Ran an die Klischees. Wer ist
sie, diese Kapitale am Rio de la Plata mit ihren 13 Millionen
Einwohner, den porteños? Tatsächlich eine
Urbanisation riesigen Ausmaßes, die den Blues
hat, nur weil allerorten – nur eben nicht in
der Stadt selbst – behauptet wird, aus ihr heraus
sei beständig Tango zu vernehmen, dieser „pensamiento
triste que se puedo bailar, jener „traurige Gedanke,
den man tanzen kann“? Liegt tatsächlich „Schwermut
wie ein Gewitter“ über Buenos Aires? Gabriela
Sabatini kann nicht anders, sie muss lachen. „Wir
sind sicher extrem leidenschaftlich, wir leiden vielleicht
auch ein wenig mehr als andere, wenn wir etwas verlieren,
was uns viel bedeutet. Aber depressiv? Eher ein wenig
melancholisch.“
Melancholie ist sicherlich das letzte, was einem in
den Sinn kommt, wenn man mit der rassigen 34-jährigen
Argentinierin in ihrer Heimat unterwegs ist. Seit sie
vor acht Jahren das Raquet an den Nagel hing, hat sich
die ehemalige Tennisqueen quasi neu erfunden. Besonders äußerlich.
Wer sie lange nicht gesehen hat, wird sie kaum wieder
erkennen, verschwunden sind die Muskelpakete von einst. „Ich
mag mich heute viel lieber, ich bin schlanker, femininer
geworden.“ Und, anders lässt sich das aufmunternde
Pfeifen ihrer Landsmänner nicht deuten, noch schöner
als früher. Berühmtheiten vom Kaliber Sabatinis
sind selten in Argentinien, ihre Popularität ist
nach wie vor ungebrochen – und das, obwohl man
sie selten trifft, weder in den Klatschspalten noch
auch auf der Straße. Doch wenn, dann genießt
sie das Bad in der Menge, Berührungsängste
hat der einst eher schüchterne Star längst über
Bord geworfen. „Jemand erkennt mich auf der Straße
und sagt, „Danke für alles, was du uns gegeben
hast, was du für Argentinien getan hast.“ Das
macht mich stolz. Das ist einfach ein gutes Gefühl.“
Wie Gabriela Sabatini hat auch ihre Stadt einen Wandel
vollzogen, wenn auch nicht ganz freiwillig. Seit der
großen Wirtschaftskrise vor gut drei Jahren gibt
es Buenos Aires im Sonderschlussverkauf. Für die
stolzen Einheimischen eher ein Fluch. Doch ... que
va`cer ... was kann man schon tun? Der Mann (und die
Frau) von der Straße trinkt seinen mate, melancholisiert,
nostalgisiert ...... und seine Stimmung schwankt irgendwo
zwischen Euphorie und Weltuntergang – doch wirklich
depressiv, sozusagen Tango-depressiv ist niemand. Auch
nicht die ehemals Besserverdienenden, die, so sie es
noch immer leisten können, wie beseelt die Couches
der Therapeuten bevölkern. Kein Ort der Welt,
außer vielleicht Woody Allens New York, weist
eine so lückenlose Deckung an Seelenklempnern
aus, hier wird tatsächlich Deutsch gelernt, um
Freud auch im Original nicht zu verstehen. Gaby hat
Verständnis für diese vermeintliche Leidenschaft
ihrer Landsleute. „Es ist ja keine Modeerscheinung,
die Leute glauben wirklich fest daran, dass ihnen geholfen
wird.“ Ob sie selbst schon einmal beim Therapeuten
war? Da wird nicht lange kokettiert. „Ja, sicher“,
kommt die Antwort blitzschnell.
Inzwischen ist der Patient wieder durchgegrünt,
macht sich mehr und mehr Hoffnung breit in den Stadteilen,
die seit jeher kleine Enklaven früherer Einwandererströme
sind. Jeder hält an seinem barrio fest, der Franzose
am mondänen Recoleta, die Deutschen am biederen
Belgrano, die Italiener bevorzugen das verrufene La
Boca ebenso wie das elegantere Palermo, die Engländer
Teile vom Barrio Norte. Die Chinesen halten, so scheint
es, jeden der kleineren Supermärkte besetzt. Und
in den Tiefausläufern des 4000 Quadratkilometer
großen Molochs – das Saarland ist etwas
kleiner – mischt sich dann alles.
Bei so viel Größe wird eines klar: Buenos
Aires kann man nicht finden, doch man kann etwas entdecken,
was Puerto de Nuestra Senora de Santa Maria del Buen
Ayre seit seiner Gründung 1536 ist – la
gran aldea, das große Dorf. Wo aber sind nun
die Hot Spots Buenos Aires? Diplomatische Antwort: Überall.
