mich – meine Kollegen schauten
sich angesichts schmaler Pokerkenntnisse unentschlossen
an, um dann lieber wieder dem Tischfußball zu frönen.
Meine Referenzen? Nur die Besten, einen Artikel zum Thema
bereits verfasst, seit ca. neun Monaten begeisterter
Online-Zocker (bisheriger Erfolg: keiner – deshalb
schreibe ich ja auch noch Artikel), zum Höhentraining
ein Vorbereitungsturnier im Hard Rock Casino zu Miami
als 75. von 186 abgeschlossen, kann es ein besseres Zeugnis
geben? Als die PAF dann auch noch freundlicherweise das
Startgeld von 1000 Dollar übernahm, gab es für „Cincinnati
Fritz“ grünes Licht für die Poker-Mission.
An den Filmklassiker mit Steve McQueen von einst hingegen
erinnerte wenig. Der Austragungsort war kein verrauchtes
Eisenbahnabteil, sondern ein schlichter Konferenzraum,
der allerdings hatte zumindest den Charme einer Wartehalle
in einem ostdeutschen Bahnhof. Aber hier ging es ja nicht
um Ambiente. Und auch nicht um Straight Poker wie damals,
No Limit Texas Hold`Em. heißt das Spiel. Die Regeln?
Gespielt wird mit 52 Karten. Am Anfang leistet jeder
einen blinden Einsatz (Blind), der sich nach der jeweiligen
Tischposition des Spielers richtet - der rotierende,
so genannte Dealerbutton bestimmt, wer pro Runde dieses "Blind" leisten
muss. Oft kommt auch noch ein Grundeinsatz (Ante) hinzu.
Dann bekommt jeder Spieler zwei verdeckte Karten (hole
cards). Der Spieler zur Linken des Buttons eröffnet
den Einsatz. Viermal gibt es für jeden Spieler Gelegenheit,
zu setzen. Im Laufe des Spiels werden dann fünf
Karten in der Mitte des Tisches aufgedeckt, die als Gemeinschaftskarten
für alle zählen. Erst drei - der "Flop". Danach
die 4. Karte – der "Turn", zum Schluss die 5.
- der" River." Am Ende stehen jedem im Spiel befindlichen
Spieler sieben Karten zur Verfügung, aus denen er
wieder seine beste Kombination, bestehend aus fünf
Karten, bastelt. Denkbar einfach. Dennoch, es ist schwer,
beim Pokern alles richtig zu machen. Kinderleicht hingegen
der Umkehrschluss: Eine falsche Bewegung und das eigene
Spiel stürzt ein, wie das buchstäbliche Kartenhaus.
So wie ich die Karten bewegte, möchte ich mich heute
noch vom Haus stürzen. Ich hatte eine Strategie,
sie war gut ... nur, zu der gehört eben auch, dass
man sich an sie hält. Spiel die „Top Hands“ (hohe
Paare, dazu noch Ass/König) lautete meine Devise.
Konservativ. Keine Experimente. Ball und Gegner abwarten,
vorsichtiges Pressing, um in einem Metier zu wildern,
von dem ich ebenfalls wenig verstehe. Das Ziel? Carpe
Diem oder, leicht abgewandelt, überstehe den ersten
Tag – das Turnier war auf ein Wochenende angelegt – denn
dann hast du auch mehr zu schreiben. Dachte ich.
Viel versprechend geht es los. Die Blinds sind anfangs
mit 100/200 angesetzt, Antes wären noch Meinung
der Experten erst Stunden später auf mich zugekommen.
Abwarten. Die ersten Hände lasse ich passieren,
bis ich mich irgendwann mit König/Vier von Pik im
Big Blind wieder finde. Es gibt nur einen einzigen „Call“ (also
einer, der mitgeht). Ich checke und treffe im Flop auf
zwei weitere Pik. Chance auf einen Flush, ich wittere
Morgenluft, werfe erstmals die Strategie über Bord
und riskiere 500 Dollar von meinen 10.000 Dollar Startguthaben.
