"Das Ende der Welt: Tasmanien" (Freundin 24/07)
Unberührte Küsten, funkelnde Seen, satter Regenwald: Willkommen im Jurassic Park der Neuzeit!
 

Das kann doch nicht so schwer sein! Vor der Abfahrt bekam ich noch ein Sonderlob vom Veranstalter, weil sich mein Marschgepäck als das leichteste in der Gruppe präsentierte. Bin ja schließlich kein Anfänger, dachte ich insgeheim und musterte meine Mitleidenden ... Entschuldigung, Mitreisenden mit mildem Blick. Einige Stunden später im tiefen Sand zerrt mein Rucksack an mir, als hätte sich zwischen Thermohose, Sonnencreme und Flip-Flops noch eine Rinderhälfte versteckt. Ich überlege verzweifelt, ob ich heimlich ein paar T-Shirts entsorgen sollte. Wandern am Ende der Welt ist buchstäblich keine leichte Sache. Wie macht Claire das bloß? Claire ist eine der beiden Guides, sie ist Anfang 20, ungefähr halb so groß wie ich, mit einem Backpack, doppelt so groß wie sie selbst. Allein die Größe lässt auf einiges an Gewicht schließen. „27 Kilo“, ruft sie mir grinsend zu, als könnte sie Gedanken lesen. Claire ist zusammen mit ihrem Sidekick Simon außer Wegweiser auch noch unser Animateur, mobile Küchenbrigade und unerschöpflicher Fundus an Wissen über Tasmanien an sich und über die „Bay of Fires“ im Besonderen.

Zugegeben, das Schild mit der Ankündigung vom „Ende der Welt“, das sucht man in Tasmanien vergebens, aber die Einheimischen, die „Tassies“ kokettieren gern mit der Tatsache, dass sie sehr, sehr weit weg von allem sind, under „Down Under“ sozusagen. Vom großen Bruder Australien weitestgehend ignoriert und vom Rest der Welt isoliert (der nächste Nachbar gen Süden ist die Antarktis) leben die knapp 500.000 Insulaner in einem perfekt inszenierten Mikrokosmos, nicht ganz die Hälfte von ihnen in der Hauptstadt Hobart. Der Rest kommt sich auf einem Terrain von der Größe Irlands kaum ins Gehege, auf Tasmanien regiert Mutter Natur und die war großzügig genug, ihren Besatzern ein kontrastreiches Landschaftsprogramm aus schroffen Küsten, einsamen Stränden, majestätischen Bergketten, satten Regenwäldern und funkelnden Seen zu schenken. Ein Geschenk? Nein, dieser Jurassic Park der Neuzeit ist vielmehr eine Leihgabe, in weiser Voraussicht haben die „Tassies“ ein Drittel des Landes unter Naturschutz gestellt – aus dem Dickicht an Nationalparks gibt es kein Entrinnen.

Einer von ihnen ist der Mount Williams National Park. Fast menschenleer, eine 150 Quadratkilometer große, natürliche Enklave am nordöstlichen Zipfel der Insel – Heimat des seltenen Forrester-Kängerus und Ausgangspunkt einer der faszinierenden Trekking-Touren, die man sich nur vorstellen kann: Der „Bay of Fires Walk“. Vielmehr als nur eine Wanderung, ein perfekt inszeniertes Natur- und Genussspektakel, eine Expedition nicht nur in die dortige Flora und Fauna, sondern auch in die leckeren Abgründe der lokalen Kochkunst. Beides zu erleben ist ein Privileg, der Zugang zu dieser viertägigen Tour ist streng reglementiert, die Parkverwaltung lässt nur Kleinstgruppen zu, individuelles Pilgern durch dieses Paradies ist verpönt.
Mein erster Eindruck? Ich werde blind! Ich weiß nicht, was mehr blendet, der stahlblaue, wolkenlose Himmel, das türkisfarbene Meer oder dieser unglaubliche Strand, eine Sinfonie aus Sand, feiner als Mehl, weißer als Schnee. Ich bin vielleicht nicht im falschen Film, aber ich kann nicht am richtigen Ort sein, oder? Das einzige, was mich jetzt nicht an die Seychellen oder Malediven denken lässt, ist der kühle Wind von See und diese unglaubliche Frische in der Luft, ein Aroma aus Algen, Salz und Strandgut, frisch eben, aber nicht unbedingt tropisch. Nach wenigen Schritten möchte man sofort Quartier machen und sich in die kühlen Fluten stürzen, doch Simon, unser Hirte treibt seine kleine Menschenherde mit Geduld und guten Worten in südliche Richtung. Warum die Eile, frage ich ihn, die neun Kilometer Tagespensum schaffen wir doch auf einem Bein. Denkste! Buckelige, von Wind und Wetter über Generationen modellierte und von roten Flechten überwachsene Felsmonster, deren Reliefs aus der Ferne immer an ein Tier erinnert – der Panzer einer Schildkröte, der Rücken eines Wals, die runde Schnauze eines Delfins – bauen sich zu einem Hindernisparcours auf, gleichzeitig baut meine Kondition ab. Noch nicht einmal die Hälfte ist geschafft, da stehe ich mit beiden Beinen und einem schmerzenden Rücken, an dem ein immer schwerer werdender Sack hängt, in etwas, was beinahe schon den Namen Treibsand verdient und stöhne. Ich bin nicht der einzige. Unsere Guides werden zu Samaritern und basteln en passant einen Gourmet-Rastplatz mit Kaffeetafel und leichtem Gebäck in die Klippen. So kann es weitergehen ...

