Ein kurzer Ruck, der Außenborder
gibt gurgelnd seinen Geist auf, der motorisierte Einbaum
kommt sanft zum Stehen. Alles steht still, die Luft,
das pechschwarze Wasser und die vier Jungs, die gespannt
über das Gewässer peilen. Irgendwo da draußen
muß er sein. Irgendwo an dieser gottverlassene
Biegung an einem der zahlreichen Zuströme des mächtigen
Amazonas, tief im südamerikanischen Regenwald.
Und plötzlich geht alles ganz schnell. Eine kleine
Fontäne, dann durchbricht eine pinkfarbene Finne
die spiegelglatte Oberfläche. Es folgt eine runde
Schnauze zusammen mit einem halbgeschlossenen Augenpaar,
das auszumachen versucht, wer hier die Mittagsruhe stört.
Bruchteile von Sekunden später ist alles wieder
so ruhig wie vorher - die Audienz des Inia Geoffrensis,
im Volksmund besser bekannt als Amazonas-Flußdelphin,
ist schneller vorbei als der vielgepriesene Kodak-Moment.
Flippers Kollegen sind von ausgewiesener Scheuheit.
Schämen sie sich ihrer rosa Farbe? Oder ist Vorsicht
erste Delphin-Pflicht, weil sich aufgrund des pechschwarzen
Wassers ihr Augenlicht zurückgebildet hat? Zu den
Cleversten ihrer Gattung gehören sie in keinem
Fall. Sonst würden sie nicht gerade an dem Flußabschnitt
bevorzugt planschen, wo sich peruanische und ecuadorianische
Grenzbatallione vis a vis gegenüberstehen. Weiter
im Norden nehmen sich die Grenztruppen aus politischen
Gründen oder Langeweile des öfteren gern gegenseitig
unter Feuer. Hier, wo der schmale Rio Legarto Cochas
in den größeren Rio Aguarico mündet,
herrscht Konsens zwischen den verfeindeten Lagern: Soldaten
beider Länder ballern auf die Delphine.
Zielschießen auf Flora und Fauna - leider nicht
der einzige Frevel in dieser einzigartigen Landschaft.
Auf über 600000 Hektar erstreckt sich Cuyabeno,
ein Gebiet, das eine einzigartige Artenvielfalt aufweist.
Auf wenigen Quadratkilometern finden sich 800 verschiedene
Baumsorten - in ganz Mitteleuropa gibt es gerade einmal
60. Für eine Vielzahl bedrohter Tierarten wie Ozelote,
Anakondas, Kaimane, Riesenotter und Seekühe ist
das unwegsame Gelände ein letztes Refugium. In
einem lichten Moment erkannten auch führende Politiker
den natürlichen Schatz im eigenen Hinterland und
proklamierten ein "Patrimonio Forestal" -
ein Naturschutzgebiet. Das war 1979. Leider ändern
sich die Zeiten. Höher im Kurs als die Natur selbst
steht bei den ecuadorianischen Behörden inzwischen
ein Naturprodukt - mit Nebenwirkungen! Fast das gesamte
Reservat schwimmt quasi im Erdöl. Und wenn sich
die Pläne von Petroecuador und Texaco konkretisieren,
dann sieht Cuyabeno demnächst aus wie Bitterfeld.
Bevor also auch an diesem Teil der Welt die Natur ausgeknipst
wird - ab nach Ecuador. Wer nach 18stündiger Anreise
via Miami in Quito aus dem Flieger fällt, der sollte
möglichst bergfest sein - Ecuadors Hauptstadt befindet
sich in luftigen 3000 Meter Höhe. Übermäßigen
Alkoholgenuß und ähnliche Anstrengungen quittiert
der untrainierte Körper mit eingeschränkter
Herz-Lungen Tätigkeit. Ein, zwei Tage der Akklimatisation
und das Dschungelabenteuer kann beginnen. Mit einem
etwas altersschwachen, wenngleich geländetauglichen
FWD (Fourwheeldrive) geht es Richtung Osten. Auf der
Oleoducto Trans Ecuatoriana, die nur auf den ersten
75 Kilometer einen halbwegs asphaltähnlichen Belag
aufweist, führt der Weg zunächst steil bergauf.
Bei etwas weniger als 6000 Meter über NN ist der
höchste Punkt erreicht. Und der kälteste.
Dichter Nebel, Schneegestöber, Temperaturen um
den Gefrierpunkt - alles in unmittelbarer Äquatornähe.
