Es schneit weiter
und zwar kräftig. Doch ist es Niederschlag der besonderen Art, er hilft
weder gegen Global Warming noch bei Schneearmut im
Wintersportgebiet. Er schlägt sich statt auf dem
Straßenzustandsbericht in Studien der deutschen
Sucht- und Therapieinstituten nieder. Und was sagen
diese Studien? Wir haben alle die Nase voll und zwar
kräftig. Wir sind on line! Was hier leise vor
sich hinrieselt, hat Dimensionen angenommen, die entweder
bagatellisiert oder schlichtweg verkannt wurden. Die
Reihen fester geschlossen denn je, marschiert der Deutsche über
die weiße Auslegeware! Die Frage nach Verbrauch
und Verbraucher fördert Erstaunliches zu Tage.
In vino veritas? Da sicherlich auch, doch hat die Forschungsriege
des Nürnberger Instituts für Biomedizinische
und Pharmazeutische Forschung (IBMP), die Wahrheit
irgendwo hinter der Klospülung ausgemacht. Genauer:
Im Abwasser, das sich durch Millionen deutscher Fallrohre
den Weg zum nächsten Klärwerk freischwimmt.
Getreu dem alten Kohlschen Kanzlermotto, wichtig ist,
was hinten raus kommt, gönnten sich die schlauen
Franken einen kräftigen Schluck aus der Kloake
und entnahmen ihr wertvolle Hinweise auf das Konsumverhalten
der schniefenden Bürgerschaft. Benzoylecgonin,
kurz BE, heißt die im Wasser nachgewiesene Substanz,
ein Abfallprodukt von im menschlichen Körper abgebauten
Kokain. Und über dessen Konzentration protokollierten
die Spürhunde für das Jahr 2005 einen Verbrauch
von sportlichen 11 Tonnen Koks. Die freilich bezog
sich auf nicht einmal die Hälfte aller Deutschen,
statistisch erfasst wurden jene 38.5 Millionen Bürger,
deren Stuhl auf längeren Umwegen irgendwann einmal
den Rhein auf Höhe des Düsseldorfer Klärwerks
passierte. Die Statistiker schickten flugs noch folgende
Kombinatorik hinterher: Etwa 23 Millionen Einwohner
im Rhein-Main Einzugsgebiet rangieren zwischen 18 und
59 Jahren, sozusagen das Kokain-Zielgruppenalter. Von
denen bekannten sich etwa 184.000 Nasen zur gelegentlichen
Schlittenfahrt. Teilten sich die tatsächlich jene
11 Tonnen, so würden pro Nase täglich 16
Lines á 25 Milligramm aufgesogen – außer
Christoph Daum oder Michel Friedmann würde das
medizinisch auf Dauer kaum jemand überleben. Und
leisten könnte es sich wahrscheinlich außer
den beiden auch niemand – da ging Coke im Wert
von 1.64 Milliarden Euro den Bach runter. "Sind
die Ergebnisse des IBMP korrekt, dann liegt die tatsächliche
Zahl der Kokainkonsumenten offensichtlich deutlich über
den bisherigen Annahmen", ließ deshalb auch
Roland Simon vom Münchner Institut für Therapieforschung
(IFT) verlauten. Die Bayern beliefern die Bundesregierung
und die EU mit den deutschen Kokainkonsum-Statistiken.
Ergo lässt das Zahlenwerk nur einen Schluss zu:
Es koksen weit mehr Menschen als zunächst angenommen.
Aber wer?
Fassen wir uns also an die eigene Nase – der
ein oder andere Leser findet dort eine mittlerweile
sehr elastische Nasenscheidenwand, nicht wahr? Herrschaften,
20 Tonnen per anno – hochgerechnet auf das gesamtdeutsche
Hoheitsgebiet – die können ja nicht alle
beim typischen Klientel aus Werbern, Bankern oder Schicki
und Micki aus den Hochburgen der High-Society hängen
geblieben sein. Sind sie auch nicht. Nach jüngsten
Erkenntnissen der EBDD (Europäische Beobachtungsstelle
für Drogen und Drogensucht) ist Koks auf dem besten
Wege, Massendroge zu werden, um satte 30 Prozent soll
im europäischen Durchschnitt der Kokain-Konsum
in nur einem Jahr gestiegen sein. Und mittendrin statt
nur dabei, die gesamte Palette soziodemographischer
Teilnehmer. Professor Reinhard Haller vom Institut
für Suchtforschung der Universität Innsbruck
befand dazu schon 2006 lapidar: „Das sind Menschen
wie Du und Ich“ und meint damit Konsumenten gehobenen
Alters, mit teils angesehenen Berufen, die nach außen
ein grundsolides Leben führen. Eine Erkenntnis,
die nicht nur in Österreich galt. Vor allen Dingen
aber eine, die heute aktueller denn je ist.
