"Ein Volk von Koksern" (Penthouse 06/08)
Das Land der Dichter und Denker – Ein Volk verschnupfter Junkies, die dem
kolumbianischen Marschierpulver verfallen sind? Der PENTHOUSE-Drogen-Report

 

Es schneit weiter und zwar kräftig. Doch ist es Niederschlag der besonderen Art, er hilft weder gegen Global Warming noch bei Schneearmut im Wintersportgebiet. Er schlägt sich statt auf dem Straßenzustandsbericht in Studien der deutschen Sucht- und Therapieinstituten nieder. Und was sagen diese Studien? Wir haben alle die Nase voll und zwar kräftig. Wir sind on line! Was hier leise vor sich hinrieselt, hat Dimensionen angenommen, die entweder bagatellisiert oder schlichtweg verkannt wurden. Die Reihen fester geschlossen denn je, marschiert der Deutsche über die weiße Auslegeware! Die Frage nach Verbrauch und Verbraucher fördert Erstaunliches zu Tage.

In vino veritas? Da sicherlich auch, doch hat die Forschungsriege des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP), die Wahrheit irgendwo hinter der Klospülung ausgemacht. Genauer: Im Abwasser, das sich durch Millionen deutscher Fallrohre den Weg zum nächsten Klärwerk freischwimmt. Getreu dem alten Kohlschen Kanzlermotto, wichtig ist, was hinten raus kommt, gönnten sich die schlauen Franken einen kräftigen Schluck aus der Kloake und entnahmen ihr wertvolle Hinweise auf das Konsumverhalten der schniefenden Bürgerschaft. Benzoylecgonin, kurz BE, heißt die im Wasser nachgewiesene Substanz, ein Abfallprodukt von im menschlichen Körper abgebauten Kokain. Und über dessen Konzentration protokollierten die Spürhunde für das Jahr 2005 einen Verbrauch von sportlichen 11 Tonnen Koks. Die freilich bezog sich auf nicht einmal die Hälfte aller Deutschen, statistisch erfasst wurden jene 38.5 Millionen Bürger, deren Stuhl auf längeren Umwegen irgendwann einmal den Rhein auf Höhe des Düsseldorfer Klärwerks passierte. Die Statistiker schickten flugs noch folgende Kombinatorik hinterher: Etwa 23 Millionen Einwohner im Rhein-Main Einzugsgebiet rangieren zwischen 18 und 59 Jahren, sozusagen das Kokain-Zielgruppenalter. Von denen bekannten sich etwa 184.000 Nasen zur gelegentlichen Schlittenfahrt. Teilten sich die tatsächlich jene 11 Tonnen, so würden pro Nase täglich 16 Lines á 25 Milligramm aufgesogen – außer Christoph Daum oder Michel Friedmann würde das medizinisch auf Dauer kaum jemand überleben. Und leisten könnte es sich wahrscheinlich außer den beiden auch niemand – da ging Coke im Wert von 1.64 Milliarden Euro den Bach runter. "Sind die Ergebnisse des IBMP korrekt, dann liegt die tatsächliche Zahl der Kokainkonsumenten offensichtlich deutlich über den bisherigen Annahmen", ließ deshalb auch Roland Simon vom Münchner Institut für Therapieforschung (IFT) verlauten. Die Bayern beliefern die Bundesregierung und die EU mit den deutschen Kokainkonsum-Statistiken. Ergo lässt das Zahlenwerk nur einen Schluss zu: Es koksen weit mehr Menschen als zunächst angenommen. Aber wer?

Fassen wir uns also an die eigene Nase – der ein oder andere Leser findet dort eine mittlerweile sehr elastische Nasenscheidenwand, nicht wahr? Herrschaften, 20 Tonnen per anno – hochgerechnet auf das gesamtdeutsche Hoheitsgebiet – die können ja nicht alle beim typischen Klientel aus Werbern, Bankern oder Schicki und Micki aus den Hochburgen der High-Society hängen geblieben sein. Sind sie auch nicht. Nach jüngsten Erkenntnissen der EBDD (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht) ist Koks auf dem besten Wege, Massendroge zu werden, um satte 30 Prozent soll im europäischen Durchschnitt der Kokain-Konsum in nur einem Jahr gestiegen sein. Und mittendrin statt nur dabei, die gesamte Palette soziodemographischer Teilnehmer. Professor Reinhard Haller vom Institut für Suchtforschung der Universität Innsbruck befand dazu schon 2006 lapidar: „Das sind Menschen wie Du und Ich“ und meint damit Konsumenten gehobenen Alters, mit teils angesehenen Berufen, die nach außen ein grundsolides Leben führen. Eine Erkenntnis, die nicht nur in Österreich galt. Vor allen Dingen aber eine, die heute aktueller denn je ist.

