mit fotos
mit fotos
mit fotos
Martin Semmelrogge "Kein-Society-Fuzzi" (Cigar)
Achtung! Klappe! Semmelrogge, die Erste. "Mit 14 habe ich angefangen zu ..." Und weg ist er. Mitten im Satz. Verschwindet wie ein geölter Blitz Richtung Hinterausgang. Umarmt George, die haitianische Küchenperle. Und beginnt mit ihm ein Schwätzchen. Haben sich wohl lange nicht gesehen, die beiden.
mit fotos
 

Die Schwierigkeit ist nicht, ein Interview mit Martin Semmelrogge zu landen. Die Schwierigkeit ist, ihn bei der Stange zu halten. Der Mann verbreitet eine solch kribbelige Energie, da wird sogar der Espresso nervös. Und langsam kalt. Wir sitzen im Le Bouchon, seinem Lieblingsfranzosen in Coconut Grove, einem exklusiven Stadtteil Miamis.

Achtung! Klappe! Semmelrogge, die Zweite. Der kleine Schauspieler düst zurück an den Tisch, plumpst in den viel zu grossen Sessel und grinst. Jenes charmant-diabolische Grinsen Marke Nicholson, mit dem er sich stets aus jedem Schlamassel heraus zu grinsen versucht. "Tschuldigung, wo waren wir stehengeblieben, ach ja, also mit 14 habe ich angefangen zu rauchen. Mein Vater war passionierter Pfeifen- und Cigarrenraucher. Von ihm habe ich sogar ab und zu eine bekommen." Raucherlaubnis als erzieherische Maßnahme? Im Hause Semmelrogge wurde eher mit antiautoritärer Hand regiert. Erlaubt war was gefällt. Und so nimmt es nicht wunder, daß Sohnemann nicht nur beim Qualmen, sondern auch beruflich in des Vaters Fußstapfen trat. Semmelrogge Sr. war Schauspieler! Martin war kaum 18, da hatte er schon von "Der Kommissar" über "Der Alte" bis hin zu "Derrick" in allen Krimiserien Deutschlands gespielt. Und irgendwann kam dann "Das Boot" mit der Rolle als schelmisch-aufgedrehter Wachoffizier. Die Rolle, die den Durchbruch brachte – in alle Richtungen!

Achtung! Klappe! Semmelrogge, die Dritte. Beim Stichwort Cigarre scheint ihm einzufallen, dass vor ihm eine Puro sanft-säuselnd im Aschenbecher dahindümpelt, minutenlang sträflich vernachlässigt. Er zieht genussvoll. "Eine P.G. Aus der Dominikanischen Republik. Gibt’s nur in L.A.", klärt er auf. Los Angeles und Miami, das sind die aktuellen Fixpunkte im persönlichen Fadenkreuz des Martin S.. Auf der Flucht vor der unbarmherzigen deutschen Justiz, die ihn immer wieder wegen kleiner Bagatellen auf dem Zettel hat? America – home of the brave, land of the free? Der Mime, dem wie kaum einem zweiten deutschen Schauspieler so sehr der Ruf hinterhereilt, sich immer wieder mal wie eine offene Hose zu benehmen, wirkt nachdenklich. "In Amerika bin ich einfach frei." Schon klar, dass auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Freiheit nicht in den Himmel wächst." Als ich vor kurzem eine Harley zurück zum Verleiher brachte, hat der doch glatt mit dem Zentimetermass nachgemessen, wieviel Profil ich abgenutzt hatte. Und wollte mehr Kohle!" Das war für den leidenschaftlichen Motorradfahrer und Cigarrenraucher dann doch ein Reality-Check der besonderen Art. Apropos Cigarre, die lässt er sich oft aus Deutschland mitbringen. Schliesslich ist der Mann Connaisseur und raucht am liebsten Cohibas. "Die kubanischen sind – und das ist keine Mär – einfach noch milder, noch zarter. Feiner. Die gibt es hier ja leider nicht, dabei sind wir gerade mal 80 Kilometer von Havanna entfernt" Trotz chronischer Cohiba Engpässe und pingeliger Harley-Vermieter – das Land am anderen Ende des grossen Teiches ist zu einer zweiten Heimat geworden. Haus in Florida, Grundstück in Kalifornien, dazu an Ost- und Westküste viele Freunde. In Los Angeles hat er auch seine Affinität zur Cigarre neu entdeckt. "Der Ralf Möller (Bodybuilder und Berufskollege) hat mich mal in einen Cigarren-Club mitgenommen und da habe ich gemerkt, wie es ist, wenn man eine Cigarre in der richtigen Umgebung geniesst." Das war so ungefähr vor sieben Jahren. Und seitdem gehören zwei Rauchgeräte zum Semmelroggeschen Alltag. Ob das nun hip ist oder nicht, spielt keine Rolle. "Ich bin kein High-Society Fuzzi. Und ich rauche sicherlich nicht des Image wegen. Eine gute Cigarre ist für mich die gesunde Art, den Abend abzuschliessen. Da braucht man Ruhe. Eine Cigarre zieht man sich nicht einfach rein, sondern die schmeckt man, die beisst man. Ich habe in meinem Leben schliesslich schon alles mögliche ausprobiert." Wieder dieses Grinsen. Unschuldig zwar, doch er weiss genau, was jetzt kommt. "Ausprobiert" wird nicht mal im Entferntesten dem gerecht, was der mittlerweile 43-jährige hinter sich gebracht hat. Allein die letzten fünfzehn Jahre sind eine tour de force durch ein Sammelsurium verschiedenster Fettnäpfchen.

