“So, und dann drücken
Sie hier und sagen, bringen Sie uns zwei Pina Colada!“
Churchill schenkt uns ein schelmisches Lachen während
er routiniert am Walkie Talkie fummelt und uns in die
Untiefen der Inselkommunikation einweiht. “Und
dann sage ich, no problem, Sir, kommt sofort.“
Churchill lächelt weiter dienstbeflissen, steht
etwas ungelenk in seinem Khaki-Outfit und tut ein wenig
so, als hätte er einen anzüglichen Witz erzählt.
Wir grinsen verlegen zurück, schließlich
ist die Begegnung mit einem waschechten Butler keine
alltägliche.
Doch hier im Paradies ist der menschgewordene Service
eine Selbstverständlichkeit. So selbstverständlich,
dass man unserem Churchill auch noch ein Faktotum zur
Seite gestellt hat: Obed. Der hält sich etwas schüchtern
im Hintergrund und spielt mit seinem Käppi. Ein
braunes übrigens. Denn, so werden wir eingangs
belehrt, die weiße Kopfbedeckung hat mehr zu sagen,
als die erdfarbene. Wir haben schon viel gelernt, seitdem
uns vor einer halben Stunde das kleine Motorboot an
der Holzpier ausgespuckt hat. Dabei zog sich unsere
Anreise über glasklares, aber nur knietiefes Wasser
- eigentlich eine Sache von sieben Minuten, wie im Prospekt
beschrieben – sogar noch etwas in die Länge.
German, der Bootsführer, hatte die Wahl des Begrüßungscocktails
durchgemorst und der Barkeeper versuchte nun verzweifelt
zu dechiffrieren, was ein Mojito ist und wie man ihn
zubereitet. Dem frommen Wunsch, währenddessen noch
eine kleine Ehrenrunde durch die azurblaue Wasserwüste
zu drehen, kamen wir natürlich nach. Als wir dann
endlich andockten, stand die gesamte Belegschaft Spalier.
Ganz hinten Churchill, zwei eiskalte Erfrischungtücher
und zwei noch kältere Mojitos auf dem Tablett.
Ach ja, natürlich hat das Paradies einen Namen.
Cayo Espanto, eine Insel ... nein, eher ein mit Wasser
umspülter Fleck - knapp 1.2 Hektar klein. Nicht
größer als der Hamburger Rathausmarkt, aber
tropischer gelegen. Cayo Espanto gehört zu Belize
und liegt westlich von Ambergris Cay jenseits des mächtigen
Riffs, dass sich schützend von der mexikanischen
Halbinsel Yucatan bis Honduras erstreckt. Für den
gemeinen Traveller wahrscheinlich (noch) touristisches
Neuland, dem passionierten Taucher hingegen leuchten
die Augen – unweit von dem kleinen Eiland befindet
sich das legendäre “Blue Hole“.
Auch auf Cayo Espanto wird abgetaucht. Allerdings weniger
in die Karibik, denn die geht einem rund um die Insel
tatsächlich nur bis zu den Hüften, sondern
vielmehr in Luxus total. Fünf “Cabanas“
– Mini-Villen trifft es fast besser - stehen zur
Auswahl, jede auf ihre eigene Art individuell und bezaubernd.
Der Stil? Ein eklektisches Design, dass auf faszinierende
Art karibisches Flair mit zweckmäßigem Dekor
verbindet. "Ralph Lauren meets Zapata". Rohe,
fast behäbig wirkende Teakmöbel treffen auf
polierte Betonböden, riesige, türkis-blaue
Lamellentüren schmiegen sich geschickt an die Holzträger,
geben den Blick frei auf beinah kitschig wirkende Postkartenkompositionen
aus Wasser, Palmen und einem Himmel, der keinen Blauton
auslässt. All das verwandelt die “Casa Estrella“
und ihre vier Schwestern in geräumige Open-Air
Datschas. Durch die ständig eine Brise für
willkommene Abkühlung und ab und zu ein Schwarm
Moskitos für ungebetene Abwechslung sorgt. Alle
“Casas“haben eine Küchenzeile inklusive
Kühlschrank, dessen Trinkvorräte vom emsigen
Butlerteam stets auf höchstem Niveau gehalten wird,
überdimensionierte Alfresco-Duschbäder, die
mehr draussen als drinnen stattfinden und die wahrscheinlich
größten Betten, die je gezimmert wurden,
überzogen mit feinstem Bettzeug aus ägyptischer
Baumwolle und überschattet, wenn man so will, von
einem riesigen Moskitonetz. Auf den großzügigen
Veranden lauern noch Hängematten, Liegestühle
und, wenn er sich denn zeigt, Salty der Insel-Labrador,
der die Gegend patrouliert, sich nach dem Befinden der
Gäste erkundigt oder, falls er zu beschäftigt
ist, gerade einem der zahlreichen Iguanas nachstellt.
