"Helmut raucht weiter" (Penthouse 03/08)
Das waren noch Zeiten, als Helmut Schmidt ganz offiziell auf dem Bundespresseball schnupfte und schmauchte. Heuer wird der verdiente Altkanzler wegen Körperverletzung angezeigt von aufmüpfigen Nichtrauchern, weil er und seine Loki weiter quarzen. Der irre Raucher-Krieg hat begonnen.

 

„No sports!“ Die Frage nach seinem hohen Alter wusste Winston Churchill stets mit dem Verweis auf reduzierte Leibesertüchtigung zu parieren. Dazu noch ein anständiges Verhältnis aus Whisky und Zigarren, der berühmte Elder Statesman genoss das Leben und war bis 92 am Zug. Helmut Schmidt, sein hanseatisches Pendant mit gleicher staatsmännischer Ausstrahlung, schickt sich an, eventuell am Mann von der Insel vorbeizuziehen. Der Altkanzler schmökt sich unbeirrt seinem hundertsten Geburtstag entgegen und gönnt sich, eher widerwillig, nur dann eine Rauchpause, wenn er am offenen Herzen repariert wird. Sport? Er soll mal beim Rasenmähen abgelichtet worden sein. Beim Tabakgenuss hingegen zeigt der Mann Ausdauer, siebzig lange Jahre hält er bereits Glimmstängel und Schnupftabak die Treue – das entspricht in etwa der doppelten Lebenserwartung eines Mannes aus dem Swaziland, eines nichtrauchenden. Rauchen ist also gesund? Mitnichten.

Nicht von ungefähr steht sie weltweit auf der Kippe: Die Zigarette. Der globale Feldzug der Gesundheits-Ajatollahs wider dem Lungenkrebs, er feiert Teilsiege an allen Fronten. Im eigentlich liberalen Kalifornien ließ der Gouvernator Schwarzenegger einen Gesetzesentwurf auf kommunaler Ebene passieren, der das Rauchen in Mietshäusern untersagt, Arnie selbst zog zum Zigarrenschmauchen vom Regierungssitz ins Raucherzelt. In Sydney werden manche Mietverträge neuerdings nur dann abgeschlossen, wenn man sich als Nichtraucher zu erkennen gibt. In den Bars des altehrwürdigen Hotel George V in Paris reicht man nun statt einer leckeren Cohiba eine optisch als „echt“ durchgehende Zigarre aus feinster Schokolade – mit 17 Euro immerhin billiger als das Original aus Tabak. Und im Merkelland steht seit Anbeginn des Jahres die Anti-Raucher Front geschlossener denn je. Mit Kneipen und Restaurants fallen die letzten Bastionen, stigmatisiert und desillusioniert stehen nun bekennende Nikotin-Freunde auf der Straße, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Weg in den Untergrund, er ist vorprogrammiert. Dass sich dabei viele gegängelt fühlen, ihr Recht auf Selbstbestimmung runtergebrannt, wie die Stummel ihrer glimmenden Sargnägel, das muss man verstehen, Gesundheitsrisiken hin oder her.

Einer der das tut, ist Helmut Schmidt. Anarchist im Angesicht des totalen Verbots. Freigeist im Labyrinth der Kleingeister. Die Grabrede auf die Freizügigkeit der Lunge, sie scheint längst gehalten, doch darauf pfeift der Senior, pafft da öffentlichkeitswirksam gegenan und bietet Paroli. Mit einer Mischung aus Andacht und Wehmut schaut dann der entmündigte Bürger, der nun zum Rauchen in den Keller geht, auf die öffentlichen Auftritte seines Helden, dieses vermeintlichen Advokat des ungesunden Geschmacks, der vielleicht sachlich falsch, aber sonst noch lange nicht in den letzten Zügen liegt. Quo vadis, alter Mann, wohin rauchst du? Ein Greis als Rebell, in dessen altersschwachen Lungenflügel der Feinstaub Abertausender Zigaretten, gleichzeitig aber die Hoffnungen der Raucher- und Tabaklobby nistet. Denn, wie räsonierte der Kanzler a.D. unlängst in die Fernsehkameras, ketterauchend natürlich? „Mit dem Rauchverbot werde es kommen wie mit der Prohibition, irgendwann werde es wieder aufgehoben.“ Das Orakel selbst will so lange natürlich nicht warten und erraucht sich selig seine Freiräume. Um ihn und seine Dunstschwaden herum wird beflissen missioniert, er selbst dampft unbehelligt davon. Und hinterlässt als besondere Rauchzeichen in seiner Heimpostille ZEIT noch eine Rubrik mit dem Titel „Auf eine Zigarettenlänge mit Helmut Schmidt“. So viel Impertinenz, das imponiert auch dem Wahlvolk, unlängst kürte eine Forsa-Umfrage die graumelierte Eminenz zwar nicht zum Kanzler in spe, aber immerhin zum coolsten deutschen Kerl, mit 27 Prozent verwies er Til Schweiger und den Kaiser Franz auf die Plätze

Qualmst du noch, oder stirbst du schon? Die amerikanischen Komödie „Thank you for smoking“ nährte sich letztes Jahr dem Thema mit raucherlungenschwarzem Humor. Lecker-würzig und ohne Filter ist hier das scheinbar Böse – ein PR-Sprachrohr von Big Tobacco – am Zug. Ein Mann, „der nicht an das Rauchen glaubt, aber daran, dass jeder die Freiheit haben sollte zu rauchen“, so Regisseur Jason Reitman. Sein Film? Kein moralisches Umerziehungswerk, sondern ein zynisches Plädoyer für die freie Entscheidung des Einzelnen und die Verantwortung für das eigene Tun. Paradoxerweise brennt in dem Streifen nur eine einzige Zigarette und die auch nur kurz – in einem Filmausschnitt versucht John Wayne eine zu rauchen und wird dabei erschossen.

Wenn auch sicher unfreiwillig wird Helmut Schmidt so etwas wie der rauchende Hoffnungsträger. Last man smoking. Zur Jahreswende sah man ihn, zusammen mit Ehefrau Loki, in einer eigentlich rauchfreien Zone ihrem räucherndem Naschwerk frönen: Dem Winterhuder Fährhaus, einem Theater in Hamburg. Während andere zum Rauchen in die kalte Januarnacht hinauskomplimentiert wurden, reichte man den beiden Senioren gefälligst einen Aschenbecher. Worauf hin kurz darauf Spaßbremsen von der Wiesbadener Nichtraucher-Initiative eine Klage wegen Körperverletzung gegen das Ehepaar einreichten. Die hielt sich ungefähr so lange wie eine Packung Marlboro im Schmidtschen Haushalt, sie wurde schon am nächsten Tag abgewiesen. Was er sich denn für das kommende Jahr vornehme, wurde Helmut S. noch gefragt. Der inhalierte kurz. „Vor allem gesund zu bleiben!“