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Ecuador "Dschungel-Tour `98" (GQ 11/98)
Der Kanutrip durch den Regenwald Ecuadors bringt zwei Erkenntnisse: erstens die Hilflosigkeit zivilisationsgeschädigter Touristen in wilder Natur, zweitens die Zerstörung eines Paradieses.
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Ein kurzer Ruck, der Außenborder gibt gurgelnd seinen Geist auf, der motorisierte Einbaum kommt sanft zum Stehen. Alles steht still, die Luft, das pechschwarze Wasser und die vier Jungs, die gespannt über das Gewässer peilen. Irgendwo da draußen muß er sein. Irgendwo an dieser gottverlassene Biegung an einem der zahlreichen Zuströme des mächtigen Amazonas, tief im südamerikanischen Regenwald. Und plötzlich geht alles ganz schnell. Eine kleine Fontäne, dann durchbricht eine pinkfarbene Finne die spiegelglatte Oberfläche. Es folgt eine runde Schnauze zusammen mit einem halbgeschlossenen Augenpaar, das auszumachen versucht, wer hier die Mittagsruhe stört. Bruchteile von Sekunden später ist alles wieder so ruhig wie vorher - die Audienz des Inia Geoffrensis, im Volksmund besser bekannt als Amazonas-Flußdelphin, ist schneller vorbei als der vielgepriesene Kodak-Moment. Flippers Kollegen sind von ausgewiesener Scheuheit. Schämen sie sich ihrer rosa Farbe? Oder ist Vorsicht erste Delphin-Pflicht, weil sich aufgrund des pechschwarzen Wassers ihr Augenlicht zurückgebildet hat? Zu den Cleversten ihrer Gattung gehören sie in keinem Fall. Sonst würden sie nicht gerade an dem Flußabschnitt bevorzugt planschen, wo sich peruanische und ecuadorianische Grenzbatallione vis a vis gegenüberstehen. Weiter im Norden nehmen sich die Grenztruppen aus politischen Gründen oder Langeweile des öfteren gern gegenseitig unter Feuer. Hier, wo der schmale Rio Legarto Cochas in den größeren Rio Aguarico mündet, herrscht Konsens zwischen den verfeindeten Lagern: Soldaten beider Länder ballern auf die Delphine.

Zielschießen auf Flora und Fauna - leider nicht der einzige Frevel in dieser einzigartigen Landschaft. Auf über 600000 Hektar erstreckt sich Cuyabeno, ein Gebiet, das eine einzigartige Artenvielfalt aufweist. Auf wenigen Quadratkilometern finden sich 800 verschiedene Baumsorten - in ganz Mitteleuropa gibt es gerade einmal 60. Für eine Vielzahl bedrohter Tierarten wie Ozelote, Anakondas, Kaimane, Riesenotter und Seekühe ist das unwegsame Gelände ein letztes Refugium. In einem lichten Moment erkannten auch führende Politiker den natürlichen Schatz im eigenen Hinterland und proklamierten ein "Patrimonio Forestal" - ein Naturschutzgebiet. Das war 1979. Leider ändern sich die Zeiten. Höher im Kurs als die Natur selbst steht bei den ecuadorianischen Behörden inzwischen ein Naturprodukt - mit Nebenwirkungen! Fast das gesamte Reservat schwimmt quasi im Erdöl. Und wenn sich die Pläne von Petroecuador und Texaco konkretisieren, dann sieht Cuyabeno demnächst aus wie Bitterfeld.