Für manche im touristisch aufgefrischten Hafenviertel
Puerto Madero mit seinen schnieken Speichern und dem
unlängst eröffneten Faena Hotel, ein hocheleganter
Bettentempel, an dem sich Designlegende Philip Starck
ausgetobt hat. Andere finden Gefallen an dem etwas überinszeniert
wirkenden, sonntäglichen Flohmarkt auf dem Plaza
Dorrego. Viel interessanter ist es oft ein paar Ecken
weiter, abseits der touristischen Trampelpfade. Auf
den unscheinbaren, kopfsteinbepflasterten Gassen, von
denen das im Kern charmante San Telmo einige hat. Oder
auf den kleinen, verspielten Plätzen von Palermo
Viejo mit winzigen Boutiquen, in denen lokale Modeschöpfer
wie Mishka pfiffiges Design anbieten, in der Straße
Baez des herrlich unprätentiösen Las Canitas,
wo auch das Restaurant Arguibel zu Hause ist. Oder
in den wunderschönen Parkanlagen, die sich als
ein träges, mal alleingelassenes, mal gepflegtes
Biotop entlang der Stadteile Recoleta über Palermo
bis nach Belgrano schlängeln.
Natürlich hat auch Gabriela ihre Favoriten. Ihr
Lieblingsrestaurant liegt versteckt an der Costanera,
einer mehrspurigen Avenida parallel zum Fluss. “Hier
gibt es zum besten Fisch der Stadt auch noch den besten
Ausblick”, weiß sie zu erzählen, bevor
sie dem Maitre D. um den Hals fällt. Man kennt
sich schließlich schon länger. Und Gaby
hat Recht: Es gibt in jedem Fall etwas zu sehen. Auf
Stelzen montiert, triumphiert das Morena über
die schlammbraunen Fluten, die der Rio de la Plata
träge in Richtung Atlantik wälzt. Bei gutem
Wetter reicht der Blick fast bis Uruguay, bei schlechter
Sicht lenken die hervorragend inszenierten Fischplatten
vom mangelnden Ausblick ab.
Wie sieht es nachts bei ihr aus? Sie schmunzelt ein
wenig über die etwas indiskret anmutende Frage. „Ich
gehe gern ins Theater, schaue mir Musicals und Ballett
an, gehe ins Kino.“ Damit liegt sie im Trend,
in Buenos Aires wird die Auswahl an Restaurants und
Nightlife fast noch übertroffen durch das Angebot
an Kultur. Und beides geht harmonisch ineinander über.
Vor 22.30 findet sowieso niemand zum Dinner, da bleibt
genügend Zeit für einen Besuch im legendären
Teatro Colon (nur die Mailänder Scala ist größer)
oder eine spät anberaumte Ausstellung im MALBA – dem
Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires, ein
Museum mit bedeutenden, zeitgenössischen Werken
und darüber hinaus noch mit einer überaus
interessanten Architektur.
Die Nacht. Eigentlich dreht sich in Buenos Aires alles
darum, wie man aus dem Tagsüber am schnellsten
in die Nacht kommt. Der Verkehr erlahmt, es wird stiller, über
die Stadt legt sich ein Mantel vibrierender Unruhe.
Wie scheue Rennpferde stehen die Menschen, gestriegelt
und gebügelt, in der Box. Was wird das Rennen,
was wird die Nacht bringen? Eine Stunde vor Mitternacht
beginnen die Restaurants, sich zu füllen. An jeder
dritten Straßenecke kapert leicht süßlicher
Bratengeruch die unmittelbare Umgebung, es ist das
Parfum, nach dem portensische Essenträume duften.
Es ist Zeit für asado, ein dem deutschen Grillen
oder dem amerikanischem Bar-B-Que ähnlicher Fleischverzehr,
zelebriert in den zahllosen parillas, den kleinen Grillrestaurants,
in denen ohne viel Federlesen Berge von Steaks ihren
Weg in den Gast finden. Der porteño hat ein
sehr dezidiertes Verhältnis zum Fleisch. Er liebt
es in rauen Mengen und er liebt es ... schlicht. Kaum
ein Gewürz, keine Marinade inkommodiert sein Äußeres,
keine unnötige Beilage beleidigt seinen Auftritt
- es sei denn man bestellt sie ausdrücklich. Die
Liebe ist übrigens geschlechterübergreifend,
an keinem anderen Ort wird man so viele zierliche,
körperbewußte Frauen finden, die sich mit
Inbrunst stundenlang einer asado criolla (Schlachtplatte)
widmen. Die gertenschlanke Ex-Tennista übt sich
da ebenfalls nicht in Zurückhaltung. Beim Thema
strahlt sie förmlich. “Am Wochenende ist
immer Zeit für Asado. Da lade ich meine Freunde
in mein Haus aufs Land ein und wir essen bis wir platzen.” Figurprobleme
kennen hier weder Senorita Sabatini noch andere, vielleicht
liegt es daran, dass die meisten „Sünder“ anschließend
die Nacht zum Tag machen und sich alle Kalorien wieder
vom Leib tanzen.
Ob Tag oder Nacht, wo würde Gabriela Sabatini
ein Wochenende in Buenos Aires verbringen? „Genau
an den Plätzen, an denen wir heute waren“.
Eine schöne Antwort, denn an einigen von denen
war sie bis dato nie gewesen. So entdeckt auch ein
Star seine Stadt immer wieder neu.
|