Manny Manny Puig hat ein Hobby.
Er reitet. Wie Millionen anderer Menschen auch.
Doch während der gemeine Reiter aus Passion meist
ein Pferd oder vielleicht auch einmal ein Kamel sattelt,
besteigt Manny lieber einen Alligator. Oder einen Hammerhai.
Sättel gibt es dafür nicht. Mit bloßen
Händen packt er Finne, Flosse, Schwanz oder was
er sonst zwischen die Finger bekommt – und los
geht’s.
Das muß als allererstes einmal die Frage aufwerfen,
ob Manny noch weiß, wo der Hammer hängt.
Weiß er’s? Ein Besuch fast am südlichsten
Zipfel Floridas klärt dieses und andere Rätsel.
Den US 1 Richtung Key West bis zum Mile Marker 28 auf
Little Torch Key, einmal rechts auf die State Road 4,
noch einmal rechts auf die Mills Road, durch ein verrostetes
Tor – und man fährt mitten rein in ein eklektisches
Durcheinander aus Mangroven, Palmen und einer Reihe
windschiefer Häuschen und Boote, die nach dem letzten
großen Hurrikan noch immer einer Generalüberholung
harren. Es dürfte schwierig werden, auf den Florida
Keys eine Stelle zu finden, an der man sich weiter von
der Zivilisation verabschieden kann. Passend zum natürlichen
Ambiente, der Bewohner. Manny sieht ein bißchen
so aus, wie frisch vom Baum gepflückt. Ungefähr
1,85 Meter groß, wallende, leicht ergraute Mähne
– der Mann ist 45 – fusseliger Bart, Muskeln
wie ein Zehnkämpfer und ein Blick, der keiner Fliege
etwas zu Leide tun könnte. Tut er auch nicht. Insekten
sind sowieso nicht seine Leidenschaft und alle anderen
Tiere, mit denen er sich eingelassen hat, haben die
Reiterspiele schadlos überstanden.
"Schon als ich klein war, galt mein Interesse
den Tieren. Andere Kinder gingen Baseball spielen, ich
lieber einen Alligator oder eine Klapperschlange fangen".
Er erzählt das mit einer Nonchalance, als sei die
Reptilienjagd die probateste Freizeitbeschäftigung
für Jugendliche zwischen 5 und 15. Geboren wurde
Manny auf Kuba, seine Familie hegt heute noch einen
Anspruch auf 54.000 Hektar Waldgebiet – ein Areal
ungefähr von der Größe des Bodensees.
Ob Manny jemals in den Besitz dieses Grundstücks
kommt ist eher ungewiß. Mit sechs Jahren verließ
er im Schlepptau seiner Mutter und drei Schwestern Havanna,
seinen Vater, einen treuen Batista Anhänger, ließ
Castro hinrichten. Den Hang zur Natur konnte auch der
Umzug nach Florida nicht trüben. Im Gegenteil.
Gastspiele an Schule oder später am College hatten
Seltenheitswert, Erwachsenwerden hieß für
ihn nicht, möglichst viele Mädels, sondern
möglichst große Alligatoren zu fassen zu
kriegen. Klar, daß Manny nicht im Büro, sondern
im Wasser landete. Er wurde Harpunenfischer.
Ein Landwirt hat einen modernen Trecker im Stall und
spannt lieber den Ochsen vor den Karren. So in etwa
verhält sich das Fischen mit der Harpune zu effizienteren
Fangmethoden. Idealismus und die Abneigung zu Netzen
und Angeln in allen Ehren, am Ende des Tages tauchte
Manny meist mit drei Dingen auf. Wenig Fisch, wenig
Geld und viel Ärger. Besonders mit Ehefrau und
Vermieter. Berufskollegen wie Mark Rackley ging es da
nicht anders. Über 15 Jahren kennen sich die beiden
und seitdem Mark die Harpune mit einer Unterwasserkamera
getauscht hat, fischen sie finanziell längst nicht
mehr im Trüben. Manny voran, Mark einen Flossenschlag
dahinter. Zusammen haben sie Unterwasseraufnahmen eingefangen,
die jeden Normalsterblichen den Atem anhalten lassen.
