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"Don´t cry for me Buenos Aires" (Gala 1/2005)
Gabriela Sabatini war – als Tennisspielerin und Geschäftsfrau – schon überall auf der Welt. Doch immer wieder zieht es die Argentinierin zurück in ihre Heimatstadt. In eine Metropole voller Leidenschaft.
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Ran an die Klischees. Wer ist sie, diese Kapitale am Rio de la Plata mit ihren 13 Millionen Einwohner, den porteños? Tatsächlich eine Urbanisation riesigen Ausmaßes, die den Blues hat, nur weil allerorten – nur eben nicht in der Stadt selbst – behauptet wird, aus ihr heraus sei beständig Tango zu vernehmen, dieser „pensamiento triste que se puedo bailar, jener „traurige Gedanke, den man tanzen kann“? Liegt tatsächlich „Schwermut wie ein Gewitter“ über Buenos Aires? Gabriela Sabatini kann nicht anders, sie muss lachen. „Wir sind sicher extrem leidenschaftlich, wir leiden vielleicht auch ein wenig mehr als andere, wenn wir etwas verlieren, was uns viel bedeutet. Aber depressiv? Eher ein wenig melancholisch.“

Melancholie ist sicherlich das letzte, was einem in den Sinn kommt, wenn man mit der rassigen 34-jährigen Argentinierin in ihrer Heimat unterwegs ist. Seit sie vor acht Jahren das Raquet an den Nagel hing, hat sich die ehemalige Tennisqueen quasi neu erfunden. Besonders äußerlich. Wer sie lange nicht gesehen hat, wird sie kaum wieder erkennen, verschwunden sind die Muskelpakete von einst. „Ich mag mich heute viel lieber, ich bin schlanker, femininer geworden.“ Und, anders lässt sich das aufmunternde Pfeifen ihrer Landsmänner nicht deuten, noch schöner als früher. Berühmtheiten vom Kaliber Sabatinis sind selten in Argentinien, ihre Popularität ist nach wie vor ungebrochen – und das, obwohl man sie selten trifft, weder in den Klatschspalten noch auch auf der Straße. Doch wenn, dann genießt sie das Bad in der Menge, Berührungsängste hat der einst eher schüchterne Star längst über Bord geworfen. „Jemand erkennt mich auf der Straße und sagt, „Danke für alles, was du uns gegeben hast, was du für Argentinien getan hast.“ Das macht mich stolz. Das ist einfach ein gutes Gefühl.“

Wie Gabriela Sabatini hat auch ihre Stadt einen Wandel vollzogen, wenn auch nicht ganz freiwillig. Seit der großen Wirtschaftskrise vor gut drei Jahren gibt es Buenos Aires im Sonderschlussverkauf. Für die stolzen Einheimischen eher ein Fluch. Doch ... que va`cer ... was kann man schon tun? Der Mann (und die Frau) von der Straße trinkt seinen mate, melancholisiert, nostalgisiert ...... und seine Stimmung schwankt irgendwo zwischen Euphorie und Weltuntergang – doch wirklich depressiv, sozusagen Tango-depressiv ist niemand. Auch nicht die ehemals Besserverdienenden, die, so sie es noch immer leisten können, wie beseelt die Couches der Therapeuten bevölkern. Kein Ort der Welt, außer vielleicht Woody Allens New York, weist eine so lückenlose Deckung an Seelenklempnern aus, hier wird tatsächlich Deutsch gelernt, um Freud auch im Original nicht zu verstehen. Gaby hat Verständnis für diese vermeintliche Leidenschaft ihrer Landsleute. „Es ist ja keine Modeerscheinung, die Leute glauben wirklich fest daran, dass ihnen geholfen wird.“ Ob sie selbst schon einmal beim Therapeuten war? Da wird nicht lange kokettiert. „Ja, sicher“, kommt die Antwort blitzschnell.

Inzwischen ist der Patient wieder durchgegrünt, macht sich mehr und mehr Hoffnung breit in den Stadteilen, die seit jeher kleine Enklaven früherer Einwandererströme sind. Jeder hält an seinem barrio fest, der Franzose am mondänen Recoleta, die Deutschen am biederen Belgrano, die Italiener bevorzugen das verrufene La Boca ebenso wie das elegantere Palermo, die Engländer Teile vom Barrio Norte. Die Chinesen halten, so scheint es, jeden der kleineren Supermärkte besetzt. Und in den Tiefausläufern des 4000 Quadratkilometer großen Molochs – das Saarland ist etwas kleiner – mischt sich dann alles.