Doch wenn es mit dem Gehen überhaupt nicht geht? Dann verlegt man eben auf die Straße. Tasmanien per Auto erlaubt den perfekten Spagat zwischen unberührter Natur einerseits und urbaner Urlaubsfreude andererseits. Im Süden lockt eine Stadt mit viel Esprit und Charme: Hobart. Die Frischzellenkur für die historischen Speicherhäuser aus Sandstein im Altstadtviertels Battery Point hat in der Kapitale erneut das koloniale Herz geweckt. Dort wo im 19. Jahrhundert Walfänger, Händler und Beamte für geschäftiges Treiben sorgten, florieren heute Ateliers, Antiquitätenläden, Cafés, Kneipen und Boutiquen. Der Gang über den Salamanca Square ist ebenso ein „Must“, wie der Besuch einer der hervorragenden Fischrestaurants entlang den alten Docks. Am anderen Ende der Inseln und unterwegs auf so geschichtsträchtigen Strecken wie „The Heritage Highway“ oder “The Convict Trail“ liegt die Stadt Launceston. Gut, vielleicht eher ein Städtchen, doch von reizvollen Kontrasten geprägt. Vornehm-gediegene Häuserzeilen im viktorianischen Stil wechseln sich ab mit Art Deco Fassaden, wie man sie nur aus Miami kennt. Und auch wenn hier zum Beispiel die Cataract-Gorge, eine Schlucht wie ein Mini-Gran Canyon, schon wieder zu einem Outdoor-Erlebnis lockt, ein Besuch im Queen Victoria Museum gehört eingeplant. Außen preisverdächtige Architektur, innen Hort für eine großzügigen Sammlung kolonialer Kunst. Übrigens: Bei den Überlandfahrten prallt man leider auch ein wenig auf die Schattenseiten des geballten Naturschutzes. Auf einigen Straßenabschnitten sieht es aus, wie in Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“, denn in der Dunkelheit wird Tasmaniens Asphalt zum Freiluftzoo. Leider zieht die Fauna beim Aufeinandertreffen von Kängerus, Wallabies und Wombats auf den Durchgangsverkehr leider stets den Kürzeren. Deshalb nachts nie schneller als 50 Km/h fahren.

Beide Orte liegen nur einen halben Tag Fahrt auseinander, wer sich mehr Zeit nehmen kann, der macht den Umweg über den „East Coast Escape“, eine der schönsten Überlandfahrten überhaupt, der sich über Stunden direkt an die Küste schmiegt und immer wieder ein grandioses Panorama spendiert. Nicht verpassen: Die Abfahrt auf die Freycinet Halbinsel, denn dort liegt die Wineglass Bay, und in ihr eine der schönsten Strände der ganzen Insel.

Hinter uns liegen jetzt wohl tatsächlich neun Kilometer strammes Strandwandern, als Simon und Claire unvermittelter Dinge einen kleinen Dünenpfad einschlagen – vor uns baut sich Camp Forrester auf! Eine Mischung aus Zelt und Gebäude mit kleinen Schlafparzellen, inklusive Kissen, Matratze und Schlafsack, ein Four Seasons könnte jetzt kaum luxuriöser sein. Wie sie es schaffen, weiß ich nicht, aber die beiden guten Feen zaubern innerhalb von einer halben Stunde ein Drei-Gänge Menü aus dem Dünensand, Steaks, Salate und dazu eine fantastische Flasche tasmanischen Shiraz. Mit dem letzten Tropfen Wein ziehe ich noch einmal in Richtung Strand, der Himmel hat das Blau abgelegt und gegen dramatische Rot- und Orangetöne eingetauscht. Die gesamte Bucht scheint in Flammen. „Bay of Fires“ eben, doch soll der Name angeblich nichts mit dieser Lichtorgie zu tun haben. Dem französischen Entdecker Tobias Furneaux fiel vor ein paar hundert Jahren beim Vorbeisegeln die vielen Feuer der Aborigines am Strand auf - und kein anderer Name ein. Ich falle wenig später auf meine Pritsche, vergrabe mich im Schlafsack und lausche der Brandung, die so nah klingt, als klopfe sie gleich am zappelnden Zelt an.

