Wenn eine Reise zu Ende geht,
dann meistens, weil einfach die Zeit abgelaufen
ist. Doch gibt es Reisen, die sind anders. Diese
hier endet, weil am Ende einer langen Fahrt plötzlich
eine bunte Boje aus Zement auftaucht, die den Ankömmlingen
mit der Inschrift „Southernmost point in the
Continental United States“ das Ende Amerikas
signalisiert – das geografische wohlgemerkt!
Klein gedruckt findet sich noch der Wink „90
miles to Cuba“, doch der Weg dorthin, er ist
nicht bepflastert ...
Nur wenige Kilometer entfernt, an der Kreuzung Fleming
und Whitehead Street, geht ein Asphalt-Kapitel zu Ende.
Zugegeben, ihre Cousinen, die berühmte Route 66
oder der legendäre kalifornische Highway 1, sie
mögen prominenter sein, doch verstecken muss sich
der US1, der sich die knapp 500 Meilen von Key West an
der Atlantikküste bis nach Fernandina Beach an der
Staatsgrenze zu Georgia hinaufschlängelt, keineswegs.
Immer wieder begleitet von ihrer kleinen Schwester, der
A1A, verkörpern die beiden sowohl straßenbauliche
Historie, als auch den Zugang zu einem eklektischen Mix
floridianischer Sehenswürdigkeiten.
Der Trip über den Overseas Highway – der brückenübersäte
Abschnitt auf den knapp 125 Meilen, die die Keys ausmachen – führt über
das smaragdgrüne Wasser des Golfs von Mexiko. Und
vorbei an skurrilen Spektakeln, wie man sie nur in der „Conch
Republic“, so tauften die Quasi-Insulaner einst
zärtlich ihr Paradies, finden wird. Kuriose Events,
wie das einmal pro Jahr ausgelobte „Underwater
Music Festival“ nördlich von Big Pine Key,
bei dem schnorchelverzierte Elvis-Doppelgänger auf
der Unterwassergitarre einheizen oder aber eigenartige
Einrichtungen, wie das ganzjährig zu besichtigende „Turtle
Hospital“ bei Marathon. Genau beim Milemarker 49
hat es sich Richie Moretti zur Aufgabe gemacht, verletzte
und gestrandete Schildkröten zu therapieren. Breitwillig
steht der ehemalige Gebrauchtwagenhändler Rede und
Antwort und zeigt seine gepanzerten Schützlinge.
Auf dem Festland angekommen, wird aus dem Overseas der
South Dixie, später der Federal Highway und führt über
Stunden durch ein Kaleidoskop unterschiedlicher architektonischer
Vermächtnisse Süd-Floridas. Im Süden Miamis
lohnt ein Abstecher auf die Palmen- und Zypressengesäumte
Old Cutler Road mit ihren opulenten Villen aus den Gründertagen
der Stadt. Anschließend führt der US1 durch
eine Sinfonie von Baukränen – Downtown Miami
ist vom Wohnungsbauvirus infiziert. Alternative? Das „A“ in
A1A steht für „Alternate Road“, sie
führt durch das pittoreske Art Déco Viertel
von Miami Beach über die Apartmentschluchten Hollywoods
und Fort Lauderdales, hinauf durch das baulich beschaulichere
Boca Raton bis hin zu den prächtigen Anwesen West
Palm Beach` immer Richtung Norden – im Osten der
Strand, im Westen der Intracoastel Waterway.
Es ist das älteste Naturschutzgebiet der Vereinigten
Staaten und es liegt zwischen Vero Beach und dem Sebastian
Inlet in unmittelbarer Nähe des US1 – das
Pelican Island National Wildlife Refuge. Tapfer halten
seine Bewohner, seltene Pelikane in der Hauptsache, aber
auch Adler und Seekühe, Stand gegen die steigende
Flut von Golfplätzen in der unmittelbaren Umgebung.
Unlängst feierte das von dem Deutschen Paul Kroegel
ins Leben gerufene Reservat seinen hundertsten Geburtstag.
