Es
raschelt nicht nur im Dickicht, nein, das Rascheln
kommt auch näher
und wird lauter. In der Luft liegt nicht mehr als ein
laues Lüftchen und doch kommt es mir vor, als
biegen sich Äste und Zweige unter einer Zentnerlast.
Einbildung? Vielleicht ist es nur mein ungebügeltes
Nervenkostüm, was da in der Windstille zappelt.
Irgendetwas kommt gleich aus der Natur auf mich zugestürmt,
das fühle ich. Ich schicke einen fragenden Blick
in Richtung Lena, die seelenruhig Proviant in das kleine
Ruderboot schaufelt. „Älg“, murmelt
sie lächelnd. „Elch“ kombiniere ich
messerscharf und noch bevor ich sicher bin, ob mich
diese Erleuchtung jetzt beruhigen soll oder nicht,
bricht wenige Meter entfernt ein kapitales Exemplar
dieser Spezies aus dem Unterholz, verharrt kurz in
der Lichtung, mustert mich – und da bin ich jetzt
aber ganz sicher – höhnisch und verschwindet
dann hinter einer Düne. Lena blinzelt vergnügt
und wird sich ihren Teil gedacht haben – Stadtmenschen
wie ich sind hier genauso selten, wie Elche, aber beide
kommen vor. Hier in Föglö, eine der größeren
Aland-Inseln. Lena hat mich eingeladen, mit ihr nach
Velpkolm überzusetzen. Das ist dann eine der ganz
kleinen Aland-Inseln. Aber eine besondere, das sei
vorab gesagt, denn sie gehört Lena. Beziehungsweise
ihrer Familie. In anderen Ländern würde man
sich wahrscheinlich mit stolz geschwellter Brust als
Besitzer eines solchen Eilands zu erkennen geben, hier
ist das so normal, wie der Besitz eines Fahrrads. Kein
Wunder, von den über 6.500 Inseln und Schären
bewohnen die knapp 27.000 Aländer nur ganze sechzig,
der Rest ist unbewohnt – und dient so manchem
als Sommerresidenz.
Allerdings ist Lenas kleines Inselchen kein karibisches
Atoll, sondern ein meerumtoster Fleck aus schroffem,
rot schimmerndem Granitgestein überzogen von einem
Mantel aus sattem Moos und silbrig-grau schimmerndem
Flechten, kargem Kiefernwald und dichtem Schilfrohr,
das sich vor dem meist strammen Wind zu ducken scheint.
Palmen sucht man hier vergebens, ebenso einen Strand,
dafür turnt auf einem der Felsen ein rustikales
Holzhäuschen mit Außenkamin und der in diesen
Breiten obligaten Sauna. Und die braucht es auch, denn
obwohl sich die Aländer der meisten Sonnenstunden
Skandinaviens rühmen, tropisch heiß wird
es im Mai mitten in der Ostsee eben nicht wirklich.
Oder aber in der Sauna. Ans Baden ist nicht zu denken,
wohl aber an eine kleine Expedition ins Inselinnere.
Nachdem mir meine Bewährungshelferin in Sachen
Resozialisation in der Natur glaubhaft versichert,
dass dort keine Elchkolonie gastiert, ziehe ich von
dannen, Verlaufen scheint ebenfalls unmöglich,
führen doch alle Wege schnell wieder ans Meer.
Ich laufe los, Lena kocht auf. Als ich nach einer guten
Stunde wieder eintreffe, hat sie einen Berg lokaler
Spezialitäten zusammengekocht, darunter den berühmten
aländischen Pfannkuchen mit Pflaumenmus. Mit einem
Alvados – schmeckt wie Calvados nur edler – setzen
wir uns auf die noch warmen Felsen und sehen zu, wie
die Sonne zusammen mit dem letzten Licht des Tages
spektakulär in die Ostsee plumpst. Und wir anschließend
endlich in die Betten, hoch im Norden gehen die Uhren
etwas anders, denn selbst im Frühling sind die
Nächte schon sehr kurz.
