Entfernungen sind relativ. Vom Strandabschnitt
an der 13. Straße in South Beach bis Kuba sind
es ungefähr 150 Kilometer. Für kubanische
"boat people" eine Ewigkeit. Jede Woche versuchen
sie ihr Glück, vertrauen auf Gottes Gnade und ein
Wunder Und auf ein maritimes Himmelfahrtskommando in
Flossform. Jede Woche landen die Glücklicheren
von ihnen im Gelobten Land.
Die wenigsten allerdings rennen bei der Landung direkt
Miamis prominentestem Exilkubaner in die Arme. Wie vor
ein paar Wochen eines morgens in Miami Beach. Eine emotionale
Begegnung der besonderen Art, schließlich hat
Emilio Estefan vor 33 Jahren ebenfalls "rübergemacht".
" Zuerst habe ich gar nicht glauben können,
was sich da vor meinen Augen abspielt. Alle waren müde
und nervös, einige weinten und ihnen war kalt".
Estefan ist niemand, der seine Wurzeln vergißt.
Einem 14 jährigen Mädchen gibt er sein Sweatshirt
und rennt dann ins Cardozo Hotel, um für alle heiße
Getränke zu holen. Geld hat er keines dabei, aber
das macht nichts. Schließlich ist es seins.
Hotels, Restaurants - und die Musik, das sind die Eckpfeiler
des Estefan Imperiums. Auf über 200 Millionen Dollar
schätzt Forbes das Vermögen von Estefan Enterprises.
"Das ist noch untertrieben", lacht Emilio,
ohne mit den wirklichen Zahlen rausrücken zu wollen.
Ob nun zehn mehr oder weniger, auf jeden Fall keine
schlechte Bilanz für den Sohn eines libanesischen
Immigranten aus Santiago de Cuba. Als Castros Jünger
die Unterwäschefabrik der Familie konfiszierten,
verließ Emilio die karibische Insel. Dreizehn
war er damals und gelang über Madrid und einem
Studentenvisa zwei Jahre später nach Miami. Zu
einer Zeit, als in "the land of the free"
Wohnungen noch mit dem Vermerk "keine Kinder, keine
Haustiere und keine Kubaner" vermietet wurden.
Viele Neuankömmlinge resignierten angesichts solch
offensichtlicher Ressentiments – Emilio hingegen
zeigte Biß. Und katapultierte sich von seinem
Einstiegsjob bei Bacardi als "Mail Boy" innerhalb
von zehn Jahren in den Sessel des Marketingleiters für
Südamerika. Seine wahre Leidenschaft jedoch galt
immer der Musik. Mit seiner Band, den Miami Latin Boys,
tingelte er durch die lokale Barszene, spielte auf Hochzeiten
und Parties. Und hätte er 1975 nicht Gloria Fajardo
auf einer solchen Hochzeit kennengelernt, vielleicht
würde er heute noch Rum verkaufen und im stillen
Kämmerlein vor sich herklimpern. Emilio zeigte
sich beeindruckt. "Sie hatte eine unerhört
warme Stimme. Und sie sang mit einer unglaublichen Aufrichtigkeit."
Drei Jahre später waren die beiden selbst verheiratet,
wurde aus Gloria Fajardo Gloria Estefan, aus den "Miami
Latin Boys" die "Miami Sound Machine"
und es begann eine der größten musikalischen
Cinderella Stories - mit Hits wie "Dr. Beat",
"Conga" oder "Turn the beat around"
wurde Gloria zum gefeierten Cross Over Star. Karibisches
Temperament und Latino-Stolz meets amerikanisch inszeniertes
Entertainment - die Lizenz zum Glück war unterschrieben.
Allein Gloria, zunächst mit ihrer Klangmaschine,
später solo, brachte über 72 Millionen Schallplatten
unter das Volk.
Emilio ist der moderne Midas. Er ist Produzent, Musiker,
Komponist, Songwriter und Manager – alles in einer
Person. Was der Mann anfaßt, wird zu Gold. Sein
Traum, mit seinem Label Crescent Moon eine Art Latin
Motown zu schaffen, hat sich längst erfüllt.
In den Estefan Studios laufen derzeit mindestens zehn
Projekte gleichzeitig. Ob bei ambitionierten Estefan-Eigengewächsen
wie Jon Secada, ehemaliger Background-Sänger von
Gloria, oder Carlos Ponce, ob bei arrivierten Latino-Popgrößen
wie Shakira oder Albita auf der Suche nach einem musikalischen
Kurswechsel – überall mischt Emilio mit.
Im wahrsten Sinne des Wortes. Durchaus keine Seltenheit
den Workaholic des Nächtens mit einer Kanne Cuban
Coffee am Mischpult im Studio zu finden. Damit nicht
genug – parallel lanciert er die erste Platte
von Schauspielerin Jennifer Lopez, sichtet eifrig Drehbücher
für eine Fernsehserie, die er entwickelt, öffnet
en passant ein neues "Bongo"Restaurant und
werkelt an einer Pepsi-Kampagne für Latein Amerika.
Und warum tut er das alles? "Es muß mit meiner
Immigranten-Mentalität zu tun haben. Ich muß
einfach ständig arbeiten. Das Geld brauche ich
schon lange nicht mehr. Und", fügt er hinzu,
" für mich ist der Erfolg nie eine Selbstverständlichkeit.
Niemals."
Wer soviel um die Ohren hat, dem fehlt allerdings auch
manchmal der Blick fürs Wesentliche - zum Beispiel
für die eigene Frau. In den Crescent Moon Studios
erzählt man sich immer wieder gern die Anekdote
vom Besuch der Estefans in der Miami Arena zur Vorbereitung
eines großen Konzerts. Draußen goß
es aus Eimern und Emilio bat seine Frau, unter einer
Markise zu warten. Um den Wagen zu holen. Wahrscheinlich
würde sie da heute noch stehen, hätte ihn
nicht jemand eine Stunde später aus dem Büro
angerufen, um ihm zu sagen, daß er seine bessere
Hälfte im Regen stehen ließ. Der Mann ist
eben "busy". Außer am Sonntag. Der ist
ihm heilig und der Familie vorbehalten. Da widmet er
sich leichter Gartenarbeit und seinem Töchterchen
Emily. Die beiden haben viel zu tun, allein auf der
Prominenteninsel Star Island besitzen die Estefans drei
Anwesen mit reichlich Grundstück.
Zieht es ihn zurück in seine frühere Heimat,
wenn es Castro einmal nicht mehr gibt? Emilio Estefan
schaut lange einem der Kreuzschiffe hinterher, die zum
Greifen nah direkt vor seinem Haus auslaufen. "Nicht
wirklich!"
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