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Portrait "Gestatten Estefan. Emilio Estefan" (a&r-Florida 99)
Alle kennen Gloria Estefan. Wir kennen das Geheimnis ihres Erfolges. Jens Fritzenwalder traf Glorias Schatten. Ihren Manager. Der Exilkubaner libanesischer Abstammung ist Miamis Macher. Einer, der den amerikanischen Traum verkörpert: vom Botenjungen zum 200-Millionen-Dollar-Mann.
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Entfernungen sind relativ. Vom Strandabschnitt an der 13. Straße in South Beach bis Kuba sind es ungefähr 150 Kilometer. Für kubanische "boat people" eine Ewigkeit. Jede Woche versuchen sie ihr Glück, vertrauen auf Gottes Gnade und ein Wunder Und auf ein maritimes Himmelfahrtskommando in Flossform. Jede Woche landen die Glücklicheren von ihnen im Gelobten Land.

Die wenigsten allerdings rennen bei der Landung direkt Miamis prominentestem Exilkubaner in die Arme. Wie vor ein paar Wochen eines morgens in Miami Beach. Eine emotionale Begegnung der besonderen Art, schließlich hat Emilio Estefan vor 33 Jahren ebenfalls "rübergemacht". " Zuerst habe ich gar nicht glauben können, was sich da vor meinen Augen abspielt. Alle waren müde und nervös, einige weinten und ihnen war kalt". Estefan ist niemand, der seine Wurzeln vergißt. Einem 14 jährigen Mädchen gibt er sein Sweatshirt und rennt dann ins Cardozo Hotel, um für alle heiße Getränke zu holen. Geld hat er keines dabei, aber das macht nichts. Schließlich ist es seins.

Hotels, Restaurants - und die Musik, das sind die Eckpfeiler des Estefan Imperiums. Auf über 200 Millionen Dollar schätzt Forbes das Vermögen von Estefan Enterprises. "Das ist noch untertrieben", lacht Emilio, ohne mit den wirklichen Zahlen rausrücken zu wollen. Ob nun zehn mehr oder weniger, auf jeden Fall keine schlechte Bilanz für den Sohn eines libanesischen Immigranten aus Santiago de Cuba. Als Castros Jünger die Unterwäschefabrik der Familie konfiszierten, verließ Emilio die karibische Insel. Dreizehn war er damals und gelang über Madrid und einem Studentenvisa zwei Jahre später nach Miami. Zu einer Zeit, als in "the land of the free" Wohnungen noch mit dem Vermerk "keine Kinder, keine Haustiere und keine Kubaner" vermietet wurden.

Viele Neuankömmlinge resignierten angesichts solch offensichtlicher Ressentiments – Emilio hingegen zeigte Biß. Und katapultierte sich von seinem Einstiegsjob bei Bacardi als "Mail Boy" innerhalb von zehn Jahren in den Sessel des Marketingleiters für Südamerika. Seine wahre Leidenschaft jedoch galt immer der Musik. Mit seiner Band, den Miami Latin Boys, tingelte er durch die lokale Barszene, spielte auf Hochzeiten und Parties. Und hätte er 1975 nicht Gloria Fajardo auf einer solchen Hochzeit kennengelernt, vielleicht würde er heute noch Rum verkaufen und im stillen Kämmerlein vor sich herklimpern. Emilio zeigte sich beeindruckt. "Sie hatte eine unerhört warme Stimme. Und sie sang mit einer unglaublichen Aufrichtigkeit." Drei Jahre später waren die beiden selbst verheiratet, wurde aus Gloria Fajardo Gloria Estefan, aus den "Miami Latin Boys" die "Miami Sound Machine" und es begann eine der größten musikalischen Cinderella Stories - mit Hits wie "Dr. Beat", "Conga" oder "Turn the beat around" wurde Gloria zum gefeierten Cross Over Star. Karibisches Temperament und Latino-Stolz meets amerikanisch inszeniertes Entertainment - die Lizenz zum Glück war unterschrieben. Allein Gloria, zunächst mit ihrer Klangmaschine, später solo, brachte über 72 Millionen Schallplatten unter das Volk.

Emilio ist der moderne Midas. Er ist Produzent, Musiker, Komponist, Songwriter und Manager – alles in einer Person. Was der Mann anfaßt, wird zu Gold. Sein Traum, mit seinem Label Crescent Moon eine Art Latin Motown zu schaffen, hat sich längst erfüllt. In den Estefan Studios laufen derzeit mindestens zehn Projekte gleichzeitig. Ob bei ambitionierten Estefan-Eigengewächsen wie Jon Secada, ehemaliger Background-Sänger von Gloria, oder Carlos Ponce, ob bei arrivierten Latino-Popgrößen wie Shakira oder Albita auf der Suche nach einem musikalischen Kurswechsel – überall mischt Emilio mit. Im wahrsten Sinne des Wortes. Durchaus keine Seltenheit den Workaholic des Nächtens mit einer Kanne Cuban Coffee am Mischpult im Studio zu finden. Damit nicht genug – parallel lanciert er die erste Platte von Schauspielerin Jennifer Lopez, sichtet eifrig Drehbücher für eine Fernsehserie, die er entwickelt, öffnet en passant ein neues "Bongo"Restaurant und werkelt an einer Pepsi-Kampagne für Latein Amerika. Und warum tut er das alles? "Es muß mit meiner Immigranten-Mentalität zu tun haben. Ich muß einfach ständig arbeiten. Das Geld brauche ich schon lange nicht mehr. Und", fügt er hinzu, " für mich ist der Erfolg nie eine Selbstverständlichkeit. Niemals."

Wer soviel um die Ohren hat, dem fehlt allerdings auch manchmal der Blick fürs Wesentliche - zum Beispiel für die eigene Frau. In den Crescent Moon Studios erzählt man sich immer wieder gern die Anekdote vom Besuch der Estefans in der Miami Arena zur Vorbereitung eines großen Konzerts. Draußen goß es aus Eimern und Emilio bat seine Frau, unter einer Markise zu warten. Um den Wagen zu holen. Wahrscheinlich würde sie da heute noch stehen, hätte ihn nicht jemand eine Stunde später aus dem Büro angerufen, um ihm zu sagen, daß er seine bessere Hälfte im Regen stehen ließ. Der Mann ist eben "busy". Außer am Sonntag. Der ist ihm heilig und der Familie vorbehalten. Da widmet er sich leichter Gartenarbeit und seinem Töchterchen Emily. Die beiden haben viel zu tun, allein auf der Prominenteninsel Star Island besitzen die Estefans drei Anwesen mit reichlich Grundstück.

Zieht es ihn zurück in seine frühere Heimat, wenn es Castro einmal nicht mehr gibt? Emilio Estefan schaut lange einem der Kreuzschiffe hinterher, die zum Greifen nah direkt vor seinem Haus auslaufen. "Nicht wirklich!"