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Gloria Estefan "Kubas schöne Stimme" (Max 6/2000)
Die "Miami Sound Machine" ist wieder da: Auf ihrer neuen Platte beschwört Gloria Estefan die verlorene Heimat. MAX hat die Sängerin besucht.
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"Musikalisch bin ich am Ende". Beruflicher Offenbarungseid? Oder charmantes Kokettieren mit der eigenen Legendenbildung? Die kleine Sängerin lehnt sich entspannt zurück. Und lächelt. Schließlich ist die Chronik des angekündigten - wohlgemerkt künstlerischen - Todes ein Originalzitat Gloria Estefans. Allerdings ist es auch gute zwei Jahre alt. Entstanden, als sie ihr letztes Album Gloria! der Weltpresse vorstellte.
Das musikalische Ende konnte abgewendet werden, denn im Mai überrascht die Estefan mit ihrer neuesten Platte "Überrascht" ist das richtige Wort, allerdings nicht des Erscheinens wegen – keiner ihrer treuen Fans wird ernsthaft gedacht haben, Gloria könnte vorzeitig ihre Stimmbänder pensionieren – sondern inhaltlich. Auf "Alma Caribena" ist der Name Programm. Wie schon "Mi Tierra" - eine Hommage an ihre musikalischen Wurzeln. Doch damit nicht genug. "Das Fundament ist kubanisch, sicher, aber eingeflochten in jedes der 13 Songs sind die unterschiedlichsten karibischen Einflüsse, der Bolero, Salsa, Bachata ...". Gloria gerät ins Schwärmen, beschreibt mit Verve die zahllosen nächtlichen Sessions in den eigenen Crescent Moon Studios, die Herkunft jedes einzelnen Songs, das Duett mit José Feliciano. Es ist ein feiner Grat zwischen ehrlicher Leidenschaft für den eigenen Beruf und gebetsmühlenartigem Herunterbeten von PR Formeln. Ausrutschen tut sie nicht. Ihrem Fazit "gesanglich meine mit Abstand reifste Leistung", kann man sich kaum verschließen. Ob sich die Platte ähnlich gut verkauft wie ihre Vorgänger ist dann schon fast nebensächlich. "Ich schaue nicht auf die Verkaufszahlen. Für mich ist eine Platte dann erfolgreich, wenn wir mit ihr richtig zufrieden sind und die Fans sie mögen." Sagt die Frau, von der bisher über 80 Millionen Tonträger über die Ladentische gingen. Zunächst mit ihrer "Klangmaschine", später solo. Davon die ein oder andere an Ex -Präsident George Bush, Kirchenoberhaupt Papst Johannes Paul und, so geht die Mär, Kubas Oberbanane, Fidel himself. Die unzählige Auszeichnungen und ein Vermögen von über 250 Millionen Dollar ihr eigen nennen darf. Bescheidenheit ist eben eine Tugend.

Die Erfolgsstory der Gloria E. ist eine Mixtur aus Julia Roman und angewandter Betriebswirtschaftslehre. Eine Melange aus unglaublichen Zufällen und zufälligen Unglaublichkeiten. Kuba 1957. Das Batista Regime lag in den letzten Zügen, Fidel Castro auf der Lauer und Gloria Fajardo in der Wiege. Zwei Jahre später flüchtete die Familie nach Miami. Zu einer Zeit, als in "the land of the free" Wohnungen noch mit dem Vermerk "keine Kinder, keine Haustiere und keine Kubaner" vermietet wurden. Dankbar für soviel Gastfreundschaft zog Glorias Vater gleich zweimal für sein Adoptivland in den Krieg – erst zur Invasion in die Schweinebucht, später nach Vietnam. Letzterer Einsatz erntete diverse Auszeichnungen und die Nachwirkungen des flächendeckend eingesetzten Unkrautvertilgungsmittels Agent Orange. Tochter Gloria verbrachte Jahre damit, ihren an den Rollstuhl gefesselten Vater zu pflegen. Nebenbei zog sie ihre jüngere Schwester Rebecca groß und begann an der Universität Miami ein Psychologiestudium. Und nebenbei begann sie zu singen. Als Ausgleich. Als Katharsis. Vielleicht wäre es bei gelegentlichen Auftritten auf Parties oder Bar-Mizwas geblieben. Doch ein gewisser Emilio Estefan hatte andere Pläne. Emilio, damals noch mit seiner Combo, den "Miami Latin Boys" und Gloria trafen sich 1975 auf einer Hochzeit. Der Bandleader zeigte sich beeindruckt. "Sie hatte eine unerhört warme Stimme. Und sie sang mit einer unglaublichen Aufrichtigkeit." Drei Jahre später waren die beiden selbst verheiratet, wurde aus den "Miami Latin Boys" die "Miami Sound Machine" und begann eine der größten musikalischen Cinderella Stories - mit Hits wie "Dr. Beat", "Conga" oder "Turn the beat around" wurde Gloria Estefan zum gefeierten Cross Over Star. Karibisches Temperament und Latino-Stolz meets perfekt amerikanisch inszeniertes Entertainment - die Lizenz zum Glück war unterschrieben.
Allerdings auch die zum Unglück. Acht Jahre später landete sie selber im Rollstuhl - Verdacht auf Querschnittlähmung, als sie sich bei einem Unfall im Tourbus die Wirbelsäule brach. Mit zäher Energie, unbändigem Willen und zwei zwanzig Zentimeter langen Titannägeln im Rücken, kämpfte sich der kubanische Wirbelwind zurück ins Rampenlicht. Mit "Coming out of the dark" feierte sie ein grandioses Comeback.

