Die Schwierigkeit ist nicht,
ein Interview mit Martin Semmelrogge zu landen. Die
Schwierigkeit ist, ihn bei der Stange zu halten. Der
Mann verbreitet eine solch kribbelige Energie, da wird
sogar der Espresso nervös. Und langsam kalt. Wir
sitzen im Le Bouchon, seinem Lieblingsfranzosen in Coconut
Grove, einem exklusiven Stadtteil Miamis.
Achtung! Klappe! Semmelrogge, die Zweite. Der kleine
Schauspieler düst zurück an den Tisch, plumpst
in den viel zu grossen Sessel und grinst. Jenes charmant-diabolische
Grinsen Marke Nicholson, mit dem er sich stets aus jedem
Schlamassel heraus zu grinsen versucht. "Tschuldigung,
wo waren wir stehengeblieben, ach ja, also mit 14 habe
ich angefangen zu rauchen. Mein Vater war passionierter
Pfeifen- und Cigarrenraucher. Von ihm habe ich sogar
ab und zu eine bekommen." Raucherlaubnis als erzieherische
Maßnahme? Im Hause Semmelrogge wurde eher mit
antiautoritärer Hand regiert. Erlaubt war was gefällt.
Und so nimmt es nicht wunder, daß Sohnemann nicht
nur beim Qualmen, sondern auch beruflich in des Vaters
Fußstapfen trat. Semmelrogge Sr. war Schauspieler!
Martin war kaum 18, da hatte er schon von "Der
Kommissar" über "Der Alte" bis hin
zu "Derrick" in allen Krimiserien Deutschlands
gespielt. Und irgendwann kam dann "Das Boot"
mit der Rolle als schelmisch-aufgedrehter Wachoffizier.
Die Rolle, die den Durchbruch brachte – in alle
Richtungen!
Achtung! Klappe! Semmelrogge, die Dritte. Beim Stichwort
Cigarre scheint ihm einzufallen, dass vor ihm eine Puro
sanft-säuselnd im Aschenbecher dahindümpelt,
minutenlang sträflich vernachlässigt. Er zieht
genussvoll. "Eine P.G. Aus der Dominikanischen
Republik. Gibt’s nur in L.A.", klärt
er auf. Los Angeles und Miami, das sind die aktuellen
Fixpunkte im persönlichen Fadenkreuz des Martin
S.. Auf der Flucht vor der unbarmherzigen deutschen
Justiz, die ihn immer wieder wegen kleiner Bagatellen
auf dem Zettel hat? America – home of the brave,
land of the free? Der Mime, dem wie kaum einem zweiten
deutschen Schauspieler so sehr der Ruf hinterhereilt,
sich immer wieder mal wie eine offene Hose zu benehmen,
wirkt nachdenklich. "In Amerika bin ich einfach
frei." Schon klar, dass auch im Land der unbegrenzten
Möglichkeiten die Freiheit nicht in den Himmel
wächst." Als ich vor kurzem eine Harley zurück
zum Verleiher brachte, hat der doch glatt mit dem Zentimetermass
nachgemessen, wieviel Profil ich abgenutzt hatte. Und
wollte mehr Kohle!" Das war für den leidenschaftlichen
Motorradfahrer und Cigarrenraucher dann doch ein Reality-Check
der besonderen Art. Apropos Cigarre, die lässt
er sich oft aus Deutschland mitbringen. Schliesslich
ist der Mann Connaisseur und raucht am liebsten Cohibas.
"Die kubanischen sind – und das ist keine
Mär – einfach noch milder, noch zarter. Feiner.
Die gibt es hier ja leider nicht, dabei sind wir gerade
mal 80 Kilometer von Havanna entfernt" Trotz chronischer
Cohiba Engpässe und pingeliger Harley-Vermieter
– das Land am anderen Ende des grossen Teiches
ist zu einer zweiten Heimat geworden. Haus in Florida,
Grundstück in Kalifornien, dazu an Ost- und Westküste
viele Freunde. In Los Angeles hat er auch seine Affinität
zur Cigarre neu entdeckt. "Der Ralf Möller
(Bodybuilder und Berufskollege) hat mich mal in einen
Cigarren-Club mitgenommen und da habe ich gemerkt, wie
es ist, wenn man eine Cigarre in der richtigen Umgebung
geniesst." Das war so ungefähr vor sieben
Jahren. Und seitdem gehören zwei Rauchgeräte
zum Semmelroggeschen Alltag. Ob das nun hip ist oder
nicht, spielt keine Rolle. "Ich bin kein High-Society
Fuzzi. Und ich rauche sicherlich nicht des Image wegen.
Eine gute Cigarre ist für mich die gesunde Art,
den Abend abzuschliessen. Da braucht man Ruhe. Eine
Cigarre zieht man sich nicht einfach rein, sondern die
schmeckt man, die beisst man. Ich habe in meinem Leben
schliesslich schon alles mögliche ausprobiert."
