Aland ahoi! Im Land der 1000 Inseln (Freundin 15/07)
Blaubeeren, Elche, rote Häuser und ganz viel Wasser: So bezaubert die bunte Schären-Welt zwischen Schweden und Finnland. Perfekt zum Ausspannen auf die relaxt-nordische Art

 

Es raschelt nicht nur im Dickicht, nein, das Rascheln kommt auch näher und wird lauter. In der Luft liegt nicht mehr als ein laues Lüftchen und doch kommt es mir vor, als biegen sich Äste und Zweige unter einer Zentnerlast. Einbildung? Vielleicht ist es nur mein ungebügeltes Nervenkostüm, was da in der Windstille zappelt. Irgendetwas kommt gleich aus der Natur auf mich zugestürmt, das fühle ich. Ich schicke einen fragenden Blick in Richtung Lena, die seelenruhig Proviant in das kleine Ruderboot schaufelt. „Älg“, murmelt sie lächelnd. „Elch“ kombiniere ich messerscharf und noch bevor ich sicher bin, ob mich diese Erleuchtung jetzt beruhigen soll oder nicht, bricht wenige Meter entfernt ein kapitales Exemplar dieser Spezies aus dem Unterholz, verharrt kurz in der Lichtung, mustert mich – und da bin ich jetzt aber ganz sicher – höhnisch und verschwindet dann hinter einer Düne. Lena blinzelt vergnügt und wird sich ihren Teil gedacht haben ­– Stadtmenschen wie ich sind hier genauso selten, wie Elche, aber beide kommen vor. Hier in Föglö, eine der größeren Aland-Inseln. Lena hat mich eingeladen, mit ihr nach Velpkolm überzusetzen. Das ist dann eine der ganz kleinen Aland-Inseln. Aber eine besondere, das sei vorab gesagt, denn sie gehört Lena. Beziehungsweise ihrer Familie. In anderen Ländern würde man sich wahrscheinlich mit stolz geschwellter Brust als Besitzer eines solchen Eilands zu erkennen geben, hier ist das so normal, wie der Besitz eines Fahrrads. Kein Wunder, von den über 6.500 Inseln und Schären bewohnen die knapp 27.000 Aländer nur ganze sechzig, der Rest ist unbewohnt – und dient so manchem als Sommerresidenz.

Allerdings ist Lenas kleines Inselchen kein karibisches Atoll, sondern ein meerumtoster Fleck aus schroffem, rot schimmerndem Granitgestein überzogen von einem Mantel aus sattem Moos und silbrig-grau schimmerndem Flechten, kargem Kiefernwald und dichtem Schilfrohr, das sich vor dem meist strammen Wind zu ducken scheint. Palmen sucht man hier vergebens, ebenso einen Strand, dafür turnt auf einem der Felsen ein rustikales Holzhäuschen mit Außenkamin und der in diesen Breiten obligaten Sauna. Und die braucht es auch, denn obwohl sich die Aländer der meisten Sonnenstunden Skandinaviens rühmen, tropisch heiß wird es im Mai mitten in der Ostsee eben nicht wirklich. Oder aber in der Sauna. Ans Baden ist nicht zu denken, wohl aber an eine kleine Expedition ins Inselinnere. Nachdem mir meine Bewährungshelferin in Sachen Resozialisation in der Natur glaubhaft versichert, dass dort keine Elchkolonie gastiert, ziehe ich von dannen, Verlaufen scheint ebenfalls unmöglich, führen doch alle Wege schnell wieder ans Meer. Ich laufe los, Lena kocht auf. Als ich nach einer guten Stunde wieder eintreffe, hat sie einen Berg lokaler Spezialitäten zusammengekocht, darunter den berühmten aländischen Pfannkuchen mit Pflaumenmus. Mit einem Alvados – schmeckt wie Calvados nur edler – setzen wir uns auf die noch warmen Felsen und sehen zu, wie die Sonne zusammen mit dem letzten Licht des Tages spektakulär in die Ostsee plumpst. Und wir anschließend endlich in die Betten, hoch im Norden gehen die Uhren etwas anders, denn selbst im Frühling sind die Nächte schon sehr kurz.

