"Insel der Götter" (Compliment 07/08)
Bali, die Perle im Indischen Ozean, lockt mit magischen
Orten, erloschenen Vulkanen, traditioneller Massagekunst und kulinarischen Köstlichkeiten auf höchstem Niveau.

 

Die Luft ist so feucht, man kann sie fast trinken. Es ist früh am Morgen und doch sind die Temperaturen bereits tropisch. Der letzte monsunartige Schauer liegt noch wie ein nasses Kleid über dem Regenwald. Ich stampfe behäbig durch das rutschige, abschüssige Dickicht, versuche gleichzeitig die Balance zu halten und den Anschluss nicht zu verlieren. Vor mir geht, nein, schwebt leichtfüßig und behände ein größerer Rucksack. Sein Träger heißt Komang Gina. Mein Guide. Eine balinesische Frohnatur, ein unerschöpflicher Fundus an Wissen über Flora und Fauna. Die Natur hier, sie ist ein einzigartiger Tsunami an Düften, ein spektakuläres Konzert an Geräuschen und so referiert er nonstop über alles was kreucht und fleucht. Als es einmal besonders intensiv riecht, tippe ich auf Durian, eine Frucht, die ihre Überreife mit einem besonders strengen Aroma ankündigt. Komang sieht mich entgeistert an und zeigt kopfschüttelnd auf einen großen Haufen Kuhscheiße, der sich zusammen mit ein paar Rindern als Vorboten der nahen Zivilisation in das Unterholz gepflanzt hat.

Als sich der Dschungel mehr und mehr lichtet, aus dem schmalen Pfad langsam ein richtiger Weg wird, kommen wir dort an, wo ich vor Beginn meiner Reise hinwollte. In ein möglichst ursprüngliches, ein traditionelleres Bali. Es heißt Dukah Kawan und ist ein kleines Dorf unweit von Ubud. Umzingelt von quietschgrünen Reisfeldern ist das Leben hier von erfrischender Trägheit. Ein paar Männer in Sarongs schenken uns ein freundliches Lächeln und vertiefen sich danach wieder in strenges Nichtstun, die Dorfältesten tragen ungerührt ihre Blöße zur Schau, denn ab einem gewissen Alter marschiert die Frau oben-ohne, Kinder jagen mit viel Gejohle hinter Straßenköter und Federvieh her, auf den unbepflasterten Gassen knattern die wenigen Mopeds im Slalom um den Reis herum, der dort aufs Trocknen wartet. Wir kaufen uns zwei große Portionen nangka goreng und pisang goreng, zwei leckere, süße Fritate mit Jackfrucht und Banane. Dabei schaue ich mich um und merke, wie allgegenwärtig Gott ist. Beziehungsweise, so will es die Hindu-Dharma-Religion, jener besonderen, balinesische Glaubenform des Hinduismus, ein ganzes Aufgebot an Göttern. Sie manifestieren sich in steinernen Dämonenfratzen mit Moosperücken, in finster dreinblickende Löwen aus Granit, über denen oft ein grau-rotkarierter Umhang aus grobem Textil drapiert ist. Und ihnen huldigt selbst die kleinste, noch so bescheidene Behausung und ihre Bewohner mit einem Strom aus kleinen Opfergaben: Kunstvoll geflochtene Körbchen aus Palmenblättern, in denen bunte Blüten und ein wenig Reis den Göttern gereicht wird, um sie milde zu stimmen.

Knappe zwei Stunden Fußmarsch von diesem Idyll entfernt liegt ein anderes. Es heißt Maya Ubud, führt als Zusatz noch Resort & Spa im Namen und ist die perfekte Schnittstelle zwischen dem traditionellen und dem modernen Bali. Allein für die Location dieser himmlischen Herberge müssen ganz spezielle Wohlfühl-Götter verantwortlich gewesen sein, die Anlage thront majestätisch auf einer Art erhöhter Halbinsel, zu beiden Seiten Schluchten, durch die sich der Fluss Petanu sein Bett sucht. Links der Regenwald, rechts die so typischen Terrassen aus Reisfeldern und dort, wo sich der Fluss wieder vereinigt, liegt der Spa. Als am Nachmittag ein größeres Wellness-Paket zur Anwendung kommt, mir ein Engel namens Rai die Verspannungen aus dem Rücken zaubert – bei einer traditionellen Bali-Massage wird, anders als bei uns zu Hause, gestreckt und gedehnt und nicht rabiat durchgeknetet - döse ich bäuchlings auf einem gemütlichen Massagetisch und blicke nicht auf einen schmucklosen Fußboden, sondern auf die Schaumkronen des reißenden Gewässers 50 Meter unter mir. Über mir erfüllt sich der Raum langsam mit den ätherischen Aromen verschiedener Heilkräuter. Ich rieche Jasmin, Zimt, Gelbwurz, anscheinend präpariert meine Anti-Stress-Priesterin das Hot Compress Herbal Treatment. Sanft nicke ich ein.