Viel mehr Leben bekommt man auch nicht ab, denn obwohl
die Insel so lächerlich klein ist, sind die Häuser
so positioniert, das man von den maximal 14 Gästen,
die sich gleichzeitig auf dem Atoll tummeln können,
nie jemand zu sehen bekommen muss.
Denn genau so hatte Jeff Gram, ein amerikanischer Selfmade-Millionär,
sich das vorgestellt. Als er die Insel vor fast 10 Jahren
kaufte, sah das noch ganz anders aus. Ein Stück
Mangrovensumpf mit Moskitokolonien und viel Arbeit,
die auf ihn wartete. Gram legte Cayo trocken, schüttete
feinsten Sand auf, pflanzte 600 Palmen und engagierte
mit Jamens Hyatt und Darell Schmitt – die beiden
zeichnen auch für einige der sündhaft exklusiven
Aman-Resorts verantwortlich - ein renommiertes Architektenduo,
das ihm den Rest des Paradies bauten. Vor zwei Jahren
feierte Gram und Crew Eröffnung, kurz danach standen
er und sein Team bis zu den Knien im Schlamm –
Hurricane Keith überrollte Belize. Während
Teile von San Pedro noch heute so aussehen, als sei
der Wirbelsturm erst gestern durch den Ort gefegt, hat
sich Cayo Espanto längst wieder erholt, Dollarmillionen
sei Dank.
Aber auch ein Paradies ist nicht vollkommen. Der avisierte
Pool ist nicht nur auf den ersten Blick eine kleine
Mogelpackung – schließlich gehen dessen
Ausmaße kaum über die eines Ermüdungsbeckens
in einem Kurbetrieb hinaus – seinen Zweck hingegen
könnte er nicht besser erfüllen. Nachdem man
sich durch den über 30 Grad warmen Golf von Mexiko
gewälzt hat, sind die eiskalten (!) 23 Grad im
Tauchbecken die denkbar beste Erfrischung und für
mehr als ein paar Bahnen im olympischen Badewannenformat
reicht die Energie sowieso nicht aus. Trotz oder gerade
wegen des alkoholischen Dopings, das der rastlose Churchill
nach kurzem Funkverkehr ungestraft herbeischafft. Welch
ein Service.
Das weiß auch Mr. Gram. “Wir haben hier
schon ein ziemlich schönes Resort hingestellt,“
lautet sein unbescheidenes Fazit. “Wer das erste
Mal bei uns ist, dem verschlägt es glatt die Sprache.
Aber das hält nur gute sechs Stunden vor, danach
zählt einfach nur Service.“ Und den hat er
wirklich perfektionieren lassen. Egal ob Frühstück
oder Dinner, jedes Gericht wird mit dem Gast durchgesprochen.
Dazu pilgert Christoph, der französische Chef,
dann zur Hängematte und erläutert die kulinarischen
Optionen des Tages. Was einem nicht passt, wird weggelassen.
Hat man tagsüber ein paar Fische gefangen, dann
gibt man sie ihm zur Zubereitung. Alles herrlich unkompliziert.
Serviert wird auf dem privaten Holzdock, auf dem Balkon,
auf dem kleinen Strandabschnitt oder im Bett.
Wer verirrt sich denn nun nach Cayo Espanto? Oder besser,
wer sollte dahin finden? Auf jeden Fall nur jemand,
dem der Sinn nach völliger Abgeschiedenheit und
Ruhe steht. Sicher, Satellitenfernsehen, wohlsortierte
CD- und Videoarsenale und ein Internetanschluß
sorgen für einen Hauch von Zivilisation. Und die
Insulaner sind eifrig bemüht, Aktivitäten
wie Schnorcheln, Angeln, Ausflüge auf benachbarte
Inseln oder zu den Maya-Ruinen zu organisieren. Die
meiste Zeit jedoch verbringt der Gast mit gepflegtem
Nichtstun. Man gewöhnt sich verdammt schnell an
das Walkie Talkie und Churchills sonorem Kommando aus
dem Äther: “No problem, Sir, kommt sofort.“
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