Eine hinreißende Figur. Ein blendendes
Lachen. Ein sinnlicher Mund. Und ein telegener Name.
Beste Voraussetzungen also für den Start zu einer
erfolgreichen Hollywoodkarriere. Rita Cansino wird genau
so gedacht haben. Wer mochte sich da an der Tatsache
stören, daß einem die flotte Rita ein wenig
Spanisch vorkam? Ganz einfach – alle! Jedenfalls
zu Beginn der 40er Jahre. Der falsche Genpool bedeutete
für viele das Karriere-Aus. Nicht so für Rita.
Die besann sich ihrer irischen Wurzeln mütterlicherseits,
färbte sich die Haare rot und nannte sich fortan
... Rita Hayworth. Der Rest ist Geschichte.
Hayworth Odyssee durch das gringoregierte Establishment
Hollywoods ist mehr als fünfzig Jahre alt. Hat
sich inzwischen die Situation für Latinos und Latinas
in der Schaltzentrale des Show Business verbessert?
Sie hat, wenngleich mit der Trägheit eines mexikanischen
Eselskarren. Die unsterblich gebliebenen Songs des bei
einem Flugzeugabsturz viel zu früh verstorbenen
Richie Valens, die ungebrochene Popularität von
Grammy-Abräumer Carlos Santana und seiner Band,
die 70 Millionen verkaufte Alben von Exil-Kubanerin
Gloria Estefan, die Latin Combo Los Lobos, die in dem
Film "La Bamba" den gleichnamigen Song zu
eben jenen Richie Valens intonierten, ja selbst der
nachhaltige Erfolg der Weichspielnummern von Spaniens
Vorzeigebarde Julio Iglesias (und die seiner Söhne
Enrique und Julio Jr.). Sie alle stehen stellvertretend
für den kulturellen Tribut, die die anglo-amerikanische
Mehrheit seiner hispanischen Minderheit zaghaft zu zollen
bereit ist. Daß diese Anerkennung speziell in
den letzten Jahren zu einer ausgewiesenen "Latin-Mania",
"Latin-Explosion" oder "Latin-Hysterie"
hochstilisiert wurde, hat zwei Gründe. Einen demographischen.
Und einen traurigen.
Selena Quintanella Perez, Musikhörigen besser
bekannt als Selena oder Queen of Tejano, jener eklektischen
Mischung aus Polka, Pop, Country und Blues, die durch
mexikanische Einwanderer in der texanischen Rio Grande
Region populär wurde, starb am 31. März 1995.
Sie wurde von der durchgeknallten Präsidentin einer
ihrer Fanclubs erschossen. Sie wurde 24. Und erreichte
nicht annähernd den Zenit ihres Könnens. Seit
Beginn der 90er erlebte Selena und ihre Musik eine stetig
steigende Zahl an Anhänger. Den endgültigen
Cross Over Erfolg hin zu einem mehr weißen Publikum
hingegen erlebte nur ihre Musik, aus Selena, der Tex-Mex-Ikone
wurde posthum die Lichtgestalt hispanischer Selbstbestimmung-
und Besinnung. Und Hollywood wäre nicht Hollywood,
hätte man an dieser Transformation nicht kräftig
mitgewirkt. Schon wenige Monate nach ihrer Beerdigung
begannen die Dreharbeiten zu "Selena", der
Verfilmung ihrer (kurzen) Lebensgeschichte. In der Hauptrolle:
Jennifer Lopez.
Latinos auf dem Vormarsch – ein Phänomen,
das auch und gerade im Spiegel der sich stetig wandelnden
demographischen Verhältnisse interpretiert werden
muß. Der Anteil der hispanischen Bevölkerung
ist auf über 36 Millionen angewachsen. Das sind
mehr als 15 Prozent des amerikanischen "Melting
Pots". Wichtiger noch. In fünf Jahren wird
sie die Schwarzen als wichtigste ethnische Minorität
ablösen. Selena, aber auch Gloria Estefan standen
lange als alleinige Amazonen des "klassischen"
lateinamerikanischen Selbstbewußtseins. Nicht
zuletzt deshalb, weil die Grenzen, in denen "latin
culture" definiert wird oder definiert werden darf,
ähnlich elastisch sind, wie ein Taco Bell Burrito
(und der ist eine ur-amerikanische Erfindung!). Was
also ist Latino-Kultur? Wo fängt sie an, wo hört
sie?
Es gibt keine eindeutige Definition. Kann es nicht geben.
Denn je nach Sicht der Dinge beschränkt sich der
hispanische Einfluß auf weniger als drei Länder
oder Nationen auf bis zu zwei Kontinenten. Allein in
Mittel- und Südamerika tummeln sich 22 Länder,
die sich alle Spanisch als Muttersprache teilen, dazu
kommt noch das portugiesische Brasilien und die karibischen
Inselkulturen wie Kuba, Puerto Rico und die Domenikanische
Republik sowie als historischer Knotenpunkt die iberische
Halbinsel. Der Begriff "Latin" geht in jedem
Fall weit über das sprachliche Erbe hinaus. Es
ist kollektiver Lebensstil genauso wie vibrierende kulturelle
Energie, die die Welt und die sich in ihrem Orbit Befindlichen
im allgemeinen als sehr emotional und offenherzig betrachtet.
