“Caca de mono congo”.
Julio bohrt seinen geschulten Blick in ein kleines Stück
Exkrement, das sich vor ihm auf den Stufen
aufgetürmt hat. “Monkey shit”, übersetzt
der Mann für diejenigen unter uns, die des Spanischen
weniger mächtig sind – also fast alle. In
dem Teil der Gruppe, die nicht aus passionierten Ornithologen
besteht, beginnt es leicht zu rumoren, schließlich
sind wir nicht um 6 Uhr morgens aufgebrochen, um Stunden
später nichts als den Kot schreiender Primaten
besichtigt zu haben. Dabei können wir sie nicht
nur riechen, wir können sie auch hören, Brüllaffen
bekommen ihren Namen nicht von ungefähr. Julio,
dessen Visitenkarte ihn als “Gerente de Recreación”
ausweist, also als eine Art “Wohlfühl-Manager“,
will, dass wir uns Wohl fühlen, gelobt Besserung
und hastet weiter den hölzernen Treppenparcours
entlang, den die Landschaftsarchitekten in die Natur
gezimmert haben. Wir folgen, unsere Vogelkundler bleiben,
eins geworden mit dem Fernglas zurück, verzückt
melden sie aus der Halbdistanz die Sichtung winzigster
Flugtiere. Wir hofieren deren Glück mit einem schmalen
Lächeln, schließlich sind uns richtige Tiere
versprochen worden. Doch nach weniger als zwei Stunden
strammen Wanderns entlässt uns unser Pfadfinder
mit den Worten, das noch keine Gruppe so schnell unterwegs
war. Kein Wunder, es gab ja auch nicht viel zu sehen.
Oder doch? Wer sich frühmorgens dem “Nature
Hike“ verschreibt, dem bleibt eines nicht verborgen
– zum einen die Grenzen, zum anderen die Möglichkeiten
eines Trends mit dem die Branche in jüngster Zeit
vermehrt zu punkten versucht: Eco-Luxury. Eigentlich
ein Oxymoron. Doch einer, der sich dann auflöst,
wenn Profit und Natur einander nicht mehr ausschließen,
wenn Teile der Einnahmen tatsächlich zurück
in die direkt betroffene Umgebung fließen. Dass
Ökologie und Luxus gemeinsam unter einem Dach schlafen,
war bislang nicht selbstverständlich. Das im Januar
eröffnete Four Seasons auf der costaricanischen
Halbinsel Papagayo zeigt dass und wie es geht. Knapp
1000 Hektar tropische Landzunge, eingekeilt von zwei
Stränden und viel Steilküste, beugten sich
luxuriös-ökologischen Bauarbeiten, dabei blickte
ein Team von Geologen, Umweltschützer und Historiker
den Bauherren von der Planungsphase bis zum letzten
Spatenstich argwöhnisch über die Schulter.
“Ein akribischer Prozess“, erinnert sich
Hotel-Chef Luis Argote, “schließlich sollte
hier ja kein Palast aus Beton und Glas entstehen.“
225 Millionen Dollar später entstand etwas, das
gelungen auf dem schmalen Grat zwischen typischem 5-Sterne
Komfort und Öko-Verträglichkeit balanciert.
Baumeister Ronald Zürcher vollbrachte eine architektonische
Quadratur des Kreises, es ist viel da – 153 Zimmer
mit bis zu 400 Quadratmeter Größe, drei Swimming
Pools, vier Restaurants und ein separates Tagungsgebäude
– allein man sieht es nicht, alles scheint wie
getarnt, so als müsse man vermeiden, entdeckt zu
werden. Hier drängelt nicht der sonst in hiesigen
Breiten inflationär verwendete Spanish-Colonial
Stil ins Auge des Betrachters, Zürcher verwendet
in der Hauptsache “eingeborene“ Farben und
Formen. Der Schnitt der Dächer erinnern an den
Panzer eines Gürteltiers, das umlaufende Design
der kleineren Gebäude an das Äußere
von Schildkröten, Anstriche wurden so lange im
Labor generiert, bis sie genau den Tönen der Umgebung
entsprachen. Und viel mehr Öko geht wohl auch kaum:
Der Rasen des von Golflegende Arnold Palmer konzipierten
18-Loch Kurs trinkt Meerwasser, die Klimaanlagen in
den Zimmer fahren sofort auf Null, sobald eine Tür
offen steht, 70 % des Areals bleibt in seinem ursprünglichen
Zustand. A perfect world? Ja, aber eine mit Widersprüchen.