Was aber führte vom gelegentlichen Schneegestöber zu immer häufigeren Abgängen massiver Blow-Lawinen? In erster Linie vielleicht das Funktionieren einfachster Marktgesetze, eine große Nachfrage trifft auf ein noch größeres Angebot, die Preise purzeln, der Preis für ein Gramm Kokain ist inzwischen auf einem eher bürgernahen Niveau von bundesdurchschnittlichen 50 Euro angekommen. Oder: Die Line kostet zwischen 1 und 5 Euro, dafür gibt es nicht einmal Wodka-Red Bull. Dazu kommt sicher noch das Wegfallen von Zollkontrollen und anderen Grenzformalitäten, nie war die staatenübergreifende Distribution von illegalen Substanzen leichter als heute. Längst hat Koks Ecstasy als Partydroge den Rang abgelaufen, nur Cannabis rangiert jetzt noch vor dem „Columbian Marching Powder“. Doch die chemische Keule ist längst nicht nur beim Feiern auf dem Vormarsch, nach dem Motto, „Unser täglich Koks gib uns heute“ treten viele Mitbürger ungepudert nicht mehr in die Mühlen des Alltags. Über die geringen Kosten werden immer mehr Berührungsängste abgebaut, Neugier obsiegt, das Abhängigkeitspotential gilt immer nur für die anderen, die Partydroge mutiert zur Leistungsdroge. Kokain hilft, dem gesellschaftlichen Performance Druck standzuhalten, Ärzte, Apotheker, Anwälte, alle stehen sie unter Strom. Die Angst, den hohen beruflichen Ansprüchen nicht zu entsprechen, lässt so auch unseren Nachbarn aus der so genannten Mittelschicht zu „Kokainisten“, also Kokskonsumenten, werden.

Was darf sich der gelegentliche Konsument erhoffen? Psychotherapeut Wolfgang Götz vom Verein für ambulante Drogentherapie "Kokon" in Kreuzberg drückt es eher nüchtern aus. "Kokain wirkt direkt auf das Belohnungszentrum des Gehirns und regt die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin an." Ob gelegentlicher Proband oder hektischer Dauer-User, jeder weiß was gemeint ist. Ein kräftiger Zug durch die Nase und schon nach wenigen Minuten stellt sich die Wirkung ein, über die Nasenschleimhäute fährt das Gift in die Blutbahnen, wenig später laufen dann sämtliche biochemischen Glücksbringer Amok unter der Schädeldecke, das Ego wird überlebensgroß, das Gemächt hart wie Kruppstahl. Diese Transformation "suggeriert dem Konsumenten, ein extrem gutaussehender, höchst eloquenter Nobelpreisträger mit der sexuellen Anziehungskraft eines schwarzen Loches zu sein." So anschaulich bilanzierte Schriftsteller Walter Moers („Das kleine Arschloch“) seine (?) Erfahrungen. Diese euphorische Gondelei in ein Paralleluniversum dauert bestenfalls wenige Stunden, dann wird aus der Berg- eine Talfahrt, aus dem Kick ein Crash. Mit fatalen Nebenwirkungen, kaum lässt die Wirkung des Stoffs nach, entsteht Gier nach mehr – pharmakologisch ist Kokain die Droge mit dem höchsten Suchtpotential. Wissenschaftler von der Universität Camerino, Italien wollen bewiesen haben, dass schon eine einzige Nase abhängig machen kann. Kaum verpufft das drogeninduzierte Feuerwerk im Kleinhirn, bahnen sich Unruhe und Verzweiflung ihren Weg. Und das ist nur der Anfang. Längerfristiger Konsum quittiert der Körper mit einer Symptomatik, die von epileptischen Anfällen bis hin zu Verengungen der Herzkranzgefäße mit Infarktgefahr reichen.

Wie man nun dieser Gefahr Herr wird? Gar nicht erst anfangen, so in etwa lautet Binsenweisheit Nummer 1. Und wenn doch, dann hält man es vielleicht so wie Drogen-Altmeister Keith Richards. Der Mix macht's! Der Rolling Stone soll in einem Interview gestanden haben, die Urne seines eingeäscherten Vaters geschnupft zu haben, zusammen mit ein wenig Kokain. Vielleicht ist das ja die gesündere Mischung.