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Lifestyle "Latina Mania" (GQ 8/2000)
Die Girls mit der kaffeebraunen Haut sind die neuen Sex-Symbole. Der Run auf Kuba, auf Zigarren und die Musik des Buena Vista Social Clubs macht sie plötzlich so begehrlich - mit Recht, wie Sie hier sehen...
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Eine hinreißende Figur. Ein blendendes Lachen. Ein sinnlicher Mund. Und ein telegener Name. Beste Voraussetzungen also für den Start zu einer erfolgreichen Hollywoodkarriere. Rita Cansino wird genau so gedacht haben. Wer mochte sich da an der Tatsache stören, daß einem die flotte Rita ein wenig Spanisch vorkam? Ganz einfach – alle! Jedenfalls zu Beginn der 40er Jahre. Der falsche Genpool bedeutete für viele das Karriere-Aus. Nicht so für Rita. Die besann sich ihrer irischen Wurzeln mütterlicherseits, färbte sich die Haare rot und nannte sich fortan ... Rita Hayworth. Der Rest ist Geschichte.

Hayworth Odyssee durch das gringoregierte Establishment Hollywoods ist mehr als fünfzig Jahre alt. Hat sich inzwischen die Situation für Latinos und Latinas in der Schaltzentrale des Show Business verbessert? Sie hat, wenngleich mit der Trägheit eines mexikanischen Eselskarren. Die unsterblich gebliebenen Songs des bei einem Flugzeugabsturz viel zu früh verstorbenen Richie Valens, die ungebrochene Popularität von Grammy-Abräumer Carlos Santana und seiner Band, die 70 Millionen verkaufte Alben von Exil-Kubanerin Gloria Estefan, die Latin Combo Los Lobos, die in dem Film "La Bamba" den gleichnamigen Song zu eben jenen Richie Valens intonierten, ja selbst der nachhaltige Erfolg der Weichspielnummern von Spaniens Vorzeigebarde Julio Iglesias (und die seiner Söhne Enrique und Julio Jr.). Sie alle stehen stellvertretend für den kulturellen Tribut, die die anglo-amerikanische Mehrheit seiner hispanischen Minderheit zaghaft zu zollen bereit ist. Daß diese Anerkennung speziell in den letzten Jahren zu einer ausgewiesenen "Latin-Mania", "Latin-Explosion" oder "Latin-Hysterie" hochstilisiert wurde, hat zwei Gründe. Einen demographischen. Und einen traurigen.

Selena Quintanella Perez, Musikhörigen besser bekannt als Selena oder Queen of Tejano, jener eklektischen Mischung aus Polka, Pop, Country und Blues, die durch mexikanische Einwanderer in der texanischen Rio Grande Region populär wurde, starb am 31. März 1995. Sie wurde von der durchgeknallten Präsidentin einer ihrer Fanclubs erschossen. Sie wurde 24. Und erreichte nicht annähernd den Zenit ihres Könnens. Seit Beginn der 90er erlebte Selena und ihre Musik eine stetig steigende Zahl an Anhänger. Den endgültigen Cross Over Erfolg hin zu einem mehr weißen Publikum hingegen erlebte nur ihre Musik, aus Selena, der Tex-Mex-Ikone wurde posthum die Lichtgestalt hispanischer Selbstbestimmung- und Besinnung. Und Hollywood wäre nicht Hollywood, hätte man an dieser Transformation nicht kräftig mitgewirkt. Schon wenige Monate nach ihrer Beerdigung begannen die Dreharbeiten zu "Selena", der Verfilmung ihrer (kurzen) Lebensgeschichte. In der Hauptrolle: Jennifer Lopez.

Latinos auf dem Vormarsch – ein Phänomen, das auch und gerade im Spiegel der sich stetig wandelnden demographischen Verhältnisse interpretiert werden muß. Der Anteil der hispanischen Bevölkerung ist auf über 36 Millionen angewachsen. Das sind mehr als 15 Prozent des amerikanischen "Melting Pots". Wichtiger noch. In fünf Jahren wird sie die Schwarzen als wichtigste ethnische Minorität ablösen. Selena, aber auch Gloria Estefan standen lange als alleinige Amazonen des "klassischen" lateinamerikanischen Selbstbewußtseins. Nicht zuletzt deshalb, weil die Grenzen, in denen "latin culture" definiert wird oder definiert werden darf, ähnlich elastisch sind, wie ein Taco Bell Burrito (und der ist eine ur-amerikanische Erfindung!). Was also ist Latino-Kultur? Wo fängt sie an, wo hört sie?