Wieder dieses Grinsen. Unschuldig zwar, doch er weiss
genau, was jetzt kommt. "Ausprobiert" wird
nicht mal im Entferntesten dem gerecht, was der mittlerweile
43-jährige hinter sich gebracht hat. Allein die
letzten fünfzehn Jahre sind eine tour de force
durch ein Sammelsurium verschiedenster Fettnäpfchen.
Achtung! Klappe! Semmelrogge, die Vierte. Zurück
in die Vergangenheit. Der Anfang vom Ende hatte zwar
mit dem Rauchen nichts zu tun, kam aber in einer Form,
die durchaus an eine Cigarre erinnert. Die Wolfgang
Petersen Verfilmung des Lothar Buchheim Bestsellers
"Das Boot" wurde ein weltweiter Erfolg. Doch
während die Prochnows und Grönemeyers im Kielwasser
der U96 höheren Weihen entgegen schipperten, machte
Wachoffizier Semmelrogge die Schotten dicht. Von innen
und ging unter. Tauchte er mal auf, dann öfter
vor dem deutschen Kadi als auf einem Filmset. Verbale
Entgleisungen in der Öffentlichkeit, Drogen und
Alkoholexzesse rundeten das Bild des unverbesserlichen
Berufsjugendlichen ab. 1985 hatte es sich dann vorerst
ausgesemmelt – Martin verschwand für zwei
Jahre in den Knast. Denkt er manchmal darüber nach,
was wohl ohne "Das Boot" aus ihm geworden
wäre? " Ich bin immer einen geraden Weg gegangen.
Straight as an error, wie man hier sagt. Und immer wenn
ich versucht habe, mir selbst untreu zu werden, mich
davonzustehlen, ist das in die Hose gegangen. Damit
will ich nicht sagen, das alles danach so hätte
passieren müssen – einiges davon hätte
ich mir sicherlich gern erspart. Aber letztlich hat
es mich auch reifer und erfahrener gemacht. Und es war
ja auch nichts dabei, was nun wirklich tragisch war."
Entschuldigen wird Semmelrogge sich nicht. Muss er auch
nicht. Fans und Filmschaffende haben dem nur 1.65 Meter
kleinen Stehaufmännchen stets die Treue gehalten.
Denn an seiner schauspielerischen Vielseitigkeit bestand
eigentlich nie ein Zweifel. Die zeigt er als Ökobauer
an der Seite von Uschi Glas in einer Vorabendserie genauso
wie in "Justiz", einer Dürrenmatt Verfilmung
oder in Spielbergs "Schindlers Liste". Als
nächstes stehen wieder neue Folgen von "Die
Strassen von Berlin" an, im Sommer ist er gleich
mit zwei Filmen im Kino. "Ein todsicheres Ding"
von Peter Thorwart und "Manila" von Romuald
Karmakar heißen die Streifen. Wie trifft er immer
wieder den Nerv der Leute? "Die wollen halt sehen,
wie ich auf die Fresse falle. Das macht mich menschlich.
Ich gehe zu Boden, stehe aber immer wieder auf. Wie
ein Boxer. Im Grunde wünschen sich viele, genauso
zu sein, stattdessen aber leben sie in ihren Reihenhäusern
und mähen einmal die Woche den Rasen." Käme
das von jemandem anderes aus der Branche als von Semmelrogge,
es wäre arrogant. Ihm aber nimmt man es ab. Er
kokettiert nicht, nennt die Dinge beim Namen ... und
schickt demonstrativ einen hinterher. "Das hat
jetzt nichts mit Eingebildetsein zu tun, aber mich macht
es stolz, wenn die Leute mir schreiben, dass sie einschalten,
wenn ich auf dem Bildschirm erscheine."
Achtung! Klappe! Semmelrogge, die Fünfte. Im Hier
und Jetzt. Die Karriere ist auf Kurs und auch privat
schwimmt er eigentlich meist oben. Er ist ruhiger geworden.
Zeiten in denen er mit vier Frauen gleichzeitig in den
Klatschspalten vertreten war, gehören längst
der Vergangenheit an. Vor kurzem hat er sich zum zweiten
Mal im Hafen der Ehe verfahren und seine langjährige
Managerin Sonja geheiratet, zu seinen beiden Kindern,
Dustin und Joanna, pflegt er einen engen Kontakt. Kurzum
– er hinterlässt einen zufriedenen Eindruck.
Oder? Wieder dieses Grinsen, dann wird es ein wenig
philosophisch. "Ich bin ein Geniesser. Ich geniesse
meine Arbeit, meine Motorräder, meine Cigarren,
meine Frau ... oder Frauen, wenn ich mal so zurückblicke
... oder nach vorne schaue." Ein Mann bleibt sich
treu.
Achtung! Klappe! Semmelrogge ... und aus.
|