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Fleischeslust in Argentinien (WELT AM SONNTAG 2/2004)
Mehr Geschmack, mehr Biss. In Buenos Aires gibt es das beste Beef der Welt, und in der Pampa die glücklichsten Rinder.
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Neulich im El Portugues. Der Kellner, ein freundlicher Mann um die 40, balanciert ein Holzbrett an meinen Tisch. Zwei Steaks gewaltigen Ausmaßes starren mich an, irritiert sehe ich mich um, erwarte ich vielleicht Mitesser, von denen ich nichts weiß? Ich bin noch genauso neu in der Stadt, wie meine Sprachkenntnisse, was ich sehe, kommt mir Spanisch vor. Meinem fragenden Protest wird jedoch nicht stattgegeben. Denn ich hätte doch bife de lomo bestellt, oder? Soweit, so richtig, aber doch nicht für eine ganze Familie, versuche ich zu entgegnen. Er lacht, dann ist er weg. Ich schließe stille Freundschaft mit ihm und mit den gebratenen Rindern. Und mache mich ans Werk. Eine gute halbe Stunde später habe ich das beste Steak meines Lebens gegessen.

Das allein wäre schon Grund genug, nach Hause zu schreiben. Wäre da nicht die Tatsache, dass in den Küchen der argentinischen Kapitale das beste Steak der Welt allgegenwärtig ist. Auf ganz nonchalante Art, geradezu beiläufig. Der porteño, sozusagen der Ureinwohner Buenos Aires, hat ein sehr dezidiertes Verhältnis zum Fleisch. Er liebt es in rauen Mengen und er liebt es ... schlicht. Er zelebriert es nicht, jedenfalls nicht in seinen Restaurants, es kommt sonderbar schmucklos daher. In Zivil. Aber stolz. Kaum ein Gewürz, keine Marinade inkommodiert sein Äußeres, keine unnötige Beilage beleidigt seinen Auftritt - es sei denn man bestellt sie ausdrücklich. Das einzige was es wirklich zu bestellen gilt, sind konkrete Bratanweisungen – und selbst dann liegt es im Ermessen der Kochbrigade, wie die zu interpretieren sind. Der Einheimische neigt zu Durchgebratenem. Wer sich dieser Geschmacksrichtung anschließen mag, der verlangt bien cocido. Ordern Sie a punto, dann kommt ihr Steak hoffentlich Medium. Und jugoso, dann reicht man Ihnen das, was im argentinischen Steak House zu Hause unter Englisch firmiert. Aber, wie gesagt, die Grenzen sind fließend. Im Wortsinn, manchmal fließt auch bei a punto reichlich Bratensaft, dafür kommt das jugoso eher blutleer daher. Schmecken aber tut es in jedem Fall, fast schon ist es egal, für welches Stück vom Rind man sich entscheidet. Angefangen vom bife de lomo, das in etwa dem Filetsteak entspricht, über bife de chorizo (Rumpsteak) und dem etwas selteneren ojo de bife (Ribeye) hinunter in die niederen Qualitätsregionen wie asado de tira (Rippen) oder vacio. Im Vergleich zur deutschen oder amerikanischen Kuh ist hier alles geschmacksintensiver und bissfester. Das so, beeilen sich Köche und andere Experten zu versichern, liegt an der Verköstigung des Viehs – künstliche Futtermittel, Tiermehl oder sonstige Additive kennt das gemeine Rind nicht, hier kaut es auf ehrlichem Pampa-Gras.

Unlängst brach nun auch auf einer amerikanischen Weide ein Rind BSE-geschüttelt zusammen. Bitter für die US-Farmer, ein Segen für die argentinischen Landwirte, argentinisches Steak ist in aller Munde – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn in Argentinien haben nicht die Vier- sondern die Zweibeiner Rinderwahn. Satte 68 Kilo Fleisch verzehren die knapp 35 Millionen Bewohner pro Kopf, geliefert von ungefähr 50 Millionen Rindern – der Deutsche bringt es dabei gerade einmal auf 15 Kilo. Gewaltige Fleischberge entstehen, wenn alljährlich 13 Millionen Stück Vieh geschlachtet werden, da kann auch der größte einheimische Magen nicht gegen an. Rein rechnerisch so viel, dass sich jeder Erdenbürger zwei saftige 250 Gramm Steaks davon abschneiden könnte – weitere sechs Steaks in gleicher Größe stehen für jeden von uns derzeit auf den unendlichen Weiden des Gaucholands und grasen fröhlich vor sich hin.

