Dr. Jekyll oder Mr. Hyde? Oder beides?
Er zögert kurz, fährt sich mit der Hand durchs
Haar und antwortet etwas ausweichend: "Ich bin
immer lieber der Teufel gewesen, als der liebe Gott."
Auch gut. Willkommen Dr. Jekyll und Mr. ... Semmelrogge.
Kaum einem zweiten deutschen Schauspieler eilt so sehr
der Ruf hinterher, sich immer mal wieder wie eine offene
Hose zu benehmen. Nun gut, bei diverser Auftritte vor
dem deutschen Kadi, verbaler Entgleisungen in der Öffentlichkeit,
Drogen - und Alkoholexzessen ... . "Das ist doch
alles Vergangenheit", wehrt der 43-jährige
beschwörend ab. Und wie steht es mit dem schwebenden
Verfahren wegen Fahren ohne Fahrerlaubnis? "Da
gehen wir solange in die Berufung, bis wir gewinnen."
Sprachs, gießt sich demonstrativ ein Bier ein,
zündet sich zum wiederholten Mal eine filterlose
Zigarette an und grinst. Jenes charmant-diabolische
Grinsen, mit dem er sich stets aus jedem noch so tiefen
Schlammassel herauszugrinsen versucht. Jetzt wirkt es
allerdings ein wenig müde Kein Wunder, selbst für
Außenstehende sind zwölf Stunden im Leben
des Martin S. eine Tour de Force. Vor dem Frühstück
schon verbreitet der Mann eine solch kribbelige Energie,
da wird sogar der Kaffee nervös. Abwechselnd fabuliert
er über jüngst abgedrehte Kurzfilme, die er
mal eben en passent vorführt, feiert mit seiner
Tochter Joanna eine kleine, selbsteinstudierte Tanzeinlage,
flirtet mit seiner Managerin und Neu-Ehefrau Sonja über
Salami und Mohnbagels hinweg und entwirft nebenher fleißig
Vorschläge für das anstehende fotoshooting.
Martin in Miami. Hier kennt er sich aus, hier hat er
vor kurzem im exklusiven Stadtteil Coconut Grove ein
Haus bezogen und hier will er eigentlich einmal richtig
seßhaft werden. So es die vielen Drehtermine erlauben.
Gerade fertig geworden sind zwei Projekte fürs
Kino - "Manila" von Totmacher Regisseur Romunald
Karmakar und "Bang, Boom, Bang" mit Dieter
Krebs unter der Regie von Peter Thorwart. "Da spiele
ich einen totalen Versager, der seelisch verkümmert
ist, keine Frau hat, pleite ist. Auf der anderen Seite
will er aber der große Gangster sein, er möchte
stets dazugehören - auf solche Rolle habe ich immer
gewartet, da bin ich häßlich, da habe ich
ne Brille und dicke Glubschaugen, aber ich wußte
das ich so etwas spielen konnte." Eine Rolle also
mit einer gehörigen Portion Semmelrogge. Geistert
doch immer noch ein wenig das Bild von der notorischen
Niete durch die deutsche Presselandschaft. Semmelrogge
und ein Verliererimage? Davon will er nichts wissen.
Da legt sich die Stirn in Falten und die braunen Augen
blitzen, "Sicher, die Leute wollen sehen, wie ich
auf die Fresse falle, weil sie wissen, daß ich
immer wieder aufstehe. Und weil sie im Grunde manchmal
wünschen, genauso sein zu können."
Eigentlich gibt es kaum eine Rolle, die man dem gebürtigen
Berliner nicht zutrauen würde. Wachoffizier in
"Das Boot", Ökobauer an der Seite Uschi
Glas oder ein Auftritt in Spielbergs "Schindlers
Liste" sind nur einige Stationen in einer fast
dreißgjährigen Karriere. Ab März laufen
wieder die "Straßen von Berlin", in
denen er einen unkonventionellen Bullen mimt. Für
weitere Staffeln wird Semmelrogge demnächst wieder
vor die Kamera treten. Bis es soweit ist, genießt
der zweifache Vater zusammen mit seinen Kindern die
tropische Sonne Floridas.
Heute scheint sie leider in Strömen. Südflorida
präsentiert sich grau in grau und mit Temperaturen,
die eher an Deutschland im Spätherbst erinnern.
Semmelrogge scheint das nicht zu stören. Ob Jogging
mit der Familie, Zigarrenkaufen in seinem kubanischen
Lieblingsladen oder stundenlanges Harleyfahren im Dauerregen,
man möchte meinen, hier ginge es nicht um einen
Pressetermin, sondern um die Nominierung zum deutschen
Filmpreis. Als fiele irgendwo eine imaginäre Klappe:
Achtung, Aufnahme und ... Action - Semmelrogge gibt
alles in jeder Einstellung. Egal ob beruflich oder privat.
Was treibt dieses nur einmeterfünfundsechzig große
Energiebündel immer wieder an? "Die Schauspielerei.
Ohne meinen Beruf wäre ich nicht da, wo ich jetzt
bin. Er hat mich immer wieder diszipliniert." Und
wenn er hinzufügt, "das hat jetzt gar nichts
mit eingebildetsein zu tun, aber mich macht es stolz,
wenn die Leute mir schreiben, daß sie einschalten,
wenn ich auf dem Bildschirm erscheine", dann glaubt
man ihm das. Semmelrogge ist gerade, viel gerader als
es mancher wahrhaben will. Er redet nicht um den heißen
Brei herum, er kokettiert nicht mit seiner Vergangenheit.
Klar sind damals Dinge passiert, auf die muß man
nicht stolz sein. "Der Reiz immer mal wieder die
Grenzen zu überschreiten, der ist einfach da, aber
ich bin weder wahnsinning noch durchgeknallt. Das ist
ein Klischee, das von der Sensationspressse aufgebauscht
wird." Semmelrogge, der Grenzgänger. Deshalb
auch der Sprung über den großen Teich? "In
Amerika bin ich einfach frei". So einfach ist das.
Punkt. Keine Hollywoodambitionen. Und auch keine Flucht.
Sicher, Amerika hat auch ein paar Macken. Aber er liebt
dieses Land, hat zu dem Haus in Miami noch in Kalifornien
ein Grundstück erworben. Als er zum GALA Termin
nach Miami anreisen soll, stopft er seine Familie nicht
etwa in den nächsten Flieger, sondern chartert
mit Kind und Kegel in Los Angeles einen Mietwagen und
düst dann 4000 Meilen durchs Land. Im Winter. Zwischenstop
im Grand Canyon, irgendwo in Texas und in New Orleans
- das Ganze in dreieinhalb Tagen. Vielleicht doch ein
wenig durchgeknallt?
Wird es einmal einen bürgerlichen Semmelrogge geben?
Da ist es wieder, dieses Grinsen. " Nee, jedenfalls
keinen spießigen. Vielleicht ein wenig traditioneller,
ein wenig mehr Sicherheit, auch materiell. Gerade in
meiner Branche braucht man das schon. Aber ich werde
auch immer ein wenig unbeherrscht beleiben. Der Rebell,
ja, das paßt schon auf mich, Mund aufmachen muß
sein". Also wer ist er denn nun, Dr. Jekyll oder
Mr. Hyde? Oder beides? Das Bier war übrigens alkoholfrei.
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