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"Der große Bluff" (Maxim 09/06)
Bei MAXIM zu arbeiten ist schön und gut. Noch besser wäre es, ein paar Milliönchen beim Pokern
zu gewinnen. Unser Autor Jens Fritzenwalder wollte den Jobwechsel wagen und ging bei einem
Profiturnier aufs Ganze
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“I am all in”. Warum mir bei diesen Worten, die jeder Pokerspieler kennt, ausgerechnet die erste Mondlandung in den Sinn kommt, ich weiß es bis heute nicht. Ein kleiner Schritt für mich, ein großer für die Menschheit? Oder wenigstens für die Kartenhausgemeinde?  Warum nicht, schließlich war ich angetreten, Pokerhistorie zu schreiben. Ich sah sie schon vor mir, die Schlagzeilen. „Reporter gewinnt sein allererstes Turnier“ ... „Journalist lehrt gestandenen Profis das Fürchten“ ... „Redakteur räumt ab“. Stattdessen aber sehe ich vor mir einen kläglichen Berg Chips, meine Augen flackern nervös, mein Lächeln ebenso und meine schweißnassen Hände halten die finale „Hand“, die noch einmal alles umbiegen sollte – ein Paar Neunen.
 
„All in ...“, wer denkt da nicht an Las Vegas, an die Pokerweltmeisterschaften, zwei Spieler, Heads up, Mano y Mano, Millionen in Chips auf dem gepflegten Filztischen, ein unbeteiligt wirkender Dealer in gepflegter Uniform und die Hälse Hunderter Zuschauer, die sich neugierig in Richtung Tisch schieben und auf das Aufdecken der Karten warten, wenn es um alles oder um noch mehr geht. An meinem Tisch kommt wenig Vegas-Stimmung auf, längst haben die Pokergötter bei mir ihr Kurzabo gekündigt, eher teilnahmslos blicken meine Konkurrenten auf meine verbliebenen Chips und den sich darin widerspiegelnden kurzen, kometenhaften Aufstieg und anschließenden Crash, in ihren Mienen mischt sich eine Mischung aus Mitleid und die durchaus berechtigte Frage, was denn dieser Poker-Legastheniker hier wohl überhaupt am Tisch zu suchen hat.
 
Eine Frage, die angesichts meiner dürftigen Performance ebenfalls an meinem zerrütteten Nervenkostüm nagt.  Was mache ich überhaupt hier? Dazu muss man wissen, wie ich überhaupt hierher kam. „Hier“ war das Hotel Arkipelag in Mariehamn, der Hauptstadt von Åland (Leser mit Atlanten begegnen Åland als ein Archipel von 6000 Inseln auf halber Strecke zwischen Schweden und Finnland) Die PAF (s. Kasten), ein finnischer Anbieter für Wetten und Casinospiele, schrieb zum zweiten Mal die PAF Poker Challenge aus – ein Turnier, das sich sowohl an Profis wie auch an ambitionierte Freizeitspieler richtet. Oder, wie in meinem Fall, an den unerschütterlichen Reporter mit dem festen Glauben ans eigene Spiel. Denn von Seiten des Veranstalters beschloss man, einem Journalisten die Chance zu geben, an diesem Turnier teilzunehmen, mit fast sechzig Plätzen an den Finaltischen und Preisgeldern von insgesamt 50.000 Euro der Top-Event dieser Art in Nordeuropa. Die Wahl fiel auf erst auf MAXIM und dann auf mich – meine Kollegen schauten sich angesichts schmaler Pokerkenntnisse unentschlossen an, um dann lieber wieder dem Tischfußball zu frönen. Meine Referenzen? Nur die Besten, einen Artikel zum Thema bereits verfasst, seit ca. neun Monaten begeisterter Online-Zocker (bisheriger Erfolg: keiner – deshalb schreibe ich ja auch noch Artikel), zum Höhentraining ein Vorbereitungsturnier im Hard Rock Casino zu Miami als 75. von 186 abgeschlossen, kann es ein besseres Zeugnis geben? Als die PAF dann auch noch freundlicherweise das Startgeld von 1000 Dollar übernahm, gab es für „Cincinnati Fritz“ grünes Licht für die Poker-Mission.
 