Alle Tiere sind gleich. Meint Napoleon. Das Schwein Napoleon aus der Orwellschen “Animal Farm“. Und es fügt noch hinzu, dass manche eben noch gleicher sind als andere. Mag es damit seinen argentinischen Verwandten, das Rind gemeint haben? Hat das Schwein Recht, kommt das Rind überall gleich auf den Teller – angesichts verschiedener Fleischsorten wie das besonders hochwertige Hilton-, Angus- oder Hereford-Beef wenig wahrscheinlich. Und doch ist es so, die Unterschiede sind marginal. Im besten, weil viel zitierten, Steak House der Stadt, im Cabanas las Lilas weicht das bife de chorizo qualitativ nur unmerklich ab, von dem im Campobravo, einem stets zum Bersten gefüllten Lokal im angesagten Stadtteil Las Canitas. Es sind die flankierenden Umstände, sie sind besser, die Sommeliers loben einen köstlichen Roten aus (edle Malbecs aus dem Hause Alta Vista oder Norton), die Salatbar (eigentlich eine Bar mit einem Vorspeisenmix, der von fiambres, also Käse und Schinken über empanadas, fleischgefüllte Teigtaschen, hin zu feinsten Salaten reicht) ist an Opulenz nicht zu überbieten, das Ambiente balanciert gelungen zwischen gediegen und modern - kurz, die freundliche, aber teure Gaststätte in den ehemaligen Speichern des jetzt modernisierten Puerto Madero ist Pilgerstätte für ein gut situiertes Klientel aus Touristen und den Schickis und Mickis Buenos Aires. Was aber heißt schon teuer, wenn man am Ende zu Zweit, mit einer hervorragenden Flasche Wein, Dessert und Café um nicht mehr als 150 Pesos zurückgeworfen wird. Das sind derzeit knapp über 40 Euro, das reicht noch nicht für einen Abend im Blockhouse in Hamburg. In die gleiche Kategorie gehört das La Cabana in der Avenida Rodriguez Pena in Recoleta. Teuer, für hiesige Verhältnisse, dafür mit einer exquisiten Weinauswahl und einer Bedienung, die ihn zu empfehlen weiß ... wenn man selbst nicht weiter weiß. Oder auch das Happening in Costanera, eines von vielen Restaurants, die die Rafael Obligado säumen, jener Straße, die direkt am Rio de la Plata nordwärts führt. Teurer als der Durchschnitt, doch im Preis inbegriffen ist eben ein Blick auf den Fluss und der ist rar. Das oje de bife kostet 21 Pesos, es ist auf den Punkt gebraten, es schmeckt vorzüglich und es ist flach und lang. Eine eher beiläufige Erkenntnis, wäre da nicht das oje de bife einen Abend später in La Brigada unweit der amerikanischen Botschaft. Denn dort ist es rund und hoch. Und etwas kräftiger im Biss, was eigentlich nicht an der Form liegen sollte. Eine ältere Kuh? Oder einfach ein etwas minderwertigeres Stück Fleisch? Schwer zu sagen ...

Wo also findet sich ein gutes Steak? Überall. In den ganz ordinären parrillas, den kleinen (oder größeren) Grillrestaurants, die sich in jedem barrio, jedem Stadtteil, spätestens an jeder dritten Straßenecke finden lassen. Wie zum Beispiel im El Portugues. Oder in der Parrilla Iguazu an der Ecke Sucre und Alcorta in Belgrano. In diesem herrlich unprätentiösen Wirtshaus älteren Datums brennt sonntags nicht nur der Grill, sondern die Luft. Dabei weist nichts darauf hin, dass die alten Herren, die hier die in weißen, leicht schmierigen Anzügen auftragen, die hohe Schule des Grillens beherrschen. Doch schnell belehren sie eines Besseren, die halbe Portion bife de lomo (13 Pesos), abgerundet mit ein wenig Chimichurri, dieser hier typischen Grillsauce mit all jenen Gewürzen, die das Fleisch nicht behelligen sollten - Puristen schauen dann auch schon einmal missbilligend, wenn man sich ihrer bedient - reicht völlig und ist ein Gedicht. Ebenfalls lecker, das asado de tira, für ganze 14 Pesos.

