Die Luft ist so
feucht, man kann sie fast trinken. Es ist früh am Morgen und doch sind
die Temperaturen bereits tropisch. Der letzte monsunartige
Schauer liegt noch wie ein nasses Kleid über dem
Regenwald. Ich stampfe behäbig durch das rutschige,
abschüssige Dickicht, versuche gleichzeitig die
Balance zu halten und den Anschluss nicht zu verlieren.
Vor mir geht, nein, schwebt leichtfüßig
und behände ein größerer Rucksack.
Sein Träger heißt Komang Gina. Mein Guide.
Eine balinesische Frohnatur, ein unerschöpflicher
Fundus an Wissen über Flora und Fauna. Die Natur
hier, sie ist ein einzigartiger Tsunami an Düften,
ein spektakuläres Konzert an Geräuschen und
so referiert er nonstop über alles was kreucht
und fleucht. Als es einmal besonders intensiv riecht,
tippe ich auf Durian, eine Frucht, die ihre Überreife
mit einem besonders strengen Aroma ankündigt.
Komang sieht mich entgeistert an und zeigt kopfschüttelnd
auf einen großen Haufen Kuhscheiße, der
sich zusammen mit ein paar Rindern als Vorboten der
nahen Zivilisation in das Unterholz gepflanzt hat.
Als sich der Dschungel mehr und mehr lichtet, aus dem
schmalen Pfad langsam ein richtiger Weg wird, kommen
wir dort an, wo ich vor Beginn meiner Reise hinwollte.
In ein möglichst ursprüngliches, ein traditionelleres
Bali. Es heißt Dukah Kawan und ist ein kleines
Dorf unweit von Ubud. Umzingelt von quietschgrünen
Reisfeldern ist das Leben hier von erfrischender Trägheit.
Ein paar Männer in Sarongs schenken uns ein freundliches
Lächeln und vertiefen sich danach wieder in strenges
Nichtstun, die Dorfältesten tragen ungerührt
ihre Blöße zur Schau, denn ab einem gewissen
Alter marschiert die Frau oben-ohne, Kinder jagen mit
viel Gejohle hinter Straßenköter und Federvieh
her, auf den unbepflasterten Gassen knattern die wenigen
Mopeds im Slalom um den Reis herum, der dort aufs Trocknen
wartet. Wir kaufen uns zwei große Portionen nangka
goreng und pisang goreng, zwei leckere, süße
Fritate mit Jackfrucht und Banane. Dabei schaue ich
mich um und merke, wie allgegenwärtig Gott ist.
Beziehungsweise, so will es die Hindu-Dharma-Religion,
jener besonderen, balinesische Glaubenform des Hinduismus,
ein ganzes Aufgebot an Göttern. Sie manifestieren
sich in steinernen Dämonenfratzen mit Moosperücken,
in finster dreinblickende Löwen aus Granit, über
denen oft ein grau-rotkarierter Umhang aus grobem Textil
drapiert ist. Und ihnen huldigt selbst die kleinste,
noch so bescheidene Behausung und ihre Bewohner mit
einem Strom aus kleinen Opfergaben: Kunstvoll geflochtene
Körbchen aus Palmenblättern, in denen bunte
Blüten und ein wenig Reis den Göttern gereicht
wird, um sie milde zu stimmen.
Knappe zwei Stunden Fußmarsch von diesem Idyll
entfernt liegt ein anderes. Es heißt Maya Ubud,
führt als Zusatz noch Resort & Spa im Namen
und ist die perfekte Schnittstelle zwischen dem traditionellen
und dem modernen Bali. Allein für die Location
dieser himmlischen Herberge müssen ganz spezielle
Wohlfühl-Götter verantwortlich gewesen sein,
die Anlage thront majestätisch auf einer Art erhöhter
Halbinsel, zu beiden Seiten Schluchten, durch die sich
der Fluss Petanu sein Bett sucht. Links der Regenwald,
rechts die so typischen Terrassen aus Reisfeldern und
dort, wo sich der Fluss wieder vereinigt, liegt der
Spa. Als am Nachmittag ein größeres Wellness-Paket
zur Anwendung kommt, mir ein Engel namens Rai die Verspannungen
aus dem Rücken zaubert – bei einer traditionellen
Bali-Massage wird, anders als bei uns zu Hause, gestreckt
und gedehnt und nicht rabiat durchgeknetet - döse
ich bäuchlings auf einem gemütlichen Massagetisch
und blicke nicht auf einen schmucklosen Fußboden,
sondern auf die Schaumkronen des reißenden Gewässers
50 Meter unter mir. Über mir erfüllt sich
der Raum langsam mit den ätherischen Aromen verschiedener
Heilkräuter. Ich rieche Jasmin, Zimt, Gelbwurz,
anscheinend präpariert meine Anti-Stress-Priesterin
das Hot Compress Herbal Treatment. Sanft nicke ich
ein.