Ab Passüberquerung gibt es nur noch eine Richtung.
Abwärts, im 30 Grad Winkel die Andenausläufer
hinunter. 300 Kilometer Stein- und Schotterpiste in
formschöner Serpentinenhanglage. Exzellentes Terrain
- hier werden Fahrfehler noch mit dem Leben und nicht
mit einer Zeitstrafe quittiert! Sechs Stunden und diverse
Kontrollen durch inquisitorisches Militär später
ist das erste Etappenziel erreicht: Nueva Loja. Keine
Stadt, nicht einmal ein Dorf, sondern ein eklektisches
Durcheinander aus Reparaturshops, billigen Pinten und
Bordellen, Tankstellen und ungezieferverseuchter Absteigen.
Ölgringos und fliegende Händler, Indios und
Rucksacktouristen, Nutten und Glücksritter zieren
das chaotische Straßenbild. Hier bleibt der FWD
zurück und die Dschungelabenteurer bequemen sich
auf die Ladefläche eines betagten Golf-Pickup.
Am Steuer - der lokale Veranstalter, der im drei Stunden
entfernten Chiritza ein Boot nebst Fahrer, Führer
und mobiler Küchenbrigade organisiert hat. Für
$300 Dollar pro Nase. Alles klappt. Die Laune ist obenauf.
Das Quecksilber auch, inzwischen sind es schwüle
35 Grad. Das Gepäck wird erst in Plastikfolie versiegelt
und dann in wasserdichte Plastikcontainer versenkt.
Warum? Das wird nach einer guten Stunde stromabwärts
deutlich. Der tropische Regenwald macht seinem Namen
alle Ehre. Links und rechts dichter Wald und von oben
Regen. Es gießt wie aus Kübeln. Was jetzt
naß ist, wird bis zum Waschsalon in Quito nicht
mehr trocken. Mit der Dämmerung haben die Götter
ein Einsehen - die Niederschlagsintensität halbiert
sich. Müde und durchgeweicht nimmt die Expedition
Kurs ans Ufer. Mittlerweile ist dunkler als im Bärenarsch,
wie der Guide den Kahn genau an die Stelle manövriert,
an der ein paar Hütten mit Matrazen und Moskitonetzen
warten, wird ewig sein Geheimnis bleiben.
Am nächsten Tag - strahlender Sonnenschein. Mit
Höchstgeschwindigkeit donnert das Boot in Richtung
Nationalpark. An jedem Militärstützpunkt werden
brav Pässe und Zugangsberechtigung vorgezeigt,
schließlich befindet man sich in unmittelbarer
Nähe zu Peru - Feindesland. Als zweite Übernachtungsstätte
wird spontan die Grundschule eines Indio-Dorfes besetzt.
Die Eingeborenen sind bescheiden, freundlich und äußerst
flink auf den Füssen. Ein eilig anberaumtes Fußballspiel
geht trotz Vorteile beim Schuhzeug haushoch verloren.
Ein ungeschriebenes Gesetz auf den Gewässern dieser
Region lautet: Verwehre niemandem den Zutritt zu Deinem
Verkehrsmittel. Bei der Abreise am nächsten Morgen
droht das Boot unterzugehen. Zwei vielköpfige Familien
haben aufgeentert und sorgen für reichlich Tiefgang.
Mit reduziertem Tempo trifft die Gruppe am Nachmittag
am eingangs erwähnten Rio Legarto Cochas ein -
dem Ausgangspunkt für die eigentliche Expedition.
Dem Eintritt in eine völlig andersartige Welt.
Herrscht auf den größeren Flüssen noch
reichlich Fließgeschwindigkeit, was den Abtransport
von Zivilisationsmüll mit horrenden Halbwertzeiten
in Richtung Brasilien beschleunigt, ist es plötzlich
mit jeglicher Bewegung vorbei. Das Wasser wechselt seine
Farbe, vom schlammigen hellbraun ins torfige dunkelbraun.
Sicht gleich null. Gleiches gilt auch oberhalb der Wasserlinie.
Die Vegetation wirkt wie eine einzige grüne Wand.