Was aber führte vom gelegentlichen Schneegestöber
zu immer häufigeren Abgängen massiver Blow-Lawinen?
In erster Linie vielleicht das Funktionieren einfachster
Marktgesetze, eine große Nachfrage trifft auf
ein noch größeres Angebot, die Preise purzeln,
der Preis für ein Gramm Kokain ist inzwischen
auf einem eher bürgernahen Niveau von bundesdurchschnittlichen
50 Euro angekommen. Oder: Die Line kostet zwischen
1 und 5 Euro, dafür gibt es nicht einmal Wodka-Red
Bull. Dazu kommt sicher noch das Wegfallen von Zollkontrollen
und anderen Grenzformalitäten, nie war die staatenübergreifende
Distribution von illegalen Substanzen leichter als
heute. Längst hat Koks Ecstasy als Partydroge
den Rang abgelaufen, nur Cannabis rangiert jetzt noch
vor dem „Columbian Marching Powder“. Doch
die chemische Keule ist längst nicht nur beim
Feiern auf dem Vormarsch, nach dem Motto, „Unser
täglich Koks gib uns heute“ treten viele
Mitbürger ungepudert nicht mehr in die Mühlen
des Alltags. Über die geringen Kosten werden immer
mehr Berührungsängste abgebaut, Neugier obsiegt,
das Abhängigkeitspotential gilt immer nur für
die anderen, die Partydroge mutiert zur Leistungsdroge.
Kokain hilft, dem gesellschaftlichen Performance Druck
standzuhalten, Ärzte, Apotheker, Anwälte,
alle stehen sie unter Strom. Die Angst, den hohen beruflichen
Ansprüchen nicht zu entsprechen, lässt so
auch unseren Nachbarn aus der so genannten Mittelschicht
zu „Kokainisten“, also Kokskonsumenten,
werden.
Was darf sich der gelegentliche Konsument erhoffen?
Psychotherapeut Wolfgang Götz vom Verein für
ambulante Drogentherapie "Kokon" in Kreuzberg
drückt es eher nüchtern aus. "Kokain
wirkt direkt auf das Belohnungszentrum des Gehirns
und regt die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin
an." Ob gelegentlicher Proband oder hektischer
Dauer-User, jeder weiß was gemeint ist. Ein kräftiger
Zug durch die Nase und schon nach wenigen Minuten stellt
sich die Wirkung ein, über die Nasenschleimhäute
fährt das Gift in die Blutbahnen, wenig später
laufen dann sämtliche biochemischen Glücksbringer
Amok unter der Schädeldecke, das Ego wird überlebensgroß,
das Gemächt hart wie Kruppstahl. Diese Transformation "suggeriert
dem Konsumenten, ein extrem gutaussehender, höchst
eloquenter Nobelpreisträger mit der sexuellen
Anziehungskraft eines schwarzen Loches zu sein." So
anschaulich bilanzierte Schriftsteller Walter Moers
(„Das kleine Arschloch“) seine (?) Erfahrungen.
Diese euphorische Gondelei in ein Paralleluniversum
dauert bestenfalls wenige Stunden, dann wird aus der
Berg- eine Talfahrt, aus dem Kick ein Crash. Mit fatalen
Nebenwirkungen, kaum lässt die Wirkung des Stoffs
nach, entsteht Gier nach mehr – pharmakologisch
ist Kokain die Droge mit dem höchsten Suchtpotential.
Wissenschaftler von der Universität Camerino,
Italien wollen bewiesen haben, dass schon eine einzige
Nase abhängig machen kann. Kaum verpufft das drogeninduzierte
Feuerwerk im Kleinhirn, bahnen sich Unruhe und Verzweiflung
ihren Weg. Und das ist nur der Anfang. Längerfristiger
Konsum quittiert der Körper mit einer Symptomatik,
die von epileptischen Anfällen bis hin zu Verengungen
der Herzkranzgefäße mit Infarktgefahr reichen.
Wie man nun dieser Gefahr Herr wird? Gar nicht erst
anfangen, so in etwa lautet Binsenweisheit Nummer 1.
Und wenn doch, dann hält man es vielleicht so
wie Drogen-Altmeister Keith Richards. Der Mix macht's!
Der Rolling Stone soll in einem Interview gestanden
haben, die Urne seines eingeäscherten Vaters geschnupft
zu haben, zusammen mit ein wenig Kokain. Vielleicht
ist das ja die gesündere Mischung.
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