Das kann doch
nicht so schwer sein! Vor der Abfahrt bekam ich noch ein Sonderlob vom Veranstalter,
weil sich mein Marschgepäck als das leichteste
in der Gruppe präsentierte. Bin ja schließlich
kein Anfänger, dachte ich insgeheim und musterte
meine Mitleidenden ... Entschuldigung, Mitreisenden
mit mildem Blick. Einige Stunden später im tiefen
Sand zerrt mein Rucksack an mir, als hätte sich
zwischen Thermohose, Sonnencreme und Flip-Flops noch
eine Rinderhälfte versteckt. Ich überlege
verzweifelt, ob ich heimlich ein paar T-Shirts entsorgen
sollte. Wandern am Ende der Welt ist buchstäblich
keine leichte Sache. Wie macht Claire das bloß?
Claire ist eine der beiden Guides, sie ist Anfang 20,
ungefähr halb so groß wie ich, mit einem
Backpack, doppelt so groß wie sie selbst. Allein
die Größe lässt auf einiges an Gewicht
schließen. „27 Kilo“, ruft sie mir
grinsend zu, als könnte sie Gedanken lesen. Claire
ist zusammen mit ihrem Sidekick Simon außer Wegweiser
auch noch unser Animateur, mobile Küchenbrigade
und unerschöpflicher Fundus an Wissen über
Tasmanien an sich und über die „Bay of Fires“ im
Besonderen.
Zugegeben, das Schild mit der Ankündigung vom „Ende
der Welt“, das sucht man in Tasmanien vergebens,
aber die Einheimischen, die „Tassies“ kokettieren
gern mit der Tatsache, dass sie sehr, sehr weit weg
von allem sind, under „Down Under“ sozusagen.
Vom großen Bruder Australien weitestgehend ignoriert
und vom Rest der Welt isoliert (der nächste Nachbar
gen Süden ist die Antarktis) leben die knapp 500.000
Insulaner in einem perfekt inszenierten Mikrokosmos,
nicht ganz die Hälfte von ihnen in der Hauptstadt
Hobart. Der Rest kommt sich auf einem Terrain von der
Größe Irlands kaum ins Gehege, auf Tasmanien
regiert Mutter Natur und die war großzügig
genug, ihren Besatzern ein kontrastreiches Landschaftsprogramm
aus schroffen Küsten, einsamen Stränden,
majestätischen Bergketten, satten Regenwäldern
und funkelnden Seen zu schenken. Ein Geschenk? Nein,
dieser Jurassic Park der Neuzeit ist vielmehr eine
Leihgabe, in weiser Voraussicht haben die „Tassies“ ein
Drittel des Landes unter Naturschutz gestellt – aus
dem Dickicht an Nationalparks gibt es kein Entrinnen.
Einer von ihnen ist der Mount Williams National Park.
Fast menschenleer, eine 150 Quadratkilometer große,
natürliche Enklave am nordöstlichen Zipfel
der Insel – Heimat des seltenen Forrester-Kängerus
und Ausgangspunkt einer der faszinierenden Trekking-Touren,
die man sich nur vorstellen kann: Der „Bay of
Fires Walk“. Vielmehr als nur eine Wanderung,
ein perfekt inszeniertes Natur- und Genussspektakel,
eine Expedition nicht nur in die dortige Flora und
Fauna, sondern auch in die leckeren Abgründe der
lokalen Kochkunst. Beides zu erleben ist ein Privileg,
der Zugang zu dieser viertägigen Tour ist streng
reglementiert, die Parkverwaltung lässt nur Kleinstgruppen
zu, individuelles Pilgern durch dieses Paradies ist
verpönt.
Mein erster Eindruck? Ich werde blind! Ich weiß nicht,
was mehr blendet, der stahlblaue, wolkenlose Himmel,
das türkisfarbene Meer oder dieser unglaubliche
Strand, eine Sinfonie aus Sand, feiner als Mehl, weißer
als Schnee. Ich bin vielleicht nicht im falschen Film,
aber ich kann nicht am richtigen Ort sein, oder? Das
einzige, was mich jetzt nicht an die Seychellen oder
Malediven denken lässt, ist der kühle Wind
von See und diese unglaubliche Frische in der Luft,
ein Aroma aus Algen, Salz und Strandgut, frisch eben,
aber nicht unbedingt tropisch. Nach wenigen Schritten
möchte man sofort Quartier machen und sich in
die kühlen Fluten stürzen, doch Simon, unser
Hirte treibt seine kleine Menschenherde mit Geduld
und guten Worten in südliche Richtung. Warum die
Eile, frage ich ihn, die neun Kilometer Tagespensum
schaffen wir doch auf einem Bein. Denkste! Buckelige,
von Wind und Wetter über Generationen modellierte
und von roten Flechten überwachsene Felsmonster,
deren Reliefs aus der Ferne immer an ein Tier erinnert – der
Panzer einer Schildkröte, der Rücken eines
Wals, die runde Schnauze eines Delfins – bauen
sich zu einem Hindernisparcours auf, gleichzeitig baut
meine Kondition ab. Noch nicht einmal die Hälfte
ist geschafft, da stehe ich mit beiden Beinen und einem
schmerzenden Rücken, an dem ein immer schwerer
werdender Sack hängt, in etwas, was beinahe schon
den Namen Treibsand verdient und stöhne. Ich bin
nicht der einzige. Unsere Guides werden zu Samaritern
und basteln en passant einen Gourmet-Rastplatz mit
Kaffeetafel und leichtem Gebäck in die Klippen.