Auf Bali boomen die Spa- und Beauty-Angebote nicht von ungefähr, für die Einheimischen ist der Weg zum Wohlbefinden fast ebenso wichtig wie der gute Draht zu den Gottheiten. Massagetechniken sind Erbgut, sie werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben, jedes Kleinkind lernt bei sich selbst oder bei anderen mit geschickten Griffen Schmerzen zu lindern. Und wenn sie dann heranwachsen, dann bieten sie ihre Dienste flächendeckend an, im nahen Ubud findet sich kaum eine Straße, in der nicht irgendwo eine schnelle Massage für kleines Geld ausgelobt wird – anders als in Thailand oder auf den Philippinen sind diese kleinen Läden hier keine Mogelpackung

Ubud, diese quirlige Kleinstadt im Landesinneren, sie gilt seit jeher als kulturelles und spirituelles Zentrum der Insel – auch wenn vieles seiner ursprünglichen Mystik und Magie inzwischen einem gewissen Kommerz weichen musste. Den Geheimtipp hat inzwischen eben auch der Pauschaltourismus entdeckt, es gibt wahrscheinlich inzwischen mehr Geldautomaten als Tempel und mit der Ruhe und Abgeschiedenheit ist es längst vorbei. Doch abseits der lärmenden Hauptstraßen ist sehr schnell ein ursprünglicheres Ubud entdeckt. Ich lasse mich erst im Gewühl treiben und finde mich irgendwann am heiligen Affenwald wieder, ein Hort für hunderter, kreischender Makaken (Meerkatzen), die hier über dem Pura Dalem Agung Tempel wachen. Vor knapp 80 Jahren allerdings hatte Ubud noch wenig mit Primaten am Hut, da war der Ort eine Art gelobtes Land, ein Shangri-La für eine Kolonie aus Schriftstellern, Bildhauern und Intellektuellen, unter ihnen auch Walter Spieß. Dem deutschen Maler verdanken die Einheimischen einen nachhaltigen Vermerk in die Kunst-Atlanten dieser Welt, er förderte die lokale Kunstszene wo er nur konnte. Sein Haus war Durchgangslager für renommierte Autoren wie Vicki Baum (sie schrieb dort ihren Roman „Liebe und Tod auf Bali“), bei im gastierte einst sogar der berühmte Charlie Chaplin. Heute beherbergt das wunderschöne Anwesen gutsituierte Touristen. Ich bin eher schlechter situiert und suche das nächste Bett woanders. Im Restaurant Murni's Warung, gastronomischer Platzhirsch seit über 25 Jahren, treffe ich auf eine leckere Rijstafel und auf Wayan. Der hat sein Auto mitgebracht und sich für umgerechnet weniger als 30 Euro bereit erklärt, mich über die Insel zu fahren. Pro Tag. Selbstfahren, gar mit dem Moped, ist natürlich günstiger, aber der Linksverkehr ist gewöhnungsbedürftig und das rechzeitige Ankommen nicht unbedingt garantiert. Wayan platziert sein kleines Opferschälchen samt Räucherstäbchen auf dem Armaturenbrett und braust los. Nach wenigen Minuten bleibt mir die Luft weg, milde Götter oder nicht, für mich riecht das rauchende Arrangement wie ein feuchter Tennissocken. Ich bin ein gottloser Geselle, denke ich und sage nichts. Unsere Fahrt führt uns zunächst durch relativ unspektakuläres Terrain, doch eines, das sofort an den gemeinen Shopping-Instinkt appelliert. Die Straßen sind gesäumt von kleinen und großen Werkstätten, in denen balinesische Handwerker, unbeeindruckt von der schwülen Hitze, verschiedenste Materialien bearbeiten. Geschickte Hände veredeln jeden erdenklichen Rohstoff zu einem entweder filigranen oder rohen Einrichtungsgegenstand. Mal ist es Holz, dann blickt man soweit das Auge reicht auf diese typischen Bali-Möbel aus Teak oder anderen edlen Hölzern, die zu Hause einen ganzen Redakteurs-Monatslohn kosten, hier aber für den Preis eines Billy-Regals zu haben sind. Ich bin kurz davor, einen Container zu chartern ... . Mal ist es Stein, dann ist der Asphalt kilometerlang flankiert von Statuen unterschiedlichster Größe – hier huldigt man in der Hauptsache den Göttern. Doch ab und zu schleichen sich in die steinernen Verbeugungen vor den Gottheiten auch so praktische Dinge wie Waschbecken (aus Jahrmillionen alten versteinertem Holz) oder Tischplatten ein, alles jedoch nicht wirklich etwas für das Handgepäck. Das findet sich dann eher an den Wegen, wo viel mit Korb und Glas hantiert wird. Mich befällt das Gefühl, als führt uns die Fahrt durch eine Art Freiluft-Ikea, hier noch ein Vasensortiment, dort noch eine Ablage aus Rattan oder Bambus.