14 Kilometer. Das ist fast die doppelte Dosis von gestern, aber wie sagt Simon und grinst, „no pain, no gain.“ Dass der Wind noch einmal tief Luft geholt hat, macht es nicht einfacher. Wir stapfen durch Muschelberge, die sich kniehoch aufgetürmt haben und beim Überqueren knirschen wie schlecht geölte Türen, marschieren über brettharten Sand, durchstreifen die spärlich bewachsenen Dünen und staunen immer wieder darüber, wie abwechslungsreich sich Natur präsentieren kann. Kurz vor dem Eddystone Lighthouse machen wir Brotzeit, der Leuchtturm selbst ist nichts für schwache Nerven – um ihn herum überall tote Seevögel, die ungebremst in die riesigen, glitzernden Spiegel fliegen. Am späten Nachmittag endlich haben wir das Ziel im Visier. Hoch oben auf einem Felsen schwebt die „Bay of Fires Lodge“, ein architektonischer Opus aus Holz, Glas und Stahl, minimalistisch in seiner Anmutung und doch urgemütlich in seinem Inneren. Auf den letzten Metern fliegen wir fast an einer anderen Gruppe Trekker vorbei, die sich schon in die bequemen Liegestühle auf der Aussichtsterrasse gelümmelt haben und ein einzigartiges Breitband-Panorama aufsaugen, sensationeller kann Aussicht nicht sein. Doch jetzt erst eine heiße Dusche! Vielsagendes Feixen, denn umsonst gibt es die nicht! Ich stehe, mit einem Fragzeichen auf der Stirn, vor einer mittelalterlicher Handpumpe. Dann komme ich dahinter und erst dann kommt das warme Nass aus der Leitung, ein schmaler Preis für das Gefühl in einer 5-Sterne Horchposten der Zivilisation angekommen zu sein – auf 20 Kilometer wilden Küstenstreifens ist die Lodge das einzige Gebäude.

Außer an der Pumpe muss man hier aber nirgends Hand anlegen. Die Guides der verschiedenen Gruppen haben sich an der Küchenzeile vereinigt und basteln nun Köstlichkeiten, die nicht in diese Wildnis gehören, sondern auf den Teller eines Gourmet-Restaurants mit Michelin-Mütze. Die Reste vom Lachs auf Wildreis habe ich mir für den nächsten Tag schon für das Lunch-Paket vormerken lassen. Es geht aufs Wasser. Genauer: Kajaking. Nach einem Waldspaziergang gabelt uns ein Bus auf und fährt uns an die Anfänge des Ansons River, eingepfercht in Zwei-Mann Booten stechen wir in den träge dahindümpelnden Fluss, spätestens als der in eine größere Lagune mit kräftiger Dünung übergeht ist es jedoch mit der ruhigen Kaffeefahrt vorbei. Das Paddeln, neugierig beäugt von Seeadlern und Pelikanen, wird zur Schwerstarbeit. Liegt vielleicht auch daran, dass meine Kajak-Teilhaberin schon frühzeitig ihr Arbeitsgerät ad acta legte und mich für die Fortbewegung verantwortlich macht. Die letzten Meter bis zum rettenden Ufer lege ich schwimmend zurück. Das Wasser ist kalt. Sehr kalt. Anschließend noch ein gepflegter Marsch am Strand entlang und ich bin platt. Die Lodge und ihre Crew empfängt uns müde Krieger so, wie sie uns morgens entlassen hat – mit einer Mahlzeit vom anderen Stern.

Tags darauf werden wir dann zurück in die so genannte Zivilisation zurück geshuttelt. Ein Abschied, der schwerer nicht fallen kann. Der Rücken schmerzt, an den Beinen haben ganz neue Muskeln Kater bekommen und doch fühlt man sich ... leicht. Leichter als nie zuvor.