We made more money than the
mafia. Große Worte eines kleinen Mannes,
denn zumindest körperlich war der Urheber dieses
Zitats ein Leichtgewicht. Sonst aber war Steve Rubell
eine Riesennummer. Damals im New York der späten
70er. Zusammen mit seinem Partner, Ian Schrager,
betrieb er eine Diskothek. Und zwar eine, wie keine,
denn draußen vor ihrer Tür stand der Name
Studio 54. Und davor drängelten in Stoßzeiten
bis zu 2000 Discophile, verhieß doch das Portal
des nach außen hin unscheinbaren Tanzschuppens
an der 54th Straße und dort „wo der Broadway
schon zu stinken begann“ Einlass in ein Paralleluniversum.
Dielen der Dekadenz, Parkett der Eitelkeiten, Tollhaus
von arm und reich, von anonym und prominent, Hort
endloser Kokainorgien und freizügigem Sex – das
Studio 54 schrieb ein völlig neues Kapitel im
Leben der Nacht und strapazierte in vielerlei Hinsicht
Superlative zur Beschreibung dessen, was sich so
alles in dem ehemaligem CBS Studio zutrug. Saturday
Night Fever? Im Studio 54 grassierte das Fever every
Night. Ob Mr. Rubell sich deshalb gedacht hatte, Übertreibung
veranschaulicht? Erfolg hat Nebenwirkungen. Er macht
sexy, reich und manchmal auch unvorsichtig. Gesegnet
mit einer großen Klappe, klopfte Rubell ebenso
große Sprüche und versorgte jedermann
gutgelaunt mit Informationen über sein Finanzgebaren.
Dass in den Katakomben des Clubs das Schwarzgeld
gleich müllsäckeweise gehortet wurde, gehört
in die Kategorie solcher, mit denen der Regent des
Nachtlebens genauso restriktiv hätte umgehen
sollen, wie mit dem Einlass in sein Amüsier-Mekka.
Tat er aber nicht.
Also kam der Tag, wie einst im American Pie besungen, the day the music will
die und er kam früher, als es sich das Studio 54 und seine hedonistische
Fangemeinde in ihren drogenumnebelten Träumen ausmalte. Denn dass Umsatz
nicht gleich Gewinn ist, Schrager und Rubell begriffen diese buchhalterische
Maxime erst, als das FBI und die IRS per Razzia im Dezember 1979 zugriffen und
in aller Ruhe Müllsäcke auszählten. 2.5 Millionen Dollar in Schwarz,
das gereichte den beiden zu 13 Monaten Knast wegen Steuerhinterziehung und so
starb am 4. Februar 1980 mit einer letzten, rauschenden Party die, die weniger
als drei Jahre zuvor mit einer ersten, rauschenden Party das Licht der Nachtschwärmer
erblickte: Die Mutter aller Diskotheken, das Studio 54. Doch dazwischen lagen
33 Monate Legendenbildung.
Disco goes global und 1977 sollte das Jahr werden, in dem dieser Trend tanzend
um die Welt zog. Drei Ereignisse symbolisierten die weltweit reüssierende
Roadshow einer „Musik für Schwule und Schwachsinnige“, wie sich
das Pop Lexikon seinerzeit generierte: Der Film „Saturday Night Fever“,
die Gründung der Band Chic und die Eröffnung des Studio 54. Letzterer
ging eine aufwendige, millionenteure Renovierung voraus, bis das dahin siechende
Schauspielhaus zu einem Vergnügungstempel mit den modernsten Gadgets aus
Licht und Sound mutierte. Allein die Tanzfläche machte 500 Quadratmeter
aus und weil den Architekten das Flair des Theaters am Herzen lag, blieb das
Mezzanine mit seinem balkonartigen Charakter erhalten, nur dass die Wände
jetzt mit Gummi tapeziert waren – Circus Maximus, leicht abwaschbar. Pendelnde
Skulpturen, wehende Vorhänge, aufwendige Wind- und Nebelmaschinen, die Zeremonienmeister
für audiovisuelles Spielzeug erfanden eine Art Disney World für den
ewigen Teenager. Jeder Raum und von denen gab es viele, zeichnete sich durch
individuelles Dekor aus. Nur der VIP Raum nicht, für die Promis ging es
abwärts, ihre Enklave befand sich in einem eigentlich schmucklosen Keller
mit billigem Sitzmöbel, die sich allerdings klaglos jeder Ausschweifung
beugten.