Next stop: Lake Bratan, der wie ein nasser Korken auf der Spitze eines erloschenen Vulkans sitzt. Am Westufer dieses Sees liegt ein Tempel. Das an sich ist nichts Ungewöhnliches, kennt und nennt man Bali doch nicht nur die Insel der Götter, sondern auch die der tausend Tempel (in Wahrheit sollen es mehr als 20.000 sein). Doch dieser ist ein ganz besonderer. Manchmal, wie an diesem Tag, ist die Wirklichkeit schöner als jeder Prospekt. Das wird auch Dewi Danu, die Göttin der Seen und Flüsse, zugeben, wenn sie sieht, wie der zu ihren Ehren errichtete Pura Ulun Danu Tempel im späten Morgennebel mystisch leuchtet. Damit das Bild vollkommen ist, fehlt nur noch eine jener typischen religiösen Prozessionen, bei denen sich die Balinesen in feines Tuch hüllen und den Göttern ihre Aufwartung machen. Ich versuche mein Glück am Fuße des Batukaru, der zweithöchsten Erhebung Balis. Dort liegt der erhabene Batukaru Tempel, der zweitheiligste Balis. Auf der Fahrt dorthin fliegt die charakteristische Landschaft des balinesischen Hochlands an uns vorbei, dieses kontrastreiche und farbenfrohe Panorama der Reisterrassen in ihren verschiedenen Anbaustadien – der sattgrüne, velourartige Teppich aus jungen Reissetzlingen unterbrochen von brachliegende Wasserflächen, die in der Sonne pailettenartig glitzern und die goldgelb gereiften Pflanzen, die sich erntebereit vor der Sichel und dem Wind ducken. An den schroffen Hängen kleben Kokospalmen und kunterbunte Blumenvorhänge als flankierender Beistand. Und über allem schwebt Dewi Sri, die Reisgöttin.

Eine Prozession finde ich nicht, dafür aber das unweit der Tempelanlage angelegte Prana Dewi, ein kleines Resort, das seinen Schwerpunkt auf Yoga und Meditation gelegt hat. Genauer: Yogakurse im Iyengar Stil kombiniert mit Heilmeditation und Pranayama (Atemübungen). Abgerundet wird diese bewusstseinserweiternde Erfahrung mit köstlichem Essen aus ökologisch korrektem Anbau. Eine verstecktes Perle, für alle, die nicht Meer brauchen (falls doch, Dehan und seine deutsche Frau Franziska betreiben eine weitere Hotelanlage – Villa Prana Bali – in Kerobokan, wenige Minuten entfernt vom berühmten Strand von Seminyak). „Atem der Götter“ bedeutet Prana Dewi übersetzt und wer sich hier für ein paar Tage in den traditionell gebauten und sehr schlicht eingerichteten Bungalows einmietet, der wird ihn spüren.