Bei so viel Größe wird eines klar: Buenos Aires kann man nicht finden, doch man kann etwas entdecken, was Puerto de Nuestra Senora de Santa Maria del Buen Ayre seit seiner Gründung 1536 ist – la gran aldea, das große Dorf. Wo aber sind nun die Hot Spots Buenos Aires? Diplomatische Antwort: Überall. Für manche im touristisch aufgefrischten Hafenviertel Puerto Madero mit seinen schnieken Speichern und dem unlängst eröffneten Faena Hotel, ein hocheleganter Bettentempel, an dem sich Designlegende Philip Starck ausgetobt hat. Andere finden Gefallen an dem etwas überinszeniert wirkenden, sonntäglichen Flohmarkt auf dem Plaza Dorrego. Viel interessanter ist es oft ein paar Ecken weiter, abseits der touristischen Trampelpfade. Auf den unscheinbaren, kopfsteinbepflasterten Gassen, von denen das im Kern charmante San Telmo einige hat. Oder auf den kleinen, verspielten Plätzen von Palermo Viejo mit winzigen Boutiquen, in denen lokale Modeschöpfer wie Mishka pfiffiges Design anbieten, in der Straße Baez des herrlich unprätentiösen Las Canitas, wo auch das Restaurant Arguibel zu Hause ist. Oder in den wunderschönen Parkanlagen, die sich als ein träges, mal alleingelassenes, mal gepflegtes Biotop entlang der Stadteile Recoleta über Palermo bis nach Belgrano schlängeln.

Natürlich hat auch Gabriela ihre Favoriten. Ihr Lieblingsrestaurant liegt versteckt an der Costanera, einer mehrspurigen Avenida parallel zum Fluss. “Hier gibt es zum besten Fisch der Stadt auch noch den besten Ausblick”, weiß sie zu erzählen, bevor sie dem Maitre D. um den Hals fällt. Man kennt sich schließlich schon länger. Und Gaby hat Recht: Es gibt in jedem Fall etwas zu sehen. Auf Stelzen montiert, triumphiert das Morena über die schlammbraunen Fluten, die der Rio de la Plata träge in Richtung Atlantik wälzt. Bei gutem Wetter reicht der Blick fast bis Uruguay, bei schlechter Sicht lenken die hervorragend inszenierten Fischplatten vom mangelnden Ausblick ab.

Wie sieht es nachts bei ihr aus? Sie schmunzelt ein wenig über die etwas indiskret anmutende Frage. „Ich gehe gern ins Theater, schaue mir Musicals und Ballett an, gehe ins Kino.“ Damit liegt sie im Trend, in Buenos Aires wird die Auswahl an Restaurants und Nightlife fast noch übertroffen durch das Angebot an Kultur. Und beides geht harmonisch ineinander über. Vor 22.30 findet sowieso niemand zum Dinner, da bleibt genügend Zeit für einen Besuch im legendären Teatro Colon (nur die Mailänder Scala ist größer) oder eine spät anberaumte Ausstellung im MALBA – dem Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires, ein Museum mit bedeutenden, zeitgenössischen Werken und darüber hinaus noch mit einer überaus interessanten Architektur.

Die Nacht. Eigentlich dreht sich in Buenos Aires alles darum, wie man aus dem Tagsüber am schnellsten in die Nacht kommt. Der Verkehr erlahmt, es wird stiller, über die Stadt legt sich ein Mantel vibrierender Unruhe. Wie scheue Rennpferde stehen die Menschen, gestriegelt und gebügelt, in der Box. Was wird das Rennen, was wird die Nacht bringen? Eine Stunde vor Mitternacht beginnen die Restaurants, sich zu füllen. An jeder dritten Straßenecke kapert leicht süßlicher Bratengeruch die unmittelbare Umgebung, es ist das Parfum, nach dem portensische Essenträume duften. Es ist Zeit für asado, ein dem deutschen Grillen oder dem amerikanischem Bar-B-Que ähnlicher Fleischverzehr, zelebriert in den zahllosen parillas, den kleinen Grillrestaurants, in denen ohne viel Federlesen Berge von Steaks ihren Weg in den Gast finden. Der porteño hat ein sehr dezidiertes Verhältnis zum Fleisch. Er liebt es in rauen Mengen und er liebt es ... schlicht. Kaum ein Gewürz, keine Marinade inkommodiert sein Äußeres, keine unnötige Beilage beleidigt seinen Auftritt - es sei denn man bestellt sie ausdrücklich. Die Liebe ist übrigens geschlechterübergreifend, an keinem anderen Ort wird man so viele zierliche, körperbewußte Frauen finden, die sich mit Inbrunst stundenlang einer asado criolla (Schlachtplatte) widmen. Die gertenschlanke Ex-Tennista übt sich da ebenfalls nicht in Zurückhaltung. Beim Thema strahlt sie förmlich. “Am Wochenende ist immer Zeit für Asado. Da lade ich meine Freunde in mein Haus aufs Land ein und wir essen bis wir platzen.” Figurprobleme kennen hier weder Senorita Sabatini noch andere, vielleicht liegt es daran, dass die meisten „Sünder“ anschließend die Nacht zum Tag machen und sich alle Kalorien wieder vom Leib tanzen.

Ob Tag oder Nacht, wo würde Gabriela Sabatini ein Wochenende in Buenos Aires verbringen? „Genau an den Plätzen, an denen wir heute waren“. Eine schöne Antwort, denn an einigen von denen war sie bis dato nie gewesen. So entdeckt auch ein Star seine Stadt immer wieder neu.