Christer Larsson, einer der local heros und mein Gegner,
geht erneut mit. Der Turn bringt einen kleinen Herz,
also kein Grund jetzt aufzuhören – ich checke
erneut. Larsson ebenfalls und jetzt taucht tatsächlich
im River der nötige Pik auf, und das auch noch als
Ass, ich habe einen Flush – und dazu noch eine
unschlagbare Karte. Ich setze weitere 1000 meiner Chips,
vorsichtig, schließlich will ich Larsson jetzt
nicht „verlieren“, er geht mit und ich zeige
ihm triumphierend mein Blatt. Der ist sauer und ich liege
richtig vorn. Und es soll nicht das letzte Mal sein ...
Wir halten fest: KEINE der Top-Hands gespielt, trotzdem
gewonnen, der Patient wurde übermütig. Mit
König/Dame geht es aus der Small Blind (ich muss
nur um 150 Dollar erhöhen) in den Flop, nur
mein Nachbar zur Linken, also der Big Blind, er hält
mit. Dan Glimne hieß der Herr, nicht nur Profi,
sondern auch noch Pokerbuch-Verfasser und Fernsehkommentator.
Konnte das gut gehen? Scherzhaft fragt er, ob ich etwas
auf der Hand habe, gönnerhaft entgegne ich, finde
es heraus. Der Flop bringt mir zumindest das Damenpaar.
Ihm anscheinend nichts und so nehme ich ihm wenigstens
diese 300 in Chips ab und denke sogleich, fallend vor
Hochmut, dass die Veranstalter noch eine Sonderprämie
von 300 Euro ausgelobt haben, für denjenigen, der
einen der 6 Profis vorzeitig nach Hause schickt.
Meine nächste Hand – Zwei/Drei OS (offsuit,
also nicht von einer Farbe) sieht zwar den Flop, aber
auch nicht mehr, weise passe ich und winke meinem Big
Blind hinterher. Dann kommt ein Paar Sechs und das Verhängnis
nimmt seinen Lauf. Leider war es in dem Moment ein positives,
der Lerneffekt dementsprechend eher gering. Kleine Paare
gehören bei Novizen nicht zu den Karten, die man
spielen muss, ich spiele sie trotzdem und ... gewinne.
Im Flop liegt eine weitere Sechs und mein Dreier bleibt
bis zum Schluss die höchste Karte ...
Inzwischen fühle ich mich wie Frank „der Mann
mit dem goldenen Arm“ Sinatra. Die ersten Stunden
sind überstanden, die ersten Spieler scheiden aus,
während sich vor mir eine stattliche Zahl an Chips
auftürmt. Meine Hände sind ruhig, mein Nervenkostüm
gebügelt, das permanente Klappern der Chips habe
ich ausgeblendet, die fragenden Mienen am Tisch sowieso.
Sollen die doch selbst herausfinden, ob ich nun bluffe
oder nicht. Ich fange an, wie die Profis kleine Türme
aus Chips und Träumen zu bauen. Meine Laune steigt
parallel zu den Blinds ... das Mitspielen wird langsam
teurer, aber was habe ich denn zu befürchten? Selbst
wenn ich ab jetzt kein einziges Blatt mehr spiele, ich
wäre höchstwahrscheinlich am nächsten
Tag noch dabei.
Gesagt und ... nicht getan! Mit Ass/Sechs OS gehe ich
ins Spiel und bezahle immerhin schon 600 Dollar, um den
Flop zu sehen. Ein Fehler, wie sich zeigt, denn im Flop
gab es nichts zu sehen. Dafür bekomme ich aber von
nun an auch nichts mehr für mein Big Blind zu sehen,
denn jedes Mal, wenn ich an der Reihe bin, auf „billig“ dabei
zu sein, erhöht einer den Einsatz. Und zwar nicht
irgendeiner, sondern Herr Larsson, den ich am Anfang
mit meinem Flush ausbremste. Jedes Mal. So oft, dass
der Stratege in mir mich beiseite nimmt und meldet: Der
Mann blufft! Der Stratege in mir muss das ja wissen,
warum sonst hätte sich mein Ego in den letzten Stunden
auf das Niveau eines Phil Hellmuth oder Doyle Brunson
aufgebläht, jenen Könnern der Zunft.
"Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen". Ein Zitat
vom großen Philosophen Arthur Schopenhauer und
eines, das sicherlich nicht aufs Pokern gemünzt
war. Was aber den Kern des Spiels trifft, wie kein zweites.