So kann es weitergehen ...
Doch wenn es mit dem Gehen überhaupt nicht geht?
Dann verlegt man eben auf die Straße. Tasmanien
per Auto erlaubt den perfekten Spagat zwischen unberührter
Natur einerseits und urbaner Urlaubsfreude andererseits.
Im Süden lockt eine Stadt mit viel Esprit und
Charme: Hobart. Die Frischzellenkur für die historischen
Speicherhäuser aus Sandstein im Altstadtviertels
Battery Point hat in der Kapitale erneut das koloniale
Herz geweckt. Dort wo im 19. Jahrhundert Walfänger,
Händler und Beamte für geschäftiges
Treiben sorgten, florieren heute Ateliers, Antiquitätenläden,
Cafés, Kneipen und Boutiquen. Der Gang über
den Salamanca Square ist ebenso ein „Must“,
wie der Besuch einer der hervorragenden Fischrestaurants
entlang den alten Docks. Am anderen Ende der Inseln
und unterwegs auf so geschichtsträchtigen Strecken
wie „The Heritage Highway“ oder “The
Convict Trail“ liegt die Stadt Launceston. Gut,
vielleicht eher ein Städtchen, doch von reizvollen
Kontrasten geprägt. Vornehm-gediegene Häuserzeilen
im viktorianischen Stil wechseln sich ab mit Art Deco
Fassaden, wie man sie nur aus Miami kennt. Und auch
wenn hier zum Beispiel die Cataract-Gorge, eine Schlucht
wie ein Mini-Gran Canyon, schon wieder zu einem Outdoor-Erlebnis
lockt, ein Besuch im Queen Victoria Museum gehört
eingeplant. Außen preisverdächtige Architektur,
innen Hort für eine großzügigen Sammlung
kolonialer Kunst. Übrigens: Bei den Überlandfahrten
prallt man leider auch ein wenig auf die Schattenseiten
des geballten Naturschutzes. Auf einigen Straßenabschnitten
sieht es aus, wie in Stephen Kings „Friedhof
der Kuscheltiere“, denn in der Dunkelheit wird
Tasmaniens Asphalt zum Freiluftzoo. Leider zieht die
Fauna beim Aufeinandertreffen von Kängerus, Wallabies
und Wombats auf den Durchgangsverkehr leider stets
den Kürzeren. Deshalb nachts nie schneller als
50 Km/h fahren.
Beide Orte liegen nur einen halben Tag Fahrt auseinander,
wer sich mehr Zeit nehmen kann, der macht den Umweg über
den „East Coast Escape“, eine der schönsten Überlandfahrten überhaupt,
der sich über Stunden direkt an die Küste
schmiegt und immer wieder ein grandioses Panorama spendiert.
Nicht verpassen: Die Abfahrt auf die Freycinet Halbinsel,
denn dort liegt die Wineglass Bay, und in ihr eine
der schönsten Strände der ganzen Insel.
Hinter uns liegen jetzt wohl tatsächlich neun
Kilometer strammes Strandwandern, als Simon und Claire
unvermittelter Dinge einen kleinen Dünenpfad einschlagen – vor
uns baut sich Camp Forrester auf! Eine Mischung aus
Zelt und Gebäude mit kleinen Schlafparzellen,
inklusive Kissen, Matratze und Schlafsack, ein Four
Seasons könnte jetzt kaum luxuriöser sein.