Nicht nur die Uhren, sondern auch ihre Träger ticken anders. Die Aländer sind ein so zuvorkommendes Volk, man möchte meinen, in ihre Cornflakes morgens hätte jemand eine Extraportion Freundlichkeit versteckt. Liegt die gute Laune in der frischen Luft, hat sie gar etwas mit der Insellage zu tun? In der Tat hält Geografie und Geschichte die ein oder andere Skurrilität bereit: Die Aland-Inseln befinden sich am Eingang des bottnischen Meerbusens, 45 Kilometer im Westen liegt Schweden, 15 Kilometer im Osten Finnland. Interessanterweise gehört Aland offiziell zu Finnland (wenn auch als autonomer Teil mit Selbstverwaltung), doch kämen die Aländer nie auf die Idee, Finnisch zu sprechen. Oder gar zu lernen. Ein jeder spricht Schwedisch. Interessanterweise ein Schwedisch, das wiederum im schwedischsprachigen Teil von Finnland (ja, den gibt es auch) niemand versteht. Und offizielles Zahlungsmittel ist der Euro, doch auch die schwedische Krone wird akzeptiert, wenn einem das nicht Spanisch vorkommt ... . Lena bringt die Sympathien nüchtern auf einen Punkt. „Spielen die Finnen gegen die Schweden Eishockey, dann halten wir zu den Schweden“. Doch egal wer gewinnt, im Garten wird ganz patriotisch die eigene Flagge gehisst.

Die beiden großen Anrainer blicken großzügig über die Eigenarten der Insulaner hinweg und überfallen regelmäßig ihren kleinen Nachbarn. Sie schicken allerdings nicht die Kriegsmarine, sondern riesige Fährschiffe, die sich aus Stockholm oder Helsinki auf den Weg machen. Zollfrei Einkaufen ist das Zauberwort und viele bleiben bei der Gelegenheit gern ein paar Tage auf Aland, das wiederum freut die Hüter der idyllischen Enklave, macht es sie doch nicht nur zu einem zufriedenen, sondern auch reichem Völkchen. Als Verbeugung vor dem steten Strom spendierfreudiger Skandinavier haben die emsigen Einheimischen ihr kleines, in alle Himmelsrichtungen versprengtes Paradies mit allem aufgerüstet, was der moderne Fremdenverkehr begehrt: von großzügigen Golfplätzen zu kleinen Wellness-Tempeln, von winzigen Museen zu opulent renovierten Schlössern und alten Viermast-Seglern, von exklusiven Jazz-Festivals zu riesigen Open-Air Vergnügen (zum alljährlichen „Rockoff“ im Juli pilgern bis zu 40.000 Gäste). Dann wird besonders die Hauptstadt, eigentlich ein beschaulich-verschlafener, kleiner Ort, zum Nabel amüsierwütiger Besucher. Mit seinen lindengesäumten Esplanaden, den beeindruckenden Kapitänsvillen aus vergangenen Zeiten und den zahlreichen Museen wirkt die 12.000 Seelen Gemeinde Mariehamn fast wie eine kleine Großstadt. Oder doch eher wie eine große Kleinstadt? Egal, das Epizentrum der Insel wartet mit seinen vielfältigen Sehenswürdigkeiten darauf, erobert zu werden. Ein Besuch in der liebevoll restaurierten Viermastbark Pommern, eines der größten, noch existierenden Windjammer überhaupt, ist vielleicht nicht Pflicht, gehört aber genauso zur Kür, wie ein Abstecher ins Mariebad, ein Badehaus mit Spa-Bereich, Dampfsauna und Café, direkt am Strand gelegen. Für all diejenigen, denen das Meer vielleicht doch nicht warm genug wird. Wer nach reichlich Natur pur einfach nur wieder einmal urbane Luft schnuppern will, der findet eine Reihe quirliger Kneipen und Bars, nette Restaurants, gar ein Casino und eine Fußgängerzone von wenigen Metern, in der sich in der Frühlingssonne alles trifft, klatscht und tratscht. Eine garantiert Elchfreie Zone übrigens.