Sind die Karten verteilt, greift eine interessante Kombination
aus Glück (Schicksal), Können und mathematischer
Wahrscheinlichkeit. Ausgestattet mit diesen Konstanten
greife ich zusätzlich noch in den Topf mit Variablen
wie Unvermögen, Kurzsichtigkeit und maßloser
Selbstüberschätzung. Es ist Big Blind Zeit,
400 Dollar, und aus der Tiefe des Raumes starren mich
König/ Bube von Herz an. Wieder kein Blatt, um nach
Hause zu schreiben. Wieder bekomme ich den „Raise“ von
der Gegenseite, alle anderen schmeißen ihre Blätter
weg, ich nicht. Denn jetzt mache ich auf ganz dicke (Poker-)
Hose. Übrigens, inzwischen trage ich meine Sehhilfe
und wirke intellektuell. Ich gehe mit und erkaufe mir
mit weiteren 600 Dollar das Recht auf gute Karten. Der
Flop kommt und mit ihm ein König, nun habe ich nicht
nur ein hohes Paar, sondern auch ein hohes Ross, auf
dem ich sitze. Ich checke. Als er blitzschnell um 3000
Dollar erhöht, geht alles mit mir durch, ich gehe
nicht nur mit, nein, ich erhöhe meinerseits um weitere
5000. Denn ... der blufft ja nur. Stoßgebet an
die Pokergötter: Lass ihn passen. Tatsächlich überlegt
er eine geraume Zeit und ... passt nicht. Der Turn passt
auch nicht, er bringt mich nicht weiter. Ich checke,
er auch. Letzte Karte und auf dem Tisch liegt eigentlich
nichts, was mir Angst machen müsste. Ich schiebe
weitere 2000 in die Tischmitte. Er called. Und dann fährt
er vor Freude vom Sitz, ich innerlich aus der Haut. Ein
Paar Könige gegen ein Paar Könige, nur leider
hatte der Finne mit dem Ass den entscheidenden Kicker,
also die Karte die quasi bei Gleichstand zählt.
Mein Chiphaufen und ich sacken zusammen, wir sind plötzlich
beide ganz lächerlich klein. Von den Mitspielern
gibt es so aufmunternde Sätze wie, „die Hand
hättest du aber auch wirklich nicht spielen müssen.“ So
etwas will man hören ...
In der Pause höre ich mich irgendetwas von „alles
ist vorbei“ stammeln. Pokerass Michael Keiner,
einer der besten deutschen Spieler überhaupt, baut
mich wieder auf. Erwähnt etwas von „Short
Stack“ Strategien, kramt in seinem Erlebnisschrank
und erzählt von damals in Vegas und wie man jetzt
auch mit einer Kombination 10/4 angreifen kann und muss.
Vor allen Dingen aber sagt er, es ist noch nichts verloren.
Eine halbe Stunde später serviert mir das Schicksal
tatsächlich 10/4, natürlich spiele ich die
Hand nicht – meine Eier sind zusammen mit dem hohen
Ross und der dicken Hose längst von den Pokergöttern
beschlagnahmt worden – und muss dann aber mit ansehen,
wie eben genau dieses Blatt gewonnen hätte. Doch
bei mir ist die Luft raus, zweimal kann ich mir die Blinds
noch leisten, dann ist ... Ende.
Tja, und am Ende sind wir nun wieder dort, wo wir am
Anfang waren. Beim „All In“ mit zwei Neunen.
Nicht das schlechteste Blatt, um ein viel beachtetes
Comeback zu starten. Mein verzweifeltes Zappeln am Tellerrand
des Kartenglücks findet wenig Beachtung, nur Jonas
Dalgren erbarmt sich meiner und den verbliebenen Chips
in Höhe von 1400 Dollar. Er called. Er dreht seine
Hand um. Wieder Ass/König! Und findet im Flop sofort
ein weiteres Ass, ich finde bis zum Ende nur noch Schrott.
Ich scheide aus. Als 45. von 57. Ich lächle, schüttle
allen die Hand und schlucke die bittere Niederlage herunter.
Später schlucke ich ein paar Drinks und sehe zu,
wie es meinem neuen Mentor ergeht. Michael Keiner wird
37. Und er verlor mit Ass/König. Schopenhauer hat
Recht.
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