Nicht nur die Uhren, sondern auch ihre Träger
ticken anders. Die Aländer sind ein so zuvorkommendes
Volk, man möchte meinen, in ihre Cornflakes morgens
hätte jemand eine Extraportion Freundlichkeit
versteckt. Liegt die gute Laune in der frischen Luft,
hat sie gar etwas mit der Insellage zu tun? In der
Tat hält Geografie und Geschichte die ein oder
andere Skurrilität bereit: Die Aland-Inseln befinden
sich am Eingang des bottnischen Meerbusens, 45 Kilometer
im Westen liegt Schweden, 15 Kilometer im Osten Finnland.
Interessanterweise gehört Aland offiziell zu Finnland
(wenn auch als autonomer Teil mit Selbstverwaltung),
doch kämen die Aländer nie auf die Idee,
Finnisch zu sprechen. Oder gar zu lernen. Ein jeder
spricht Schwedisch. Interessanterweise ein Schwedisch,
das wiederum im schwedischsprachigen Teil von Finnland
(ja, den gibt es auch) niemand versteht. Und offizielles
Zahlungsmittel ist der Euro, doch auch die schwedische
Krone wird akzeptiert, wenn einem das nicht Spanisch
vorkommt ... . Lena bringt die Sympathien nüchtern
auf einen Punkt. „Spielen die Finnen gegen die
Schweden Eishockey, dann halten wir zu den Schweden“.
Doch egal wer gewinnt, im Garten wird ganz patriotisch
die eigene Flagge gehisst.
Die beiden großen Anrainer blicken großzügig über
die Eigenarten der Insulaner hinweg und überfallen
regelmäßig ihren kleinen Nachbarn. Sie schicken
allerdings nicht die Kriegsmarine, sondern riesige
Fährschiffe, die sich aus Stockholm oder Helsinki
auf den Weg machen. Zollfrei Einkaufen ist das Zauberwort
und viele bleiben bei der Gelegenheit gern ein paar
Tage auf Aland, das wiederum freut die Hüter der
idyllischen Enklave, macht es sie doch nicht nur zu
einem zufriedenen, sondern auch reichem Völkchen.
Als Verbeugung vor dem steten Strom spendierfreudiger
Skandinavier haben die emsigen Einheimischen ihr kleines,
in alle Himmelsrichtungen versprengtes Paradies mit
allem aufgerüstet, was der moderne Fremdenverkehr
begehrt: von großzügigen Golfplätzen
zu kleinen Wellness-Tempeln, von winzigen Museen zu
opulent renovierten Schlössern und alten Viermast-Seglern,
von exklusiven Jazz-Festivals zu riesigen Open-Air
Vergnügen (zum alljährlichen „Rockoff“ im
Juli pilgern bis zu 40.000 Gäste). Dann wird besonders
die Hauptstadt, eigentlich ein beschaulich-verschlafener,
kleiner Ort, zum Nabel amüsierwütiger Besucher.
Mit seinen lindengesäumten Esplanaden, den beeindruckenden
Kapitänsvillen aus vergangenen Zeiten und den
zahlreichen Museen wirkt die 12.000 Seelen Gemeinde
Mariehamn fast wie eine kleine Großstadt. Oder
doch eher wie eine große Kleinstadt? Egal, das
Epizentrum der Insel wartet mit seinen vielfältigen
Sehenswürdigkeiten darauf, erobert zu werden.
Ein Besuch in der liebevoll restaurierten Viermastbark
Pommern, eines der größten, noch existierenden
Windjammer überhaupt, ist vielleicht nicht Pflicht,
gehört aber genauso zur Kür, wie ein Abstecher
ins Mariebad, ein Badehaus mit Spa-Bereich, Dampfsauna
und Café, direkt am Strand gelegen. Für
all diejenigen, denen das Meer vielleicht doch nicht
warm genug wird. Wer nach reichlich Natur pur einfach
nur wieder einmal urbane Luft schnuppern will, der
findet eine Reihe quirliger Kneipen und Bars, nette
Restaurants, gar ein Casino und eine Fußgängerzone
von wenigen Metern, in der sich in der Frühlingssonne
alles trifft, klatscht und tratscht. Eine garantiert
Elchfreie Zone übrigens.