Auf Bali boomen die Spa- und Beauty-Angebote nicht
von ungefähr, für die Einheimischen ist der
Weg zum Wohlbefinden fast ebenso wichtig wie der gute
Draht zu den Gottheiten. Massagetechniken sind Erbgut,
sie werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben,
jedes Kleinkind lernt bei sich selbst oder bei anderen
mit geschickten Griffen Schmerzen zu lindern. Und wenn
sie dann heranwachsen, dann bieten sie ihre Dienste
flächendeckend an, im nahen Ubud findet sich kaum
eine Straße, in der nicht irgendwo eine schnelle
Massage für kleines Geld ausgelobt wird – anders
als in Thailand oder auf den Philippinen sind diese
kleinen Läden hier keine Mogelpackung
Ubud, diese quirlige Kleinstadt im Landesinneren, sie
gilt seit jeher als kulturelles und spirituelles Zentrum
der Insel – auch wenn vieles seiner ursprünglichen
Mystik und Magie inzwischen einem gewissen Kommerz
weichen musste. Den Geheimtipp hat inzwischen eben
auch der Pauschaltourismus entdeckt, es gibt wahrscheinlich
inzwischen mehr Geldautomaten als Tempel und mit der
Ruhe und Abgeschiedenheit ist es längst vorbei.
Doch abseits der lärmenden Hauptstraßen
ist sehr schnell ein ursprünglicheres Ubud entdeckt.
Ich lasse mich erst im Gewühl treiben und finde
mich irgendwann am heiligen Affenwald wieder, ein Hort
für hunderter, kreischender Makaken (Meerkatzen),
die hier über dem Pura Dalem Agung Tempel wachen.
Vor knapp 80 Jahren allerdings hatte Ubud noch wenig
mit Primaten am Hut, da war der Ort eine Art gelobtes
Land, ein Shangri-La für eine Kolonie aus Schriftstellern,
Bildhauern und Intellektuellen, unter ihnen auch Walter
Spieß. Dem deutschen Maler verdanken die Einheimischen
einen nachhaltigen Vermerk in die Kunst-Atlanten dieser
Welt, er förderte die lokale Kunstszene wo er
nur konnte. Sein Haus war Durchgangslager für
renommierte Autoren wie Vicki Baum (sie schrieb dort
ihren Roman „Liebe und Tod auf Bali“),
bei im gastierte einst sogar der berühmte Charlie
Chaplin. Heute beherbergt das wunderschöne Anwesen
gutsituierte Touristen. Ich bin eher schlechter situiert
und suche das nächste Bett woanders. Im Restaurant
Murni's Warung, gastronomischer Platzhirsch seit über
25 Jahren, treffe ich auf eine leckere Rijstafel und
auf Wayan. Der hat sein Auto mitgebracht und sich für
umgerechnet weniger als 30 Euro bereit erklärt,
mich über die Insel zu fahren. Pro Tag. Selbstfahren,
gar mit dem Moped, ist natürlich günstiger,
aber der Linksverkehr ist gewöhnungsbedürftig
und das rechzeitige Ankommen nicht unbedingt garantiert.
Wayan platziert sein kleines Opferschälchen samt
Räucherstäbchen auf dem Armaturenbrett und
braust los. Nach wenigen Minuten bleibt mir die Luft
weg, milde Götter oder nicht, für mich riecht
das rauchende Arrangement wie ein feuchter Tennissocken.
Ich bin ein gottloser Geselle, denke ich und sage nichts.
