"Burn, baby, burn" (Maxim Fashion 01/08)
Es galt als Fixstern am Himmel des Nachtlebens: Das legendäre Studio 54 in New York. Knappe drei Jahr leuchtete er heller als alle andere, dann begann er zu verglühen.
 

We made more money than the mafia. Große Worte eines kleinen Mannes, denn zumindest körperlich war der Urheber dieses Zitats ein Leichtgewicht. Sonst aber war Steve Rubell eine Riesennummer. Damals im New York der späten 70er. Zusammen mit seinem Partner, Ian Schrager, betrieb er eine Diskothek. Und zwar eine, wie keine, denn draußen vor ihrer Tür stand der Name Studio 54. Und davor drängelten in Stoßzeiten bis zu 2000 Discophile, verhieß doch das Portal des nach außen hin unscheinbaren Tanzschuppens an der 54th Straße und dort „wo der Broadway schon zu stinken begann“ Einlass in ein Paralleluniversum. Dielen der Dekadenz, Parkett der Eitelkeiten, Tollhaus von arm und reich, von anonym und prominent, Hort endloser Kokainorgien und freizügigem Sex – das Studio 54 schrieb ein völlig neues Kapitel im Leben der Nacht und strapazierte in vielerlei Hinsicht Superlative zur Beschreibung dessen, was sich so alles in dem ehemaligem CBS Studio zutrug. Saturday Night Fever? Im Studio 54 grassierte das Fever every Night. Ob Mr. Rubell sich deshalb gedacht hatte, Übertreibung veranschaulicht? Erfolg hat Nebenwirkungen. Er macht sexy, reich und manchmal auch unvorsichtig. Gesegnet mit einer großen Klappe, klopfte Rubell ebenso große Sprüche und versorgte jedermann gutgelaunt mit Informationen über sein Finanzgebaren. Dass in den Katakomben des Clubs das Schwarzgeld gleich müllsäckeweise gehortet wurde, gehört in die Kategorie solcher, mit denen der Regent des Nachtlebens genauso restriktiv hätte umgehen sollen, wie mit dem Einlass in sein Amüsier-Mekka. Tat er aber nicht.
 
Also kam der Tag, wie einst im American Pie besungen, the day the music will die und er kam früher, als es sich das Studio 54 und seine hedonistische Fangemeinde in ihren drogenumnebelten Träumen ausmalte. Denn dass Umsatz nicht gleich Gewinn ist, Schrager und Rubell begriffen diese buchhalterische Maxime erst, als das FBI und die IRS per Razzia im Dezember 1979 zugriffen und in aller Ruhe Müllsäcke auszählten. 2.5 Millionen Dollar in Schwarz, das gereichte den beiden zu 13 Monaten Knast wegen Steuerhinterziehung und so starb am 4. Februar 1980 mit einer letzten, rauschenden Party die, die weniger als drei Jahre zuvor mit einer ersten, rauschenden Party das Licht der Nachtschwärmer erblickte: Die Mutter aller Diskotheken, das Studio 54. Doch dazwischen lagen 33 Monate Legendenbildung.
 
Disco goes global und 1977 sollte das Jahr werden, in dem dieser Trend tanzend um die Welt zog. Drei Ereignisse symbolisierten die weltweit reüssierende Roadshow einer „Musik für Schwule und Schwachsinnige“, wie sich das Pop Lexikon seinerzeit generierte: Der Film „Saturday Night Fever“, die Gründung der Band Chic und die Eröffnung des Studio 54. Letzterer ging eine aufwendige, millionenteure Renovierung voraus, bis das dahin siechende Schauspielhaus zu einem Vergnügungstempel mit den modernsten Gadgets aus Licht und Sound mutierte. Allein die Tanzfläche machte 500 Quadratmeter aus und weil den Architekten das Flair des Theaters am Herzen lag, blieb das Mezzanine mit seinem balkonartigen Charakter erhalten, nur dass die Wände jetzt mit Gummi tapeziert waren – Circus Maximus, leicht abwaschbar. Pendelnde Skulpturen, wehende Vorhänge, aufwendige Wind- und Nebelmaschinen, die Zeremonienmeister für audiovisuelles Spielzeug erfanden eine Art Disney World für den ewigen Teenager. Jeder Raum und von denen gab es viele, zeichnete sich durch individuelles Dekor aus. Nur der VIP Raum nicht, für die Promis ging es abwärts, ihre Enklave befand sich in einem eigentlich schmucklosen Keller mit billigem Sitzmöbel, die sich allerdings klaglos jeder Ausschweifung beugten.
 