An den Filmklassiker mit Steve McQueen von einst hingegen erinnerte wenig. Der Austragungsort war kein verrauchtes Eisenbahnabteil, sondern ein schlichter Konferenzraum, der allerdings hatte zumindest den Charme einer Wartehalle in einem ostdeutschen Bahnhof. Aber hier ging es ja nicht um Ambiente. Und auch nicht um Straight Poker wie damals, No Limit Texas Hold`Em. heißt das Spiel. Die Regeln? Gespielt wird mit 52 Karten. Am Anfang leistet jeder einen blinden Einsatz (Blind), der sich nach der jeweiligen Tischposition des Spielers richtet - der rotierende, so genannte Dealerbutton bestimmt, wer pro Runde dieses "Blind" leisten muss. Oft kommt auch noch ein Grundeinsatz (Ante) hinzu. Dann bekommt jeder Spieler zwei verdeckte Karten (hole cards). Der Spieler zur Linken des Buttons eröffnet den Einsatz. Viermal gibt es für jeden Spieler Gelegenheit, zu setzen. Im Laufe des Spiels werden dann fünf Karten in der Mitte des Tisches aufgedeckt, die als Gemeinschaftskarten für alle zählen. Erst drei - der "Flop". Danach die 4. Karte – der "Turn", zum Schluss die 5. - der" River." Am Ende stehen jedem im Spiel befindlichen Spieler sieben Karten zur Verfügung, aus denen er wieder seine beste Kombination, bestehend aus fünf Karten, bastelt. Denkbar einfach. Dennoch, es ist schwer, beim Pokern alles richtig zu machen. Kinderleicht hingegen der Umkehrschluss: Eine falsche Bewegung und das eigene Spiel stürzt ein, wie das buchstäbliche Kartenhaus.
 
So wie ich die Karten bewegte, möchte ich mich heute noch vom Haus stürzen. Ich hatte eine Strategie, sie war gut ... nur, zu der gehört eben auch, dass man sich an sie hält. Spiel die „Top Hands“ (hohe Paare, dazu noch Ass/König) lautete meine Devise. Konservativ. Keine Experimente. Ball und Gegner abwarten, vorsichtiges Pressing, um in einem Metier zu wildern, von dem ich ebenfalls wenig verstehe. Das Ziel? Carpe Diem oder, leicht abgewandelt, überstehe den ersten Tag – das Turnier war auf ein Wochenende angelegt – denn dann hast du auch mehr zu schreiben. Dachte ich.
 
Viel versprechend geht es los. Die Blinds sind anfangs mit 100/200 angesetzt, Antes wären noch Meinung der Experten erst Stunden später auf mich zugekommen. Abwarten. Die ersten Hände lasse ich passieren, bis ich mich irgendwann mit König/Vier von Pik im Big Blind wieder finde. Es gibt nur einen einzigen „Call“ (also einer, der mitgeht). Ich checke und treffe im Flop auf zwei weitere Pik. Chance auf einen Flush, ich wittere Morgenluft, werfe erstmals die Strategie über Bord und riskiere 500 Dollar von meinen 10.000 Dollar Startguthaben. Christer Larsson, einer der local heros und mein Gegner, geht erneut mit. Der Turn bringt einen kleinen Herz, also kein Grund jetzt aufzuhören – ich checke erneut. Larsson ebenfalls und jetzt taucht tatsächlich im River der nötige Pik auf, und das auch noch als Ass, ich habe einen Flush – und dazu noch eine unschlagbare Karte. Ich setze weitere 1000 meiner Chips, vorsichtig, schließlich will ich Larsson jetzt nicht „verlieren“, er geht mit und ich zeige ihm triumphierend mein Blatt. Der ist sauer und ich liege richtig vorn. Und es soll nicht das letzte Mal sein ...
 