Doch Aland ist das Outdoor-Paradies, keine Frage. Ob zu Wasser oder zu Land, nach Aland kommt, wer sich bewegen und viel frische Luft um die Nase wehen lassen will. Das Netz an Fahrrad- und Wanderwegen könnte größer nicht sein und selbst wenn die Route direkt in die Ostsee zu führen scheint, wartet dort meistens eine Cykelfärjan (Fahrradfähre) und bietet kostenlosen Weitertransport aufs nächstgelegene Inselchen. Schären-Hopping per Drahtesel – so lässt sich das Archipel bestens erschließen. Bequem übrigens, die höchste Erhebung des Inselreichs schafft es gerade einmal auf knappe 100 Meter. Doch bei einem Straßennetz von knapp 1000 Kilometer und reichlich Gegenwind bleibt zwar das Mountainbike in der Garage, die Fitness deswegen jedoch noch lange nicht auf der Strecke. Besonders empfehlenswert ist die Gegend um Sund herum. In einer imposanten Wald- und Wiesenlandschaft mit einem Blumenmeer, dessen Farben im Frühsommer zu explodieren drohen, geht es vorbei an den Festungsruinen von Bomarsund, den archäologischen Fundstätten von Kastelholm, einem mittelalterlichen Schloss besichtigen und dem Gefängnismuseum „Vita Björn“. Wasserratten entdecken die einzigartige Flora vom Meer her. Wer per Kajak in die unbewohnte Inselwelt Alands einzutauchen gedenkt, dem sei die Nordålandtour empfohlen, von Eckerö in Richtung Bomarsund. Dieser Törn ist besonders abwechslungsreich – offenes Meer, karge Natur, hohe rote Granitklippen im Norden und im Süden eher eine Schärenlandschaft. Natürlich kann man auch den Begriff “Eintauchen” wörtlich nehmen und sich ganz ins nasse Element stürzen. Nicht nur an einem der vielen Strände, sondern auf eine Expedition Wracktauchen. In Reichweite liegen die sterblichen Überreste gesunkener Schiffe aus dem letzten Jahrhundert.

Auf uns wartet am nächsten Tag eine längere Autofahrt, wenn man dann bei knapp 2 Stunden schon von länger sprechen mag, aber bei Tempo 70, das ist die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit, geht es eben eher gemütlich voran. Erst lassen wir das kleine Boot am Anleger zurück, später auch Föglö mit seinen stillen Buchten und fast menschenleeren Straßen. Wir sind unterwegs zur nördlichen Spitze des Archipels auf die Insel Geta, vorbei an den windschiefen, in mattem bordeauxrot getünchten Mühlen, den buntbemalten Bootshäusern auf den vielen Klippen und den unzähligen, in Würde gealterten Bauernhöfen, die zwischen Wald und Wiesen hervorschauen. Ein Streifzug durch Alands Landschaft ist wie eine Entdeckungsreise durch ein großes Freiluftmuseum. Pitoresk-rustikales Landleben mit Patina. In Husklint geht uns dann irgendwann die Straße aus, eine Schotterpiste weist den Weg. Noch wenige Kilometer bis Havsvidden, denn das müsse ich unbedingt gesehen haben, betont meine persönliche Reiseleiterin. „Das“ stellt sich dann als die wohl perfekte Verbindung aus Natur und Architektur heraus. Vor uns eine windpolierte Sinfonie aus buckeligen Felsen, die mit ihren Konturen an Walrücken erinnern, dahinter das stahlblaue Meer. Und im Vordergrund Havsvidden, kein Ort, sondern ein Design-Hotel, das prominent auf den Klippen thront. Die typisch skandinavisch-spartanische Anmutung mag dem ganzen einen etwas spröden Charme verleihen, doch das freundliche Personal läuft strahlend zur Hochform auf und macht diesen Eindruck mehr als wett. Wie die sich wohl ins Zeug legen, wenn man auch übernachtet? Uns blieb nur Zeit für die große Kaffeetafel, bevor ich erneut zu einem Gewaltmarsch durch die raue Küstenvegetation verdonnert wurde. Doch bei so viel unberührter Schönheit und in Begleitung seltener Seeadler, die über uns majestätisch ihre Kreise zogen, kommen auch Wandermuffel schnell auf Touren. Die Inseln Alands, sie ziehen jeden in seinen Bann.