Als sie 1995, entgegen aller ärztlichen Prognosen, ihr zweites Kind, Tochter Emily, zur Welt brachte, schien die Welt endlich in Ordnung. Kurzzeitig war sie das auch, bis noch im selben Jahr ein Jetskier mit ihrer Yacht kollidierte und starb. Ist das nicht ein wenig viel Tragödie für eine Person? "Das Schicksal läßt keinen aus. Nur in meinem Fall wird alles immer gleich öffentlich gemacht. Ich hätte auch enden können wie Christopher Reeves. Ich hatte Glück und bekam die Chance, von vorn anzufangen. Und damit auch die Chance, einzusehen, daß vieles eben nicht selbstverständlich ist."

Gloria Estefan, ein Name synonym für "Miami Nice" oder "die gute Fee des Pops". Für die kubanische Immigrantengemeinde ist sie Gallionsfigur und Sprachrohr gegen Castro. Doch wer glaubt, Gloria ließe sich beliebig vor jeden politischen Wagen spannen, der irrt. Die 43 jährige ist hervorragend informiert und hat eine dezidierte Meinung zu fast allen Fragen des öffentlichen Leben. Eine Meinung, die gerade in diesem Frühjahr gefragt ist. Besonders in der emotional aufgeheizten Atmosphäre in den exilkubanischen Hochburgen im Süden Floridas. Das Gerangel um Miamis "First Child" Elian Gonzalez ist zu einem solchen Politikum mutiert, daß selbst die rationalen Statements von Miamis "First Lady" kaum ausreichend Balsam für die kochende Volksseele sind. "Ich bin eigentlich sehr still – für kubanische Verhältnisse", erklärt die Diva lachend. Es muß diese sensible Mischung aus Temperament und Zurückhaltung sein, die andere zum Zuhören zwingt. Während der "Camp Elian Krise" stand sie in Verbindung mit Justizministerin Reno, besprach sich mit Außenministerin Albright und trat bei CNN Talkröhre Larry King auf. Vor zwei Jahren, als der Papstbesuch in Cuba anstand, ließ sie den Oberhirten unmißverständlich wissen, daß sie von ihm Druck auf Castro erwartete.

Was macht ein Superstar, wenn er gerade einmal nicht mit Staatsoberhäuptern konferiert oder eine neue Platte aufnimmt? Auf keinen Fall stillsitzen! Im Glorianischen Orbit kreisen jederzeit eine Vielzahl von Projekten. Nach Prioritäten sortiert - ganz oben: Die Kinder. Sohn Nayib, inzwischen 20 Jahre alt und hoffnungsvolles Regietalent für Videoclips studiert an einer Filmhochschule an der Westküste. Die beiden telefonieren täglich. Tochter Emily, inzwischen 5 Jahre alt, hält ihre Mutter genauso durchgehend in Trab, wie ihr persönlicher Trainer. Parallel zum allmorgendlichen Workout werden bereits Zahlenkolonnen von Estefan Enterprises verdaut – Gloria ist en detail mit den Immobilien, Hotel, Restaurant, Film, Fernsehen und Musikaktivitäten aus ihrem Haus vertraut. Noch mehr als um ihre 700 Angestellten kümmert sie sich aber um ihre eigene Karriere. Zusammen mit N`Sync und Marc Anthony werkelt sie an einem großen TV Spezial. Hollywood läßt auch nicht mehr locker. Nach ihrem erfolgreichen Debüt an der Seite von Merryl Streep in "Music of the Heart" steht sie erneut vor der Kamera. "Es ist ein Film über den großen kubanischen Trompeter Sandoval und dessen mühevoller Flucht aus Castros Mitte. Ein sehr politisches Stück, das in den 70er Jahren spielt. Das mit den politischen Realitäten abrechnet. Mit Andy Garcia in der Hauptrolle." Wieder dieses Leuchten in den Augen, dieser Verve in der Stimme – die Frau ist beseelt von ihrer Passion für ihre "Roots", ob musikalisch oder politisch. Mit einem Zwickern fügt sie hinzu, daß " ich wieder diese schrecklichen Glitter- und Polyesterklamotten aus dieser Zeit tragen muß." Danach steht Gloria Estefan auf. Lacht. Und geht. Ohne diesmal ein musikalisches Ende zu apostrophieren. Das freut die Fans. Fidel auch!