Man glaubt alles sehen zu können, doch wirklich
etwas entdecken tun nur der Bootsführer und der
Koch. Tukane auf halbdrei von oben, Brüllaffen
zur Linken in den majestätischen Wipfeln der Baumriesen
und eine kleine Seeschlange, die hart Backbord versucht,
aus unserem Kielwasser zu entkommen. Die Natur trifft
wie der Hammer der Erkenntnis: hier hat sich seit Jahrtausenden
nichts verändert. Langsam, mit gedrosseltem Motor,
gleitet der Einbaum voran. Immer wieder versperren schwimmende
Schilfbänke den Weg. Welchen Weg? Mal verjüngt
sich das nasse Element auf wenige Meter, dann wieder
weitet sich der Blick auf eine einzigartige surreale
Wasserwüste mit bizarr anmutenden Gestaden. Wegweiser?
Markierungen irgendwelcher Art? Fehlanzeige, aber der
einheimische Kollege am Ruder steuert mit stoischer
Gelassenheit immer tiefer in die grüne Lunge. Stunden
später - das Basislager ist erreicht. Ein Stück
Untergrund, in dem man nicht bis zu den Knien, sondern
nur bis zu den Knöcheln versinkt. Zelte werden
errichtet und die Smutjes zaubern mitten in der Botanik
ein Vier-Sterne-Menü auf die Plastikteller. Piranha
- selbstgeangelt, im Dialog mit Dosenravioli. Ananas
und lauwarme Caipirinha zum Abgang. Danach - statt Bettruhe
großes Halali auf die bedrohte Tierwelt. Fotosafari,
versteht sich. Viele der Bewohner neigen dazu, sich
erst nach Sonnenuntergang blicken zu lassen. Der Sehtest
hat schon tagsüber versagt, in völliger Dunkelheit
entdeckt der Stadtmensch seine wahre Bindung zur Natur
erst, wenn man sie ihm direkt in den Schoß plaziert.
Und so ist der meterlange Kaiman längst vom Guide
mit einer Hand gepackt ins Boot gehievt, bevor die Bleichgesichter
ihn überhaupt orten konnten. Tumulte und Proteste
über die plötzliche Konfrontation mit dem
Reptil klingen schnell ab, schließlich hat die
kleine Echse mehr Angst als man selbst. Dann, wenn nach
drei Tagen Dschungel endlich die Sinne geschärft,
die Augen geschult sind, man sich sogar - zur Belustigung
der heimischen Bevölkerung- inmitten von Piranhas
und Co. zwecks Basis-Hygiene in den See stürzt
- dann naht der Wiedereintritt in die Zivilisation.
Eine Rückkehr mit Hindernissen. Wo vor kurzem noch
galt: freie Fahrt durch freie Gewässer, ist plötzlich
kein Durchkommen. Driftende Schilfinseln versperren
den Weg. Da gibt es nur eins, Mann und Maus von Bord
- zur Belustigung der heimischen Kaimane - Tampen in
die Hand und ziehen. Bis zur Brust im schwarzen Nass
inmitten messerscharfen Grünpflanzen und aggressiven
Fluginsekten in Gefechtsformation, reduziert sich die
Reisegeschwindigkeit von Kilometer auf Zentimeter pro
Stunde. Vorsicht, wer die Gunst der Stunde nutzen möchte,
um die Blase zu leeren. Niemals ins Wasser pinkeln,
ist doch in diesen Regionen ein kleiner fischartiger
Parasit zu Hause, der sich anhand des Urinstrahls den
direkten Weg in den Harntrakt bahnt - und dort erst
mit urologischem Beistand erlegt werden kann. Die Schmerzen
sollen nicht schön sein!
Nicht nur zu Wasser, sondern auch an Land - hinter
jeder Ecke lauert das Abenteuer. Schließlich befindet
man sich in einem politisch leicht instabilen Ecuador
und nicht beim Pilzesammeln in der Lüneburger Heide.
Brennende Reifen als Straßensperren, protestierende
Landjugend beim Skandieren obstruser Parolen, hypernervöses
Militär, Schußwaffen im Anschlag, sind die
Begleitumstände auf dem Weg raus aus dem Urwald.
Haben sich all die Strapazen gelohnt? Die Antwort findet
sich auf halber Strecke zwischen Quito und dem Regenwald.
In den Thermalbädern von Baeza. Auf 4000 Meter
Höhe in einer sternklaren, fast frostigen Nacht.
Der moskitozerstochene und ameisengepiesackte Körper
ruht im heißen Quellwasser. Das Bier ist kalt.
Alles ist still. Und irgendwo da draußen hat man
ihn gesehen. Den rosafarbenen Flußdelphin.
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