Bevor also auch an diesem Teil der Welt die Natur ausgeknipst wird - ab nach Ecuador. Wer nach 18stündiger Anreise via Miami in Quito aus dem Flieger fällt, der sollte möglichst bergfest sein - Ecuadors Hauptstadt befindet sich in luftigen 3000 Meter Höhe. Übermäßigen Alkoholgenuß und ähnliche Anstrengungen quittiert der untrainierte Körper mit eingeschränkter Herz-Lungen Tätigkeit. Ein, zwei Tage der Akklimatisation und das Dschungelabenteuer kann beginnen. Mit einem etwas altersschwachen, wenngleich geländetauglichen FWD (Fourwheeldrive) geht es Richtung Osten. Auf der Oleoducto Trans Ecuatoriana, die nur auf den ersten 75 Kilometer einen halbwegs asphaltähnlichen Belag aufweist, führt der Weg zunächst steil bergauf. Bei etwas weniger als 6000 Meter über NN ist der höchste Punkt erreicht. Und der kälteste. Dichter Nebel, Schneegestöber, Temperaturen um den Gefrierpunkt - alles in unmittelbarer Äquatornähe. Ab Passüberquerung gibt es nur noch eine Richtung. Abwärts, im 30 Grad Winkel die Andenausläufer hinunter. 300 Kilometer Stein- und Schotterpiste in formschöner Serpentinenhanglage. Exzellentes Terrain - hier werden Fahrfehler noch mit dem Leben und nicht mit einer Zeitstrafe quittiert! Sechs Stunden und diverse Kontrollen durch inquisitorisches Militär später ist das erste Etappenziel erreicht: Nueva Loja. Keine Stadt, nicht einmal ein Dorf, sondern ein eklektisches Durcheinander aus Reparaturshops, billigen Pinten und Bordellen, Tankstellen und ungezieferverseuchter Absteigen. Ölgringos und fliegende Händler, Indios und Rucksacktouristen, Nutten und Glücksritter zieren das chaotische Straßenbild. Hier bleibt der FWD zurück und die Dschungelabenteurer bequemen sich auf die Ladefläche eines betagten Golf-Pickup. Am Steuer - der lokale Veranstalter, der im drei Stunden entfernten Chiritza ein Boot nebst Fahrer, Führer und mobiler Küchenbrigade organisiert hat. Für $300 Dollar pro Nase. Alles klappt. Die Laune ist obenauf. Das Quecksilber auch, inzwischen sind es schwüle 35 Grad. Das Gepäck wird erst in Plastikfolie versiegelt und dann in wasserdichte Plastikcontainer versenkt. Warum? Das wird nach einer guten Stunde stromabwärts deutlich. Der tropische Regenwald macht seinem Namen alle Ehre. Links und rechts dichter Wald und von oben Regen. Es gießt wie aus Kübeln. Was jetzt naß ist, wird bis zum Waschsalon in Quito nicht mehr trocken. Mit der Dämmerung haben die Götter ein Einsehen - die Niederschlagsintensität halbiert sich. Müde und durchgeweicht nimmt die Expedition Kurs ans Ufer. Mittlerweile ist dunkler als im Bärenarsch, wie der Guide den Kahn genau an die Stelle manövriert, an der ein paar Hütten mit Matrazen und Moskitonetzen warten, wird ewig sein Geheimnis bleiben.

Am nächsten Tag - strahlender Sonnenschein. Mit Höchstgeschwindigkeit donnert das Boot in Richtung Nationalpark. An jedem Militärstützpunkt werden brav Pässe und Zugangsberechtigung vorgezeigt, schließlich befindet man sich in unmittelbarer Nähe zu Peru - Feindesland. Als zweite Übernachtungsstätte wird spontan die Grundschule eines Indio-Dorfes besetzt. Die Eingeborenen sind bescheiden, freundlich und äußerst flink auf den Füssen. Ein eilig anberaumtes Fußballspiel geht trotz Vorteile beim Schuhzeug haushoch verloren.