Doch Aland ist das Outdoor-Paradies, keine Frage. Ob
zu Wasser oder zu Land, nach Aland kommt, wer sich
bewegen und viel frische Luft um die Nase wehen lassen
will. Das Netz an Fahrrad- und Wanderwegen könnte
größer nicht sein und selbst wenn die Route
direkt in die Ostsee zu führen scheint, wartet
dort meistens eine Cykelfärjan (Fahrradfähre)
und bietet kostenlosen Weitertransport aufs nächstgelegene
Inselchen. Schären-Hopping per Drahtesel – so
lässt sich das Archipel bestens erschließen.
Bequem übrigens, die höchste Erhebung des
Inselreichs schafft es gerade einmal auf knappe 100
Meter. Doch bei einem Straßennetz von knapp 1000
Kilometer und reichlich Gegenwind bleibt zwar das Mountainbike
in der Garage, die Fitness deswegen jedoch noch lange
nicht auf der Strecke. Besonders empfehlenswert ist
die Gegend um Sund herum. In einer imposanten Wald-
und Wiesenlandschaft mit einem Blumenmeer, dessen Farben
im Frühsommer zu explodieren drohen, geht es vorbei
an den Festungsruinen von Bomarsund, den archäologischen
Fundstätten von Kastelholm, einem mittelalterlichen
Schloss besichtigen und dem Gefängnismuseum „Vita
Björn“. Wasserratten entdecken die einzigartige
Flora vom Meer her. Wer per Kajak in die unbewohnte
Inselwelt Alands einzutauchen gedenkt, dem sei die
Nordålandtour empfohlen, von Eckerö in Richtung
Bomarsund. Dieser Törn ist besonders abwechslungsreich – offenes
Meer, karge Natur, hohe rote Granitklippen im Norden
und im Süden eher eine Schärenlandschaft.
Natürlich kann man auch den Begriff “Eintauchen” wörtlich
nehmen und sich ganz ins nasse Element stürzen.
Nicht nur an einem der vielen Strände, sondern
auf eine Expedition Wracktauchen. In Reichweite liegen
die sterblichen Überreste gesunkener Schiffe aus
dem letzten Jahrhundert.
Auf uns wartet am nächsten Tag eine längere
Autofahrt, wenn man dann bei knapp 2 Stunden schon
von länger sprechen mag, aber bei Tempo 70, das
ist die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit,
geht es eben eher gemütlich voran. Erst lassen
wir das kleine Boot am Anleger zurück, später
auch Föglö mit seinen stillen Buchten und
fast menschenleeren Straßen. Wir sind unterwegs
zur nördlichen Spitze des Archipels auf die Insel
Geta, vorbei an den windschiefen, in mattem bordeauxrot
getünchten Mühlen, den buntbemalten Bootshäusern
auf den vielen Klippen und den unzähligen, in
Würde gealterten Bauernhöfen, die zwischen
Wald und Wiesen hervorschauen. Ein Streifzug durch
Alands Landschaft ist wie eine Entdeckungsreise durch
ein großes Freiluftmuseum. Pitoresk-rustikales
Landleben mit Patina. In Husklint geht uns dann irgendwann
die Straße aus, eine Schotterpiste weist den
Weg. Noch wenige Kilometer bis Havsvidden, denn das
müsse ich unbedingt gesehen haben, betont meine
persönliche Reiseleiterin. „Das“ stellt
sich dann als die wohl perfekte Verbindung aus Natur
und Architektur heraus. Vor uns eine windpolierte Sinfonie
aus buckeligen Felsen, die mit ihren Konturen an Walrücken
erinnern, dahinter das stahlblaue Meer. Und im Vordergrund
Havsvidden, kein Ort, sondern ein Design-Hotel, das
prominent auf den Klippen thront. Die typisch skandinavisch-spartanische
Anmutung mag dem ganzen einen etwas spröden Charme
verleihen, doch das freundliche Personal läuft
strahlend zur Hochform auf und macht diesen Eindruck
mehr als wett. Wie die sich wohl ins Zeug legen, wenn
man auch übernachtet? Uns blieb nur Zeit für
die große Kaffeetafel, bevor ich erneut zu einem
Gewaltmarsch durch die raue Küstenvegetation verdonnert
wurde. Doch bei so viel unberührter Schönheit
und in Begleitung seltener Seeadler, die über
uns majestätisch ihre Kreise zogen, kommen auch
Wandermuffel schnell auf Touren. Die Inseln Alands,
sie ziehen jeden in seinen Bann.
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