Wie sie es schaffen, weiß ich nicht, aber die
beiden guten Feen zaubern innerhalb von einer halben
Stunde ein Drei-Gänge Menü aus dem Dünensand,
Steaks, Salate und dazu eine fantastische Flasche tasmanischen
Shiraz. Mit dem letzten Tropfen Wein ziehe ich noch
einmal in Richtung Strand, der Himmel hat das Blau
abgelegt und gegen dramatische Rot- und Orangetöne
eingetauscht. Die gesamte Bucht scheint in Flammen. „Bay
of Fires“ eben, doch soll der Name angeblich
nichts mit dieser Lichtorgie zu tun haben. Dem französischen
Entdecker Tobias Furneaux fiel vor ein paar hundert
Jahren beim Vorbeisegeln die vielen Feuer der Aborigines
am Strand auf - und kein anderer Name ein. Ich falle
wenig später auf meine Pritsche, vergrabe mich
im Schlafsack und lausche der Brandung, die so nah
klingt, als klopfe sie gleich am zappelnden Zelt an.
14 Kilometer. Das ist fast die doppelte Dosis von gestern,
aber wie sagt Simon und grinst, „no pain, no
gain.“ Dass der Wind noch einmal tief Luft geholt
hat, macht es nicht einfacher. Wir stapfen durch Muschelberge,
die sich kniehoch aufgetürmt haben und beim Überqueren
knirschen wie schlecht geölte Türen, marschieren über
brettharten Sand, durchstreifen die spärlich bewachsenen
Dünen und staunen immer wieder darüber, wie
abwechslungsreich sich Natur präsentieren kann.
Kurz vor dem Eddystone Lighthouse machen wir Brotzeit,
der Leuchtturm selbst ist nichts für schwache
Nerven – um ihn herum überall tote Seevögel,
die ungebremst in die riesigen, glitzernden Spiegel
fliegen. Am späten Nachmittag endlich haben wir
das Ziel im Visier. Hoch oben auf einem Felsen schwebt
die „Bay of Fires Lodge“, ein architektonischer
Opus aus Holz, Glas und Stahl, minimalistisch in seiner
Anmutung und doch urgemütlich in seinem Inneren.
Auf den letzten Metern fliegen wir fast an einer anderen
Gruppe Trekker vorbei, die sich schon in die bequemen
Liegestühle auf der Aussichtsterrasse gelümmelt
haben und ein einzigartiges Breitband-Panorama aufsaugen,
sensationeller kann Aussicht nicht sein. Doch jetzt
erst eine heiße Dusche! Vielsagendes Feixen,
denn umsonst gibt es die nicht! Ich stehe, mit einem
Fragzeichen auf der Stirn, vor einer mittelalterlicher
Handpumpe. Dann komme ich dahinter und erst dann kommt
das warme Nass aus der Leitung, ein schmaler Preis
für das Gefühl in einer 5-Sterne Horchposten
der Zivilisation angekommen zu sein – auf 20
Kilometer wilden Küstenstreifens ist die Lodge
das einzige Gebäude.
Außer an der Pumpe muss man hier aber nirgends
Hand anlegen. Die Guides der verschiedenen Gruppen
haben sich an der Küchenzeile vereinigt und basteln
nun Köstlichkeiten, die nicht in diese Wildnis
gehören, sondern auf den Teller eines Gourmet-Restaurants
mit Michelin-Mütze. Die Reste vom Lachs auf Wildreis
habe ich mir für den nächsten Tag schon für
das Lunch-Paket vormerken lassen. Es geht aufs Wasser.
Genauer: Kajaking. Nach einem Waldspaziergang gabelt
uns ein Bus auf und fährt uns an die Anfänge
des Ansons River, eingepfercht in Zwei-Mann Booten
stechen wir in den träge dahindümpelnden
Fluss, spätestens als der in eine größere
Lagune mit kräftiger Dünung übergeht
ist es jedoch mit der ruhigen Kaffeefahrt vorbei. Das
Paddeln, neugierig beäugt von Seeadlern und Pelikanen,
wird zur Schwerstarbeit. Liegt vielleicht auch daran,
dass meine Kajak-Teilhaberin schon frühzeitig
ihr Arbeitsgerät ad acta legte und mich für
die Fortbewegung verantwortlich macht. Die letzten
Meter bis zum rettenden Ufer lege ich schwimmend zurück.
Das Wasser ist kalt. Sehr kalt. Anschließend
noch ein gepflegter Marsch am Strand entlang und ich
bin platt. Die Lodge und ihre Crew empfängt uns
müde Krieger so, wie sie uns morgens entlassen
hat – mit einer Mahlzeit vom anderen Stern.
Tags darauf werden wir dann zurück in die so genannte
Zivilisation zurück geshuttelt. Ein Abschied,
der schwerer nicht fallen kann. Der Rücken schmerzt,
an den Beinen haben ganz neue Muskeln Kater bekommen
und doch fühlt man sich ... leicht. Leichter als
nie zuvor.
|