Keine Tricks, kein doppelter Boden, alle Tiere sind
echt. Keine Sauerstoffflasche. Free Diver wie Manny
können die Luft bis zu fünf Minuten anhalten.
Was macht den Reiz aus, einem vier Meter langen Hammerhai
an den Hammer zu fassen? Wieso hüpft man in einen
Sumpf, dessen trübe Brühe weniger als 50 Zentimeter
Sicht gestattet, paddelt dann so lange umher, bis man
vis á vis einem drei Meter langem Alligator gegenüberliegt.
Um den dann sanft hochzuheben? "Es ist eine Herausforderung,
ganz klar. Es ist aber auch der Wunsch, der Öffentlichkeit
zu zeigen, daß wir mit diesen gefährlichen
Kreaturen in Harmonie leben können." Daß
die vielgepriesene Koexistenz durchaus Grenzen hat,
sieht man an Mannys Extremitäten. Gleich der erste
Hai quittierte die wohlgemeinte Zutraulichkeit mit einem
herzhaften Biß in den Oberschenkel. Und hinterließ
ein Souvenir in Form einer sechzig stichigen Narbe.
"Close calls" nennen die beiden das. Beinah-Katastrophen..
Warum es bisher gottseidank immer bei dem "beinah"
blieb, hat einen guten Grund. Eigentlich zwei. Ein unerschütterliches
Vertrauen in den Allmächtigen und in die eigene
Unverwundbarkeit.. Manny klingt alles andere als wie
ein religiöser Ereiferer, wenn er sagt: "Zwischen
dem was wir tun und Gott gibt es eine Verbindung. Wir
sind alles Gottes Geschöpfe und es die Aufgabe
von uns Menschen, uns anderer, gefährdeter, Kreaturen
anzunehmen." Der Glaube versetzt also nicht nur
Berge, sondern auch Haie und Alligatoren. In eine Art
Trance. Mit einer Technik, die sie "Soft Touch"
getauft haben, gelingt es Manny, die gefährlichen
Beutejäger in einen Zustand völliger Passivität
zu manövrieren. Dabei wird er dann studiert und
markiert. Die Reaktion der wissenschaftliche Gemeinde
auf dieses bizarre Naturschauspiel ist zwiespältig.
Und Manny ist über deren Haltung kreuzunglücklich.
"Sie schätzen unsere Arbeit nicht. Renommierte
Meeresbiologen fabulieren über "unseriöse"
Eingriffe in die Natur. Was aber ist mit Tauchern, die
sich im Namen der Wissenschaft in einen Anzug aus Eisen
klemmen und Haie füttern, in dem sie sich einen
Fisch in den Mund stecken. Ist das Wissenschaft?"
Vielleicht ist es auch einfach nur blanker Neid –
denn bisher sind derartige Techtelmechtel mit Hammerhaien
einzigartig. Und das soll auch so bleiben. Unisono lautet
die Message der beiden Tauchkameraden: "Don`t try
this at home!" Was soviel heißen soll wie
"Finger weg von diesen Tieren"! In Mannys
Repertoire stecken 25 Jahre Erfahrung – und selbst
das schützt vor immer neuen Verletzungen nicht.
Letzte Frage. What`s next? Beide grinsen und wieder
kommt die Antwort wie aus einem Munde "The Great
White – der weiße Hai"!
Ist Manny, sind beide verrückt? Mark lächelt
und blickt selig in den Fernseher, wo Manny gerade vom
Boot springt und auf einem Zitronenhai landet. "Verrückt?
Ich lebe seit 30 Jahren in den Keys. Hier kenne ich
mich aus. In einer Bar in Miami herumzuhängen und
dort vielleicht angeschossen werden. DAS nenne ich verrückt".
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