Stolz meldet Mr. Argote, dass auf alle motorbetriebenen
Wassersport-Aktivitäten verzichtet wird, gleichzeitig
geht um die Ecke eine Marina mit 400 Liegeplätzen
für Dickschiffe in die Bauphase. Parallel dazu
entstehen zusätzliche Golfplätze, weitere
7 Boutique Hotels, klein, fein, schön, aber werden
sie die Brüllaffen zurück in die Nähe
des “Nature Hike“ bringen?
Sicher ist, die meisten Gäste rekrutieren sich
aus dem typischen Four Seasons Klientel, da wird hartnäckiges
Fernbleiben von freiem Wild kaum den Urlaub vermiesen.
Dazu lässt auch das Hotel selbst keine Wünsche
offen, immerhin hat das Management knappe 700 Mitarbeiter
rekrutiert – fast alles Einheimische, diese Beschäftigungsoffensive
ist ebenfalls Teil so genannter ökologisch tragbarer
Langzeitprojekte - die den Gast in irgendeiner Weise
dienlich sind. Die meisten bekommt man nie zu Gesicht,
doch wer sich einmal unter das Volk mischen will, der
nimmt die Einladung von Mr. Argote an, immer Dienstags
bittet er auf eine kleine Happy Hour für Gäste
und Bedienstete - General Manager's Cocktail Reception
heißt die Veranstaltung. Zu späterer Stunde
werden die Mojitos immer besser, dadurch das Personal
immer schöner und irgendwann hat ein jeder sich
dann ganz ungezwungen kennen gelernt ...
Das Four Seasons ist gegenwärtig sicher Costa Ricas
beste Eco-Luxury Adresse, sie ist aber keinesfalls die
einzige. Anders als andere Staaten in der Region wissen
die Ticos, so nennen sich die Eingeborenen, nicht nur
was sie an ihrem Land haben, sondern auch was sie ihm
schulden. Denn das Land ist ein bunter Teller diversifizierter
Biomasse – 5 % des globalen Artenaufkommen findet
sich auf einem Areal von der Größe Niedersachsens,
zwischen den schmalen 150 Kilometer die zwischen Golf
von Mexiko und Pazifik liegen, befinden sich mehr Baumsorten
als in Sibirien. Dass dieser Holzbestand nicht schon
längst zu Ikea-Schrankwänden zweckentfremdet
wurde, ist Ausdruck eines hohen Umweltbewusstseins.
Warum? Vielleicht, weil in der “Schweiz Mittelamerikas“
die politischen Uhren anders ticken, hier hat ausnahmsweise
einmal nicht die Revolution ihre Kinder gefressen, hier
pflegt man keine Armee, hier pflegt man ein Viertel
der Landesfläche als Nationalparks. Doch ist deshalb
auch wirklich alles Öko, was glänzt? Der 1997
geschaffene Standard CST (Certification of Sustainable
Tourism) versucht einheitliche Kriterien zu schaffen,
um den inflationären Umgang mit dem Schlagwort
“Ökotourismus“ zu begrenzen. Eine neutrale
Kommission wacht darüber, ob strenge Auflagen eingehalten
werden und verleiht den Herbergen dann einen Ökosiegel
– wer sich mit fünf Blättern schmücken
darf, hat alles richtig gemacht.
