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"Luxusinsel Cayo Espanto" (Foreign Affairs 11/2002)
Belize mit Butler.
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“So, und dann drücken Sie hier und sagen, bringen Sie uns zwei Pina Colada!“ Churchill schenkt uns ein schelmisches Lachen während er routiniert am Walkie Talkie fummelt und uns in die Untiefen der Inselkommunikation einweiht. “Und dann sage ich, no problem, Sir, kommt sofort.“ Churchill lächelt weiter dienstbeflissen, steht etwas ungelenk in seinem Khaki-Outfit und tut ein wenig so, als hätte er einen anzüglichen Witz erzählt. Wir grinsen verlegen zurück, schließlich ist die Begegnung mit einem waschechten Butler keine alltägliche.

Doch hier im Paradies ist der menschgewordene Service eine Selbstverständlichkeit. So selbstverständlich, dass man unserem Churchill auch noch ein Faktotum zur Seite gestellt hat: Obed. Der hält sich etwas schüchtern im Hintergrund und spielt mit seinem Käppi. Ein braunes übrigens. Denn, so werden wir eingangs belehrt, die weiße Kopfbedeckung hat mehr zu sagen, als die erdfarbene. Wir haben schon viel gelernt, seitdem uns vor einer halben Stunde das kleine Motorboot an der Holzpier ausgespuckt hat. Dabei zog sich unsere Anreise über glasklares, aber nur knietiefes Wasser - eigentlich eine Sache von sieben Minuten, wie im Prospekt beschrieben – sogar noch etwas in die Länge. German, der Bootsführer, hatte die Wahl des Begrüßungscocktails durchgemorst und der Barkeeper versuchte nun verzweifelt zu dechiffrieren, was ein Mojito ist und wie man ihn zubereitet. Dem frommen Wunsch, währenddessen noch eine kleine Ehrenrunde durch die azurblaue Wasserwüste zu drehen, kamen wir natürlich nach. Als wir dann endlich andockten, stand die gesamte Belegschaft Spalier. Ganz hinten Churchill, zwei eiskalte Erfrischungtücher und zwei noch kältere Mojitos auf dem Tablett.

Ach ja, natürlich hat das Paradies einen Namen. Cayo Espanto, eine Insel ... nein, eher ein mit Wasser umspülter Fleck - knapp 1.2 Hektar klein. Nicht größer als der Hamburger Rathausmarkt, aber tropischer gelegen. Cayo Espanto gehört zu Belize und liegt westlich von Ambergris Cay jenseits des mächtigen Riffs, dass sich schützend von der mexikanischen Halbinsel Yucatan bis Honduras erstreckt. Für den gemeinen Traveller wahrscheinlich (noch) touristisches Neuland, dem passionierten Taucher hingegen leuchten die Augen – unweit von dem kleinen Eiland befindet sich das legendäre “Blue Hole“.

Auch auf Cayo Espanto wird abgetaucht. Allerdings weniger in die Karibik, denn die geht einem rund um die Insel tatsächlich nur bis zu den Hüften, sondern vielmehr in Luxus total. Fünf “Cabanas“ – Mini-Villen trifft es fast besser - stehen zur Auswahl, jede auf ihre eigene Art individuell und bezaubernd. Der Stil? Ein eklektisches Design, dass auf faszinierende Art karibisches Flair mit zweckmäßigem Dekor verbindet. "Ralph Lauren meets Zapata". Rohe, fast behäbig wirkende Teakmöbel treffen auf polierte Betonböden, riesige, türkis-blaue Lamellentüren schmiegen sich geschickt an die Holzträger, geben den Blick frei auf beinah kitschig wirkende Postkartenkompositionen aus Wasser, Palmen und einem Himmel, der keinen Blauton auslässt. All das verwandelt die “Casa Estrella“ und ihre vier Schwestern in geräumige Open-Air Datschas. Durch die ständig eine Brise für willkommene Abkühlung und ab und zu ein Schwarm Moskitos für ungebetene Abwechslung sorgt. Alle “Casas“haben eine Küchenzeile inklusive Kühlschrank, dessen Trinkvorräte vom emsigen Butlerteam stets auf höchstem Niveau gehalten wird, überdimensionierte Alfresco-Duschbäder, die mehr draussen als drinnen stattfinden und die wahrscheinlich größten Betten, die je gezimmert wurden, überzogen mit feinstem Bettzeug aus ägyptischer Baumwolle und überschattet, wenn man so will, von einem riesigen Moskitonetz. Auf den großzügigen Veranden lauern noch Hängematten, Liegestühle und, wenn er sich denn zeigt, Salty der Insel-Labrador, der die Gegend patrouliert, sich nach dem Befinden der Gäste erkundigt oder, falls er zu beschäftigt ist, gerade einem der zahlreichen Iguanas nachstellt. Viel mehr Leben bekommt man auch nicht ab, denn obwohl die Insel so lächerlich klein ist, sind die Häuser so positioniert, das man von den maximal 14 Gästen, die sich gleichzeitig auf dem Atoll tummeln können, nie jemand zu sehen bekommen muss.