Unsere Fahrt führt uns zunächst durch relativ
unspektakuläres Terrain, doch eines, das sofort
an den gemeinen Shopping-Instinkt appelliert. Die Straßen
sind gesäumt von kleinen und großen Werkstätten,
in denen balinesische Handwerker, unbeeindruckt von
der schwülen Hitze, verschiedenste Materialien
bearbeiten. Geschickte Hände veredeln jeden erdenklichen
Rohstoff zu einem entweder filigranen oder rohen Einrichtungsgegenstand.
Mal ist es Holz, dann blickt man soweit das Auge reicht
auf diese typischen Bali-Möbel aus Teak oder anderen
edlen Hölzern, die zu Hause einen ganzen Redakteurs-Monatslohn
kosten, hier aber für den Preis eines Billy-Regals
zu haben sind. Ich bin kurz davor, einen Container
zu chartern ... . Mal ist es Stein, dann ist der Asphalt
kilometerlang flankiert von Statuen unterschiedlichster
Größe – hier huldigt man in der Hauptsache
den Göttern. Doch ab und zu schleichen sich in
die steinernen Verbeugungen vor den Gottheiten auch
so praktische Dinge wie Waschbecken (aus Jahrmillionen
alten versteinertem Holz) oder Tischplatten ein, alles
jedoch nicht wirklich etwas für das Handgepäck.
Das findet sich dann eher an den Wegen, wo viel mit
Korb und Glas hantiert wird. Mich befällt das
Gefühl, als führt uns die Fahrt durch eine
Art Freiluft-Ikea, hier noch ein Vasensortiment, dort
noch eine Ablage aus Rattan oder Bambus.
Next stop: Lake Bratan, der wie ein nasser Korken auf
der Spitze eines erloschenen Vulkans sitzt. Am Westufer
dieses Sees liegt ein Tempel. Das an sich ist nichts
Ungewöhnliches, kennt und nennt man Bali doch
nicht nur die Insel der Götter, sondern auch die
der tausend Tempel (in Wahrheit sollen es mehr als
20.000 sein). Doch dieser ist ein ganz besonderer.
Manchmal, wie an diesem Tag, ist die Wirklichkeit schöner
als jeder Prospekt. Das wird auch Dewi Danu, die Göttin
der Seen und Flüsse, zugeben, wenn sie sieht,
wie der zu ihren Ehren errichtete Pura Ulun Danu Tempel
im späten Morgennebel mystisch leuchtet. Damit
das Bild vollkommen ist, fehlt nur noch eine jener
typischen religiösen Prozessionen, bei denen sich
die Balinesen in feines Tuch hüllen und den Göttern
ihre Aufwartung machen. Ich versuche mein Glück
am Fuße des Batukaru, der zweithöchsten
Erhebung Balis. Dort liegt der erhabene Batukaru Tempel,
der zweitheiligste Balis. Auf der Fahrt dorthin fliegt
die charakteristische Landschaft des balinesischen
Hochlands an uns vorbei, dieses kontrastreiche und
farbenfrohe Panorama der Reisterrassen in ihren verschiedenen
Anbaustadien – der sattgrüne, velourartige
Teppich aus jungen Reissetzlingen unterbrochen von
brachliegende Wasserflächen, die in der Sonne
pailettenartig glitzern und die goldgelb gereiften
Pflanzen, die sich erntebereit vor der Sichel und dem
Wind ducken. An den schroffen Hängen kleben Kokospalmen
und kunterbunte Blumenvorhänge als flankierender
Beistand. Und über allem schwebt Dewi Sri, die
Reisgöttin.
Eine Prozession finde ich nicht, dafür aber das
unweit der Tempelanlage angelegte Prana Dewi, ein kleines
Resort, das seinen Schwerpunkt auf Yoga und Meditation
gelegt hat. Genauer: Yogakurse im Iyengar Stil kombiniert
mit Heilmeditation und Pranayama (Atemübungen).
Abgerundet wird diese bewusstseinserweiternde Erfahrung
mit köstlichem Essen aus ökologisch korrektem
Anbau. Eine verstecktes Perle, für alle, die nicht
Meer brauchen (falls doch, Dehan und seine deutsche
Frau Franziska betreiben eine weitere Hotelanlage – Villa
Prana Bali – in Kerobokan, wenige Minuten entfernt
vom berühmten Strand von Seminyak). „Atem
der Götter“ bedeutet Prana Dewi übersetzt
und wer sich hier für ein paar Tage in den traditionell
gebauten und sehr schlicht eingerichteten Bungalows
einmietet, der wird ihn spüren.