Soziokulturelles Experiment, Fanal der Exzesse oder einfach nur die Lizenz zum Gelddrucken? Als Schrager und Rubell für den 26. April 1977 5.000 Einladungen unter dem Mantra „Dress spectacular“ auslobten, ging es vordergründig nur um die Einweihung ihres Clubs. Vielleicht aber ahnten die beiden schon etwas, von dem was kommen sollte, denn allein die Chronologie der Premierennacht liest sich für manche aufregender als der erste Flug zum Mond. Planet Nightlife war gelandet. Während innen noch Handwerker letzte Hand anlegten, nahm ein Limousinen-Konvoi mit Stars und Sternchen Kurs auf den neuen Fixstern am Fun-Firmament. Gegen Mitternacht war der Laden rappeldickevoll und – es standen noch Hunderte vor der Tür. Frank Sinatra stand im Stau, wütend, Cher und Warren Beatty drehten unverrichteter Dinge wieder ab, sie blieben angeblich an Steve Rubells verlängertem Arm hängen – ein knapp 19-jähriger Türsteher namens Mark Berneke. Zu den Promis, die an dessen bis dato ungeschultem Auge vorbei kamen, zählten unter anderem Mick Jagger, Noch-Ehefrau Bianca und Demnächst-Ehefrau Jerry Hall, Sylvester Stallone, Donald Trump, Debbie Harry und Margaux Hemingway. Am Tag danach überschlug sich die Lokalpresse mit Laudatien, nie hätte der Big Apple eine solche Konzentration an Showgrößen im Nachtleben gesehen, ein Celebrity Magnet sei inthronisiert.
 
Etwas später. Nicht nur Studio 54 durfte als eröffnet betrachtet werden, sondern auch die Büchse der Pandora. So jedenfalls empfanden es diejenigen, die mit dem moralischen Zeigefinger auf das bunte Treiben hinter der Velvet Rope (jenes samtene Seil, das heute vor jedem Club die Spreu vom Weizen trennt, erfanden die Studio-Macher gleich mit) zeigten – meistens gehörte dieser Finger zu einer Person, die unter die Kategorie „wir müssen draußenbleiben“ fiel. Doch wie viel war denn wirklich moralisch schwer verdaulich, darf man Zeitzeugen, die sich Zitate wie „Sodom und Gomorrha war ein Kindergarten im Vergleich zu dem, was VIP Room abging.“ andichten lassen, wirklich Glauben schenken? Im Rückspiegel einer immer nebulöser werdenden Historie ist es heute schwer, zwischen Gerücht und Wahrheit zu trennen. Fakt jedoch bleibt: Kinder von Traurigkeit schien man vergebens zu suchen, wenn selbst Lilian Carter, damals immerhin rüstige 80 Jahre alt mit den Worten "Ich weiß nicht, ob ich im Himmel oder in der Hölle gewesen bin. Aber es war wundervoll." in die Annalen einging.