Soziokulturelles Experiment, Fanal der Exzesse oder einfach nur die Lizenz zum
Gelddrucken? Als Schrager und Rubell für den 26. April 1977 5.000 Einladungen
unter dem Mantra „Dress spectacular“ auslobten, ging es vordergründig
nur um die Einweihung ihres Clubs. Vielleicht aber ahnten die beiden schon etwas,
von dem was kommen sollte, denn allein die Chronologie der Premierennacht liest
sich für manche aufregender als der erste Flug zum Mond. Planet Nightlife
war gelandet. Während innen noch Handwerker letzte Hand anlegten, nahm ein
Limousinen-Konvoi mit Stars und Sternchen Kurs auf den neuen Fixstern am Fun-Firmament.
Gegen Mitternacht war der Laden rappeldickevoll und – es standen noch Hunderte
vor der Tür. Frank Sinatra stand im Stau, wütend, Cher und Warren Beatty
drehten unverrichteter Dinge wieder ab, sie blieben angeblich an Steve Rubells
verlängertem Arm hängen – ein knapp 19-jähriger Türsteher
namens Mark Berneke. Zu den Promis, die an dessen bis dato ungeschultem Auge
vorbei kamen, zählten unter anderem Mick Jagger, Noch-Ehefrau Bianca und
Demnächst-Ehefrau Jerry Hall, Sylvester Stallone, Donald Trump, Debbie Harry
und Margaux Hemingway. Am Tag danach überschlug sich die Lokalpresse mit
Laudatien, nie hätte der Big Apple eine solche Konzentration an Showgrößen
im Nachtleben gesehen, ein Celebrity Magnet sei inthronisiert.
Etwas später. Nicht nur Studio 54 durfte als eröffnet betrachtet werden,
sondern auch die Büchse der Pandora. So jedenfalls empfanden es diejenigen,
die mit dem moralischen Zeigefinger auf das bunte Treiben hinter der Velvet Rope
(jenes samtene Seil, das heute vor jedem Club die Spreu vom Weizen trennt, erfanden
die Studio-Macher gleich mit) zeigten – meistens gehörte dieser Finger
zu einer Person, die unter die Kategorie „wir müssen draußenbleiben“ fiel.
Doch wie viel war denn wirklich moralisch schwer verdaulich, darf man Zeitzeugen,
die sich Zitate wie „Sodom und Gomorrha war ein Kindergarten im Vergleich
zu dem, was VIP Room abging.“ andichten lassen, wirklich Glauben schenken?
Im Rückspiegel einer immer nebulöser werdenden Historie ist es heute
schwer, zwischen Gerücht und Wahrheit zu trennen. Fakt jedoch bleibt: Kinder
von Traurigkeit schien man vergebens zu suchen, wenn selbst Lilian Carter, damals
immerhin rüstige 80 Jahre alt mit den Worten "Ich weiß nicht,
ob ich im Himmel oder in der Hölle gewesen bin. Aber es war wundervoll." in
die Annalen einging.
Anders als die Präsidentenmutter, gehörte bald eine illustere Zahl
an Gästen zum Stamm. Sie rekrutierten sich aus allen Facetten des öffentlichen
Leben: Kunst (Andy Warhol), Musik (Grace Jones, Diana Ross), Fashion (Halston),
Literatur (Truman Capote), Adel (Diana von Fürstenberg), die Liste ist lang.
Sie alle waren die Zutaten zu dem, was Rubell gern „Mixing the Salad“ nannte.
