Begeistert sieht sie nicht aus,
die aktuelle deutsche Nummer 1 im Tenniszirkus.
Haas hadert. Mit sich, seinem Schläger und der
Rückhand, die partout nicht den Weg über das
Netz finden will. Und vielleicht auch mit der Tatsache,
so kurz vor Turnierbeginn noch ein Interview geben zu
müssen. Über den Tennisplätzen des idyllischen
Sonesta Resorts von Key Biscayne ist die Sonne längst
untergegangen, als er endlich das Training abbricht.
Vorbereitung ist eben alles. Und Tommy Haas ist stets
hervorragend vorbereitet. Egal, ob auf das nächste
Match oder das nächste Interview. Hier im südlichen
Florida schickt er sich an, eine weitere Stufe auf dem
Weg zum Tennisolymph zu nehmen. Bis auf Weltranglistenplatz
16 haben ihn die jüngsten Erfolge getragen –
Tendenz steigend. Klar, daß mit jedem Erfolg das
Interesse an dem gebürtigen Hamburger zunimmt.
Haas, der Retter des teutonischen Tennis? Haas, der
neue Becker? Deutschlands Tennishoffnung schüttelt
energisch mit dem Kopf "Man muß es einfach
klar sagen. Einen Boris Becker wird es nicht wieder
geben. Und auch keinen Michael Stich. Auch keinen Michael
Jackson oder Michael Jordan. Es gibt immer wieder neue
Persönlichkeiten. Es gibt vielleicht mal einen
Tommy Haas, der viel erreicht oder einen Nicholas Kiefer.
Es ist eine Ehre mit ihm verglichen zu werden. Aber
Boris ersetzen? Das geht nicht." Eigentlich ziemlich
moderate Töne für einen, dem man noch vor
kurzem maßlose Selbstüberschätzung und
Arroganz vorgeworfen hat. In die Top Ten wollte er vorstoßen
und ein Grand Slam Turnier gewinnen. Haben sich seine
Ziele inzwischen ein wenig relativiert? "Ob ich
die Nr. 1 oder Nr. 5 bin, das interessiert mich überhaupt
nicht. Ich bin sehr glücklich wenn ich gesund bin
und gutes Tennis spielen. Und wenn ich Erfolg habe,
dann bin ich für mich selber zufrieden und nicht
für irgendwelche anderen Leute. Daß ich für
viele Zeitungen immer mehr ein Thema werde, ist völlig
uninteressant." Bei diesen Worten wirkt der 21jährige
gleich um einiges älter. Abgeklärter. Haas,
der die letzten zehn Jahre mehr in Florida als in Europa
verbracht hat, kultiviert eine interessante Mischung
aus amerikanischer Nonchalance und deutscher Gründlichkeit.
Zweifel haben da wenig Platz. Schon gar nicht, wenn
es um den einmal eingeschlagenen Weg geht. "Ich
spiele Tennis seitdem ich sechs Jahre alt bin. Und ich
bereue keinen einzigen Tag. Im Gegenteil, ich bin stolz
darauf, so hart gearbeitet zu haben. Natürlich
hatte ich dadurch nicht soviel Freizeit wie andere."
Und wenn er mehr hätte? Hat eigentlich jemand,
der einen Großteil seines Daseins damit verbringt,
kleine, gelbe Filzkugeln hin und her zu schlagen, Träume?
Die Antwort ist typisch Haas. Und kommt ähnlich
schnell und plaziert wie seine Vorhand. "Ich habe
mir in meinen jungen Jahren schon viele Träume
erfüllen können. Ob das nun mit in einem F16
Kampfjet mitfliegen, Ferrarifahren oder Fallschirmspringen
war." Dann gerät Tommy plötzlich doch
ins Sinnieren. "Ich denke, ein Traum ist sicherlich,
die Frau des Lebens kennenzulernen. Eine mit der man
sich versteht, der man vertraut. Mit der man eine Familie
gründet" Getroffen hat er sie noch nicht.
Er weiß aber schon wie sie aussehen darf. "Ich
mag große Frauen. Typ Cindy Crawford." Da
kann sich also eine gewisse Zahl von Tennis-Groupies
berechtigte Hoffnung machen, denn der Mädchenschwarm
ist zur Zeit bekennender Single. Die Liason mit dem
Fotomodell Linda ist schon wieder passé und auch
Ex-Freundin Olga, mit der er zwar noch regen Kontakt
pflegt, ist nur noch eine Fußnote im Leben des
hektischen Tennis-Stars. Sieht er sich in zehn Jahren
immer noch von Turnier zu Turnier ziehen? "Ich
denke, daß ich dann Kinder haben werden. Wahrscheinlich
verheiratet sein. Irgendwo in Florida ein Haus. Vielleicht
aber auch in Europa. Ich bin mir noch nicht sicher,
wo meine Kinder aufwachsen sollen. Aber dem Tennis werde
ich sicherlich treu bleiben." Bis es soweit ist,
wird sich Tommy sicherlich von einem seiner wenigen
Hobbys verabschieden. Der Mann ist Autonarr. Hat mehrere
Fahrzeuge in der Garage in Bradenton in der Nähe
von Tampa stehen, dort wo er auch eine kleine Zwei-Zimmerwohnung
ganz in der Nähe des Bolletieri-Tenniscamps bewohnt.
"Ich mag schnelle Autos. Ich teste immer wieder
gern neue Autos aus. Solange man jung ist, probiert
man einiges aus. Wenn man dann ein bestimmtes Alter
erreicht hat und Familie und Kinder hat, interessiert
einen das nicht mehr so." Während der letzten
Antwort wippt sein Trainer schon etwas nervös mit
dem Fuß und mahnt zur Eile. Aufbruchstimmung,
schnell noch ein paar Bälle dreschen, bevor das
Flutlicht abgestellt wird. "Ich bin einer, bei
dem alles korrekt sein muß, wo alles stimmen muß.
Einer der sich deshalb auch gern mal beschwert. Die
Leute, die mich gut kennen, meine Familie, mein Coach,
die wissen natürlich, daß ich es gar nicht
so meine. Und eigentlich tue ich es auch nur, um für
Stimmung zu sorgen, um die Leute zum Lachen zu bringen
Ich bin eigentlich ein lockerer Typ. Man muß viel
Lachen. Und die Sache nicht zu Ernst nehmen." Haas
steht auf, bedankt sich artig, wünscht noch einen
guten Abend. Und lächelt dabei das erste Mal.
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