Anders als die Präsidentenmutter, gehörte bald eine illustere Zahl an Gästen zum Stamm. Sie rekrutierten sich aus allen Facetten des öffentlichen Leben: Kunst (Andy Warhol), Musik (Grace Jones, Diana Ross), Fashion (Halston), Literatur (Truman Capote), Adel (Diana von Fürstenberg), die Liste ist lang. Sie alle waren die Zutaten zu dem, was Rubell gern „Mixing the Salad“ nannte. Die richtige Mischung finden, Jeunesse dorée meets blaublütigen Geldadel, abgeschmeckt mit einer Prise Automechaniker und einem Hauch von Friseurin, er hatte da glasklare Vorstellungen. „Models, Aktienhändler, Feuerwehrleute, Künstler, alles rein, außer Schlägern und professionellen Nutten und Leuten wie ich." Mal blieben sogar seine besten Kunden vor der Tür. Von Andy Warhol gefragt, ob er denn stets hineingelassen werde, entgegnete Truman Capote: „Nicht immer, manchmal übersieht man mich, weil ich so klein bin.“ Damit erging es dem Schriftsteller besser als dem unbekannten Mann, der es, nachdem ihm der Zugang zum heiligen Narzissten-Gral verwehrt wurde, über das Dach versuchte. Man fand seine Leiche dann später in einem Lüftungsschacht. Auch die Gruppe Chic fand einst kein Nachtasyl – dabei dudelte im Studio deren produzierte Musik rauf und runter. Frontsänger Nile Rodgers war darüber so sauer, dass er zu Hause einen Song mit dem Refrain „Fuck out“ komponierte. Der Rest der Combo wies ihn wohl darauf hin, dass diese Worte weder viel Sinn machten noch verkaufsfördernd waren. Rodgers versuchte es dann mit „Freak out“ und der Song wurde dann unter dem Titel „Le Freak“ zur globalen Discohymne, er verkaufte sich über 6 Millionen mal und Chic durften auch wieder im Studio mitfeiern.

Nicht nur bei den Gästen galt die Formel: Je extravaganter, desto besser. Die wandten Rubell und Schrager auch auf ihre Angestellten an, die Prototypen der Bedienungen waren eine Phalanx schwuler, gutgebauter Boys, die in ihren knappen, windelähnlichen Outfits an männliche Playmates erinnerten. Oder erinnern sollten. Die Jungs lieferten dann auch mehr als nur Cocktails, im Wissen darum galt besonders Elton John als jemand, der ihnen vehement nachstellte. Überhaupt, der Sex. Rubell gab gern Kapriziöses zum Besten, einmal will er er zu später Stunde im Keller eine leicht bekleidete Dame entdeckt haben, mit Handschellen gefesselt an ein Heizungsrohr. Auf ihr Drängen hin hatte sie einer der Bedienungen nach unten gebracht, durchgefickt und ... anschließend dort vergessen.

In besonders guter Erinnerung aber blieben die legendären Partys, die unter den verschiedensten Motti kreiert wurde. Mal wurden Zwergwüchsige geladen, mal standen Tiere im Mittelpunkt: Einmal auf Bianca Jaggers Geburtstagsfeier, als die Jubilarin hoch zu Schimmel einritt, ein anderes Mal, als bei einer Saturday Night Fever Fete ein Schwarm weißer Tauben einen Auftritt hatte. Einen kurzen übrigens, irritiert flogen die Vögel kollektiv in die gleißende Scheinwerfer und verkohlten dort. Vielleicht war deren feuriger Abgang so ein wenig Vorbote des Schicksals. Zwar brannte das Studio nicht aus, jedenfalls nicht buchstäblich, doch schienen die Macher in the heat of the night zunehmend die Orientierung zu verlieren. Als die Steuerfahnder dann zugriffen, war es mit der Herrlichkeit vorbei. Denn während die beiden Sünder ihre Haftstrafe verbüßten, drehten draußen die Mühlen des Alltags in neue Richtungen, Disco war von gestern, Kokain plötzlich gefährlich und auf ungestümen Sex stand die Todesstrafe – AIDS sei Dank. Rubell und Schrager verkauften den Laden, blieben ihm aber noch eine Zeit lang als Berater erhalten. Doch die Karawane der Schönen und Reichen, sie war längst weitergezogen, 1986 schloss das Studio 54 endgültig seine Pforten.