Una manera de ser – ein Zustand des Seins, wie
der Pulitzer Preis Träger Oscar Hijuelos befand.
Je großzügiger die Auslegung des Begriffs
"Latina" , desto großzügiger der
Kreis der Teilnehmerinnen. Neben so bekannten Damen
wie Lopez oder auch der mexikanischen Salma Hayek fallen
dann Namen wie die der Pop-Veteranin Mariah Carey oder
Pop-Nympchen Christina Aguilera. Bei beiden stammt wenigstens
ein Elternteil aus Südamerika, bei beiden hapert
es aber gewaltig bei der Beherrschung des Spanischen.
Kein Problem mit der Sprache hat Schauspiel-Entdeckung
Penelope Cruz. Sie stammt aus Madrid. Shakira, kolumbianischer
Liederexport und eines der heißesten Eisen beim
Crescent Mon Label von Musikmogul Emilio Estefan wiederum
hat Probleme mit der Diktion ihres Gastlandes. Als unbestrittene
Latina gilt freilich Daisy Fuentes, ehemaliger MTV VJ,
Revlon Cover Girl und TV Moderatorin. Sie wurde in Havanna
geboren und kam dann über den Umweg Spanien als
Teenager in die Vereinigten Staaten. Und beherrscht
beide Sprachen. Ebenfalls ein wenig auf der Latin-Trendwelle
surfen die ehemalige Prince-Muse Carmen Electra und
Jennifer Esposito, Michael J. Fox rechte Hand in der
TV Serie "Chaos City". Das spanische Fotomodell
Esther Canades trat genauso einen Triumphzug durch alle
Modegazetten dieser Welt an, wie vorher ihre Kollegin
Christy Turlington. Und die fährt bei jeder Gelegenheit
zu ihrer Mutter. Nach El Salvador.
Zurück zu Jennifer Lopez. Und hin zu dem Phänomen,
warum sich die Latinas untereinander längst nicht
immer grün sind. Für die in der Bronx geborene
Tochter puertoricanischer Einwanderer war die Rolle
der Selena wie auf den Leib geschrieben. Jennifer bekam
für die Darstellung der verstorbenen Sängerin
beste Kritiken und schnappte sich eine Golden Globe
Nominierung. Danach schnappte sie ein wenig über.
In einem mittlerweile fast legendär gewordenen
Interview mit der Kinofachzeitung "Movieline"
vor zwei Jahren nahm sie kein Blatt vor den Mund und
stellte eine Reihe, teilweise auch arriviertere, Kolleginnen
in die Senke. Darunter, neben Winona Ryder, Gwyneth
Paltrow, Claire Danes auch Salma Hayek, der sie gerade
einmal die Rolle einer dümmlichen Sexbombe zubilligte.
Hayek konterte, in dem sie Lopez den wirklichen Latina
Status absprach, weil diese aus New York stamme und
keinen Satz in Spanisch unfallfrei über die Lippen
bekäme. Überhaupt hegt und pflegt die feurige
Mexikanerin ihre ureigene Meinung über den vielzitierten
Latin-Hype im Filmgewerbe. "Alles Bullshit. Schließlich
arbeiten doch nur zwei Leute mit englischsprachigen
Akzent. Das bin ich. Und das ist Antonio Banderas. Alle
anderen haben zwar auch einen Akzent. Aber nur wenn
sie Spanisch sprechen. Wie eben Jennifer Lopez."
In die gleiche Kerbe haut auch Daisy Fuentes. Auf die
Frage was sie denn von dem Erfolg solcher Latina-Klangkörper
wie Christina Aguilera hält, antwortete sie: "Ich
wußte gar nicht, daß sie eine Latina sei."
Kurzum, bei den "echten" Latinas schwingt
viel Stolz über das kulturelle Erbe mit. Bei den
"vermeidlichen" Latinas herrscht hingegen
eher so etwas wie gepflegte Ignoranz. Kein Wunder, schließlich
haben sie sich in den allermeisten Fällen nicht
selbst in die Diskussion ob Latina oder nicht eingebracht.
Kommerziell, da herrscht unisono Übereinstimmung,
haben die Ladies die Zeichen der Zeit erkannt –
Carey, Aguilera und auch Lopez werkeln derzeit an einem
spanischsprachigen Album. Einigkeit regiert auch in
der Frage, welcher Mann in die Kiste kommt. Carey, Fuentes
und Hayek haben dabei schon einmal den gleichen Herrn
durchprobiert. Sein Name: Luis Miguel. Auch bekannt
als "Latino-Elvis".
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