Wir halten fest: KEINE der Top-Hands gespielt, trotzdem gewonnen, der Patient wurde übermütig. Mit König/Dame geht es aus der Small Blind (ich muss nur um 150 Dollar  erhöhen) in den Flop, nur mein Nachbar zur Linken, also der Big Blind, er hält mit. Dan Glimne hieß der Herr, nicht nur Profi, sondern auch noch Pokerbuch-Verfasser und Fernsehkommentator. Konnte das gut gehen? Scherzhaft fragt er, ob ich etwas auf der Hand habe, gönnerhaft entgegne ich, finde es heraus. Der Flop bringt mir zumindest das Damenpaar. Ihm anscheinend nichts und so nehme ich ihm wenigstens diese 300 in Chips ab und denke sogleich, fallend vor Hochmut, dass die Veranstalter noch eine Sonderprämie von 300 Euro ausgelobt haben, für denjenigen, der einen der 6 Profis vorzeitig nach Hause schickt.
 
Meine nächste Hand – Zwei/Drei OS (offsuit, also nicht von einer Farbe) sieht zwar den Flop, aber auch nicht mehr, weise passe ich und winke meinem Big Blind hinterher. Dann kommt ein Paar Sechs und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Leider war es in dem Moment ein positives, der Lerneffekt dementsprechend eher gering. Kleine Paare gehören bei Novizen nicht zu den Karten, die man spielen muss, ich spiele sie trotzdem und ... gewinne. Im Flop liegt eine weitere Sechs und mein Dreier bleibt bis zum Schluss die höchste Karte ...
 
Inzwischen fühle ich mich wie Frank „der Mann mit dem goldenen Arm“ Sinatra. Die ersten Stunden sind überstanden, die ersten Spieler scheiden aus, während sich vor mir eine stattliche Zahl an Chips auftürmt. Meine Hände sind ruhig, mein Nervenkostüm gebügelt, das permanente Klappern der Chips habe ich ausgeblendet, die fragenden Mienen am Tisch sowieso. Sollen die doch selbst herausfinden, ob ich nun bluffe oder nicht. Ich fange an, wie die Profis kleine Türme aus Chips und Träumen zu bauen. Meine Laune steigt parallel zu den Blinds ... das Mitspielen wird langsam teurer, aber was habe ich denn zu befürchten? Selbst wenn ich ab jetzt kein einziges Blatt mehr spiele, ich wäre höchstwahrscheinlich am nächsten Tag noch dabei.
 
Gesagt und ... nicht getan! Mit Ass/Sechs OS gehe ich ins Spiel und bezahle immerhin schon 600 Dollar, um den Flop zu sehen. Ein Fehler, wie sich zeigt, denn im Flop gab es nichts zu sehen. Dafür bekomme ich aber von nun an auch nichts mehr für mein Big Blind zu sehen, denn jedes Mal, wenn ich an der Reihe bin, auf „billig“ dabei zu sein, erhöht einer den Einsatz. Und zwar nicht irgendeiner, sondern Herr Larsson, den ich am Anfang mit meinem Flush ausbremste. Jedes Mal. So oft, dass der Stratege in mir mich beiseite nimmt und meldet: Der Mann blufft! Der Stratege in mir muss das ja wissen, warum sonst hätte sich mein Ego in den letzten Stunden auf das Niveau eines Phil Hellmuth oder Doyle Brunson aufgebläht, jenen Könnern der Zunft.
 
"Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen". Ein Zitat vom großen Philosophen Arthur Schopenhauer und eines, das sicherlich nicht aufs Pokern gemünzt war. Was aber den Kern des Spiels trifft, wie kein zweites. Sind die Karten verteilt, greift eine interessante Kombination aus Glück (Schicksal), Können und mathematischer Wahrscheinlichkeit. Ausgestattet mit diesen Konstanten greife ich zusätzlich noch in den Topf mit Variablen wie Unvermögen, Kurzsichtigkeit und maßloser Selbstüberschätzung. Es ist Big Blind Zeit, 400 Dollar, und aus der Tiefe des Raumes starren mich König/ Bube von Herz an. Wieder kein Blatt, um nach Hause zu schreiben. Wieder bekomme ich den „Raise“ von der Gegenseite, alle anderen schmeißen ihre Blätter weg, ich nicht. Denn jetzt mache ich auf ganz dicke (Poker-) Hose. Übrigens, inzwischen trage ich meine Sehhilfe und wirke intellektuell. Ich gehe mit und erkaufe mir mit weiteren 600 Dollar das Recht auf gute Karten. Der Flop kommt und mit ihm ein König, nun habe ich nicht nur ein hohes Paar, sondern auch ein hohes Ross, auf dem ich sitze. Ich checke. Als er blitzschnell um 3000 Dollar erhöht, geht alles mit mir durch, ich gehe nicht nur mit, nein, ich erhöhe meinerseits um weitere 5000. Denn ... der blufft ja nur. Stoßgebet an die Pokergötter: Lass ihn passen. Tatsächlich überlegt er eine geraume Zeit und ... passt nicht. Der Turn passt auch nicht, er bringt mich nicht weiter. Ich checke, er auch. Letzte Karte und auf dem Tisch liegt eigentlich nichts, was mir Angst machen müsste. Ich schiebe weitere 2000 in die Tischmitte. Er called. Und dann fährt er vor Freude vom Sitz, ich innerlich aus der Haut. Ein Paar Könige gegen ein Paar Könige, nur leider hatte der Finne mit dem Ass den entscheidenden Kicker, also die Karte die quasi bei Gleichstand zählt. Mein Chiphaufen und ich sacken zusammen, wir sind plötzlich beide ganz lächerlich klein. Von den Mitspielern gibt es so aufmunternde Sätze wie, „die Hand hättest du aber auch wirklich nicht spielen müssen.“ So etwas will man hören ...
 
In der Pause höre ich mich irgendetwas von „alles ist vorbei“ stammeln. Pokerass Michael Keiner, einer der besten deutschen Spieler überhaupt, baut mich wieder auf. Erwähnt etwas von „Short Stack“ Strategien, kramt in seinem Erlebnisschrank und erzählt von damals in Vegas und wie man jetzt auch mit einer Kombination 10/4 angreifen kann und muss. Vor allen Dingen aber sagt er, es ist noch nichts verloren. Eine halbe Stunde später serviert mir das Schicksal tatsächlich 10/4, natürlich spiele ich die Hand nicht – meine Eier sind zusammen mit dem hohen Ross und der dicken Hose längst von den Pokergöttern beschlagnahmt worden – und muss dann aber mit ansehen, wie eben genau dieses Blatt gewonnen hätte. Doch bei mir ist die Luft raus, zweimal kann ich mir die Blinds noch leisten, dann ist  ... Ende.
 
Tja, und am Ende sind wir nun wieder dort, wo wir am Anfang waren. Beim „All In“ mit zwei Neunen. Nicht das schlechteste Blatt, um ein viel beachtetes Comeback zu starten. Mein verzweifeltes Zappeln am Tellerrand des Kartenglücks findet wenig Beachtung, nur Jonas Dalgren erbarmt sich meiner und den verbliebenen Chips in Höhe von 1400 Dollar. Er called. Er dreht seine Hand um. Wieder Ass/König! Und findet im Flop sofort ein weiteres Ass, ich finde bis zum Ende nur noch Schrott. Ich scheide aus. Als 45. von 57. Ich lächle, schüttle allen die Hand und schlucke die bittere Niederlage herunter. Später schlucke ich ein paar Drinks und sehe zu, wie es meinem neuen Mentor ergeht. Michael Keiner wird 37. Und er verlor mit Ass/König. Schopenhauer hat Recht.