Die richtige Mischung finden, Jeunesse dorée meets blaublütigen Geldadel,
abgeschmeckt mit einer Prise Automechaniker und einem Hauch von Friseurin, er
hatte da glasklare Vorstellungen. „Models, Aktienhändler, Feuerwehrleute,
Künstler, alles rein, außer Schlägern und professionellen Nutten
und Leuten wie ich." Mal blieben sogar seine besten Kunden vor der Tür.
Von Andy Warhol gefragt, ob er denn stets hineingelassen werde, entgegnete Truman
Capote: „Nicht immer, manchmal übersieht man mich, weil ich so klein
bin.“ Damit erging es dem Schriftsteller besser als dem unbekannten Mann,
der es, nachdem ihm der Zugang zum heiligen Narzissten-Gral verwehrt wurde, über
das Dach versuchte. Man fand seine Leiche dann später in einem Lüftungsschacht.
Auch die Gruppe Chic fand einst kein Nachtasyl – dabei dudelte im Studio
deren produzierte Musik rauf und runter. Frontsänger Nile Rodgers war darüber
so sauer, dass er zu Hause einen Song mit dem Refrain „Fuck out“ komponierte.
Der Rest der Combo wies ihn wohl darauf hin, dass diese Worte weder viel Sinn
machten noch verkaufsfördernd waren. Rodgers versuchte es dann mit „Freak
out“ und der Song wurde dann unter dem Titel „Le Freak“ zur
globalen Discohymne, er verkaufte sich über 6 Millionen mal und Chic durften
auch wieder im Studio mitfeiern.
Nicht nur bei den Gästen galt die Formel: Je extravaganter, desto besser.
Die wandten Rubell und Schrager auch auf ihre Angestellten an, die Prototypen
der Bedienungen waren eine Phalanx schwuler, gutgebauter Boys, die in ihren knappen,
windelähnlichen Outfits an männliche Playmates erinnerten. Oder erinnern
sollten. Die Jungs lieferten dann auch mehr als nur Cocktails, im Wissen darum
galt besonders Elton John als jemand, der ihnen vehement nachstellte. Überhaupt,
der Sex. Rubell gab gern Kapriziöses zum Besten, einmal will er er zu später
Stunde im Keller eine leicht bekleidete Dame entdeckt haben, mit Handschellen
gefesselt an ein Heizungsrohr. Auf ihr Drängen hin hatte sie einer der Bedienungen
nach unten gebracht, durchgefickt und ... anschließend dort vergessen.
In besonders guter Erinnerung aber blieben die legendären Partys, die unter
den verschiedensten Motti kreiert wurde. Mal wurden Zwergwüchsige geladen,
mal standen Tiere im Mittelpunkt: Einmal auf Bianca Jaggers Geburtstagsfeier,
als die Jubilarin hoch zu Schimmel einritt, ein anderes Mal, als bei einer Saturday
Night Fever Fete ein Schwarm weißer Tauben einen Auftritt hatte. Einen
kurzen übrigens, irritiert flogen die Vögel kollektiv in die gleißende
Scheinwerfer und verkohlten dort. Vielleicht war deren feuriger Abgang so ein
wenig Vorbote des Schicksals. Zwar brannte das Studio nicht aus, jedenfalls nicht
buchstäblich, doch schienen die Macher in the heat of the night zunehmend
die Orientierung zu verlieren. Als die Steuerfahnder dann zugriffen, war es mit
der Herrlichkeit vorbei. Denn während die beiden Sünder ihre Haftstrafe
verbüßten, drehten draußen die Mühlen des Alltags in neue
Richtungen, Disco war von gestern, Kokain plötzlich gefährlich und
auf ungestümen Sex stand die Todesstrafe – AIDS sei Dank. Rubell und
Schrager verkauften den Laden, blieben ihm aber noch eine Zeit lang als Berater
erhalten. Doch die Karawane der Schönen und Reichen, sie war längst
weitergezogen, 1986 schloss das Studio 54 endgültig seine Pforten.
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