"Musikalisch bin ich am
Ende". Beruflicher Offenbarungseid? Oder
charmantes Kokettieren mit der eigenen Legendenbildung?
Die kleine Sängerin lehnt sich entspannt zurück.
Und lächelt. Schließlich ist die Chronik
des angekündigten - wohlgemerkt künstlerischen
- Todes ein Originalzitat Gloria Estefans. Allerdings
ist es auch gute zwei Jahre alt. Entstanden, als sie
ihr letztes Album Gloria! der Weltpresse vorstellte.
Das musikalische Ende konnte abgewendet werden, denn
im Mai überrascht die Estefan mit ihrer neuesten
Platte "Überrascht" ist das richtige
Wort, allerdings nicht des Erscheinens wegen –
keiner ihrer treuen Fans wird ernsthaft gedacht haben,
Gloria könnte vorzeitig ihre Stimmbänder pensionieren
– sondern inhaltlich. Auf "Alma Caribena"
ist der Name Programm. Wie schon "Mi Tierra"
- eine Hommage an ihre musikalischen Wurzeln. Doch damit
nicht genug. "Das Fundament ist kubanisch, sicher,
aber eingeflochten in jedes der 13 Songs sind die unterschiedlichsten
karibischen Einflüsse, der Bolero, Salsa, Bachata
...". Gloria gerät ins Schwärmen, beschreibt
mit Verve die zahllosen nächtlichen Sessions in
den eigenen Crescent Moon Studios, die Herkunft jedes
einzelnen Songs, das Duett mit José Feliciano.
Es ist ein feiner Grat zwischen ehrlicher Leidenschaft
für den eigenen Beruf und gebetsmühlenartigem
Herunterbeten von PR Formeln. Ausrutschen tut sie nicht.
Ihrem Fazit "gesanglich meine mit Abstand reifste
Leistung", kann man sich kaum verschließen.
Ob sich die Platte ähnlich gut verkauft wie ihre
Vorgänger ist dann schon fast nebensächlich.
"Ich schaue nicht auf die Verkaufszahlen. Für
mich ist eine Platte dann erfolgreich, wenn wir mit
ihr richtig zufrieden sind und die Fans sie mögen."
Sagt die Frau, von der bisher über 80 Millionen
Tonträger über die Ladentische gingen. Zunächst
mit ihrer "Klangmaschine", später solo.
Davon die ein oder andere an Ex -Präsident George
Bush, Kirchenoberhaupt Papst Johannes Paul und, so geht
die Mär, Kubas Oberbanane, Fidel himself. Die unzählige
Auszeichnungen und ein Vermögen von über 250
Millionen Dollar ihr eigen nennen darf. Bescheidenheit
ist eben eine Tugend.
Die Erfolgsstory der Gloria E. ist eine Mixtur aus Julia
Roman und angewandter Betriebswirtschaftslehre. Eine
Melange aus unglaublichen Zufällen und zufälligen
Unglaublichkeiten. Kuba 1957. Das Batista Regime lag
in den letzten Zügen, Fidel Castro auf der Lauer
und Gloria Fajardo in der Wiege. Zwei Jahre später
flüchtete die Familie nach Miami. Zu einer Zeit,
als in "the land of the free" Wohnungen noch
mit dem Vermerk "keine Kinder, keine Haustiere
und keine Kubaner" vermietet wurden. Dankbar für
soviel Gastfreundschaft zog Glorias Vater gleich zweimal
für sein Adoptivland in den Krieg – erst
zur Invasion in die Schweinebucht, später nach
Vietnam. Letzterer Einsatz erntete diverse Auszeichnungen
und die Nachwirkungen des flächendeckend eingesetzten
Unkrautvertilgungsmittels Agent Orange. Tochter Gloria
verbrachte Jahre damit, ihren an den Rollstuhl gefesselten
Vater zu pflegen. Nebenbei zog sie ihre jüngere
Schwester Rebecca groß und begann an der Universität
Miami ein Psychologiestudium. Und nebenbei begann sie
zu singen. Als Ausgleich. Als Katharsis. Vielleicht
wäre es bei gelegentlichen Auftritten auf Parties
oder Bar-Mizwas geblieben. Doch ein gewisser Emilio
Estefan hatte andere Pläne. Emilio, damals noch
mit seiner Combo, den "Miami Latin Boys" und
Gloria trafen sich 1975 auf einer Hochzeit. Der Bandleader
zeigte sich beeindruckt. "Sie hatte eine unerhört
warme Stimme. Und sie sang mit einer unglaublichen Aufrichtigkeit."
Drei Jahre später waren die beiden selbst verheiratet,
wurde aus den "Miami Latin Boys" die "Miami
Sound Machine" und begann eine der größten
musikalischen Cinderella Stories - mit Hits wie "Dr.
Beat", "Conga" oder "Turn the beat
around" wurde Gloria Estefan zum gefeierten Cross
Over Star. Karibisches Temperament und Latino-Stolz
meets perfekt amerikanisch inszeniertes Entertainment
- die Lizenz zum Glück war unterschrieben.
