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"Fahrt ins Blaue" (ELLE)
Die British Virgin Islands sind der heisseste Geheimtipp in der Karibik – und eines der besten Segelreviere der Welt.
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Vor uns kräuselt sich sanft die türkisfarbene Karibik, hinter uns legt Skipper Adam die Stirn in Falten. Am azurblauen Himmel ziehen einige Schäfchenwolken vorbei, unser Kapitän zieht, schon der Verzweiflung nah, am großen Vorsegel. Passieren tut da herzlich wenig. Unsere Reisegeschwindigkeit auf dem eigentlich flotten Katamaran hat sich längst auf sachtes Dümpeln reduziert. Niemand stört es, denn zu sehen gibt es schließlich genug. Rechter Hand kommen langsam die bizarren Felsformationen von The Bath, einem kleinen Fleck auf Virgin Gorda näher. Aus der Ferne muten sie wie übergroße Hinkelsteine an. Unser Schiffsführer hat dafür kaum einen Blick, er hadert immer noch mit den Windverhältnissen. Murmelt etwas von einer Flaute, die er so lange nicht erlebt hätte. In der Tat, dafür dass das Revier um die British Virgin Islands als das Mekka für Segelsportler weltweit ausgelobt wird, gibt sich der Wind jungfräulich bescheiden, entdeckt man hier unter schlaffen Segeln zwischen den versprengten Inseln eher die Langsamkeit neu. Doch diese Ruhe, sie spiegelt auch ein wenig das Leben, die Atmosphäre und den Charakter des beschaulichen Inselparadies wider. Anders als auf den US Virgin Islands, diesen launig-lauten Cousinen von nebenan mit ihren Fast Food Enklaven und den billigen Schmuckläden, herrscht bei den Briten vornehme, eben englische Zurückhaltung. Auf dem Archipel aus mehr als 60 Eilanden, einige haben kaum Atollgröße, findet der Besucher vor allem eines: Ruhe. Dazu viel Abwechslung und nur knapp 20.000 Einwohner. Die teilen sich Strände wie auf den Malediven, eine Flora wie auf Irland und eine friedliche Fauna wie im Tierpark – von gelegentlichen Moskito-Geschwadern einmal abgesehen. Auf den beiden großen Hauptinseln Tortola („Insel der Turteltauben“) und Virgin Gorda („die dicke Jungfrau“) spult sich das bescheidene, öffentliche Leben ab, auf Jost van Dyke regiert der Piraten-Geist von einst, vor Norman Island ankert regelmäßig eine ganze Armada extravaganter Yachten, auf Necker Island hat sich Milliardär Richard Branson ein Refugium ganz eigener Art geschaffen. Sie und all die anderen meerumspülten Kleckse haben eines gemeinsam: Eine bezaubernde Vielfalt. Bei einem dreitägigen Segeltörn wird jeder seine persönliche, kleine Insel entdecken. Oder seine ganz private Bucht.
 
Wenn nicht Segeln, was dann? Nun, man könnte ... heiraten! Die BVIs gelten als eine der Honeymoon-Destinationen schlechthin. Egal, ob man sich das Ja-Wort noch schnell vor Ort geben mag (für Kurzentschlossene: innerhalb von nur 3 Tagen steht das Aufgebot!) oder schon jung verheiratet anreist, Flitternde können anschließend aus ca. 1300 Zimmer in über 100 Unterkünften wählen, von einfachen Bed & Breakfast Quartieren ab 50 Dollar bis zu Luxusherbergen über 500 Dollar. In die letztere Kategorie fällt das vom amerikanischen Ölbaron Laurance S. Rockefeller in den 60er Jahren erbaute Little Dix Bay Resort auf Virgin Gorda. Inzwischen hat es einiges an Frischzellkuren hinter sich, ein Spa-Bereich erstrahlt in neuem Glanze und die Anlage fährt unter der Rosewood-Flagge endlich wieder in äußerst luxuriösem Fahrwasser (DZ für 2 Pers. ab 300 U.S.$ www.littledixbay.com ). Gleiche Insel, ebenfalls High-End, jedoch um einiges betulicher, das Biras Creek Resort. „Rustic Chic“ ist das Motto, die Betreiber haben ihre großzügige Anlage so passgenau in die wunderschöne Landschaft gepflanzt, dass jeweils an beiden Enden der Blick in die malerische See fällt, auf der einen Seite in die idyllische Lagune mit dem kleinen Anleger, auf der anderen Seite in die raue Karibik. Abends ist das rustikale Hilltop-Restaurant mit der sensationellen Rund-Um-Vista ein Muss, zur Happy Hour reicht man beste Cocktails, anschließend ein traumhaftes 4-Gänge Menü (DZ für 2 Pers. ab 300 U.S.$ www.biras.com). Für diejenigen mit unendlich tiefen Reisekassen ist hingegen ein Abstecher nach Necker Island obligatorisch. Denn auf 30 Hektar Eiland erwarten 22 Angestellte zuzüglich Pelikane und Kolibris maximal 28 Gäste zum ultimativen Luxus-Treatment! Virgin Islands meets Virgin Atlantic, Bali trifft Branson. Der exzentrische Industriekapitän spendierte sich und seinen Gästen vier feudale Villen im Stile der Aman-Resorts. Auf allerhöchstem Niveau bleibt hier kein Wunsch unerfüllt, sogar eine spontane Hochzeit wird arrangiert. Gut so, falls einem Robin Williams oder Gäste ähnlichen Kalibers über den Strand laufen. So viel Niveau hat natürlich auch einen Preis und der beginnt bei etwas über 21.000 Dollar. Pro Woche. Lieber gleich das Doppelte hinlegen? Dann gehört Ihnen (und bis zu 13 Freunden) das ganze Inselchen, allerdings nur für einen Tag (www.neckerisland.com).
 
