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"Friede auf Erden" (GQ 12/2004)
Luxus und Ökologie passen zusammen wie COSTA UND RICA: In Mittelamerika zeigen drei Hotels, wie Fünfsterneurlaub und Umweltschutz kein Widerspruch sein müssen.
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“Caca de mono congo”. Julio bohrt seinen geschulten Blick in ein kleines Stück Exkrement, das sich vor ihm auf den Stufen aufgetürmt hat. “Monkey shit”, übersetzt der Mann für diejenigen unter uns, die des Spanischen weniger mächtig sind – also fast alle. In dem Teil der Gruppe, die nicht aus passionierten Ornithologen besteht, beginnt es leicht zu rumoren, schließlich sind wir nicht um 6 Uhr morgens aufgebrochen, um Stunden später nichts als den Kot schreiender Primaten besichtigt zu haben. Dabei können wir sie nicht nur riechen, wir können sie auch hören, Brüllaffen bekommen ihren Namen nicht von ungefähr. Julio, dessen Visitenkarte ihn als “Gerente de Recreación” ausweist, also als eine Art “Wohlfühl-Manager“, will, dass wir uns Wohl fühlen, gelobt Besserung und hastet weiter den hölzernen Treppenparcours entlang, den die Landschaftsarchitekten in die Natur gezimmert haben. Wir folgen, unsere Vogelkundler bleiben, eins geworden mit dem Fernglas zurück, verzückt melden sie aus der Halbdistanz die Sichtung winzigster Flugtiere. Wir hofieren deren Glück mit einem schmalen Lächeln, schließlich sind uns richtige Tiere versprochen worden. Doch nach weniger als zwei Stunden strammen Wanderns entlässt uns unser Pfadfinder mit den Worten, das noch keine Gruppe so schnell unterwegs war. Kein Wunder, es gab ja auch nicht viel zu sehen.

Oder doch? Wer sich frühmorgens dem “Nature Hike“ verschreibt, dem bleibt eines nicht verborgen – zum einen die Grenzen, zum anderen die Möglichkeiten eines Trends mit dem die Branche in jüngster Zeit vermehrt zu punkten versucht: Eco-Luxury. Eigentlich ein Oxymoron. Doch einer, der sich dann auflöst, wenn Profit und Natur einander nicht mehr ausschließen, wenn Teile der Einnahmen tatsächlich zurück in die direkt betroffene Umgebung fließen. Dass Ökologie und Luxus gemeinsam unter einem Dach schlafen, war bislang nicht selbstverständlich. Das im Januar eröffnete Four Seasons auf der costaricanischen Halbinsel Papagayo zeigt dass und wie es geht. Knapp 1000 Hektar tropische Landzunge, eingekeilt von zwei Stränden und viel Steilküste, beugten sich luxuriös-ökologischen Bauarbeiten, dabei blickte ein Team von Geologen, Umweltschützer und Historiker den Bauherren von der Planungsphase bis zum letzten Spatenstich argwöhnisch über die Schulter. “Ein akribischer Prozess“, erinnert sich Hotel-Chef Luis Argote, “schließlich sollte hier ja kein Palast aus Beton und Glas entstehen.“ 225 Millionen Dollar später entstand etwas, das gelungen auf dem schmalen Grat zwischen typischem 5-Sterne Komfort und Öko-Verträglichkeit balanciert. Baumeister Ronald Zürcher vollbrachte eine architektonische Quadratur des Kreises, es ist viel da – 153 Zimmer mit bis zu 400 Quadratmeter Größe, drei Swimming Pools, vier Restaurants und ein separates Tagungsgebäude – allein man sieht es nicht, alles scheint wie getarnt, so als müsse man vermeiden, entdeckt zu werden. Hier drängelt nicht der sonst in hiesigen Breiten inflationär verwendete Spanish-Colonial Stil ins Auge des Betrachters, Zürcher verwendet in der Hauptsache “eingeborene“ Farben und Formen. Der Schnitt der Dächer erinnern an den Panzer eines Gürteltiers, das umlaufende Design der kleineren Gebäude an das Äußere von Schildkröten, Anstriche wurden so lange im Labor generiert, bis sie genau den Tönen der Umgebung entsprachen. Und viel mehr Öko geht wohl auch kaum: Der Rasen des von Golflegende Arnold Palmer konzipierten 18-Loch Kurs trinkt Meerwasser, die Klimaanlagen in den Zimmer fahren sofort auf Null, sobald eine Tür offen steht, 70 % des Areals bleibt in seinem ursprünglichen Zustand. A perfect world? Ja, aber eine mit Widersprüchen. Stolz meldet Mr. Argote, dass auf alle motorbetriebenen Wassersport-Aktivitäten verzichtet wird, gleichzeitig geht um die Ecke eine Marina mit 400 Liegeplätzen für Dickschiffe in die Bauphase. Parallel dazu entstehen zusätzliche Golfplätze, weitere 7 Boutique Hotels, klein, fein, schön, aber werden sie die Brüllaffen zurück in die Nähe des “Nature Hike“ bringen?