Allerdings auch die zum Unglück. Acht Jahre später
landete sie selber im Rollstuhl - Verdacht auf Querschnittlähmung,
als sie sich bei einem Unfall im Tourbus die Wirbelsäule
brach. Mit zäher Energie, unbändigem Willen
und zwei zwanzig Zentimeter langen Titannägeln
im Rücken, kämpfte sich der kubanische Wirbelwind
zurück ins Rampenlicht. Mit "Coming out of
the dark" feierte sie ein grandioses Comeback.
Als sie 1995, entgegen aller ärztlichen Prognosen,
ihr zweites Kind, Tochter Emily, zur Welt brachte, schien
die Welt endlich in Ordnung. Kurzzeitig war sie das
auch, bis noch im selben Jahr ein Jetskier mit ihrer
Yacht kollidierte und starb. Ist das nicht ein wenig
viel Tragödie für eine Person? "Das Schicksal
läßt keinen aus. Nur in meinem Fall wird
alles immer gleich öffentlich gemacht. Ich hätte
auch enden können wie Christopher Reeves. Ich hatte
Glück und bekam die Chance, von vorn anzufangen.
Und damit auch die Chance, einzusehen, daß vieles
eben nicht selbstverständlich ist."
Gloria Estefan, ein Name synonym für "Miami
Nice" oder "die gute Fee des Pops". Für
die kubanische Immigrantengemeinde ist sie Gallionsfigur
und Sprachrohr gegen Castro. Doch wer glaubt, Gloria
ließe sich beliebig vor jeden politischen Wagen
spannen, der irrt. Die 43 jährige ist hervorragend
informiert und hat eine dezidierte Meinung zu fast allen
Fragen des öffentlichen Leben. Eine Meinung, die
gerade in diesem Frühjahr gefragt ist. Besonders
in der emotional aufgeheizten Atmosphäre in den
exilkubanischen Hochburgen im Süden Floridas. Das
Gerangel um Miamis "First Child" Elian Gonzalez
ist zu einem solchen Politikum mutiert, daß selbst
die rationalen Statements von Miamis "First Lady"
kaum ausreichend Balsam für die kochende Volksseele
sind. "Ich bin eigentlich sehr still – für
kubanische Verhältnisse", erklärt die
Diva lachend. Es muß diese sensible Mischung aus
Temperament und Zurückhaltung sein, die andere
zum Zuhören zwingt. Während der "Camp
Elian Krise" stand sie in Verbindung mit Justizministerin
Reno, besprach sich mit Außenministerin Albright
und trat bei CNN Talkröhre Larry King auf. Vor
zwei Jahren, als der Papstbesuch in Cuba anstand, ließ
sie den Oberhirten unmißverständlich wissen,
daß sie von ihm Druck auf Castro erwartete.
Was macht ein Superstar, wenn er gerade einmal nicht
mit Staatsoberhäuptern konferiert oder eine neue
Platte aufnimmt? Auf keinen Fall stillsitzen! Im Glorianischen
Orbit kreisen jederzeit eine Vielzahl von Projekten.
Nach Prioritäten sortiert - ganz oben: Die Kinder.
Sohn Nayib, inzwischen 20 Jahre alt und hoffnungsvolles
Regietalent für Videoclips studiert an einer Filmhochschule
an der Westküste. Die beiden telefonieren täglich.
Tochter Emily, inzwischen 5 Jahre alt, hält ihre
Mutter genauso durchgehend in Trab, wie ihr persönlicher
Trainer. Parallel zum allmorgendlichen Workout werden
bereits Zahlenkolonnen von Estefan Enterprises verdaut
– Gloria ist en detail mit den Immobilien, Hotel,
Restaurant, Film, Fernsehen und Musikaktivitäten
aus ihrem Haus vertraut. Noch mehr als um ihre 700 Angestellten
kümmert sie sich aber um ihre eigene Karriere.
Zusammen mit N`Sync und Marc Anthony werkelt sie an
einem großen TV Spezial. Hollywood läßt
auch nicht mehr locker. Nach ihrem erfolgreichen Debüt
an der Seite von Merryl Streep in "Music of the
Heart" steht sie erneut vor der Kamera. "Es
ist ein Film über den großen kubanischen
Trompeter Sandoval und dessen mühevoller Flucht
aus Castros Mitte. Ein sehr politisches Stück,
das in den 70er Jahren spielt. Das mit den politischen
Realitäten abrechnet. Mit Andy Garcia in der Hauptrolle."
Wieder dieses Leuchten in den Augen, dieser Verve in
der Stimme – die Frau ist beseelt von ihrer Passion
für ihre "Roots", ob musikalisch oder
politisch. Mit einem Zwickern fügt sie hinzu, daß
" ich wieder diese schrecklichen Glitter- und Polyesterklamotten
aus dieser Zeit tragen muß." Danach steht
Gloria Estefan auf. Lacht. Und geht. Ohne diesmal ein
musikalisches Ende zu apostrophieren. Das freut die
Fans. Fidel auch!
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