Achtung! Klappe! Semmelrogge, die Vierte. Zurück in die Vergangenheit. Der Anfang vom Ende hatte zwar mit dem Rauchen nichts zu tun, kam aber in einer Form, die durchaus an eine Cigarre erinnert. Die Wolfgang Petersen Verfilmung des Lothar Buchheim Bestsellers "Das Boot" wurde ein weltweiter Erfolg. Doch während die Prochnows und Grönemeyers im Kielwasser der U96 höheren Weihen entgegen schipperten, machte Wachoffizier Semmelrogge die Schotten dicht. Von innen und ging unter. Tauchte er mal auf, dann öfter vor dem deutschen Kadi als auf einem Filmset. Verbale Entgleisungen in der Öffentlichkeit, Drogen und Alkoholexzesse rundeten das Bild des unverbesserlichen Berufsjugendlichen ab. 1985 hatte es sich dann vorerst ausgesemmelt – Martin verschwand für zwei Jahre in den Knast. Denkt er manchmal darüber nach, was wohl ohne "Das Boot" aus ihm geworden wäre? " Ich bin immer einen geraden Weg gegangen. Straight as an error, wie man hier sagt. Und immer wenn ich versucht habe, mir selbst untreu zu werden, mich davonzustehlen, ist das in die Hose gegangen. Damit will ich nicht sagen, das alles danach so hätte passieren müssen – einiges davon hätte ich mir sicherlich gern erspart. Aber letztlich hat es mich auch reifer und erfahrener gemacht. Und es war ja auch nichts dabei, was nun wirklich tragisch war." Entschuldigen wird Semmelrogge sich nicht. Muss er auch nicht. Fans und Filmschaffende haben dem nur 1.65 Meter kleinen Stehaufmännchen stets die Treue gehalten. Denn an seiner schauspielerischen Vielseitigkeit bestand eigentlich nie ein Zweifel. Die zeigt er als Ökobauer an der Seite von Uschi Glas in einer Vorabendserie genauso wie in "Justiz", einer Dürrenmatt Verfilmung oder in Spielbergs "Schindlers Liste". Als nächstes stehen wieder neue Folgen von "Die Strassen von Berlin" an, im Sommer ist er gleich mit zwei Filmen im Kino. "Ein todsicheres Ding" von Peter Thorwart und "Manila" von Romuald Karmakar heißen die Streifen. Wie trifft er immer wieder den Nerv der Leute? "Die wollen halt sehen, wie ich auf die Fresse falle. Das macht mich menschlich. Ich gehe zu Boden, stehe aber immer wieder auf. Wie ein Boxer. Im Grunde wünschen sich viele, genauso zu sein, stattdessen aber leben sie in ihren Reihenhäusern und mähen einmal die Woche den Rasen." Käme das von jemandem anderes aus der Branche als von Semmelrogge, es wäre arrogant. Ihm aber nimmt man es ab. Er kokettiert nicht, nennt die Dinge beim Namen ... und schickt demonstrativ einen hinterher. "Das hat jetzt nichts mit Eingebildetsein zu tun, aber mich macht es stolz, wenn die Leute mir schreiben, dass sie einschalten, wenn ich auf dem Bildschirm erscheine."

Achtung! Klappe! Semmelrogge, die Fünfte. Im Hier und Jetzt. Die Karriere ist auf Kurs und auch privat schwimmt er eigentlich meist oben. Er ist ruhiger geworden. Zeiten in denen er mit vier Frauen gleichzeitig in den Klatschspalten vertreten war, gehören längst der Vergangenheit an. Vor kurzem hat er sich zum zweiten Mal im Hafen der Ehe verfahren und seine langjährige Managerin Sonja geheiratet, zu seinen beiden Kindern, Dustin und Joanna, pflegt er einen engen Kontakt. Kurzum – er hinterlässt einen zufriedenen Eindruck. Oder? Wieder dieses Grinsen, dann wird es ein wenig philosophisch. "Ich bin ein Geniesser. Ich geniesse meine Arbeit, meine Motorräder, meine Cigarren, meine Frau ... oder Frauen, wenn ich mal so zurückblicke ... oder nach vorne schaue." Ein Mann bleibt sich treu.

Achtung! Klappe! Semmelrogge ... und aus.