Sicher ist, die meisten Gäste rekrutieren sich aus dem typischen Four Seasons Klientel, da wird hartnäckiges Fernbleiben von freiem Wild kaum den Urlaub vermiesen. Dazu lässt auch das Hotel selbst keine Wünsche offen, immerhin hat das Management knappe 700 Mitarbeiter rekrutiert – fast alles Einheimische, diese Beschäftigungsoffensive ist ebenfalls Teil so genannter ökologisch tragbarer Langzeitprojekte - die den Gast in irgendeiner Weise dienlich sind. Die meisten bekommt man nie zu Gesicht, doch wer sich einmal unter das Volk mischen will, der nimmt die Einladung von Mr. Argote an, immer Dienstags bittet er auf eine kleine Happy Hour für Gäste und Bedienstete - General Manager's Cocktail Reception heißt die Veranstaltung. Zu späterer Stunde werden die Mojitos immer besser, dadurch das Personal immer schöner und irgendwann hat ein jeder sich dann ganz ungezwungen kennen gelernt ...

Das Four Seasons ist gegenwärtig sicher Costa Ricas beste Eco-Luxury Adresse, sie ist aber keinesfalls die einzige. Anders als andere Staaten in der Region wissen die Ticos, so nennen sich die Eingeborenen, nicht nur was sie an ihrem Land haben, sondern auch was sie ihm schulden. Denn das Land ist ein bunter Teller diversifizierter Biomasse – 5 % des globalen Artenaufkommen findet sich auf einem Areal von der Größe Niedersachsens, zwischen den schmalen 150 Kilometer die zwischen Golf von Mexiko und Pazifik liegen, befinden sich mehr Baumsorten als in Sibirien. Dass dieser Holzbestand nicht schon längst zu Ikea-Schrankwänden zweckentfremdet wurde, ist Ausdruck eines hohen Umweltbewusstseins. Warum? Vielleicht, weil in der “Schweiz Mittelamerikas“ die politischen Uhren anders ticken, hier hat ausnahmsweise einmal nicht die Revolution ihre Kinder gefressen, hier pflegt man keine Armee, hier pflegt man ein Viertel der Landesfläche als Nationalparks. Doch ist deshalb auch wirklich alles Öko, was glänzt? Der 1997 geschaffene Standard CST (Certification of Sustainable Tourism) versucht einheitliche Kriterien zu schaffen, um den inflationären Umgang mit dem Schlagwort “Ökotourismus“ zu begrenzen. Eine neutrale Kommission wacht darüber, ob strenge Auflagen eingehalten werden und verleiht den Herbergen dann einen Ökosiegel – wer sich mit fünf Blättern schmücken darf, hat alles richtig gemacht.