Es gibt keine eindeutige Definition. Kann es nicht geben. Denn je nach Sicht der Dinge beschränkt sich der hispanische Einfluß auf weniger als drei Länder oder Nationen auf bis zu zwei Kontinenten. Allein in Mittel- und Südamerika tummeln sich 22 Länder, die sich alle Spanisch als Muttersprache teilen, dazu kommt noch das portugiesische Brasilien und die karibischen Inselkulturen wie Kuba, Puerto Rico und die Domenikanische Republik sowie als historischer Knotenpunkt die iberische Halbinsel. Der Begriff "Latin" geht in jedem Fall weit über das sprachliche Erbe hinaus. Es ist kollektiver Lebensstil genauso wie vibrierende kulturelle Energie, die die Welt und die sich in ihrem Orbit Befindlichen im allgemeinen als sehr emotional und offenherzig betrachtet. Una manera de ser – ein Zustand des Seins, wie der Pulitzer Preis Träger Oscar Hijuelos befand.

Je großzügiger die Auslegung des Begriffs "Latina" , desto großzügiger der Kreis der Teilnehmerinnen. Neben so bekannten Damen wie Lopez oder auch der mexikanischen Salma Hayek fallen dann Namen wie die der Pop-Veteranin Mariah Carey oder Pop-Nympchen Christina Aguilera. Bei beiden stammt wenigstens ein Elternteil aus Südamerika, bei beiden hapert es aber gewaltig bei der Beherrschung des Spanischen. Kein Problem mit der Sprache hat Schauspiel-Entdeckung Penelope Cruz. Sie stammt aus Madrid. Shakira, kolumbianischer Liederexport und eines der heißesten Eisen beim Crescent Mon Label von Musikmogul Emilio Estefan wiederum hat Probleme mit der Diktion ihres Gastlandes. Als unbestrittene Latina gilt freilich Daisy Fuentes, ehemaliger MTV VJ, Revlon Cover Girl und TV Moderatorin. Sie wurde in Havanna geboren und kam dann über den Umweg Spanien als Teenager in die Vereinigten Staaten. Und beherrscht beide Sprachen. Ebenfalls ein wenig auf der Latin-Trendwelle surfen die ehemalige Prince-Muse Carmen Electra und Jennifer Esposito, Michael J. Fox rechte Hand in der TV Serie "Chaos City". Das spanische Fotomodell Esther Canades trat genauso einen Triumphzug durch alle Modegazetten dieser Welt an, wie vorher ihre Kollegin Christy Turlington. Und die fährt bei jeder Gelegenheit zu ihrer Mutter. Nach El Salvador.

Zurück zu Jennifer Lopez. Und hin zu dem Phänomen, warum sich die Latinas untereinander längst nicht immer grün sind. Für die in der Bronx geborene Tochter puertoricanischer Einwanderer war die Rolle der Selena wie auf den Leib geschrieben. Jennifer bekam für die Darstellung der verstorbenen Sängerin beste Kritiken und schnappte sich eine Golden Globe Nominierung. Danach schnappte sie ein wenig über. In einem mittlerweile fast legendär gewordenen Interview mit der Kinofachzeitung "Movieline" vor zwei Jahren nahm sie kein Blatt vor den Mund und stellte eine Reihe, teilweise auch arriviertere, Kolleginnen in die Senke. Darunter, neben Winona Ryder, Gwyneth Paltrow, Claire Danes auch Salma Hayek, der sie gerade einmal die Rolle einer dümmlichen Sexbombe zubilligte. Hayek konterte, in dem sie Lopez den wirklichen Latina Status absprach, weil diese aus New York stamme und keinen Satz in Spanisch unfallfrei über die Lippen bekäme. Überhaupt hegt und pflegt die feurige Mexikanerin ihre ureigene Meinung über den vielzitierten Latin-Hype im Filmgewerbe. "Alles Bullshit. Schließlich arbeiten doch nur zwei Leute mit englischsprachigen Akzent. Das bin ich. Und das ist Antonio Banderas. Alle anderen haben zwar auch einen Akzent. Aber nur wenn sie Spanisch sprechen. Wie eben Jennifer Lopez." In die gleiche Kerbe haut auch Daisy Fuentes. Auf die Frage was sie denn von dem Erfolg solcher Latina-Klangkörper wie Christina Aguilera hält, antwortete sie: "Ich wußte gar nicht, daß sie eine Latina sei."

Kurzum, bei den "echten" Latinas schwingt viel Stolz über das kulturelle Erbe mit. Bei den "vermeidlichen" Latinas herrscht hingegen eher so etwas wie gepflegte Ignoranz. Kein Wunder, schließlich haben sie sich in den allermeisten Fällen nicht selbst in die Diskussion ob Latina oder nicht eingebracht. Kommerziell, da herrscht unisono Übereinstimmung, haben die Ladies die Zeichen der Zeit erkannt – Carey, Aguilera und auch Lopez werkeln derzeit an einem spanischsprachigen Album. Einigkeit regiert auch in der Frage, welcher Mann in die Kiste kommt. Carey, Fuentes und Hayek haben dabei schon einmal den gleichen Herrn durchprobiert. Sein Name: Luis Miguel. Auch bekannt als "Latino-Elvis".