Vielen Karibikinseln geistert ein wenig der Ruf hinterher, sie seien kulinarisches Niemandsland. Die Jungfraueninseln beweisen gleich mit mehreren Restaurants, dass dem nicht so ist. Zu den besten in der Region gehört seit Jahren das Sugar Mill. Diniert wird in einer 370 Jahre alten steinernen Zuckermühle, daher der Name, inmitten eines elegant angelegten Gartens (www.sugarmillhotel.com). Serviert werden unter anderem ein warmes Austern-Gratin, Auberginen auf kreolische Art  oder Bananensuppe mit ... Curry. Der Gaumen freut sich, der Geldbeutel hingegen schwächelt, ein mehrgängiges Menü hinterlässt Spuren bei der Kreditkartenabrechnung. Wie das Sugarmill, so zählen auch die vielen anderen Restaurants der großen Hotels zu den Spitzenrestaurants der Insel. Aber gerade abseits der Bettentempel locken kleine, familienbetriebene Lokale mit einer exquisiten Küche mit viel Lokalkolorit. Eines davon: A secret Garden. Versteckt in der Josiah's Bay Plantage in einer Villa aus dem 18. Jahrhundert. Dort in einem tropischen Atrium liegt diese kleine gastronomische Oase. Köstliche Suppen, einen Tuna-Burger von einem anderen Stern und dazu erfrischende Säfte aus Mango und anderen exotischen Früchten – besser kann ein Snack unter sengender Sonne nicht schmecken.  Fehlt nur noch ... ein Besuch bei Mrs. Scatliffes. Die quirlige, alte Dame –  Insel-Unikum und Kochlöffel-Koryphäe – zelebriert seit Menschengedenken ein Coconut-Chicken, das schon fast religiös verehrt wird. Ach ja, gegessen wird bei ihr zu Hause, Huhn und Kräuter stammen aus dem eigenen Garten und als Küchenhilfe fungieren Teile der gerade anwesenden Verwandtschaft.
 
Painkiller, so lautet der richtungweisende Cocktail mit dem die Insulaner ihre Gäste erfreuen. Schmerzfrei bleibt jedoch nur, wer sich bei diesem explosiven Getränk –  hoher Rumanteil trifft auf kleinen Kokosmilch-, Orangen- und Ananassaftanteil und eine Prise Muskat – zurückhält. Wer allerdings an Foxy`s Tresen auf Jost van Dyke vor Anker geht, der wirft seine Hemmungen schnell über Bord. Diese skurrile Gaststätte, eine pittoresk zusammengenagelte Bretterbude, die bei der ersten Bö zu kentern droht, ist das Epizentrum der „jungfräulichen“ Insel-Kneipenkultur. Mittendrin, wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung, der Namensgeber der Bar; Foxy Callwood, ungekrönter König der Pirateninsel, ca. 65 bis 75 Jahre alt, dem amerikanischen Schauspieler Sydney Portier nicht unähnlich, Vater von 16 Kindern, Großvater von 34 Enkel und mit der Queen und Bill Clinton auf Du und Du. Er ist die Seele des Ladens und wer seinem calypsoangehauchten Liedgut lauscht, der weiß warum. Ansonsten spielt sich das Nachtleben gern dort ab, wo die vielen Yachten möglichst dicht an die Theke fahren können – in den Marinas. Eine der schönsten: Soper`s Hole auf Tortola, am Hafen tummeln sich eine Vielzahl bunter Läden, beim Pusser´s Landing schaut vorbei, wer sich mit der inseleigenen Rumkultur vertraut machen möchte. Hoch im Kurs, beziehungsweise auf Kurs eines jeden Skippers, der Bitter End Yacht Club, die maritime Anlaufstation auf Virgin Gorda. Ausgangspunkt für viele Regatten, idyllischer Platz für einen Sundowner oder auch idealer Ort, um einmal die harte Kajütenpritsche mit einer weichen Matratze zu tauschen – das angeschlossene Resort bietet Unterkünfte in allem Preislagen. Natürlich kann man die BVIs zu Genüge von der Seeseite entdecken, wenn aber genug Zeit bleibt, dann sollte man sich die für eine kleine Landpartie gönnen. Ein Ausflug zum höchsten Punkt des Archipels, dem Sage Mountain. Um es bis zum fast 550 Meter hohen Gipfel zu schaffen, legt man die letzten paar hundert Meter zu Fuß zurück – Dank der feuchten Hitze eine schweißtreibenden Angelegenheit. Belohnt wird man aber mit einem sensationellen Ausblick hinab von einem Aussichtsturm, der über die Baumriesen hinausragt. Tiefblau glitzert das Meer in der Entfernung, überall schaukeln kleine, weiße Flecken. Jetzt weiß man, warum die Jungfraueninseln als Segel-Kapitale der Welt gelten – auch wenn der Wind einmal nicht weht!