(Noch) keines dieser Blätter, oder Auszeichnungen, ziert das Four Seasons – bislang sind aber auch erst wenige Hotels erfasst. Immerhin zwei erhielt die Hotel Anlage Punta Islita, eines der Platzhirsche unter den Öko-Resorts. Angefangen hat es vor 10 Jahren, die Zürcher Brüder (einer von ihnen der eingangs erwähnte Four Seasons Architekt) sahen die Zeit reif, auf ihrer 200 Hektar großen Rinderfarm mehr als nur ihre engsten Freunde zu unterhalten. Das Viehzeug verschwand und in dem unwegsamen Gelände in der Nähe von Samara entstand ein kleines Dorf. Die 43 “palapa“-gedeckten Einheiten – sie reichen von ausladenden “Villitas“ mit kleinem Tauchbecken bis hin zu geräumigen Hütten, die jeweils zwei geräumige Suiten aufweisen – wirken wie in den Berg gepflanzt, sämtliche Unterkünfte spendieren einen sensationellen Blick über den Pazifik, der kilometerbreit auf einem fast schwarzen Sand aufschlägt. Am besten aber genießt sich das Panorama vom Infinity-Pool aus, der vom Haupthaus direkt ins Meer zu fließen droht. Jedenfalls dann, wenn man sich des öfteren zur Cocktail-Betankung an die im Becken installierte Bar treiben lässt. Ein Konzept, das aufgeht – im Augenblick befinden sich weitere Hütten im Bau, vielleicht werden bei der Gelegenheit die alten auch gleich mit überholt, Patina ist zwar eine schöne Sache, doch man sollte das Klischee von der ausgelobten “rustic-colonial elegance“ nicht überstrapazieren – auch Möbel kommt in die Jahre.

Kaum 50 Kilometer Luftlinie entfernt liegt Santa Teresa – und dort mit dem Hotel Milarepa ein Juwel ganz besonderer Art. Die Anfahrt, ob von Punta Islita aus oder aber aus einer anderen Himmelsrichtung? Sie als “Fahrt“ zu beschreiben, wäre euphemistisch. In der Regenzeit schwillt auch der kleinste Bach zum reißenden Strom, wird das, was die Bezeichnung Weg ohnehin kaum verdient, zu einer Sinfonie aus Schlaglöchern, nach dessen Durchquerung jede Bandscheibe von Urlaub singt. Und den gibt es im Milarepa ohne viel Schnörkel. Philippe und Caroline Verquin, zwei Franzosen, kamen vor 7 Jahren an den meist von Surfern und Rucksacktouristen frequentierten Ort. “Wir wollten am Strand wohnen“, erinnert sich der 43-jährige, “und wir wollten ein kleines Hotel bauen, obwohl wir keine Ahnung vom Geschäft hatten“. Den vier wunderschönen Bungalows, entstanden aus einer Mischung aus heimischem Bamboo und importiertem Teak-Möbeln, sowie dem intimen, aber niemals aufdringlichen Service, sieht man derlei Ahnungslosigkeit nicht an. Unprätentiös, mit viel Charme führen die beiden ihr kleines Reich, man glaubt ihnen aufs Wort, wenn sie sagen, dass fast jeder Besucher als Gast kommt und als Freund geht. Und weil Freunde mehr Freunde mitbringen, haben sich die beiden entschlossen, noch eine weitere Hütte zu bauen – diesmal direkt auf den Strand.

An Costa Ricas Stränden, aber auch in den vulkanische Hochlagen oder tropischen Regenwäldern - überall entstehen mehr und mehr kleine Anlagen, die die gesunde Mischung aus Luxus und Ökologie zu treffen scheinen. Logisch, dass größere Hotel-Ketten versuchen, den Trend zu nützen. Das Four Seasons geht sogar noch ein Stück weiter, der einmal überzeugte Besucher soll auch kaufen. In unmittelbarer Umgebung der Gaststätte liegen die Four Seasons Private Villas - für schmale 1.8 Millionen Dollar darf man nicht nur eine erwerben, sondern obendrauf auch den gesamten Service des Hotels nutzen. Den gibt es dann umsonst. Wie auch die Brüllaffen. Oder deren Stuhl.