Alles paradiesisch? Keine Frage, Bali ist ein Paradies. Aber ein zerbrechliches. Wer „A“ wie Attentat sagt, für den war „B“ wie Bali zeitweise fast wie eine logische Ergänzung. Die beiden Bombenanschläge aus den Jahren 2002 und 2005, sie sind verdrängt, vergessen sind sie nicht. Die herzliche Freundlichkeit, mit der die Balinesen ihre Gäste empfangen ist allgegenwärtig. Genauso wie Metalldetektoren an den Hotels mit mehr als drei Sternen. Die Insel der Götter, sie hat etwas von ihrer Unschuld eingebüßt. Wer noch ungebrochene Lebensfreude und Leichtigkeit sucht, der findet sie, je weiter er sich vom Südzipfel der Insel entfernt. Dort, in einem Radius von 50 Kilometer vom Flughafen, tobt der Tourismus, wie man ihn klischeehaft kennt. Die Horden von Backpacker und Surfer, die die Strände von Kuta und Legian besetzt halten. Die Fünf-Sterne Bastionen aus Hotel und Spa, die von Jimbaran hinauf auf die steilen Felsen von Bukit reichen. Dazu die Einkaufs- und Restaurantmeilen von Seminyak. Auch das hat seinen Charme. Bali kann nicht enttäuschen, denn es hat sich auf alle Geschmäcker und alle Budgets eingerichtet.

Besuch in einer kleinen unscheinbaren Gasse in Seminyak unweit des Strandes. Dort hat Yanto seine Praxis. Er ist ein dünner Mann, der mit 53 aussieht, wie mit 35. Yanto ist, so versichern mir viele, die ihn schon einmal besucht haben, ein Mann mit besonderen Fähigkeiten. Sie sagen, er ist ein Healer. Er selbst versichert eher bescheiden, er praktiziere nur ein uraltes chinesisches Body Treatment. Doch wenn er Hand anlegt und das tut er eher sanft, dann marschieren heilende Wellen durch den gestressten Körper. Cindy Crawford schwört auf seine Kraft und nach zwei Sitzungen tue ich es auch. Danach stürze ich mich in das Getümmel von Legian und Co. und der plötzliche Menschenauflauf ist nach der tagelangen Abgeschiedenheit im Landesinneren ein Schock. Aber ein willkommener. Abends der Sundowner in der legendären KuDeTa Lounge mit Blick aufs Wasser, hier trumpft Balis who-is-who auf, zur Jahreswende soll Kate Moss die große Sylvesternacht mit einem kurzen Auftritt geziert haben. Unbedingt einen Abstecher am Jimbaran Beach einplanen, hier finden sich zahlreiche Fischrestaurants, die sich, ihre Gäste und gewaltige Fischplatten direkt auf dem Strand feiern. Mein Favorit ist das New Bayang Café, umzingelt von der freundlichen Küchenbrigade begleitet man mich erst in die Küche zur opulenten Fischauswahl. Wie auf einem kleinen Fischmarkt liegen Lobster, Snapper, Krabben und Muscheln wie auf einem Präsentierteller, die Qual der Wahl und zwanzig Minuten später sitze ich vor dem perfekten Grillteller. Wem das kulinarisch nicht anspruchsvoll genug ist, der findet ins gediegen-gestylte Hotel Tugu Bali. Für den verwöhnten Gaumen hält das Restaurant Köstliches bereit. Die Auswahl ist riesig.

Doch mein Favorit bleibt das Maya Ubud. Daran ändert auch nicht die Tatsache, dass ich am ersten Morgen nicht vom Krähen eines Hahnes geweckt wurde. Markerschütterndes Geschrei riss mich aus dem Schlaf. Eine Opferung? Mitnichten. Die Reisbauern auf der gegenüberliegenden Flussseite wirken morgens als menschliche Vogelscheuchen und kreischen alles nieder, was nur in die Nähe der Ernte fliegt. Ich öffnete die Fenster, ließ in die überdimensionale Badewanne ein Body Recharge Bath einlaufen und sah ihrem Treiben zu. Modernes Bali meets traditionelles Bali. Perfekt.