Einfach vom US1 auf die Wabasso Road abbiegen und von
dort auf dem A1A knappe 4 Meilen Richtung Norden steuern,
dort wartet ein über 20 Quadratkilometer großes,
naturbelassenes Refugium, das Portal in ein ursprünglicheres
Florida.
Eine Autostunde entfernt trifft unverfälschte Landschaft
auf modernste Technologie: Der Jetty Maritime Park nördlich
von Cocoa Beach spendiert einen ungetrübten Blick
in ein weiteres Naturschutzgebiet, das Merritt Island
National Wildlife Refuge, Heimat einer Reihe vom Aussterben
bedrohter einheimischer Tierarten und … dem John
F. Kennedy Space Center der NASA. Die meisten Parkgäste
kommen dann auch eher, um einen gelungenen Raketenlaunch
zu bestaunen, als dem Abflug eines seltenen Weißkopfseeadlers
entgegen zu fiebern. Mit viel Fortune bekommt man jedoch
beides gleichzeitig vors Fernglas. Und wer weder für
das eine noch für das andere ein Faible hat, dem
bleiben immerhin noch 48 Kilometer wellenumtoster Strand.
Traut man der lokalen Surfkommune, dann ist die „Space
Coast“ an dieser Stelle das beste Surfrevier im
gesamten Sunshine State.
Daytona mit den Daytona 500 mag heute das Speedway-Mekka
des Landes sein, die automobilen Wurzeln dazu liegen
jedoch in Ormond Beach. Schon vor mehr als hundert Jahren
fanden auf dem weißen, aber oft brettharten Strand
die ersten Rennsportveranstaltungen statt. So verdiente
sich der kleine Ort schnell seinen Beinamen „The
birthplace of speed“. Doch nicht nur Autofans fanden
Gefallen an der kleinen Strandenklave, das „Who
is Who“ der Industriellen-Dynastien wie die Flaglers
oder die Rockefeller überwinterten hier. Natürlich
nicht, ohne sich großzügige Urlaubs-Residenzen
zu bauen. Die Rockefellersche Herberge „The Casements“ hatte
nicht weniger als 13 Schlafzimmer, in einem davon starb
der Tycoon 1937 – welches es war, wird bei der
Tour durch das Gebäude gebührend erläutert.
Jede Sportart hat seine heimliche Hauptstadt, die des
Golfs liegt etwas südlich von Jacksonville. In Ponte
Vedra Beach hat die PGA ihr Hauptquartier bezogen, was
kaum verwundert, denn eine höhere Konzentration
an Golfplätzen – insgesamt über 30 in
einem Radius von 25 Kilometer um das kleine Stadtzentrum
herum – sucht man andernorts sicher vergebens.
Einer der bekanntesten ziert das Sawgrass Marriott Resort & Spa
in Ponte Vedra, hier findet alljährlich „The
Players Championship” statt. Insgesamt hält
die Anlage für Profis und Amateuren nicht weniger
als 99 (!) Greens zum Einlochen bereit, es ist das zweitgrößte
Golf-Ressort im Lande.
Last Exit: Fort Clinch State Park. In unmittelbarer Nähe
liegt das idyllische Seebad Fernandina Beach mit seinen
restaurierten viktorianischen Anwesen, doch der eigentliche
Besuch gilt der mächtigen Festung, die seit 1847
an der Küste von Amelie Island Feinden und Stürmen
die Stirn bietet – Fort Clinch. Im Bürgerkrieg
fiel sie kurzzeitig der Südstaatenarmee in die Hände,
noch heute vermitteln regelmäßige Aufführungen
von Laiendarstellern einen Eindruck vom Leben der Soldaten
aus jener Zeit. Wer im Fort Clinch State Park ankommt,
der hat fast den gesamten US1 Abschnitt in Florida befahren,
von hier sind es nur noch wenige Meilen bis Georgia.
Doch anders als in Key West muss die Reise hier nicht
zu Ende gehen – der US1 macht sich noch auf den
langen Weg bis fast ganz hoch zur kanadischen Grenze:
In Fort Kent, Maine ist nach 3.846 Kilometern Schluss
mit der historischen Route.
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