Alles paradiesisch? Keine Frage, Bali ist ein Paradies.
Aber ein zerbrechliches. Wer „A“ wie Attentat
sagt, für den war „B“ wie Bali zeitweise
fast wie eine logische Ergänzung. Die beiden Bombenanschläge
aus den Jahren 2002 und 2005, sie sind verdrängt,
vergessen sind sie nicht. Die herzliche Freundlichkeit,
mit der die Balinesen ihre Gäste empfangen ist
allgegenwärtig. Genauso wie Metalldetektoren an
den Hotels mit mehr als drei Sternen. Die Insel der
Götter, sie hat etwas von ihrer Unschuld eingebüßt.
Wer noch ungebrochene Lebensfreude und Leichtigkeit
sucht, der findet sie, je weiter er sich vom Südzipfel
der Insel entfernt. Dort, in einem Radius von 50 Kilometer
vom Flughafen, tobt der Tourismus, wie man ihn klischeehaft
kennt. Die Horden von Backpacker und Surfer, die die
Strände von Kuta und Legian besetzt halten. Die
Fünf-Sterne Bastionen aus Hotel und Spa, die von
Jimbaran hinauf auf die steilen Felsen von Bukit reichen.
Dazu die Einkaufs- und Restaurantmeilen von Seminyak.
Auch das hat seinen Charme. Bali kann nicht enttäuschen,
denn es hat sich auf alle Geschmäcker und alle
Budgets eingerichtet.
Besuch in einer kleinen unscheinbaren Gasse in Seminyak
unweit des Strandes. Dort hat Yanto seine Praxis. Er
ist ein dünner Mann, der mit 53 aussieht, wie
mit 35. Yanto ist, so versichern mir viele, die ihn
schon einmal besucht haben, ein Mann mit besonderen
Fähigkeiten. Sie sagen, er ist ein Healer. Er
selbst versichert eher bescheiden, er praktiziere nur
ein uraltes chinesisches Body Treatment. Doch wenn
er Hand anlegt und das tut er eher sanft, dann marschieren
heilende Wellen durch den gestressten Körper.
Cindy Crawford schwört auf seine Kraft und nach
zwei Sitzungen tue ich es auch. Danach stürze
ich mich in das Getümmel von Legian und Co. und
der plötzliche Menschenauflauf ist nach der tagelangen
Abgeschiedenheit im Landesinneren ein Schock. Aber
ein willkommener. Abends der Sundowner in der legendären
KuDeTa Lounge mit Blick aufs Wasser, hier trumpft Balis
who-is-who auf, zur Jahreswende soll Kate Moss die
große Sylvesternacht mit einem kurzen Auftritt
geziert haben. Unbedingt einen Abstecher am Jimbaran
Beach einplanen, hier finden sich zahlreiche Fischrestaurants,
die sich, ihre Gäste und gewaltige Fischplatten
direkt auf dem Strand feiern. Mein Favorit ist das
New Bayang Café, umzingelt von der freundlichen
Küchenbrigade begleitet man mich erst in die Küche
zur opulenten Fischauswahl. Wie auf einem kleinen Fischmarkt
liegen Lobster, Snapper, Krabben und Muscheln wie auf
einem Präsentierteller, die Qual der Wahl und
zwanzig Minuten später sitze ich vor dem perfekten
Grillteller. Wem das kulinarisch nicht anspruchsvoll
genug ist, der findet ins gediegen-gestylte Hotel Tugu
Bali. Für den verwöhnten Gaumen hält
das Restaurant Köstliches bereit. Die Auswahl
ist riesig.
Doch mein Favorit bleibt das Maya Ubud. Daran ändert
auch nicht die Tatsache, dass ich am ersten Morgen
nicht vom Krähen eines Hahnes geweckt wurde. Markerschütterndes
Geschrei riss mich aus dem Schlaf. Eine Opferung? Mitnichten.
Die Reisbauern auf der gegenüberliegenden Flussseite
wirken morgens als menschliche Vogelscheuchen und kreischen
alles nieder, was nur in die Nähe der Ernte fliegt.
Ich öffnete die Fenster, ließ in die überdimensionale
Badewanne ein Body Recharge Bath einlaufen und sah
ihrem Treiben zu. Modernes Bali meets traditionelles
Bali. Perfekt.
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