(Noch) keines dieser Blätter, oder Auszeichnungen,
ziert das Four Seasons – bislang sind aber auch
erst wenige Hotels erfasst. Immerhin zwei erhielt die
Hotel Anlage Punta Islita, eines der Platzhirsche unter
den Öko-Resorts. Angefangen hat es vor 10 Jahren,
die Zürcher Brüder (einer von ihnen der eingangs
erwähnte Four Seasons Architekt) sahen die Zeit
reif, auf ihrer 200 Hektar großen Rinderfarm mehr
als nur ihre engsten Freunde zu unterhalten. Das Viehzeug
verschwand und in dem unwegsamen Gelände in der
Nähe von Samara entstand ein kleines Dorf. Die
43 “palapa“-gedeckten Einheiten –
sie reichen von ausladenden “Villitas“ mit
kleinem Tauchbecken bis hin zu geräumigen Hütten,
die jeweils zwei geräumige Suiten aufweisen –
wirken wie in den Berg gepflanzt, sämtliche Unterkünfte
spendieren einen sensationellen Blick über den
Pazifik, der kilometerbreit auf einem fast schwarzen
Sand aufschlägt. Am besten aber genießt sich
das Panorama vom Infinity-Pool aus, der vom Haupthaus
direkt ins Meer zu fließen droht. Jedenfalls dann,
wenn man sich des öfteren zur Cocktail-Betankung
an die im Becken installierte Bar treiben lässt.
Ein Konzept, das aufgeht – im Augenblick befinden
sich weitere Hütten im Bau, vielleicht werden bei
der Gelegenheit die alten auch gleich mit überholt,
Patina ist zwar eine schöne Sache, doch man sollte
das Klischee von der ausgelobten “rustic-colonial
elegance“ nicht überstrapazieren –
auch Möbel kommt in die Jahre.
Kaum 50 Kilometer Luftlinie entfernt liegt Santa Teresa
– und dort mit dem Hotel Milarepa ein Juwel ganz
besonderer Art. Die Anfahrt, ob von Punta Islita aus
oder aber aus einer anderen Himmelsrichtung? Sie als
“Fahrt“ zu beschreiben, wäre euphemistisch.
In der Regenzeit schwillt auch der kleinste Bach zum
reißenden Strom, wird das, was die Bezeichnung
Weg ohnehin kaum verdient, zu einer Sinfonie aus Schlaglöchern,
nach dessen Durchquerung jede Bandscheibe von Urlaub
singt. Und den gibt es im Milarepa ohne viel Schnörkel.
Philippe und Caroline Verquin, zwei Franzosen, kamen
vor 7 Jahren an den meist von Surfern und Rucksacktouristen
frequentierten Ort. “Wir wollten am Strand wohnen“,
erinnert sich der 43-jährige, “und wir wollten
ein kleines Hotel bauen, obwohl wir keine Ahnung vom
Geschäft hatten“. Den vier wunderschönen
Bungalows, entstanden aus einer Mischung aus heimischem
Bamboo und importiertem Teak-Möbeln, sowie dem
intimen, aber niemals aufdringlichen Service, sieht
man derlei Ahnungslosigkeit nicht an. Unprätentiös,
mit viel Charme führen die beiden ihr kleines Reich,
man glaubt ihnen aufs Wort, wenn sie sagen, dass fast
jeder Besucher als Gast kommt und als Freund geht. Und
weil Freunde mehr Freunde mitbringen, haben sich die
beiden entschlossen, noch eine weitere Hütte zu
bauen – diesmal direkt auf den Strand.
An Costa Ricas Stränden, aber auch in den vulkanische
Hochlagen oder tropischen Regenwäldern - überall
entstehen mehr und mehr kleine Anlagen, die die gesunde
Mischung aus Luxus und Ökologie zu treffen scheinen.
Logisch, dass größere Hotel-Ketten versuchen,
den Trend zu nützen. Das Four Seasons geht sogar
noch ein Stück weiter, der einmal überzeugte
Besucher soll auch kaufen. In unmittelbarer Umgebung
der Gaststätte liegen die Four Seasons Private
Villas - für schmale 1.8 Millionen Dollar darf
man nicht nur eine erwerben, sondern obendrauf auch
den gesamten Service des Hotels nutzen. Den gibt es
dann umsonst. Wie auch die Brüllaffen. Oder deren
Stuhl.
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