„No sports!“ Die Frage
nach seinem hohen Alter wusste Winston Churchill stets
mit dem Verweis auf reduzierte Leibesertüchtigung
zu parieren. Dazu noch ein anständiges Verhältnis
aus Whisky und Zigarren, der berühmte Elder Statesman
genoss das Leben und war bis 92 am Zug. Helmut Schmidt,
sein hanseatisches Pendant mit gleicher staatsmännischer
Ausstrahlung, schickt sich an, eventuell am Mann von
der Insel vorbeizuziehen. Der Altkanzler schmökt
sich unbeirrt seinem hundertsten Geburtstag entgegen
und gönnt sich, eher widerwillig, nur dann eine
Rauchpause, wenn er am offenen Herzen repariert wird.
Sport? Er soll mal beim Rasenmähen abgelichtet
worden sein. Beim Tabakgenuss hingegen zeigt der Mann
Ausdauer, siebzig lange Jahre hält er bereits
Glimmstängel und Schnupftabak die Treue – das
entspricht in etwa der doppelten Lebenserwartung eines
Mannes aus dem Swaziland, eines nichtrauchenden. Rauchen
ist also gesund? Mitnichten.
Nicht von ungefähr steht sie weltweit auf der
Kippe: Die Zigarette. Der globale Feldzug der Gesundheits-Ajatollahs
wider dem Lungenkrebs, er feiert Teilsiege an allen
Fronten. Im eigentlich liberalen Kalifornien ließ der
Gouvernator Schwarzenegger einen Gesetzesentwurf auf
kommunaler Ebene passieren, der das Rauchen in Mietshäusern
untersagt, Arnie selbst zog zum Zigarrenschmauchen
vom Regierungssitz ins Raucherzelt. In Sydney werden
manche Mietverträge neuerdings nur dann abgeschlossen,
wenn man sich als Nichtraucher zu erkennen gibt. In
den Bars des altehrwürdigen Hotel George V in
Paris reicht man nun statt einer leckeren Cohiba eine
optisch als „echt“ durchgehende Zigarre
aus feinster Schokolade – mit 17 Euro immerhin
billiger als das Original aus Tabak. Und im Merkelland
steht seit Anbeginn des Jahres die Anti-Raucher Front
geschlossener denn je. Mit Kneipen und Restaurants
fallen die letzten Bastionen, stigmatisiert und desillusioniert
stehen nun bekennende Nikotin-Freunde auf der Straße,
im wahrsten Sinne des Wortes. Der Weg in den Untergrund,
er ist vorprogrammiert. Dass sich dabei viele gegängelt
fühlen, ihr Recht auf Selbstbestimmung runtergebrannt,
wie die Stummel ihrer glimmenden Sargnägel, das
muss man verstehen, Gesundheitsrisiken hin oder her.
Einer der das tut, ist Helmut Schmidt. Anarchist im
Angesicht des totalen Verbots. Freigeist im Labyrinth
der Kleingeister. Die Grabrede auf die Freizügigkeit
der Lunge, sie scheint längst gehalten, doch darauf
pfeift der Senior, pafft da öffentlichkeitswirksam
gegenan und bietet Paroli. Mit einer Mischung aus Andacht
und Wehmut schaut dann der entmündigte Bürger,
der nun zum Rauchen in den Keller geht, auf die öffentlichen
Auftritte seines Helden, dieses vermeintlichen Advokat
des ungesunden Geschmacks, der vielleicht sachlich
falsch, aber sonst noch lange nicht in den letzten
Zügen liegt. Quo vadis, alter Mann, wohin rauchst
du? Ein Greis als Rebell, in dessen altersschwachen
Lungenflügel der Feinstaub Abertausender Zigaretten,
gleichzeitig aber die Hoffnungen der Raucher- und Tabaklobby
nistet. Denn, wie räsonierte der Kanzler a.D.
unlängst in die Fernsehkameras, ketterauchend
natürlich? „Mit dem Rauchverbot werde es
kommen wie mit der Prohibition, irgendwann werde es
wieder aufgehoben.“ Das Orakel selbst will so
lange natürlich nicht warten und erraucht sich
selig seine Freiräume. Um ihn und seine Dunstschwaden
herum wird beflissen missioniert, er selbst dampft
unbehelligt davon. Und hinterlässt als besondere
Rauchzeichen in seiner Heimpostille ZEIT noch eine
Rubrik mit dem Titel „Auf eine Zigarettenlänge
mit Helmut Schmidt“. So viel Impertinenz, das
imponiert auch dem Wahlvolk, unlängst kürte
eine Forsa-Umfrage die graumelierte Eminenz zwar nicht
zum Kanzler in spe, aber immerhin zum coolsten deutschen
Kerl, mit 27 Prozent verwies er Til Schweiger und den
Kaiser Franz auf die Plätze
Qualmst du noch, oder stirbst du schon? Die amerikanischen
Komödie „Thank you for smoking“ nährte
sich letztes Jahr dem Thema mit raucherlungenschwarzem
Humor. Lecker-würzig und ohne Filter ist hier
das scheinbar Böse – ein PR-Sprachrohr von
Big Tobacco – am Zug. Ein Mann, „der nicht
an das Rauchen glaubt, aber daran, dass jeder die Freiheit
haben sollte zu rauchen“, so Regisseur Jason
Reitman. Sein Film? Kein moralisches Umerziehungswerk,
sondern ein zynisches Plädoyer für die freie
Entscheidung des Einzelnen und die Verantwortung für
das eigene Tun. Paradoxerweise brennt in dem Streifen
nur eine einzige Zigarette und die auch nur kurz – in
einem Filmausschnitt versucht John Wayne eine zu rauchen
und wird dabei erschossen.
Wenn auch sicher unfreiwillig wird Helmut Schmidt so
etwas wie der rauchende Hoffnungsträger. Last
man smoking. Zur Jahreswende sah man ihn, zusammen
mit Ehefrau Loki, in einer eigentlich rauchfreien Zone
ihrem räucherndem Naschwerk frönen: Dem Winterhuder
Fährhaus, einem Theater in Hamburg. Während
andere zum Rauchen in die kalte Januarnacht hinauskomplimentiert
wurden, reichte man den beiden Senioren gefälligst
einen Aschenbecher. Worauf hin kurz darauf Spaßbremsen
von der Wiesbadener Nichtraucher-Initiative eine Klage
wegen Körperverletzung gegen das Ehepaar einreichten.
Die hielt sich ungefähr so lange wie eine Packung
Marlboro im Schmidtschen Haushalt, sie wurde schon
am nächsten Tag abgewiesen. Was er sich denn für
das kommende Jahr vornehme, wurde Helmut S. noch gefragt.
Der inhalierte kurz. „Vor allem gesund zu bleiben!“
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