Ein ungeschriebenes Gesetz auf den Gewässern dieser Region lautet: Verwehre niemandem den Zutritt zu Deinem Verkehrsmittel. Bei der Abreise am nächsten Morgen droht das Boot unterzugehen. Zwei vielköpfige Familien haben aufgeentert und sorgen für reichlich Tiefgang. Mit reduziertem Tempo trifft die Gruppe am Nachmittag am eingangs erwähnten Rio Legarto Cochas ein - dem Ausgangspunkt für die eigentliche Expedition. Dem Eintritt in eine völlig andersartige Welt. Herrscht auf den größeren Flüssen noch reichlich Fließgeschwindigkeit, was den Abtransport von Zivilisationsmüll mit horrenden Halbwertzeiten in Richtung Brasilien beschleunigt, ist es plötzlich mit jeglicher Bewegung vorbei. Das Wasser wechselt seine Farbe, vom schlammigen hellbraun ins torfige dunkelbraun. Sicht gleich null. Gleiches gilt auch oberhalb der Wasserlinie. Die Vegetation wirkt wie eine einzige grüne Wand. Man glaubt alles sehen zu können, doch wirklich etwas entdecken tun nur der Bootsführer und der Koch. Tukane auf halbdrei von oben, Brüllaffen zur Linken in den majestätischen Wipfeln der Baumriesen und eine kleine Seeschlange, die hart Backbord versucht, aus unserem Kielwasser zu entkommen. Die Natur trifft wie der Hammer der Erkenntnis: hier hat sich seit Jahrtausenden nichts verändert. Langsam, mit gedrosseltem Motor, gleitet der Einbaum voran. Immer wieder versperren schwimmende Schilfbänke den Weg. Welchen Weg? Mal verjüngt sich das nasse Element auf wenige Meter, dann wieder weitet sich der Blick auf eine einzigartige surreale Wasserwüste mit bizarr anmutenden Gestaden. Wegweiser? Markierungen irgendwelcher Art? Fehlanzeige, aber der einheimische Kollege am Ruder steuert mit stoischer Gelassenheit immer tiefer in die grüne Lunge. Stunden später - das Basislager ist erreicht. Ein Stück Untergrund, in dem man nicht bis zu den Knien, sondern nur bis zu den Knöcheln versinkt. Zelte werden errichtet und die Smutjes zaubern mitten in der Botanik ein Vier-Sterne-Menü auf die Plastikteller. Piranha - selbstgeangelt, im Dialog mit Dosenravioli. Ananas und lauwarme Caipirinha zum Abgang. Danach - statt Bettruhe großes Halali auf die bedrohte Tierwelt. Fotosafari, versteht sich. Viele der Bewohner neigen dazu, sich erst nach Sonnenuntergang blicken zu lassen. Der Sehtest hat schon tagsüber versagt, in völliger Dunkelheit entdeckt der Stadtmensch seine wahre Bindung zur Natur erst, wenn man sie ihm direkt in den Schoß plaziert. Und so ist der meterlange Kaiman längst vom Guide mit einer Hand gepackt ins Boot gehievt, bevor die Bleichgesichter ihn überhaupt orten konnten. Tumulte und Proteste über die plötzliche Konfrontation mit dem Reptil klingen schnell ab, schließlich hat die kleine Echse mehr Angst als man selbst. Dann, wenn nach drei Tagen Dschungel endlich die Sinne geschärft, die Augen geschult sind, man sich sogar - zur Belustigung der heimischen Bevölkerung- inmitten von Piranhas und Co. zwecks Basis-Hygiene in den See stürzt - dann naht der Wiedereintritt in die Zivilisation. Eine Rückkehr mit Hindernissen. Wo vor kurzem noch galt: freie Fahrt durch freie Gewässer, ist plötzlich kein Durchkommen. Driftende Schilfinseln versperren den Weg. Da gibt es nur eins, Mann und Maus von Bord - zur Belustigung der heimischen Kaimane - Tampen in die Hand und ziehen. Bis zur Brust im schwarzen Nass inmitten messerscharfen Grünpflanzen und aggressiven Fluginsekten in Gefechtsformation, reduziert sich die Reisegeschwindigkeit von Kilometer auf Zentimeter pro Stunde. Vorsicht, wer die Gunst der Stunde nutzen möchte, um die Blase zu leeren. Niemals ins Wasser pinkeln, ist doch in diesen Regionen ein kleiner fischartiger Parasit zu Hause, der sich anhand des Urinstrahls den direkten Weg in den Harntrakt bahnt - und dort erst mit urologischem Beistand erlegt werden kann. Die Schmerzen sollen nicht schön sein!

Nicht nur zu Wasser, sondern auch an Land - hinter jeder Ecke lauert das Abenteuer. Schließlich befindet man sich in einem politisch leicht instabilen Ecuador und nicht beim Pilzesammeln in der Lüneburger Heide. Brennende Reifen als Straßensperren, protestierende Landjugend beim Skandieren obstruser Parolen, hypernervöses Militär, Schußwaffen im Anschlag, sind die Begleitumstände auf dem Weg raus aus dem Urwald. Haben sich all die Strapazen gelohnt? Die Antwort findet sich auf halber Strecke zwischen Quito und dem Regenwald. In den Thermalbädern von Baeza. Auf 4000 Meter Höhe in einer sternklaren, fast frostigen Nacht. Der moskitozerstochene und ameisengepiesackte Körper ruht im heißen Quellwasser. Das Bier ist kalt. Alles ist still. Und irgendwo da draußen hat man ihn gesehen. Den rosafarbenen Flußdelphin.