Asado ist aber nicht nur ein Stück Fleisch. Es ist zugleich das, was wir Deutschen unter “Grillen“ und die Amerikaner unter “Bar-B-Que“ verstehen. Und viel mehr. Eine Philosophie. Ein sozialer Event. Bei einer Asado ist nun etwas zu beobachten, das der eingangs gemachten Bemerkung Lügen straft: Der Argentinier zelebriert sein Fleisch doch, nur tut er das mit einer Leichtigkeit hinter der sich der ernsthafte Umgang mit der Materie bequem verstecken mag. Es ist ein Genuss, ihm bei den Vorbereitungen zuzusehen, wie er vor einem absenkbaren Grillrost von der Größe eines kleinen Garagentors steht und ein Gemisch aus Holz und Holzkohle anfacht, seine parrillada criolla darauf ausbreitet und wartet. Und wartet. Denn eine Asado ist eine geduldige Angelegenheit, das Fleisch wird nicht ruckzuck gegrillt, es gart langsam vor sich hin, während es mal hochgekurbelt, mal in Richtung Glut abgesenkt wird. In der Zwischenzeit trinkt man viel Wein und redet. Und irgendwann kommt dann nach und nach alles auf den Tisch: Stücke vom Rind, komplett aufgeklappte Hähnchen (pollo), Würstchen (chorizos), Nieren (rincones), Kalbsbries (mollejas) bis hin zu Kalbsdärmen (chinchulin) – letzteres ist wirklich nur etwas für starke Mägen. Damit sich bereits kleinste Argentinier beizeiten der Fleischeslust verschreiben, helfen vorsorgende Vater gern ein wenig nach. Sie tunken ihren kleinen Finger in Bratensaft und lassen den Nachwuchs genüsslich daran nuckeln.

Was man auf den Asados in und um Buenos Aires herum meist vergeblich sucht, sind Schwein oder Lamm. Was man aber auf dem platten Land um so eher antrifft, ist die Asado in ihrer ursprünglichen Form, so wie es die Gauchos noch heute zelebrieren. Ganze Ziegen oder größere Rinderteile werden auf ein Eisenkreuz gespannt und über einem Bodenfeuer sehr langsam gegart. Dabei steht das Kreuz in Lee, so dass die Hitze des offenen Feuers das Fleisch nicht anbrennt, sondern vorsichtig röstet. Die Welt der Gauchos kann man erleben, viele estancias haben ihre riesigen landwirtschaftlichen Betriebe dem Fremdenverkehr geöffnet, einige von ihnen haben sich gänzlich dem Tourismus verschrieben. Der deutschstämmige Argentinier Klaus Liebig macht beides. Auf seiner Estancia Buena Vista in der Nähe von Esquina in der Provinz Corrientes, gut 600 Kilometer nordöstlich von Buenos Aires, betreibt er auf 4000 Hektar Grund Viehzucht – Wasserbüffel inklusive. Wer nicht ganz so viel Zeit für die weite Reise ins Hinterland hat, der entscheidet sich zwischen der Estancia La Oriental oder Estancia El Ombu (näheres dazu unter www.southworld.de). Beide sind innerhalb von vier Stunden leicht zu erreichen. Erstere gewährt einen Blick zurück auf das Leben der argentinischen Aristokratie des “fin de siecle“ – der letzte Umbau dieses im französischen Kolonialstil erbauten, ehemaligen Gestüts datiert von 1892. Hier hat der Gast viel Auswahl, entweder hautnah dabei, wenn auf den knapp 1200 Hektar das Vieh gezüchtet wird oder lieber bei Bogenschiessen oder Angeln relaxen. Sogar ein Gleitflugzeug steht parat. Alles für 195 Euro das Wochenende. Näher und noch ein wenig günstiger, die Estancia El Ombu. Hier sieht es aus, als hätte man ein Stück Toskana ins Land geholt. Ein Gebäude, ganz im italienischen Stil der Jahrhundertwende, der vorletzten natürlich. Die Landwirtschaft hat die deutsche Betreiberin Eva Boelcke weitgehend eingestellt, langweilig wird es trotzdem nie. Das Wochenendpaket gibt es ab 170 Euro – inklusive Riesenasado. So können Sie vergleichen, ob das Steak auf dem Land besser schmeckt als in der Stadt.



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