Denn genau so hatte Jeff Gram, ein amerikanischer Selfmade-Millionär, sich das vorgestellt. Als er die Insel vor fast 10 Jahren kaufte, sah das noch ganz anders aus. Ein Stück Mangrovensumpf mit Moskitokolonien und viel Arbeit, die auf ihn wartete. Gram legte Cayo trocken, schüttete feinsten Sand auf, pflanzte 600 Palmen und engagierte mit Jamens Hyatt und Darell Schmitt – die beiden zeichnen auch für einige der sündhaft exklusiven Aman-Resorts verantwortlich - ein renommiertes Architektenduo, das ihm den Rest des Paradies bauten. Vor zwei Jahren feierte Gram und Crew Eröffnung, kurz danach standen er und sein Team bis zu den Knien im Schlamm – Hurricane Keith überrollte Belize. Während Teile von San Pedro noch heute so aussehen, als sei der Wirbelsturm erst gestern durch den Ort gefegt, hat sich Cayo Espanto längst wieder erholt, Dollarmillionen sei Dank.

Aber auch ein Paradies ist nicht vollkommen. Der avisierte Pool ist nicht nur auf den ersten Blick eine kleine Mogelpackung – schließlich gehen dessen Ausmaße kaum über die eines Ermüdungsbeckens in einem Kurbetrieb hinaus – seinen Zweck hingegen könnte er nicht besser erfüllen. Nachdem man sich durch den über 30 Grad warmen Golf von Mexiko gewälzt hat, sind die eiskalten (!) 23 Grad im Tauchbecken die denkbar beste Erfrischung und für mehr als ein paar Bahnen im olympischen Badewannenformat reicht die Energie sowieso nicht aus. Trotz oder gerade wegen des alkoholischen Dopings, das der rastlose Churchill nach kurzem Funkverkehr ungestraft herbeischafft. Welch ein Service.

Das weiß auch Mr. Gram. “Wir haben hier schon ein ziemlich schönes Resort hingestellt,“ lautet sein unbescheidenes Fazit. “Wer das erste Mal bei uns ist, dem verschlägt es glatt die Sprache. Aber das hält nur gute sechs Stunden vor, danach zählt einfach nur Service.“ Und den hat er wirklich perfektionieren lassen. Egal ob Frühstück oder Dinner, jedes Gericht wird mit dem Gast durchgesprochen. Dazu pilgert Christoph, der französische Chef, dann zur Hängematte und erläutert die kulinarischen Optionen des Tages. Was einem nicht passt, wird weggelassen. Hat man tagsüber ein paar Fische gefangen, dann gibt man sie ihm zur Zubereitung. Alles herrlich unkompliziert. Serviert wird auf dem privaten Holzdock, auf dem Balkon, auf dem kleinen Strandabschnitt oder im Bett.

Wer verirrt sich denn nun nach Cayo Espanto? Oder besser, wer sollte dahin finden? Auf jeden Fall nur jemand, dem der Sinn nach völliger Abgeschiedenheit und Ruhe steht. Sicher, Satellitenfernsehen, wohlsortierte CD- und Videoarsenale und ein Internetanschluß sorgen für einen Hauch von Zivilisation. Und die Insulaner sind eifrig bemüht, Aktivitäten wie Schnorcheln, Angeln, Ausflüge auf benachbarte Inseln oder zu den Maya-Ruinen zu organisieren. Die meiste Zeit jedoch verbringt der Gast mit gepflegtem Nichtstun. Man gewöhnt sich verdammt schnell an das Walkie Talkie und Churchills sonorem Kommando aus dem Äther: “No problem, Sir, kommt sofort.“